Spirit der Achziger

Alphaville - Interview mit Marian Gold und Bernhard Lloyd

Im Interview sprechen Marian Gold und Bernhard Lloyd von Alphaville über die Wiederauflagen ihrer Alben aus den Achtzigerjahren, erste Synthesizer und den aktuellen Trend hin zum analogen Sound.

Alphaville gehören zu den international erfolgreichsten deutschen Bands der Achtzigerjahre. Im Jahr 1982 von Marian Gold (Gesang) und Bernhard Lloyd (Keyboards) in Münster gegründet, veröffentlichten Alphaville 1984 ihr Debütalbum „Forever Young“, das mit „Big in Japan“, „Sounds Like a Melody“ und dem Titelsong gleich mehrere große Hits enthielt. Zwei Jahre später folgte das Album „Afternoons in Utopia“ und 1989 „The Breathtaking Blue“. Die beiden letzteren Werke kamen nun erstmals in remasterten Deluxe-Editionen auf den Markt. Über diese haben wir mit Marian Gold und Bernhard Lloyd gesprochen.

tw interview alphaville artikelbildFoto: Jürgen Olczyk

Eure Alben „Afternoons in Utopia“ und „The Breathtaking Blue“ sind jetzt in remasterten Versionen erschienen. Inwiefern wart ihr in das Remastering involviert?

Bernhard Lloyd: Federführend, aber den kreativen Teil hat Stefan Betke von Scape Mastering in Berlin übernommen. Vor drei Jahren, als Stefan das „Forever Young“-Album remastert hat, war das für uns schon eine super Erfahrung. Insbesondere in Sachen Vinylschnitt leistet Stefan Großartiges. Er hat sich aber ganz allgemein auch wirklich Mühe gegeben, das Master nicht einfach mit irgendwelchen Standardeinstellungen durchzuziehen, wie es ja leider heute oft üblich ist. Stattdessen setzte er sich mit jedem einzelnen Song sehr intensiv auseinander, um nach 35 Jahren das Beste aus den Bändern holen zu können.

Warum seid ihr in all der Zeit zuvor nie ein Remaster angegangen?

Bernhard Lloyd: Das ist ja auch ein bisschen verpönt. Viele Bands haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten schnell Remaster rausgehauen, und häufig ist dabei leider nicht wirklich ein besseres Ergebnis herausgekommen.

Was war eure Zielsetzung?

Bernhard Lloyd: Zum einen wollten wir den Spirit des Achtzigerjahre-Sounds erhalten, zum anderen aber auch dem heutigen Stand der Technik genügen. Und gerade mit „Afternoons in Utopia“ ist uns das, denke ich, ziemlich gut gelungen.

In den Achtzigern verfolgte man eine Soundästhetik, die sich doch sehr von der heutigen unterscheidet. Wart ihr versucht, den Klang der Alben dem heutigen Geschmack anzugleichen?

Marian Gold: Bernd hat eben schon vom Spirit der Aufnahmen gesprochen. Ja, es ging um eine klangliche Verbesserung, aber eher im Sinne eines Sinfonie-Orchesters. Da käme auch niemand auf die Idee, so etwas komplett heutigen Klangbedürfnissen anzupassen, sondern es würde darum gehen, den speziellen Klangkörper bestmöglich zum Klingen zu bringen. Wenn man mit einem Remaster irgendetwas erreichen will, dann sollte der Ansatz doch wohl darin bestehen, den ursprünglichen Spirit noch einmal deutlicher hervortreten zu lassen.

Ältere Alben werden heute durchaus auch komplett neu gemischt. Habt ihr so etwas auch überlegt?

Marian Gold: Ich schon! Bernd war davon aber nicht so begeistert. Wahrscheinlich weil er von den technischen Problemen, die dabei auftreten können, eine konkretere Vorstellung hatte (lacht).

Bernhard Lloyd: Versucht ist man natürlich schon. Aber es ist gar nicht so leicht, dann zu einem wirklich besseren Ergebnis zu kommen. Denn man möchte in so einem Fall schnell Sounds austauschen, die im damaligen Kontext aber gepasst haben. Bei „Afternoons in Utopia“ hat es schon eher in den Fingern gezwickt. Aber: Diese Aufnahmen sind eben mit einer bestimmten analogen Bandmaschine, auf einem bestimmten Pult und mit bestimmten Effekten entstanden. Außerdem gab es besondere Menschen, die harte Arbeit in die Produktion investiert haben. Das alles kommt zusammen. Ja, gerade beim ersten Album denkt man sich, dass hier und da einiges gemacht werden könnte – aber eigentlich ist es als Produkt seiner Zeit perfekt.

Du hast eben schon erwähnt, wie alt die Bänder waren. Hat es sich als schwierig herausgestellt, die Aufnahmen zu bergen und gegebenenfalls zu restaurieren?

Bernhard Lloyd: Wir hatten von „Afternoons in Utopia“ tatsächlich eine ganze Regalwand voller Halbzoll-Bänder, die zum Teil auch verrückt beschriftet waren. Das Album ist in verschiedenen Studios produziert worden – unter anderem in den Hansa Studios und im Mediasound in New York. Stefan hat die Bänder über seine Studer-Bandmaschine digitalisiert, und wir haben die Aufnahmen ausgewählt, die am besten klangen – wobei wir nicht nach technischen Aspekten vorgegangen sind, wie etwa der Frage, was sich am besten in 96 kHz umsetzen ließe. Das offizielle Master des „Forever Young“-Albums war übrigens schon digital und lief auf einer Sony-PCM-F1-Maschine, was ein Betamax-Format mit 16-Bit-Wandlung war. Man dachte damals, das würde gut klingen. Gott sei Dank wurde auf einer Studer-Maschine ein analoges Viertel-Zoll-Safety gezogen. Dieses BASF-Band klang mit Abstand am besten – wesentlich besser auch als die CD, die seit 35 Jahren verkauft wird.

Konntet ihr euch bei der erneuten Beschäftigung mit den Alben wieder in den Geist von früher einfühlen?

Marian Gold: Total. Für mich war das fast rauschhaft. Wenn man ein Album produziert, hört man jeden Song mindestens tausendmal. Verständlicherweise hat man danach erstmal genug und vergisst die Aufnahmen irgendwann auch. Als wir uns jetzt wieder mit den Stücken beschäftigt haben, öffneten sich in meinem Kopf sozusagen Türen in die Vergangenheit. Ich konnte Räume betreten, die überhaupt nicht verstaubt waren. Das liegt, davon bin ich überzeugt,
auch an der Freundschaft zwischen Bernd und mir, die immer noch besteht. Deshalb ist der Spirit noch da.

Die Chemie, die zwischen euch besteht, ist das eine. Es herrschte in den frühen Achtzigern aber auch eine Aufbruchsstimmung, oder? Gerade, was elektronische Musik betrifft …

Bernhard Lloyd: Ohne diese spezielle Stimmung wäre unsere Musik nicht möglich gewesen, das ist richtig. Wir wollten uns von den sogenannten Super-Gruppen wie Emerson, Lake and Palmer absetzen. Unsere Motivation, Musik zu machen, waren Bands, die einen ganz neuen Sound hatten: Human League, Ultravox, OMD, Depeche Mode …

Das hat uns inspiriert und gezeigt, dass auch jemand, der kein Instrument gelernt hat, Musik machen kann. Außerdem wurden die Geräte, die es dazu brauchte, zu dieser Zeit erschwinglich. Auch wenn sie zum Teil überhaupt nicht so aussahen wie Instrumente. Was da am Ende von „Forever Young“ wie ein Trompetensolo klingt, wurde zum Beispiel mit einem MFB-501-Step-Sequenzer realisiert – eine eierschalenfarbene Plastikkiste, über die sich, glaube ich,
32 Steps mit drei Potis programmieren ließen. Das waren absurde Kisten. Und im Vergleich zum, sagen wir, Gitarrespielen ging alles viel abstrakter vonstatten.

In welcher Hinsicht abstrakt? War das Musikmachen für euch eher eine Kopfsache?

Bernhard Lloyd: Genau, Marian kann natürlich mit seiner Stimme intuitiv auf etwas reagieren, aber ich bin schon sehr kopflastig ans Musikmachen herangegangen. Das lief Schritt für Schritt ab: Jetzt diese Note, dann jene, hier drehen, dann da und so weiter. Trotzdem war es auf der anderen Seite auch ein Rausch; man ließ sich fallen, wenn man an einem Filter drehte. Aber die Einstellung war eine ganz andere als unter Rockmusikern. Ich bin mal böse: Langhaarige Gitarristen, die auf der Bühne mit ihrer Klampfe abgehen, fand ich schon immer fürchterlich.

Im Rockstar-Lifestyle lag euer Antrieb also nicht?

Bernhard Lloyd: Als es für uns 1982 losging, empfanden wir uns als totaler Underground. Was dann 1984 mit „Big in Japan“ und „Forever Young“ passierte, konnten wir deshalb auch gar nicht richtig begreifen. Plötzlich standen wir mitten im Showbusiness. Der ursprüngliche Plan bestand darin, eine Single mit einer Auflage von 250 Stück zu produzieren, die wir an unsere Freunde verteilen wollten. Purer Enthusiasmus eben. Aber gewehrt haben wir uns gegen den Erfolg selbstverständlich nicht. Ich meine, wir hatten mit „Big in Japan“ noch vor Depeche Mode einen Nummer-eins-Hit in Deutschland. Das war für uns ein unfassbares Gefühl – schließlich hatten wir diese Band seit ihren ersten Singles verfolgt und bewundert.

Ihr klangt von Anfang an sehr international. Andere deutsche Musik aus dieser Zeit kam, vorsichtig ausgedrückt, doch mit einem recht regionalen Sound daher …

Bernhard Lloyd: Das lag an der Musik, die wir gehört haben. Wir waren Fans von New Wave und elektronischer Musik aus England. Wir hatten das britische Virus. Wobei man aber sagen muss, dass viele Briten wiederum von Kraftwerk inspiriert wurden. Und klangen die deutsch? Ganz viel hing auch mit dem Gesang und der Attitüde von Marian zusammen.

Was war eigentlich das erste Equipment, das ihr euch angeschafft habt?

Bernhard Lloyd: Die ersten Geräte, die ich besaß, waren ein Korg-SQ-10-Sequenzer im Verbund mit einem Korg MS-20. Ich erinnere mich noch daran, was für ein wunderbares Erlebnis es war, meinen ersten Synthesizer bei Dirk Matten in Bonn zu kaufen.

Welche Instrumente kamen dann für die ersten Alben zum Einsatz?

Bernhard Lloyd: „Forever Young“ wurde noch recht spartanisch in einem kleinen Studio produziert, mit einem Roland Jupiter-8, dem Linn LM-1 und – immerhin – einem PPG. Beim zweiten Album haben wir den PPG auch viel genutzt, aber vor allem einen Yamaha DX7, den man auf „Forever Young“ gar nicht hört. Als wir ein paar Jahre später in den großen Studios standen, hatte ich meine Augen die ganze Zeit auf den SSL-Konsolen und Effekt-Racks, um zu schauen, was ich noch lernen konnte. Auf „Afternoons in Utopia“ fielen – durch die lange Liste von Gastmusikern – auch einige Synthies weg. Als wir „The Breathtaking Blue“ aufnahmen, ging unser großer Traum endlich in Erfüllung: Wir hatten unser eigenes Studio in Kreuzberg. Als Pult kam da eine DDA-AMR-24-Konsole rein, die ich erstmal zwei Wochen studieren musste, um sie komplett zu verstehen. DDA-Pulte galten damals als beste Alternative für alle,
die sich keine SSL leisten konnten. Eine tolle analoge Konsole mit 64 Kanälen. Aber: Man konnte dieses Pult eigentlich nicht ausschalten, denn jedes Mal, wenn man es dann wieder angeschaltet hatte, waren irgendwelche Lämpchen oder Bauteile durchgeschmort. Ohne Techniker ließ sich das eigentlich nicht betreiben.

Interessant finde ich, dass es bei vielen Musikern, auch jüngeren Alters, wieder einen Trend zum Analogen gibt.

Bernhard Lloyd: Allen jungen Leuten, die jetzt wieder von analogen Bandmaschinenund Pulten schwärmen, kann ich nur sagen: Seid vorsichtig, ihr wisst nicht, was das alles mit sich bringt. Eine Bandmaschine muss eingemessen werden, und was alleine das Zurückspulen an Zeit raubt! Man kann sich nicht mal eben den Chorus in einem Loop anhören, um daran herumzuschrauben. Es bedeutet einen ziemlichen Aufwand, zwei synchronisierte 24-Band-Maschinen zu betreiben. Aber ja, klanglich haben die Unzulänglichkeiten des Analogen natürlich ihren Charme. Nur kann man den leider nicht planen. Sicher gab es Genies, die etwa mit Bandkompression exakt umgehen konnten
und genau wussten, wie weit das VU-Meter ausschlagen musste, damit die Bassdrum perfekt klang. Trotzdem war vieles Zufall.

Da wir gerade bei analogen Tools sind – ich sehe hinter dir einen Jupiter-8 stehen …

Bernhard Lloyd: Ja, das ist das Originalgerät von 1984, den man auf „Forever Young“ hört und der dieses Album maßgeblich geprägt hat. Ich möchte diesen Synthesizer nicht missen, wobei ich ihn tatsächlich 15 Jahre kaum angerührt habe. Seit einiger Zeit nutze ich ihn aber wieder. Die Werkstatt Matlak, ein Spezialist für Roland-Geräte, hat mir das Teil wieder fit gemacht. Eine komplette Restauration für 2500 Euro. Alle Fader, Potis und so weiter wurden ausgetauscht. Als der Jupiter hier wieder ankam, sah er aus wie neu.

 

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Dieses Interview finden Sie in der Ausgabe 04/2021 des tastenwelt Magazins

tastenwelt Magazin Ausgabe 04/2021

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