Akkordeonist Matthias Matzke im Interview: Der Newcomer plant eigene DVD mit Roland V-Accordion

Matthias Matzke studiert Akkordeon am Hohner-Konservatorium in Trossingen und hat schon einige internationale Preise gewonnen. Neben dem klassischen Instrument begeistert er sich für das Roland V-Accordion. Das digitale Akkordeon beherrscht er wie nur wenige. Über das Instrument und seine aktuellen Pläne damit haben wir mit ihm gesprochen.

Matthias Matzke
Zu Matthias Matzkes Spezialität gehören ausgefeilte Regis­trationen, die er u.a. mittels Kinnschalter (rechts oben neben der Tastatur) umschaltet. (Fotos: Monika Baszanowski)

Wer Sie auf dem V-Accordion spielen sieht, könnte glauben, es sei extra für Sie erfunden worden. Wie lange spielen schon darauf?

Mittlerweile fünf Jahre. Mit sechseinhalb habe ich begonnen Akkordeon zu spielen, 2009 wurde ich dann über einen Kreativitätswettbewerb der IFET („Initiative für elektronische Tasteninstrumente“) auf das Roland FR-7 aufmerksam.

Hat das Digitalakkordeon im Unterricht schon eine Rolle gespielt, oder haben Sie sich hier alles selbst beigebracht?

Ich habe es öfters im Unterricht dabei. Was den rein technischen Umgang mit dem Instrument und seinen digitalen Möglichkeiten angeht, habe ich mich selbst eingearbeitet, aber beim Arrangieren und Interpretieren kann ich von meinen Dozenten natürlich am Digitalakkordeon ebenso etwas über Musik lernen wie am akustischen Instrument. Primär bedeutet Musikunterricht für mich, Musik ganz allgemein zu verstehen und dann eben auf dem Instrument spezifisch umzusetzen.

Gibt es für Digitalakkordeonspieler Vorbilder?

Jeder offene Musiker sollte sich unabhängig vom Instrument orientieren und Vorbilder finden – besonders, wenn andere Instrumentalisten eventuell schon weiter sind. Ich beobachte, dass wir Akkordeonisten mit so einem Instrument leicht zur Effekthascherei neigen – wahrscheinlich, weil uns die vielen neuen Möglichkeiten euphorisieren, während Keyboarder schon aus einem größeren Erfahrungsschatz schöpfen. Uwe Steger und Ludovic Beier sind zwei Roland-Interpreten, die sehr geschmackvoll und bewusst mit dem Digitalakkordeon umgehen. Ihnen kann ich stundenlang zuhören.

In Kürze produzieren Sie eine V-Accordion-DVD. Wie kam es zu diesem Projekt?

Der Gedanke entstand in der Praxis. Nach meinen Konzerten, bei denen ich meist akustisches und digitales Akkordeon kombiniere, verkaufe ich auch meine erste CD. Die wurde allerdings nur mit akustischem Akkordeon aufgenommen. Die Leute fragen dann immer: Wann gibt es eine CD mit Digitalakkordeon?

Und Ihre Haltung dazu?

Es hat mich natürlich schon lange interessiert, wie man ein Digitalakkordeon produzieren könnte. Aber es hat etwas gedauert, bis ich mich der Frage tatsächlich angenommen habe. Seit meiner ersten CD 2012 ist nun genug Zeit vergangen, in der ich mich vorbereiten konnte. Jetzt ist es überfällig, dass ich nachlege und meine Idee von einer Digitalakkordeon-Produktion vorstellen kann.

Was ist inhaltlich für die DVD geplant?

Ein bunter Rundumschlag mit eigenen Arrangements und Stücken. Das V-Accordion ist für mich ein Kreativitäts-Tool, an dem ich mich in jede Richtung voll austoben kann. Es inspiriert mich sehr, und das möchte ich mit dieser Produktion festhalten. Auf der anderen Seite möchte ich natürlich auch meinen Fans und ihren Vorlieben gerecht werden.

Das heißt konkret?

Ein Spagat, den ich bewältigen muss – von jugendlichen Stilen aus dem Dance- und Dubstep-Segment bis hin zu volksmusikalischen Einflüssen. Ich habe zum Beispiel auch ein orchestrales Arrangement von „Der Lindenbaum“ geplant, und der Akkordeon-Klassiker „Biscaya“ darf auch nicht fehlen. Mit meinem Bruder an den Drums kann das Akkordeon auf der anderen Seite aber auch richtig rocken.

Wer soll sich so eine gemischte Aufnahme kaufen? Wird es die im Handel nicht schwer haben?

CDs sind für mich hauptsächlich ein Andenken nach meinen Konzerten. Das ist das Fazit meiner ersten CD. Verkaufszahlen über Onlineversand sind fast zu vernachlässigen. Ich erlebe das so: Menschen im Publikum sind überrascht und begeistert von dem, was ich mit dem Akkordeon mache, sie wollen etwas mit nach Hause nehmen, das sie an den Abend erinnert und sich auch herzeigen lässt. Dementsprechend ist es mir wichtiger, unterschiedlichen Geschmäckern etwas zu bieten, sodass das Gesamtwerk überzeugt, auch wenn einzelne Stücke nicht gefallen. Da die neue DVD aber mit mehr eigenen Stücken aufgebaut ist als die letzte, werde ich mir auch noch Rat für einen eventuellen Vertrieb im Handel einholen.

Ist ein Produzent mit im Boot?

Nein. Alles stammt von mir, aber ich habe mit Martin Kopf einen erfahrenen Studiomusiker und Tontechniker als Berater – zudem meinen Hauptfachdozenten Hans-Günther Kölz als einen sehr breit aufgestellten Musiker.

Die Arrangements sind auch alle von Ihnen?

Ja, aber auch hier schätze ich mich glücklich, dass mir meine Dozenten mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Sind die Arrangements schon fertig, oder entstehen sie bei der DVD-Produktion?

Vieles steht schon. Meine Arrangements sind aber ohnehin immer in einem Schwebezustand. Wenn ich bei einem Auftritt merke, dass es an bestimmten Stellen besondere Interaktionen oder Reaktionen des Publikums gibt, gehe ich dem zu Hause noch mal nach und schreibe das Arrangement gegebenenfalls um. Meistens werden die Arrangements mit der Zeit eingedampft und gekürzt. Sie entstehen nämlich meist so, dass ich über etwas improvisiere und das mitschneide. Mit dem so entstandenen Material arbeite ich danach thematisch.

Sie sprechen von umschreiben. Es gibt also alle Arrangements als Noten?

Teilweise. Viele Dinge brauche ich als Noten, damit ich sie konsequent und sinnvoll üben kann. Ansonsten reichen mir oft auch die Aufnahmen.

Wir wird die bevorstehende Produktion aussehen?

Wir haben ein interessantes Konzept. Mein Problem war immer: Mit dem Digitalakkordeon ins Studio und das aufzeichnen, was das Digitalakkordeon tut, ist eigentlich nicht zeitgemäß. In einem guten Studio würde man ordentliche Playbacks mit sauber quantisierten Keyboards und allem, was man heute mit Computern anstellen kann, produzieren. Dazu spielte man dann ein perfekt aufgenommenes akustisches Akkordeon und wäre dem, was das V-Accordion ausgeben kann, weit überlegen.

Wie sieht Ihre Lösung aus?

Ich will eine DVD, die einerseits total handgemacht ist, die zum anderen den Bezug zum Live-Einsatz des Instruments hat. Wenn mich die Leute auf der Bühne sehen, sollen sie das mit nach Hause nehmen können und sagen: Das ist genau das, was ich heute gesehen und erlebt habe. Wir schneiden daher zusätzlich auch den Film mit. Wir zeichnen den Ton direkt auf, ergänzt durch MIDI-Daten, sodass wir einzelne Sounds hinterher von externen Klangerzeugern wie dem Roland Integra-7 hinzuziehen können.

Was passiert mit dem Film?

Das überwiegend unbearbeitete Video mit den reinen V-Accordion-Aufnahmen kommt auf YouTube. Das kann ich im Nachhinein dann kommentieren und mit Tutorials versehen. Also so eine Art Making-of. Parallel dazu wird es die nachbearbeiteten Takes zu kaufen geben, die in einem zweiten Schritt peppiger gemacht werden – über den Videoschnitt, Mastering und die Möglichkeit, die MIDI-Aufzeichnungen mit passenderen Sounds zu versehen, als das V-Accordion sie an Bord hat. Der Gedanke des Handgemachten und dass alles im Augenblick live eingespielt wird, steht jedenfalls über der ganzen Produktion.

Wird in einem Tonstudio gefilmt?

Als mögliche Location haben wir das alte Kraftwerk in Rottweil ins Auge gefasst. Viel Recording-Equipment brauchen wir ja nicht und sind auf digitalem Weg unabhängig von der Raumakustik.

Der Studio-Sound kommt dann gar nicht vom V-Accordion?

Doch. Der reine Akkordeonsound sowieso. Aber externe Klangerzeuger wie der Integra liefern einen weitaus orchestraleren Studiosound als die Bordmittel des FR-8x alleine.

Wird aus der MIDI-Spur im Studio noch mehr werden? Vielleicht angereichert durch weitere Samples?

Wir werden definitiv nur mit Roland-Klangerzeugern arbeiten. Es geht bei der MIDI-Nachbearbeitung eher um Detailfragen: Vielleicht erkennt man im Nachhinein, dass ein Sound eine Spur mehr Effekt hätte vertragen können. Bei der Audio-Summe kommt man dann nicht mehr dran, da muss es die MIDI-Nachbearbeitung richten.

Es sollen aber keine weiteren Studio-Spuren eingespielt werden?

Nein. Ich werde mich möglichst exakt vorbereiten und möchte möglichst viele First-Takes einspielen. So habe ich das auch bei meiner letzten CD gehandhabt. Ich bin kein Perfektionist auf der Bühne und ich werde auch bei der Produktion kein Perfektionist sein. Es darf aus meiner Sicht kleine Schnitzer drin haben, denn man wird ja auch sehen können, was passiert. Es muss aber insgesamt ein sehr guter Sound sein, bei dem man merkt, dass da nicht nur jemand ein paar Presets zusammengewürfelt hat, sondern dass viel Detailverliebtheit darin steckt.

Was ist die Zielsetzung der DVD?

Auf der einen Seite stehen das Instrument und die Musik. Es geht auch darum, dass das V-Accordion noch ein Nischen-Instrument ist. Und es gibt leider noch sehr wenige, die es auf hohem Niveau spielen und damit wirklich Musik machen, bei der ich sage: Das hat seine Berechtigung. Das ist etwas komplett anderes, als ein akustisches Akkordeon. V-Accordion-Spieler haben noch nichts Handfestes wie so eine DVD in der Hand. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch einen gewissen Drang zur Selbstverwirklichung. Wie schon gesagt: Ich schreibe Kompositionen für das Instrument, ich fühle mich von ihm inspiriert und möchte das so festhalten, dass die Menschen das zu Hause erleben können.

Sie sehen sich also auch als Botschafter Ihres Instruments?

Ja, ich hoffe, dass ich das Akkordeon allgemein – nicht nur das Digitalakkordeon – über diese Produktion ein bisschen populärer machen kann. Ich merke das schon in meinen Programmen: Da kommen teilweise ältere Menschen ins Konzert, hören rockige Stücke und sind dennoch begeistert, weil sie zuvor im Programm an einem Punkt abgeholt wurden, den sie verstehen konnten. Dadurch werden sie offen für Neues. Auf der anderen Seite kommen junge Leute, die durch Mund-zu-Mund-Propaganda aufmerksam wurden. Die halten oft noch überhaupt nichts vom Akkordeon, sind danach aber restlos begeistert und kommen wieder. Ich glaube, dass da so eine DVD und – ganz wichtig – auch die YouTube-Clips ein weiterer Schritt sein können, um meine Begeisterung für das Instrument weiter zu tragen.

Man spürt ein starkes Promotion-Element. Weiß Roland als Hersteller das zu würdigen?

Ja, Roland unterstützt das Projekt. Ich sehe das aber als Promotion auf mehreren Ebenen: fürs Akkordeon ganz allgemein, für mich als Musiker und natürlich fürs Digitalakkordeon. Die Leute sollen sagen: ‚Wow, das ist total abgefahren! So etwas hätte ich nie von einem Akkordeon gedacht, das wirft ein neues Licht auf dieses Instrument.’ Es wäre schön, ein paar offene Ohren mehr zu finden und ein paar Vorurteile abbauen zu können.

Wann sollen die ersten Ergebnisse Ihrer Produktion zu hören bzw. zu sehen sein?

Im Juli dieses Jahres.

Wer kommt zu Ihren Konzerten?

Bislang: jeder, der mich schon einmal gehört hat. Die Leute kommen zuverlässig wieder, und sie bringen neue Leute mit. Ich bespiele kein typisches Akkordeonpublikum. Mein Problem ist noch, dass ich bei neuen Konzertsälen zwar weiß, dass ich die Leute begeistern kann. Die Frage aber ist: Wie bekomme ich sie erst einmal herein? Mit Promotion-Clips zu arbeiten, ist in dieser Hinsicht mein nächster Ansatz.

Sie sollten ein paar Hits schreiben!

Davon kann man träumen, und vielleicht bin ich mit meinen Kompositionen zu wenig kommerziell orientiert. Ich plane aber natürlich auch nicht den ganz großen Durchbruch, sondern möchte das ausbauen, was ich jetzt schon mache. Ich möchte nachhaltig für die Zukunft etwas aufbauen, keine Luftschlösser bauen.

Sehen Sie sich eher auf der Bühne, oder könnten Sie sich auch vorstellen, die Kunst des Digitalakkordeonspielens als Lehrer zu vermitteln?

Wenn ich merke, dass Menschen meine Musik gefällt und ihr Leben bereichert, wie Musik mich bereichert, dann spielt es für mich keine Rolle, ob das im Unterricht oder auf der Bühne stattfindet. Ich liebe das Bühnenleben und das Forschen, was beim Publikum welchen Anklang findet. Aber ich hatte auch schon erfrischende Unterrichtserlebnisse und freue mich, erworbene Erfahrungen nicht nur auf der Bühne weitergeben zu können, sondern auch im stillen Kämmerchen.