"Alles lässt sich auf Frequenzen herunterbrechen"

Dream-Theater-Keyboarder Jordan Rudess spricht im Interview über das neue Album seines Nebenprojekts Liquid Tension Experiment, Frequenzen als Heilmittel und die Möglichkeiten moderner Musikinstrumente.

tw jordan rudess liquid tension experiment band

Nach satten 22 Jahren legen Tony Levin, Mike Portnoy, John Petrucci und Jordan Rudess mit „LTE3“ endlich das dritte Album ihrer Supergroup Liquid Tension Experiment vor. Wir haben mit Keyboarder Jordan Rudess über die neue Platte und mehr gesprochen.

 TW: Jordan, Liquid Tension Experiment vereint vier außergewöhnlich versierte Musiker. Als ich mir euer neues Album angehört habe, musste ich an etwas denken, das der US- amerikanische Mathematiker und Kulturkritiker Eric Weinstein anlässlich des Todes von Eddie Van Halen gesagt hat. Van Halens Virtuosität an der Gitarre, so Weinstein, sei mit der Erkenntnis, die in einer mathematischen Gleichung liegt, vergleichbar – sein Spiel hätte den Hörer näher an eine fundamentale Wahrheit des Universums gebracht.

Jordan Rudess: Das ist ein schöner Gedanke, und als jemand, für den Musik oft ein Mittel zur Selbstheilung war, kann ich hier nur vollends zustimmen. Es geht um Frequenzen. Wenn man den Zugang zu bestimmten Frequenzen findet und in der Lage ist, sie auf eine bestimmte Weise zu artikulieren, um so zu einem Sinn zu gelangen – das ist eine hohe Kunst.

TW: Was heißt es, wenn du sagst, du nutzt Musik als Mittel zur Selbstheilung?

Jordan Rudess: Also, ich nutze Musik und Klänge auf alle möglichen Weisen. Ein Beispiel: Als ich jünger war, hatte ich gesundheitliche Probleme. Zur selben Zeit beschäftigte ich mich wahnsinnig viel mit meinem Moog-Synthesizer. Ich hatte das Gefühl, dass es einen Weg geben musste, ganz bestimmte Frequenzen zu finden, die mir dabei helfen würden, besser zu erkennen, was mit mir los war. Ich habe dann tatsächlich so eine Frequenz für mich entdeckt. Dieser Klang half mir dabei, mit dem, was mich belastete, klarzukommen. Aber Musik ist auch generell etwas, das mir, weil ich mich durch sie ausdrücken kann, die Chance gibt loszulassen. Ich sitze dann am Klavier, spiele und sehe, wie meine Finger sich bewegen – das nützt schon etwas. Viel hängt aber auch vom Hören ab. Deshalb ist das Klavier so gut dafür geeignet. Man kann eine Taste drücken und die Note verstummt nicht sofort, wenn die Taste losgelassen wird, sondern erklingt weiter. Das gibt einem die Möglichkeit, seine Erfahrungen als Musiker und Hörer aneinander anzupassen.

TW: Du sprichst von bestimmten Frequenzen, die dir geholfen haben. Könnte man das verallgemeinern? Meinst du, diese Frequenzen entfalten auch für andere eine heilsame Wirkung?

Jordan Rudess: Das weiß ich nicht. Ich habe da keine Studien durchgeführt und die Hertz-Zahlen auch nie notiert, sondern nur den Regler auf eine bestimmte Position gedreht.

TW: Worauf ich eigentlich hinauswill, ist die Frage, ob man über die Musik zu einer Art objektiven Wahrheit gelangen kann – in diesem Fall der heilsamen Kraft.

Jordan Rudess: Ich glaube zumindest, dass man an Musik sehr wissenschaftlich herangehen kann. Am Ende lässt sich alles auf Frequenzen herunterbrechen, und die werden ja in sehr unterschiedlichen Feldern auch medizinisch genutzt, im Fall von Laser-Therapien zum Beispiel.

TW: Du bist auch technisch ein wahnsinnig guter Musiker. Um das Niveau zu erreichen, auf dem du spielst, muss man enorm viel üben. Gab es in deinem Leben ein bestimmtes Ereignis, das aus dir so einen disziplinierten Musiker gemacht hat?

Jordan Rudess: Als ich neun war, ging ich auf die Juilliard School of Music in New York. Das ist – gerade für einen jungen Menschen – eine sehr anspruchsvolle Umgebung. Andere Kinder in meinem Alter schrieben dort Opern und Sinfonien. Auch meine Lehrerin nahm ihre Sache sehr ernst. Schon am ersten Tag sagte sie mir, dass es in ihren Stunden keine Momente geben würde, um zu improvisieren. Wir spielten Bach, Mozart und Beethoven vom Blatt. Es
gab also vieles, dem man gerecht werden musste. Jeder dort war enorm talentiert und arbeitete hart an sich. Es bestand nur die Möglichkeit zu üben, wenn man mithalten wollte – zwei bis fünf Stunden am Tag. Es war das einzige Leben, das ich kannte. Ich verdanke diesen Jahren eine sehr solide musikalische Grundlage. Okay, nein, alles Quatsch: Man fesselte mich ans Klavier und zwang mich, zu spielen (lacht).

TW: Ob gefesselt oder nicht: Du hast am Klavier angefangen, aber was war dein erster Synthesizer?

Jordan Rudess: Also, bei meinem ersten elektrischen Instrument handelte es sich um eine Elka-Panther-Orgel. An die erinnere ich mich sehr gut. Aber mein erster richtiger Synthie war ein Minimoog.

TW: Kein schlechter Einstieg in die Welt der Klangsynthese.

Jordan Rudess: Auf jeden Fall, und ich hat- te erst vor kurzem das Glück, wieder einen Vintage-Minimoog von 1971 zu bekommen. Den hört man übrigens auch auf dem neuen Dream-Theater-Album.

TW: Was war das wichtigste Instrument des neuen Liquid-Tension-Albums?

Jordan Rudess: Beim Schreiben habe ich den Korg Kronos genutzt. Diese Workstation deckt so viel ab: Piano, Streicher, Chöre, Analog-Synth-Klänge – einfach alles. Als es daran ging, meine finalen Spuren einzuspielen, nahm ich das Projekt aus dem Dream- Theater-Hauptquartier, wo wir zusammen schrieben, mit in mein Home-Studio und setzte das meiste innerhalb meines Computers um. Mit allen erdenklichen virtuellen Instrumenten und Sounds von Spitfire, 8dio, East West und so weiter. Mein virtuelles Lieblings-Piano ist übrigens das Synthogy Ivory.

TW: Die digitale Technologie stattet Musiker mit jeder Menge Möglichkeiten aus. Der Kreativität scheinen kaum noch Grenzen gesetzt. Auf der einen Seite gibt es also viele neue Freiheiten; auf der anderen Seite kann, denke ich, Technologie Musiker aber auch einschränken – weil man von ihr abhängig wird.

Jordan Rudess: Technik ist fantastisch, wenn sie funktioniert. Aber wir alle schlagen unsere Schlachten mit Computern und der dazugehörigen Software. Verdammt, warum ist der Bildschirm eingefroren? Und wo ist der Ton abgeblieben? Es gibt viele Momente, die einen bei der Arbeit mit dem Rechner frustrieren. Ans Piano muss man sich dagegen nur setzen, eine Taste drücken und schon hört man einen Ton. Und es klingt eigentlich immer gut! Andererseits: Wenn du die Technik zum Laufen bringst, macht es unglaublichen Spaß. Eines der Projekte, für die ich in meinem Leben viel Zeit aufgewendet habe, bestand ja auch darin, die Technologie voranzutreiben und vor allem, den musikalischen Ausdruck mit Hilfe von Technik aufs nächste Level zu bringen. Das Ziel meiner Firma Wizdom lag genau darin. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der es hieß, Synthesizer seien keine ausdrucksstarken Instrumente. Zum Beispiel, weil die ersten Modelle keine Velocity-Funktionen hatten. Aber schau dir an, was heute los ist. Es gibt Instrumente, die ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten erschließen. Das letzte Gerät, das ich gekauft
habe, heißt Artiphon Orba – unglaublich, wie reaktionsstark die Pads dieses Instruments sind! Jeder, der heute noch sagt, elektronische Instrumente seien nicht ausdrucksstark, hat schlicht keine Ahnung. Es gibt sogar Sensoren, die deine Gehirnwellen auslesen und so Klänge erzeugen. Produkte wie das Roli Seaboard, Roger Linns Linnstrument oder Geoshred von meiner eigenen Firma Wizdom ermöglichen eine fantastische neue Welt an Möglichkeiten. Im Moment faszinieren mich virtual und augmented Reality. Auch auf diesen Feldern wird sich noch viel tun.

TW: Spannend, aber auch etwas beängstigend, finde ich Technologien, die über KI-Algorithmen konkret auf die Eigenarten des jeweiligen Musikers reagieren und eigenständig Notenfolgen im Stil dieser Person kreieren.

Jordan Rudess: Dafür braucht es aber noch sehr viele Daten. Wenn jemand also ein Instrument bauen möchte, das wie Jordan Rudess spielt, müsste ich den Hersteller vermutlich mit vielen tausend MIDI-Files beliefern. Das ist alles im Bereich des Möglichen und es wird auch daran gearbeitet. Wie gut es funktioniert, darüber kann man aber sicherlich streiten.

TW: Setzt du dich eigentlich bewusst mit dem kreativen Prozess und dem, was dahinter steckt, auseinander?

Jordan Rudess: Das ist mein Leben!

TW: Sicher, aber wie strategisch gehst du hier vor? Überlegst du dir zum Beispiel, wo deine Kreativität ihre Quelle hat und wie sich diese anzapfen lässt?

Jordan Rudess: Das sind Fragen, die mich jeden Tag beschäftigen. Das Faszinierende an der Kreativität ist, dass sie sich oft nicht voraussehen lässt. Für mich gibt es aber einige Auslöser, die eine kreative Phase bei mir begünstigen. Zum einen sind es Erfahrungen, die zu starken Gefühlen führen. Wenn man sich selbst erlaubt, solche Emotionen zuzulassen, lässt sich die Verbindung zwischen Gehirn und Händen maximal nutzen. Man muss aber auch an der
Fähigkeit arbeiten, das, was sich im eigenen Geist befindet, irgendwie ins Instrument zu überführen. Das sollte ein flüssiger Vorgang sein. Dies zu perfektionieren, stellt eine lebenslange Aufgabe dar. Sie setzt voraus, offen für das zu sein, was sich da draußen an Energien auffangen lässt. Ich glaube, darum geht es vor allem. Und Ablenkung ist hier der größte Feind. Einige nehmen Drogen, um sich zu öffnen. Ein vermutlich besserer Weg besteht darin, seinen Geist zu trainieren, gelassen und offen, aber auch im Körper geerdet zu sein. Durch Meditation kann man dort zum Beispiel auch ohne Drogen hingelangen.

TW: Wer kreativ ist, sucht nach neuen Möglichkeiten, ein Problem zu lösen, oder?

Jordan Rudess: Ich weiß nicht, ob ich da zustimmen würde. Man kann auch kreativ sein, wenn man sich nur ans Piano setzt und eine Note spielt, deren Ausdruck man besonders schön gestaltet. Man sucht dabei ja nicht zwingend nach etwas Neuem oder einer bestimmten Lösung für ein Problem. Wenn man an einem Song schreibt, ist das anders. Ja, dafür braucht man einen Geist, der in gewisser Weise architektonisch vorgeht. Man muss wissen, wo man hinwill. Fast wie bei einem Problem in der Mathematik. Mike Portnoy und John Petrucci sind zum Beispiel sehr begabt darin, die Architektur eines Songs zu analysieren und zu planen, wie er sich weiterentwickeln lässt.

TW: Ich meinte etwas anderes: Wer kreativ ist, bringt Neues auf eine Art in die Welt, die nicht nur mechanisch ist. Ein Künstler agiert eben anders als eine Maschine, die ein Buch druckt – wieder und wieder und immer in derselben Art.

Jordan Rudess: Richtig, da sind wir dann einer Meinung. Es geht um ein kreatives Angebot sozusagen. Ich verstehe. Cool.

TW: Stichwort „Kreativität“ – was war der spaßigste Moment bei den Aufnahmen zu „LTE3“?

Jordan Rudess: Die Jams! Wir standen ja seit Jahren nicht mehr zusammen im Studio, aber als wir jetzt den Raum betraten, legten wir sofort ganz unbefangen los. Wir waren glücklich. Ein echtes Highlight für mich war auch das Arrangement für „Rhapsody in Blue“. Ich bin ja ein großer Gershwin-Fan und kann seine Lust daran, Stile zu mischen, gut nachempfinden. Das war bei mir eben ähnlich: Ich habe eine klassische Musikausbildung genossen und entdeckte dann den Progressive Rock, Electronica und so weiter. Gershwin hat in dieser Hinsicht Pionierarbeit geleistet. Und ich freue mich unheimlich, dass die Welt jetzt unsere Version von „Rhapsody in Blue“ hören kann.

 

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