Special: Digitalpianos

Kompakt- und Homepianos im Überblick


Schöner spielen


Die Digitalpianofamilien von sechs Herstellern


Schwer überschaubar ist das aktuelle Angebot an Digital­pianos für Tastenspieler mit Kaufabsicht. Bei uns gibt’s Tipps zur Orientierung: Wir stellen Ihnen die Digitalpiano-Familien von sechs Herstellern vor und sagen Ihnen, worauf Sie beim Probespielen unbedingt achten sollten.


Die Erfolgsgeschichte Digitalpiano dauert nun schon seit vielen Jahren an. Längst sind die Ins­trumente keine Notlösung mehr für Mietwohnungen in hellhörigen Häusern. Vielmehr bieten zeitgemäße Instrumente in Sachen Klang und Spiel­gefühl eine echte Alternative zu den akustischen Pianos. Bereits in der Einsteigerklasse bis 1.500 Euro finden sich in der Regel Instrumente, die auch den Ansprüchen fortgeschrittener Pianisten genügen.


Gerade für Einsteiger ist es aber nicht einfach, sich angesichts der Vielfalt der erhältlichen Modelle zurechtzufinden. Zwar sehen zahlreiche Modelle sehr ähnlich aus, doch unter der gewohnten Holzoptik gibt es viele technische und klangliche Unterschiede. Zur besseren Orientierung ist es zunächst wichtig, sich über einige grundlegende Aspekte klar zu werden.


Outfit und Stil


Ein Digitalpiano ist nicht nur ein Musikinstrument, sondern gleichzeitig auch ein Möbelstück. Daher se­hen Homepianos in aller Regel wertig und gediegen aus. Nachdem jahrelang der Farbton „Rosewood“ (entspricht Palisander) dominierte, bieten viele Her­stelle ihre Modelle heute mit einer weiß oder schwarz glänzenden Lackoberfläche an. Solch ein edles Out­fit wertet jedes Wohnzimmer auf. Eine durchgehende Rückwand und eine integrierte Fußleiste mit den Pedalen verstehen sich dabei von selbst.


Wer weniger Budget und Platz hat und nicht soviel Wert auf ein repräsentatives Instrument legt, sollte sich die Gruppe der Kompaktpianos näher ansehen. Instrumente aus Kawais CL-Serie oder Casios Privia-Reihe schmiegen sich mit einer Gesamttiefe von kaum 30 cm an jede Wand und lassen sich zur Not auch von einer Person durch den Raum tragen.


Bereits etabliert im Sortiment einiger Hersteller sind Designer-Pianos. Hier dominieren frische Farben und ungewöhnliche Formen. Besonders die Modus-Modelle von Yamaha setzten starke Akzente mit ihrem futuristischen Design. Parallel zeigt sich aber wiederum ein Trend, Digitalpianos mit klassischer Klavieroptik zu bauen – mit dem deutlich in die Höhe gezogenen Resonanzkörper eines Upright-Pianos. Modelle dieser Art finden sich unter anderem bei Kawai (CS9), Kurzweil (CUP-2), Roland (LX-10F) und Yamaha (CLP-S408).


Fortschritte bei der Tastatur


Wer heute vom akustischen Klavier auf das Digitalpiano umsteigt, muss sich vom Spielgefühl her kaum noch umstellen. Viel getan hat sich nämlich in den vergangenen zehn Jahren beim Thema Tastatur. Heute verfügen alle Digitalpianos über 88 Tasten, deren Gewichtung in mehrere Zonen eingeteilt ist und dem Spieler in den hohen Lagen etwas weniger Widerstand entgegensetzt als in den tiefen Bereichen. In dieser für Spieler sehr wichtigen Disziplin gibt es leider immer noch Ausnahmen: Korg und Kurzweil bieten keine graduierte Gewichtung.


Unterschiede zwischen Herstellern und Modellfamilien gibt es auch bei der Qualität der simulierten Hammermechanik. Während einfache Tastaturen mit einer kompakten Kunststoffkonstruktion am nicht sichtbaren Tastenende auskommen und ein ansprechendes Spielgefühl bieten, betreiben manche Hersteller bei hochwertigen Tastaturen mehr Aufwand, um dem Ideal eines akustischen Flügels möglichst nahe zu kommen.


Echte Holztasten finden sich beispielsweise bei der Spitzentastatur AWA-Grand-PRO-II von Kawai. Auch Yamaha setzt bei seiner Natural-Wood-Tastatur auf Holztasten – zumindest bei den weißen Tasten. Auch der Neueinsteiger am Digitalpianomarkt, GEWA, wird für sein DP 180 eine entsprechende Tastatur einsetzen: die Fatar TP 40/Wood.


Eine angeraute Tastenoberfläche gehört zu den weiteren Ausstattungsmerkmalen, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben. Roland stattet etwa seine Spitzenmodelle HP-305 und 307 mit dieser oft „Ivory feel“ genannten Beschichtung aus, bei Casio und Kawai heißt die Beschichtung „Ivory Touch“, und Yamaha spricht von „Synthetic Ivory Keytops“. Diese Beschichtungen schaffen ein noch authentischeres Spielgefühl und sorgen auch bei transpirierenden Fingerkuppen dauerhaft für den richtigen Grip. Manchen Spielern – besonders mit trockenen Fingern – sagt die Elfenbeinnachbildung auf der Klaviatur dagegen weniger zu. Hier muss jeder selbst ausprobieren, womit er sich wohl fühlt.


Das individuelle Spielgefühl sollte letztlich immer beim Kauf entscheiden. Nutzen Sie die Vergleichsmöglichkeiten, die der Ausstellungsraum eines gut sortierten Instrumentenhändlers bietet. Testen Sie dabei nicht nur über Kopfhörer, denn auch heute noch verursachen manche Tastaturen Eigengeräusche, die beim leisen Spiel unangenehm auffallen können. Nehmen Sie sich auch Zeit, das Repetitionsverhalten der Klaviaturen zu testen: Wie gut gelingen beispielsweise Praller und Triller? Als Schnitt­stelle zwischen Musiker und Instrument kommt der Klaviatur zentrale Bedeutung zu.


Auf den Sound kommt es an


Das Wichtigste beim Digitalpiano ist sein Klaviersound. In der Regel findet sich hier das Stereo-Sample eines Konzertflügels, das ergänzt wird durch weitere Akustikpiano-Sounds wie Rock-Piano, Honky Tonk oder Mellow Piano. Außerdem findet sich eine kleine Auswahl weiterer Tasteninstrumente wie E-Piano, Jazz- und Kirchenorgel und Cembalo. Abgerundet wird das Klangspektrum der meisten Instrumente durch einen Bass und einige Layer-Sounds wie Streicher oder Stimmen.


Ausschlaggebend für Einsteiger und Fortgeschrit­tene ist vor allem der Klaviersound. Hier bieten die Hersteller mittlerweile Lösungen an, um die Unterschiede zwischen den Dynamikstufen der Samples zu minimieren. Roland verbindet bei seiner SuperNatural-Technik z.B. Sampling-Technik mit Physical Modeling. Beim Testen über Kopfhörer ist es sinnvoll, denselben Ton mit verschiedenen Intensitäten anzuschlagen. Ein gutes Instrument wird jedem Ton seine individuelle Dynamik und Färbung geben, bei einfachen Pianos ist dagegen eine Treppenstufendy­namik zu hören, bei der pro Ton nur zwei oder drei unterschiedlich laute Samples abgerufen werden.


Die Auswahl der weiteren Sounds ist meist weniger wichtig. Sie bieten zwar Abwechslung, jedoch wird ein Home-Pianist meist kaum versuchen, auf einer gewichteten Klaviertastatur authentische Jazz­orgel- oder Cembalomusik zu spielen. Bei der Polyfonie hat sich ein Mindeststandard von 64 Stimmen etabliert. Dieser reicht aus, um auch virtuose Etüden mit Pedaleinsatz problemlos zu spielen. Preiswertere oder ältere Instrumente bieten auch 32 Stimmen. Wer mit zehn Fingern spielt und einige Überhänge aus dem Sustain oder der Sequencer-Begleitspur dazu rechnet, kommt über die Runden.


Höherwertige Instrumente bieten 128 oder mehr Stimmen. Dieser Bereich ist vor allem für Digitalensembles interessant, aber auch für Instrumente, die eine Vielzahl an Resonanzeffekten zu bieten haben. Ob man eine geringe Anzahl möglicher polyfoner Stimmen merkt, hängt von der Qualität des integrierten Polyfoniemanagements ab: einfache Systeme beenden die ältesten Töne, wenn die Ressourcen knapp sind, fortschrittlichere Systeme ermitteln die leisesten Töne und beenden diese. Fürs Ohr ist das unauffälliger.


Raumklang fürs Klaviererlebnis


Während sich die Qualität der Sounds über Kopf­hörer am besten ermitteln lässt, ist für den Raumklang das interne Lautsprechersystem maßgeblich verantwortlich. Hier gibt es naturgemäß große Unterschiede. Kompaktpianos ohne Rückwand und Mittelstrebe auf Kniehöhe etwa verfügen meist nur über zwei kleine Speaker hinter dem Spieltisch, die nach oben abstrahlen. Ein ausgewachsenes Homepiano verfügt dagegen über mehr und größere Spea­ker, die zum Teil aus dem Spieltisch nach unten abstrahlen oder auf Kniehöhe positioniert sind. Dadurch ergibt sich ein deutlich stärkerer Bassanteil, und der Klang wird kräftiger und voller.


Auch versucht man, vom akustischen Klavier zu lernen und integriert Soundboards in Digitalpianos: Kawai macht das bei einigen Modellen in Form eines echten Resonanzbodens, der durch Transducer in Schwingung versetzt wird und nach allen Seiten in den Raum abstrahlt, Yamaha setzt sein Soundboardsystem ein, um den Klang der darin eingelassenen Lautsprecher und die Abstrahlung zu optimieren. Das Roland LX-10F wiederum hat einen Klavierdeckel zu bieten, hinter dem sich Lautsprecher verbergen. Je nachdem, ob der Deckel offen oder geschlossen ist, verändert sich der Klang.


Einfluss auf den Klang kann man bei vielen Digitalpianos auch über komplexe Editierfunktionen nehmen: Roland etwa bietet mit seinem „Piano Designer­“ die Möglichkeit, alle Komponenten des Klangs bis hin zur Resonanz mitschwingender Saiten individuell auf den Raumklang und den eigenen Geschmack des Spielers einzustellen. Bei Kawai erlaubt der „Virtual Technician“ die Intonation, Saiten­resonanzsimulation, Anschlags­dynamik­kur­ven, Dämpfereffekt, Stimmung und historische Stimmungen einzustellen.


Das Leistungsspektrum der integrierten Verstärkersysteme ist sehr breit: von zweimal acht Watt bis zu zweimal (30 Watt + 30 Watt + 20 Watt) + zweimal 20 Watt beim Yamaha CLP-480 reicht die Span­ne. Jedes Lautsprechersystem braucht eben den entsprechen­den Antrieb, und auch jeder Zusatzlautsprecher für Resonanzen oder Obertöne einen Verstärker. Die reinen Watt-Zahlen sagen aber noch nichts über den Klang, sondern lediglich über den maximalen Stromverbrauch aus. Ein Probehören im Musikfach­handel zeigt schnell, dass die meisten aktuellen Digitalpianos lauter sein können, als die meisten Wohnzimmer – vor allem in Mietwohnungen – erfordern oder sogar vertragen können.


(Mehr lesen Sie in der Ausgabe 1/12)


 



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