Begleiter auf dem Piano

Schon seit den Achtzigerjahren ist Hans-Wolfgang (Hawo) Bleich der Pianist in der Band des Berliner Liedermachers Klaus Hoffmann. Auf dessen Studioalben tritt er auch als Komponist und Arrangeur in Erscheinung. Im Gespräch erzählt Hawo Bleich unter anderem von den Aufnahmen zum aktuellen Klaus-Hoffmann-Album, „Septemberherz“.

Herr Bleich, die Corona-Pandemie hat ja im Hinblick auf Konzerte und Tourneen den meisten Musikern letztes Jahr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wie haben Sie das erlebt?

Hawo Bleich: Von den geplanten Hoffmann-Konzerten sind zwischen März und September alle ausgefallen (in dieser Zeit 15 Konzerte und im Juni/Juli auch drei größere Festivals). Wir haben erst im Oktober wieder gespielt, eine Woche lang in der Bar jeder Vernunft in Berlin und dann noch drei Gigs im Westen Deutschlands. Im November und Dezember, traditionell gut gebuchte Zeiten, fielen dann noch einmal 15 Konzerte weg. Bei mir sind etwa 85 Prozent der für 2020 geplanten Konzerte wegen Corona ausgefallen.

Für wann sind die zukünftigen Konzerttermine geplant?

Hawo Bleich: Nach aktuellem Stand trete ich im Mai mit Klaus Hoffmann wieder in Berlin auf. Wenn alles gut geht. Man muss abwarten. Die Konzerttermine mit der ganzen Band, die eigentlich im März stattfinden sollten, sind jetzt – leider – auch auf 2022 verschoben.

Wann und wo hatten Sie Ihren letzten Liveauftritt im Jahr 2020?

Hawo Bleich: Wir hatten unser letztes Konzert in Monheim am Rhein. Das war ein schöner kleiner Gig, der wirklich Spaß gemacht hat. Das war am 31. Oktober, also ganz kurz vor dem November-Lockdown. Das Konzert war auf 120 Besucher (bei einer Kapazität von etwa 450 Plätzen) begrenzt. Doch hygiene-technisch war alles sehr gut geregelt. Das ist entscheidend bei solchen Veranstaltungen, damit überhaupt Besucher kommen. Es besteht ja doch die Sorge, sich irgendwo anzustecken.

Die Pandemie hat dazu geführt, dass immer mehr Musiker Liveauftritte über das Internet streamen. Haben Sie auch Konzerte gestreamt?

Seit Jahren gemeinsam auf der Bühne: Klaus Hoffmann (l) und Hawo Bleich.Foto: Jim RaketeHawo Bleich: Wir haben das bisher nicht gemacht. Es ist nun aber für Mitte Februar ein Auftritt beim Kurt Weill Fest in Dessau-Roßlau geplant, der nur gestreamt wird.

Denken Sie, dass Streaming eine echte Alternative zum Livekonzert ist?

Hawo Bleich: Nein, natürlich nicht. Es ist – unbefriedigend will ich jetzt nicht mal sagen. Es ist schon schön, wenn man überhaupt spielen kann. Aber es ist niemals so wie live, weil es keine Publikumsreaktion gibt. Ich sehe es gerade bei Klaus. Er hat diese Fähigkeit, alle Leute mitzunehmen, sogar noch die Gruppe im Publikum in der hintersten Ecke. Beim Streaming kann er das alles nicht machen. Ich schau mir hin und wieder selbst Konzertstreams an und es ist schon komisch, wenn nach dem letzten Ton – nachdem die Musiker ein Stück gerade schön aufgebaut haben – kein Applaus kommt. Mir fehlt das total. Dieser Moment ist ganz seltsam.

Sie begleiten Klaus Hoffmann nun schon einige Jahrzehnte. Gehen wir einmal ganz an den Anfang zurück. Wie und wann sind Sie zum Klavierspielen gekommen?

Hawo Bleich: Ich bekam schon ab meinem sechsten Lebensjahr Klavierunterricht, zunächst von einer sehr strengen älteren Lehrerin, was furchtbar war. Dann bekam ich aber eine tolle Lehrerin und mit der hat es dann Spaß gemacht. Sie war damals noch jung, hatte den Chopin-Wettbewerb gewonnen und später eine Professur an der HdK Berlin inne. Bei ihr habe ich sehr lange Unterricht gehabt, tatsächlich zwölf Jahre lang, bis ich 18 war. Ich habe nebenbei noch andere Instrumente gespielt, zum Beispiel Geige und auch ein bisschen Gitarre. Bei mir war es nie so, dass ich unbedingt Konzert-Pianist werden wollte.

Wollten Sie eigentlich als Kind selber Klavier spielen lernen oder war das der Wunsch Ihrer Eltern oder anderer Familienmitglieder?

Hawo Bleich: Ja, das war ein bisschen so, aber es hat mir auch großen Spaß gemacht. Ich war jedenfalls nicht traurig darüber, dass meine Eltern irgendwann ein Klavier gekauft haben. Das fiel bei mir sozusagen auf fruchtbaren Boden. Mein Großvater war sogar Kaffeehaushauspianist. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren spielte er in Tanz-Lokalen. Zu seinem Repertoire gehörten Operetten und Lieder aus dem 19. Jahrhundert. Sowas konnte er drei Stunden lang auswendig spielen. Ein Kaffeehauspianist eben. Von meinem Opa habe ich das Interesse für das Klavier wohl am meisten. Mit ihm zusammen habe ich an Geburtstagen immer vierhändig Musik gemacht. Stube und Küche. Zum Beispiel die „Petersburger Schlittenfahrt“ von Richard Eilenberg. Ich habe die Bässe gespielt und er hat die Melodie in Oktaven darüber gesetzt. Ein fester Programmpunkt bei Familienfeiern.

Wie ging Ihre musikalische Ausbildung im Erwachsenenalter weiter?

Hawo Bleich: Ich hatte nie die das Bedürfnis, klassischer Pianist zu werden. Das war nicht mein Ding. Nach der Schule studierte ich erst einmal Informatik, da ich Mathematik in der Schule schon mochte. Ich hatte mir damals nicht
zugetraut, Musik wirklich beruflich zu machen. Während meines Informatikstudiums fing ich aber schon an, hobbymäßig in Folkbands zu spielen. Wir haben irische Folklore gemacht. Das war in den Siebzigern. Als ich dann etwa 25 Jahre alt war, traf ich irgendwann die Entscheidung, dass es jetzt doch die Musik sein muss. Nachdem ich Informatik abgeschlossen hatte, nahm ich ein Tonmeisterstudium auf. Das war an der Hochschule der Künste in Berlin, die damals noch HdK hieß. Das Studium zum Tonmeister war zur Hälfte technisch, zur anderen Hälfte musikalisch ausgelegt. Ich habe die ganzen Techniken gelernt, aber eben auch alles, was in der klassischen Musik wichtig ist: Formenlehre, Harmonielehre und Partiturspiel. Das hat mir großen Spaß gemacht. Während dieser Zeit kam ich aber auch zum Jazz, habe viel improvisiert und eine Band gehabt. Viele Auftritte in Clubs in Berlin in Soul-, Fusion- und Jazzformationen und auch die Arbeit im Orchester des Theater des Westens bei Musical- Produktionen haben dann den weiteren Weg vorgegeben.

Sie haben bei sich zu Hause im Keller ein eigenes Studio. Auf Klaus Hoffmanns aktuellem Album, „Septemberherz“, haben Sie das Streicherarrangement zu dem Lied „Dein Gesicht“ gemacht. Ist das in ihrem Studio entstanden?

Hawo Bleich: Das ist bei mir im Studio entstanden, da wir nicht mehr die Möglichkeit hatten, das mit Streichern in München einzuspielen. Zu dem Zeitpunkt hatte die Corona-Krise bereits begonnen. Deshalb habe ich das mit Software-Streichern bei mir gemacht.

Aber normalerweise hätten Sie das im Studio mit echten Musikern eingespielt?

Hawo Bleich: Genau, ich hätte es lieber mit echten Musikern eingespielt. Ich hatte die Noten auch schon geschrieben. Das war alles schon fertig, aber dann ist es leider doch ausgefallen. Wir haben dann alles hier bei mir im Studio gemacht. Ich habe auch noch die letzten drei Titel, die Klaus noch nicht gesungen hatte, bei mir produziert. Das haben wir dann alles zu unserem Mixer nach München geschickt, wo wir es eigentlich aufnehmen wollten. Er hat die Tracks bekommen und dann alles gemischt. So ist ein Großteil des Albums entstanden. Die Playback-Aufnahmen haben wir hier in Berlin gemacht, in einem kleinen Studio in der Wilmersdorfer Straße. Das war insofern anders als bei den letzten sechs oder sieben Produktionen. Diesmal haben wir tatsächlich in Berlin aufgenommen und in München gemischt.

Sind alle Spuren einzeln entstanden oder haben Sie auch mal live im Studio zusammengespielt?

Hawo Bleich: Wir haben uns mit der Rhythmusband im Studio getroffen und zusammen Schlagzeug, Klavier, Gitarren und Stimme aufgenommen. Nur der Bass fehlte, da der Bassist, Peter Keiser, ein Schweizer, wegen Corona nicht einreisen durfte. Deshalb habe ich für das Demo noch mit dem Keyboard einen Bass darauf gespielt. Das haben wir dann in die Schweiz geschickt und Peter hat seine Spuren eingespielt. Es wäre zwar die erste Wahl gewesen, alles zusammen einzuspielen, aber das ging in diesem Fall leider nicht. Wir nehmen normalerweise immer alle zusammen auf. Auch Klaus singt da schon mit. Sehr häufig nehmen wir dann gleich die erste oder zweite Version. Bei uns geht das im Studio schon irgendwie mehr in Richtung live. In so einer Aufnahme ist irgendwas drin, was dann doch besser ist, als wenn man nur das Playback aufnimmt. Das Mitsingen finde ich persönlich unglaublich wichtig bei der Aufnahme. Das ist dann wie bei einer Live-Situation. Hinterher kann man natürlich die Stimme noch mal aufnehmen und man kann natürlich auch ausbessern. Aber wenn man zu viel ausbessern muss, spielen wir lieber noch eine neue Version ein. Die ist dann meistens besser.

Begleiten Sie Klaus Hoffmann bei den kommenden Konzerten in der Band oder solo am Piano?

Hawo Bleich: Bei den kommenden Konzerten begleite ich Klaus solo am Klavier. Für die große Tour (verlegt in den März 2022) mit der Band spielen wir in unserer alten Besetzung: Peter Keiser am Bass, Stephan Genze am Schlagzeug, Michael Brandt an der Gitarre und ich an Klavier und Keyboards.

Spielen Sie auf der Bühne einen Flügel?

Hawo Bleich: Ja, wir haben immer einen Flügel auf der Bühne. Meistens ist es ein sehr guter, wenn wir in größeren Hallen spielen, die dann eben einen Bösendorfer oder einen Steinway oder auch einen schönen Yamaha oder Kawai haben. Das sind zu 95 Prozent wunderbare Instrumente. Nur manchmal, wenn ein Flügel richtig runtergespielt ist, habe ich ein Problem. Zum Beispiel, wenn er nicht mehr richtig stimmbar ist. Normalerweise haben die Theater, in denen wir spielen, aber sehr gute Instrumente. Oft gibt es auch den Fall, dass der Veranstalter für den Abend einen Flügel ausleiht. Das hat den Vorteil, dass der Verleiher auch für die Qualität des Flügels sorgt. Auf einem kleinen E-Piano würde ich beim Konzert ungern spielen, nicht nur aus optischen Gründen. Das Spielgefühl auf einem Flügel ist einfach anders.

Was für einen Flügel haben Sie eigentlich zu Hause und wie alt ist er?

Hawo Bleich: Ich habe einen Bösendorfer aus den Achtzigern. Der ist natürlich superschön. Den habe ich in Berlin gekauft. Ich wurde sogar nach Wien geflogen und durfte mir da einen im Lager aussuchen. Ich habe dann einen Flügel ausgewählt und der wurde nach Berlin gebracht. So konnte ich die beiden Flügel, den aus Wien und den aus Berlin, miteinander vergleichen. Letztendlich habe ich mich dann für den Berliner entschieden, der es mir vorher schon angetan hatte.

Auf der Bühne spielen Sie aber, wie gesagt, verschiedene Flügel?

Hawo Bleich: Ja. Es sind oft Steinways, aber auch Flügel von Bösendorfer, Yamaha oder Kawai. Das sind die vier Firmen, die meistens in den Theatern stehen. Ich erinnere mich an einen großen Kawai-Flügel, der fantastisch war. Die Qualität eines Flügels hängt immer davon ab, wie alt er ist, wie er behandelt wurde und wie er gerade aufgearbeitet ist. Das habe ich mit der Zeit gelernt. Ein Steinway klingt immer noch ein bisschen strenger, so kann ich es eigentlich
nur ausdrücken. Aber es ist sehr verschieden von Instrument zu Instrument.

Sie haben also keine bestimmte Präferenz? Sie würden zum Beispiel nicht sagen: „Ich spiele nur auf einem Bösendorfer“?

Hawo Bleich: Nein. Wenn wir in die Bühnenanweisung schreiben würden, dass es nur ein Bösendorfer oder ein Steinway sein darf, würden wir das nicht durchbekommen. Wenn der Veranstalter einen vernünftigen Yamaha-Flügel hat, warum soll man darauf nicht spielen? Es hängt schon eher von der Größe ab. Bei kleineren Flügeln wird es schwieriger. Wir wollen deshalb immer eine Mindestgröße von 2,10 m. Wenn ich auf 1,80 m gehe, dann sollte es vielleicht wirklich ein Steinway sein. Wir haben aber meistens die größeren Flügel und da sind alle genannten Firmen und auch ein paar andere okay. Da bin ich nicht so wählerisch. Wichtiger ist, was man spielt.

Neben dem Flügel spielen Sie auch Synthie-Sounds auf der Bühne. Verwenden Sie dafür einen Analog- oder Digital-Synthesizer oder sogar ein Controller-Keyboard mit Laptop?

Hawo Bleich: Bis jetzt benutze ich dafür auf der Bühne ein Masterkeyboard, ein altes KX88 von Yamaha. An diesem hängt ein Roland XV-5080 Synthesizer-Modul, mit dem ich verschiedene Sounds entwickelt habe. Die ergeben eine
Grundfläche, auf die ich noch Streicher darauf lege. Bis jetzt habe ich dafür noch keinen Ersatz gefunden, sodass ein Laptop (noch) nicht auf der Bühne steht. Das Roland-Modul an sich ist nicht besonders „charmant“ – etwa wie ein alter analoger Synthie – aber es ist sehr gut zu benutzen.

Spielen Sie auf der Bühne gleichzeitig auf dem Flügel und auf dem Masterkeyboard?

Hawo Bleich: Ja. Das Masterkeyboard liegt auf dem Flügel. Ich spiele meistens mit der linken Hand die Flächen und mit der rechten Hand auf dem Flügel – oder auch umgekehrt. Wenn man einen bestimmten Sound braucht, spiele ich
auch mal nur Synthie oder nur Klavier, aber vieles ist eben gemischt.

 

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