Am 12. Februar ereilte die Jazzwelt eine traurige Nachricht: Drei Tage zuvor war Chick Corea im Alter von 79 Jahren gestorben. Der 25-fache Grammy-Gewinner galt als der Inbegriff von stilistischer und grenzüberschreitender Experimentierfreudigkeit.

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Die Jazzpiano-Gemeinde war noch in stiller Trauer am Todestag von Lyle Mays (1953–2020), der sich am 10. Februar 2021 zum ersten Mal jährte. Nur zwei Tage später schreckte die nächste Trauernachricht die gesamte Musikszene auf: Der Pianist, Keyboarder, Komponist, Bandleader und Label-Inhaber Chick Corea war gestorben. Laut Beiträgen von Coreas Familie in den sozialen Medien erlag der weltweit bekannte Jazzmusiker am 9. Februar 2021 einer seltenen Krebserkrankung, die erst kurz zuvor diagnostiziert worden war.

Anfänge

Der italienischstämmige Armando Anthony „Chick“ Corea wurde am 12. Juni 1941 in Chelsea im US-Bundesstaat Massachusetts geboren. Das Klavierspiel erlernte er im Alter von vier Jahren bei seinem Vater, einem Big-Band-Leader. Seine spätere musikalische Entwicklung begann in den frühen Sechzigerjahren in New York City, als diese Stadt noch ein kreativer Schmelztiegel fern der Manipu- lation des Kommerz war. Er kam in die Stadt, um an der Columbia University und später an der Juilliard School zu studieren, brach jedoch beide Studiengänge ab. Dennoch, oder gerade deswegen, nahm sein Pianostil sehr früh eigene Dimensionen an. Dieser war von Thelonius Monk, Bill Evans, Bud Powell und McCoy Tyner beeinflusst, seine Kompositionstechnik hingegen mehr von Béla Bartók, Alexander Scriabin und westlicher Kunstmusik.
Seine erste größere Recording-Session hatte Chick Corea in den frühen Sechzigern für Blue Note Records als Sideman des Trompeters Blue Mitchell (1930–1979). Die Session, die zum Album „The Thing to Do“ (1964) führte, enthielt auch Coreas erste Kompositionen. Es folgten Engagements mit den Latin-Stars Mongo Santamaría und Willie Bobo.

Eigene Wege

Coreas erste eigene Recording-Sessions, aus denen die beiden 1968 erschienenen Alben „Tones for Joan’s Bones“ (Atlantic Records) und „Now He Sings, Now He Sobs“ (Solid State Records) hervorgingen, gelten heute als Meilensteine der Jazzpiano-Geschichte. Mit seiner Band Circle – bestehend aus Anthony Braxton (Saxofon), Dave Holland (Bass) und Barry Altschul (Schlagzeug) – tauchte er 1970 und 1971 für kurze Zeit in Free-Jazz- und Avantgarde-Gefilde ein. Daneben gehörte Corea Anfang der Siebzigerjahre zu der Solistenbewegung, die vom deutschen Plattenlabel ECM Records ins Leben gerufen wurde. Die beiden Alben „Piano Improvisations Vol 1“ (1971) und „Piano Improvisations Vol. 2“ (1972) gehören praktisch zum Weltkulturerbe des Jazzpianos.

Talentschmiede

Einem breiten Publikum wurde Chick Corea durch seine Zugehörigkeit zur Miles Davis Band bekannt. Er wirkte auf den einflussreichen Produktionen „In a Silent Way“ (1969) und „Bitches Brew“ (1970) mit. Ähnlich wie die Miles Davis Band entwickelten sich alle Bands von Chick Corea zu wahren Talentschmieden.

Zu diesen gehörten seine unzähligen akustischen Trios und die Fusion-Bands Return to Forever und Elektric Band. Musiker wie Al Di Meola (Gitarre), Stanley Clarke (Bass), Dave Weckl (Schlagzeug), John Patitucci (Bass), Lenny White (Schlagzeug) und viele andere starteten ihre Karriere als Sidemen bei Chick Corea. Parallel zu seinen eigenen Projekten spielte Corea stets auch in Duos, unter anderem mit den Pianisten Herbie Hancock, Friedrich Gulda und Keith Jarrett, mit dem Vibrafonisten Gary Burton, mit dem Sänger Bobby McFerrin sowie mit dem Gitarrist Paco De Lucía.

Klassiker

In den Siebzigerjahren startete Corea ein permanentes Doppelleben zwischen akustischer und elektronischer Musik. Aus dieser „kreativen Schizophrenie“ entsprangen Klassiker der Neuzeit. Seine Kompositionen „Spain“ (1971), „La Fiesta“ (1972), „Armando’s Rhumba“ (1976) und „Got a Match“ (1986) sind weltweit anerkannt und aus unzähligen legalen und illegalen Fakebooks (Sammlung von Leadsheets, Anm. d. Red.) nicht mehr wegzudenken. Egal ob er im kammermusikalischen Konzept, im Straight-Ahead Bebop, in einer Electric Band, solo, im Duo oder als Sideman in Erscheinung tritt: Chick Coreas Handschrift ist sowohl am akustischen Piano als auch auf Keyboards nach drei Tönen erkennbar.

Latin Music

Die Musik Lateinamerikas hatte immer einen großen Einfluss auf Coreas Schaffen. Das umfassende Genre Latin Music lässt sich in zwei Lager unterteilen: Brasilianische Musik (wie Samba und Bossa Nova) und kubanische Musik (Rumba, Mambo, Cha-Cha-Cha und die „All Inclusive Salsa“). Der Trompeter Dizzy Gillespie (1917–1993) bemühte sich sehr früh um eine Synthese zwischen New York und Havanna. Selbst der kontroverse, USA-feindliche Diktator Fidel Castro gehörte zu Gillespies großen Fans. Der Saxofonist Stan Getz (1927–1991) hingegen recherchierte mehr in der Geschichte Brasiliens. Getz gilt als einer der größten Interpreten der Musik des Komponisten Antônio Carlos Jo-
bim (1927–1994), dessen bekanntestes Werk „The Girl from Ipanema“ (1964) ist. Chick Corea spielte sowohl bei Gillespie als auch bei Getz Piano. Er integrierte stets die gesamte Palette latein-amerikanischer Musik in den Jazz und verfolgte sie konsequent. Die Latin Music floss unverkennbar in seine Kompositionen und Improvisationen ein. Nicht ohne Grund spricht man vom Chick-Corea-Stil, der in Melodie, Harmonie und Rhythmus stets in der lateinamerikanischen Musik verwurzelt ist.

Unermüdlich kreativ

Wer sich einen Eindruck von Chick Coreas Kompositionen und Spielweise verschaffen möchte, hat unzählige CDs und DVDs zur Auswahl. Hervorzuheben ist die 2005 erschienene Live-DVD-Box „Rendezvous in New York“. Diese bietet auf zehn DVDs einen repräsentativen Querschnitt von Coreas akustischem Schaffen. Die Aufnahmen entstanden im Dezember 2001 bei Konzerten in New York, die anlässlich seines sechzigsten Geburtstags stattfanden. Mit dabei sind einige seiner Weggefährten wie Bobby McFerrin, Gary Burton und Gonzalo Rubalcaba.
Über fast sechs Dekaden hinweg schrieb Chick Corea als Zeitzeuge aller Stile Musikgeschichte. Als die Corona-Krise 2020 seine umtriebigen Live-Aktivitäten zum Stillstand brachte, gründete Corea online die Chick Corea Academy. Er rekrutierte unzählige Studenten weltweit und verfolgte dieses Projekt bis zu seinem Tod. In einem Statement schrieb seine Familie: „Während seines gesamten Lebens und seiner Karriere genoss Chick die Freiheit und den Spaß, etwas Neues zu schaffen und die Spiele der Künstler zu spielen.“ (engl. „Throughout his life and career, Chick relished in the freedom and the fun to be had in creating something new, and in playing the games that artists do.“).

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