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Feature: Gesund bleiben als Musiker


Locker am Hocker



Zur Freude seines Publikums spielt Pianist JoJa Wendt zeitweise unter abenteuerlichen Verrenkungen – und das auch noch virtuos. Die orthopädisch korrekte Standardposition am Piano sieht freilich anders aus. (Foto: Christian Ciecior)

Neben Ohren und Stimme sind Hände, Arme und Rücken die am stärksten beanspruchten Werkzeuge eines Musikers: Es drohen orthopädische Probleme und ausgewachsene Musikerkrankheiten, von denen die wichtigsten in diesem Beitrag beleuchtet werden. Zudem gibt’s Tipps, wie man am Klavierhocker auf Dauer locker bleibt.


Musiker sind Handwerker: Fingergelenke, Muskeln und Sehnen verrichten nicht selten Schwerstarbeit, den Be­lastungen eines Leistungssportlers durchaus ver­gleich­bar. Anlagebedingt und durch Fehlhaltungen begünstigt, kann es dabei zu gesundheitlichen Problemen kommen, im schlimms­ten Fall zu eingeschränkter Beweglichkeit und Kon­trol­lier­barkeit einzelner Fin­ger. Muss aber nicht sein, denn: „Das Verhüten musikertypischer Krank­heiten liegt zum entscheidenden Teil in der Eigenverantwortung des Musikers“, meint Renate Klöppel. Die promovierte Ärztin hat an der Hochschule in Trossingen Klavier stu­diert und „Das Gesundheitsbuch für Musiker“ geschrieben. Das erstmals 1999 im Gustav Bosse Verlag er­schien­ene und 2003 zum 2. Mal aufgelegte Werk umfasst knapp 350 Seiten und befasst sich mit allen Fragen der Musikergesundheit.


Wer als Musiker Eigenverantwortung für seine Gesundheit übernehmen will, muss Signale seines Körpers rechtzeitig erkennen und wenn nötig gegensteuern. Die einen kämpfen mit Schmerzen in den Händen oder Unterarmen, während anderen gar die Kon­trolle über einzelne Finger abhanden kommt. Die Ursachen dafür sind vielfältig, und nicht immer ist die Diagnose so eindeutig wie beim „schnellenden Finger“: Eine Verdickung der Sehne, als Folge einer Verletzung oder dauerhaften Überlastung, führt dazu, dass die Sehne nach dem Beugen des Fin­gers immer wieder kurzzeitig in der Sehnenscheide feststeckt. Bei verstärk­tem Muskeleinsatz gleitet die Sehne dann plötzlich heraus. Der schnellende Finger lässt sich durch Ruhigstellen, Wärme, Bewegungsübungen und Ent­zün­dungs­hemmer bis zu einem gewissen Grad behandeln, muss aber häufig auch operiert werden.


Während beim schnellenden Finger tatsächlich eine Sehnen­schei­de beteiligt ist, trifft die vielen Musikern bekannte Diagnose „Sehnen­scheidenentzündung“ häufig nicht den Kern des Problems. Schmerzt beispielsweise immer wieder der Unterarm, sind keine Sehnen­scheiden entzündet, weil es dort gar keine gibt. Stattdessen handelt es sich um Veränderungen am Sehnengleitgewebe, wodurch es beim Bewegen der Finger zu schmerzhafter Reibung kommt.


Chronische Überlastungsbeschwerden dieser Art sind sehr häufig und werden heute auch unter dem Begriff RSI-Syndrom zusammen­gefasst. RSI kommt von „Repetitive Strain Injury“, frei übersetzt „Verletzung durch ständig wiederholte Bewegung bzw. Belastung“. Im Zusammenhang mit Computern spricht man gerne vom „Maus­arm“, weil das exzessive Klicken mit der Maus als Ursache solcher Beschwerden in Frage kommt – worauf einige Gerätehersteller heute deutlich hinweisen. Bei RSI handelt es sich nicht um ein klar defi­nier­tes Krankheitsbild, sondern um einen ganzen Komplex an Schmerz­symptomen, von denen auch Tastenspieler betroffen sein können.


Kribbeln und Muskelschwäche durch Nervenkompression


Handprobleme, die beim Musikmachen auftreten, müssen aber nicht zwangsläufig durch das Spielen des Instruments entstanden sein. Dazu gehören z.B. Arthrosen, also Abnutzungs­erschei­nun­gen an Gelenken. Oder Nervenkompressionssyndrome (Druckschäden an Nerven) wie das verbreitete Karpal­tunnel­syndrom (KTS); generell sind Frauen etwa dreimal so häufig davon betroffen wie Männer. Neben möglichen Schmerzen treten Missempfindungen wie Kribbeln in der Hand und Taubheitsgefühl in den Fingerkuppen auf – vor allem bei Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Die Ursache dafür ist, dass der Nervus medianus (Mittela­rmnerv) – er verläuft im Karpaltunnel auf der Beugeseite des Handgelenks – eingeengt und damit permanent gereizt wird. Für die Einengung des Karpal­tun­nels gibt es verschiedene Gründe, darunter Entzündungen, Verletzungen, mechanische Überlastung oder bestimmte Allge­mein­erkrankungen. Frauen entwickeln nicht selten in der Schwan­ger­schaft ein Karpaltunnelsyndrom durch verstärkte Einlagerung von Flüssigkeit ins Gewebe und dadurch verursachte Engpässe.


Das Handgelenk nicht mehr belasten als nötig


Typisch für ein KTS ist das Einschlafen einzelner Finger während der Nacht, was man im Frühstadium mit einer Handgelenksschiene („Nachtschiene“) positiv beeinflussen kann. Unbehandelt kann das KTS einen zunehmenden Kräfteverlust in der betroffenen Hand nach sich ziehen; im Endstadium geht die Muskulatur am Daumenballen sichtbar zurück. Zu den vorbeugenden Maßnahmen gehört, dass man das Handgelenk beim Spielen nicht unnötig belastet, beispielsweise durch starkes und dauerhaftes Abwinkeln. Das Keyboard sollte beispielsweise nicht zu tief oder zu hoch platziert sein, damit eine unverkrampfte Handgelenksposition möglich ist. Auch Gitarristen und Bassisten sollten ihre Hand­po­sitionen daraufhin überprüfen.


Wurde ein fortgeschrittenes KTS diagnostiziert – der Schaden lässt sich durch Messungen der Nervenleitgeschwindigkeit vom Neurologen diagnostizieren – so hilft oft nur eine Operation. Dabei wird das über dem Karpaltunnel verlaufende „Band“ (Retinaculum flexorum) durchtrennt, um den Nervus medianus zu entlasten. KTS-Operationen gehören zwar zu den häufig praktizierten Standards, sind aber wie jede Operation nicht ohne Risiken und können Beschwerdefreiheit nicht garan­tieren. Nervenkompressionssyndrome sollte man möglichst im Anfangsstadium therapieren, z.B. durch Krankengym­nas­tik, damit Nerven nicht dauerhaft geschädigt werden. Dass Musiker häufig mit diesen Problemen kämpfen, belegt Re­na­te Klöppel in ihrem Buch mit Zahlen: „In Spezialsprechstunden für Musiker liegt der Anteil bei etwa 15 bis 25 Prozent.“


Wenn der Finger nicht will, wie er soll


Die Fokale Dystonie, auch „Musiker­krampf“ genannt, kennen viele Ärzte gar nicht oder nur vom Hörensagen. Dabei handelt es sich um eine Bewegungs­stö­rung, die ebenso speziell ist wie die Be­wegungen, die ein Musiker beim Spielen eines Instruments einübt und immer wie­der ausführt. Das heißt: Die Hand funk­tioniert bei alltäglichen Aufgaben so gut wie normal, doch beim Klavier­spielen verhalten sich einzelne Finger unkontrolliert. Beispiel: Der Zeigefinger rollt sich beim Spielen zunehmend ein, widersetzt sich dem Streckvorgang und stört damit die Balance der gesamten Hand – schnelle Läufe werden in der Folge unmöglich.


Für die Fokale Dystonie gibt es verschiedene Erklärungs­an­sätze. Eine Arbeitsgruppe an der Universität Konstanz, die sich mit der Fokalen Dystonie der Hand seit längerem befasst, hat durch Untersuchungen betroffe­ner Mu­siker im Magnet­en­ze­pha­lo­gra­phen (MEG) heraus­gefun­den, dass diese Störung wohl in jenen Gehirnregionen entsteht, die für die motorische Steuerung der betroffenen Finger zuständig sind. Vereinfacht lässt sich sagen: Jedem Finger sind bestimmte Ge­hirn­areale zugeordnet, die den Finger über Reiz­im­pulse steuern. Wie die Finger selbst, sind diese Areale benachbart. Intensives Üben verändert beim Musiker die Gehirnstrukturen, wobei es zu einer Vergrößerung der Steuerungsareale und zu Über­lappungs­effekten kommt: Die Reizimpulse sprechen dann nicht nur den Finger an, der eigentlich gemeint ist, sondern auch einen benachbarten. Diese Fehlsteuerung führt – warum, weiß man nicht genau – bei einem von 200–500 Musikern zu den geschilderten Verkrampfungen.


Soviel scheint sicher: Eine Fokale Dystonie trifft überwiegend Musikertypen mit Hang zum Perfektionismus, die dazu neigen, sich selbst unter Druck zu setzen. Früher begegnete man dieser Störung deshalb fast nur mit psychotherapeutischer Behandlung, die dafür aber nicht ausreicht. Vielversprechend aber zeitaufwendig ist das Neuerlernen von Bewegungsabläufen (Retraining). Botox-Injek­tion­en zum Entkrampfen bestimmter Muskelgruppen können, vor allem anfangs, das Retraining unterstützen.


Rückenprobleme durch falsche Körperhaltung


„Ich habe Rücken!“ Was bei der Comedy-Figur Horst Schlemmer (Hape Kerkeling) als Running Gag funktioniert, finden betroffene Musiker gar nicht lustig. Schmerzen im Rücken sind nicht nur un­angenehm, sie schränken auch die Möglichkeiten für eine mitreißende Show auf der Bühne erheblich ein. Ein kleiner Trost: Musiker sind nicht häufiger von Rückenleiden betroffen, als andere Menschen, denn irgendwann trifft es jeden einmal. Dennoch sind Musiker im Bühnenalltag einigen Situationen ausgesetzt, die zu Pro­blemen mit dem Rücken führen können. Damit Sie Ihren Körper nicht unnötig und über Gebühr belasten, sollten Sie die möglichen Probleme und die Lösungsansätze kennen.


„Neben einer gewohnheitsmäßig schlechten Haltung und verstärk­ter Muskelanspannung (hochgezogene Schultern, verspannter Nacken) führen vor allem eine dauerhaft asymmetrische Haltung von Kopf und Schultern zu Beschwerden“, warnt Renate Klöppel. Wer über Jahre hinweg die Wirbelsäule durch eine schädliche Hal­tung belastet, muss mit Einschränkungen bis hin zur Spielun­fähig­keit rechnen.


Eine gerade bei Pianisten typische Fehlhaltung ist, sich über die Tasten zu neigen und mit gebeugtem Oberkörper zu spielen. Bei groß gewachsenen Musikern mit einer hohen Klavierbank ist das häufiger zu sehen, als bei kleineren mit einem niedrigeren Sitz. „Schmerzen entstehen bei ihnen wie auch bei vielen anderen Musikern dadurch, dass die zu schwachen Muskeln den hohen An­forderungen nicht gewachsen sind und ermüden“, erklärt Klöppel. Die Folge kann sein, dass man un­­ter ständigen Nacken­schmerzen spielt, die in die Schultern ausstrahlen. Dass spätestens ab diesem Punkt Spielfreude und musikalische Quali­tät leiden, dürfte jedem einleuchten.


Worauf es ankommt, ist eine sorgfältige Selbst­wahrnehmung – vor allem beim Üben. Achten Sie auf die Haltung Ihres Nackens: Der Kopf sollte gut aufgerichtet und ausbalanciert sein. Die Be­weg­lichkeit darf nicht durch eine Zwangs­hal­tung verloren gehen. Achten Sie auf eine entspannte, unver­krampfte Haltung. „Auch die Höhe des Notenständers oder die Höhe des Sitzes am Tasten­instrument müssen überprüft und alte Gewohn­heiten nicht kritiklos fortgesetzt werden“, empfiehlt Klöppel.


Das Mikrofon sollte so eingestellt werden, das Sie beim Singen nicht ständig den Kopf schief halten oder den Hals verdrehen müssen. Wer hier Probleme hat, ist mit einem Headset gut beraten. Neben einer gesunden Haltung an einem optimal ein­gestellten In­stru­ment sind regelmäßige Pausen mit Ausgleichs­bewegungen wichtig für die Muskulatur – und das nicht erst, wenn man Schmerzen hat.


Wer an seinem Instrument sitzen oder den ganzen Auftritt über stehen muss, braucht gut trainierte Rückenmuskeln. Schwimmen ist entgegen der landläufigen Meinung hier nicht per se gut. Ge­ra­de Brustschwimmen kann ein Hohlkreuz verstärken und belastet den Nacken besonders dadurch, dass der Kopf immer aus dem Wasser gehoben wird. Kraulen oder Rückenschwimmen sind eher zu emp­fehlen. Auf jeden Fall kommt es darauf an, den Rücken durch regelmäßigen Sport und/oder spezielle Übungen fit zu halten.


Den Rücken schonen beim Auf- und Abbau der Geräte


Unterhaltungsmusiker sind noch von einem weiteren Risiko für Rückenprobleme betroffen: Sie müssen ihr Equipment selbst schlep­pen. Besonders betroffen vom Heben und Tragen schwerer Lasten sind die Band­scheiben. Diese werden dabei zusammengepresst und verschmälern sich im Laufe eines Tages durch Flüs­sigkeitsverlust. Flüs­sig­keits­verlust und Belastung sind besonders hoch, wenn Las­ten mit gebeugtem Rücken gehoben werden. Durch die Hebel­wirkung zwischen Ar­men und Wirbelsäule werden extreme Kräfte auf die Band­scheiben übertragen.


„Auch bei ständiger Fehl­haltung beim Stehen und Sitzen mit ge­beugtem Rücken entsteht diese verstärkte Belastung der Band­scheiben“, warnt Klöppel. Werden die Bandscheiben regelmäßig an den Rändern so stark belastet, kann es zu Schäden am Faser­ring kommen, und der unter Druck stehende Gallertkern der Band­scheibe drückt diesen nach außen. So entsteht ein schmerzhafter Druck auf das hintere Längsband. „Wird der Faserring durchbrochen, können Teile der Bandscheibe aber auch in den Wirbelkanal oder in ein Zwischenwirbelloch gepresst werden, was zu äußerst schmerz­hafter Nerveneinklemmung führen kann“, warnt Klöppel. In diesem Fall spricht man von einem Bandscheibenvorfall, der drin­gend ärztlich behandelt werden muss. Doch nicht jeder plötzliche Rückenschmerz kommt von einem Bandscheibenvorfall. Häufiger hat man es mit Schmerzen aufgrund von Verschleißerscheinungen an den kleinen Gelenken zwischen den Wirbeln zu tun.


Begegnen kann man diesen Beschwerden am besten durch eine trainierte Rückenmuskulatur sowie durch das richtige Heben und Tragen von Lasten. Dazu folgende Tipps:


 



Karl Stechl/Ulrich Simon


(Mehr lesen Sie in der Ausgabe 1/08)



10 Tipps für entspanntes Klavierspielen

Die folgenden Tipps von Dr. Renate Klöppel, Ärztin, Pianistin und Autorin eines Gesundheitsbuchs für Musiker, sind keine Patent­rezepte, aber gute Anregungen für „gesundes“ Klavierspielen:


  1. Plötzliche Steigerung der Übezeit vermeiden; Vorsicht besonders bei intensiven Probenphasen und vor anspruchsvollen Auf­tritten.
  2. Beim Wechsel zu einem Instrument, das den Bewegungsapparat stärker belastet (z.B. vom Keyboard zum schwergängigen Flügel), das Übepensum vorübergehend einschränken.
  3. Bei neuem Repertoire, das viele sonst weitgehend ungewohnte Bewegungen erfordert, die die Hand oder den Arm stark belas­ten, das Übepensum ebenfalls vor­übergehend einschränken.
  4. Vermeiden von schmerzhaften Bewegungen und Haltungen beim Spielen. Nach schmerzfreien Alternativen suchen; Schmerz darf nicht hingenommen werden.
  5. Regelmäßig Pausen beim Üben und Spielen einlegen.
  6. Unnötige Muskelanspannung vermeiden; Entspannung­stech­niken und andere Körperübungen (z.B. Feldenkrais ) lernen und anwenden.
  7. Stress beim Üben und Spielen („verbissenes“ Üben) durch gute Vorbereitung vermeiden.
  8. Vorsicht bei ungewohnten Tätigkeiten (Renovierungsarbeiten, Neu­kunde im Fitnessstudio und ähnliches).
  9. Auf allgemeine körperliche Fitness achten z.B. mit Sport.
  10. Besonders bei schwergängigen Instrumenten „Aufwärm­übun­gen“ vor dem Spielen durchführen, und falls unbequeme Haltun­gen am Instrument erforderlich sind, am Ende Ausgleichs­be­we­gungen durchführen.



Die Themen: Locker am Hocker | Richard Galliano | Nachruf Georg Branda



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