Archiv




Klavierspielen macht Spaß


JoJa Wendt über Klaviermusik



JoJa Wendt bietet seinem Publikum eine gelungene Mischung aus Virtuosität, Musikalität und Moderation. (Foto: Christian Ciecior)

Ob solo oder mit Band: JoJa Wendt beweist, dass auch Klavierkonzerte unterhaltsam sein können. Bei Digitalpianos hat der Hamburger Musiker keine Berührungsängste. Seinen pragmatischen Ansatz erläutert er im Interview mit Tastenwelt-Redakteur Ulrich Simon.


Haben Sie schon einmal auf einem Digi­tal­piano gespielt?


Ja. Ich stehe der Firma Roland nahe und habe auf der Musikmesse schon ein­mal ein kleines Konzert mit einem Digital­piano gegeben. Sonst bin ich ja Steinway-Künstler. Da aber Steinway und Roland zu­sam­men­ar­beiten, gibt es immer wieder auch Berührungspunkte.


Welche Erfahrungen haben Sie auf dem Digitalpiano gemacht?


Ich verfolge die Entwicklung schon viele Jahre, und es hat sich ganz schön viel getan. Am Anfang war es immer ein bisschen schwierig, weil die Dynamik und der Klang noch nicht so gut waren. Inzwischen ist es ja so, dass jedes Digitalpiano viele dy­na­mi­sche Möglichkeiten hat. Für mich als Pianist am wichtigsten ist, dass der Zu­sam­men­klang gut ist (Stichwort: Ober­töne) und dass die An­schlag­dynamik viele Nu­an­cen hat. Da habe ich früher im­mer gemerkt, dass die In­stru­men­te an ihre Gren­zen stießen.


Haben Sie schon einmal ein Digitalpiano mit Begleitautomatik ausprobiert?


Nein, das kommt für mich nicht in Frage. Da spiele ich lieber mit echten Leuten, weil man besser aufeinander hören kann und weil die besser auf mich reagieren können.


Eugen Cicero zum Beispiel hat mal eine CD mit einem Wersi-Digitalpiano aufge­nom­men. Was halten Sie von solchen Unter­neh­mungen?


Das finde ich gut. Das ist aber schon lange her.


Es gibt aber wenige Nachahmer. Die meisten greifen aufs akustische Klavier zurück.


Man hat einfach andere Möglichkeiten beim akustischen Instrument. Das hängt zum Beispiel auch mit dem Raum zusammen, in dem man das Klavier aufnimmt. Aufnahmen mit einem Digitalpiano sind eine Gewissensfrage. Ich stehe dem nicht negativ gegenüber, aber bisher stellte sich die Situation für mich auch nicht. Ich würde so vorgehen: Bei einer großen Lo­cation würde ich ein Digitalpiano nehmen, das man besser abnehmen kann, bei kleine­ren Auftritten ein akustischen Instrument.


Wen möchten Sie mit Ihren Konzerten erreichen?


Meine Botschaft ist: Klavierspielen macht Spaß! Ich möchte den Leuten auch sagen, dass nicht nur Klavierspielen und Klavier­musik, sondern auch Klavier­kon­zerte spannend, lustig und unterhaltsam sein können. Wenn man die Leute auf der Straße fragen würde, wären alle überzeugt, dass Klaviermusik schön ist. Auf die Frage, ob sie auch in Kla­vier­kon­zerte gingen, würden alle sagen: ‚Oh Gott! Bloß nicht in Kla­vierkonzerte, das ist doch langweilig.’ Das soll sich ändern.


Sie wollen sich also bewusst vom etablierten Klassikbetrieb absetzen?


Nein, das ist gar nicht so bewusst. Ich spiele ja auch Klassik. Ich glaube nur, dass man das Klavierkonzert als Marke ganz anders betreiben kann, als dass man dort seine Attitüden pflegt, wie das viele Klas­siker schon gemacht haben.


Wie wichtig sind die Freiheiten der Jazz­musik für Sie?


Diese sind ganz wichtig. Das Schöne an der Jazzmusik ist ja, dass man während des Stückes in verschiedene Richtungen gehen kann, um dann wieder zurück zu gehen. Man ist in einem musikalischen Gerüst, in dem man sich aber frei bewegen kann. Man kann sich von der Stimmung leiten lassen und muss nicht am Notentext kleben. Selbst George Gershwin hat z.B. die Kadenz, den Mittelteil der ‚Rhapsody In Blue’ immer frei improvisiert. Erst als er einmal beim amerikanischen Präsidenten spielen sollte, hat er sich das aufgeschrieben, weil er so nervös war. Seitdem wird das Stück immer so gespielt, wie er es vor dem Präsidenten gespielt hat.


Warum müsste oder sollte man Klavier spielen können?


Ich glaube, wer Klavier spielt, hat nicht nur das sprichwörtliche Glück bei den Frauen. Ich glaube, dass man beim Klavierspielen eine sehr nuancierte Sprache lernt, die sich auf den ganzen Horizont auswirkt. Kurz gesagt: Klavierspielen hilft im täglichen Leben. Auf irgendeine seltsame Art und Weise sind Klavierspielen und Musik allgemein eine große Bereicherung fürs Leben. Menschen, die Musik machen, sind einfach glücklicher. Davon bin ich fest über­zeugt.


Was macht gelungene Unterhaltung am Klavier aus?


Es muss auf jeden Fall qualitativ gut sein. Diesen Anspruch habe ich zumindest für mich. Erst ab diesem Punkt kann man un­ter­halten. Es wäre schade, wenn man das Klavier nur als Mittel zum Zweck der Un­ter­hal­tung nehmen würde. Mir kommt es persönlich mehr auf die Musik an, als auf das Entertainment. Das Entertainment spinnt sich um die Musik. Die Musik ist der Kern, die Art und Weise, wie man sie verkauft, ist die Unterhaltung.


Entsteht das „Verkaufen“ spontan?


Ich mache viel spontan. Einige Sa­chen sind natürlich auch zurechtgelegt, die Geschichten zu den Stücken zum Bei­spiel. Es sind ja meistens authentische Ge­schich­ten. Ich erzähle zum Beispiel, wie ich ein Stück kennen gelernt habe und wo­rum sich ein Stück dreht.


Folgen Ihre Konzerte einer durchdachten Dramaturgie?


Die Dramaturgie ergibt sich aus der musikalischen Abfolge. Innerhalb des Konzerts gibt es mehrere Spannungsbögen, so dass man nach einem Klimax immer auch wieder runter geht. Es ist ganz wichtig, dass man sich solche Gedanken im Vorfeld macht, dass man sich Schlüsselpunkte setzt, wo man hin will. Dann hat man auch alle Möglichkeiten, dazwischen frei zu agieren. Es ist aber ganz wichtig, dass man diese Ankerpunkte hat – übrigens auch in der Improvisation.


Welchen technischen Tipp können Sie Hobbyspielern mit auf den Weg geben?


Wenn ich ein Konzert spiele, fange ich nie mit einem absoluten Brecher an, sondern versuche, ein einfacheres Stück zu spielen, um warm zu werden. Das liegt daran, dass ich auch manchmal in Konzerte gehe, ohne mich vorher einspielen zu kön­nen. Da muss man etwas haben, um warm zu werden. Ansonsten versuche ich schon, mich vorher einzuspielen und Fin­ger­übun­gen zu machen, um locker zu werden. Da hat jeder sein eigenes Ritual. Am besten man spielt ein Stück, bei dem man das Gefühl hat, dass man warm wird und sich die Muskeln entspannen.



Leserkommentare

2 Kommentare

Seite 1 von 1 1

#2 Kaylea schrieb am 13.12.2011 03:31 answer homepage

Furrleaz? That's marvelously good to know.

#1 Maxim schrieb am 19.07.2010 14:18 answer homepage

Einfach Klasse dieses Interview, vor allem die technischen Tipps finde ich gut. Sowas sollte man öfters mal im Internet zu lesen bekommen. Finde es sehr schön das man so auch eine Art Interaktion mit echten Profis haben kann. Weiter so! Mr. Green

Einen Kommentar schreiben



Die aktuelle Tastenwelt jetzt bestellen



© 2005-2011 Tastenwelt - ein Magazin der PPVMEDIEN GmbH - Impressum