Akkordeonistin Lydie Auvray im Porträt: Vital und kreativ

Die in Köln lebende Französin Lydie Auvray gilt zu Recht als Grande Dame der modernen Akkordeonmusik. Nach fast vier Jahrzehnten Konzerttätigkeit ist sie noch immer voll kreativer Energie und ständig „on tour“. Zudem hat sie gerade eine neue CD produziert.

Lydie Auvray
Vital und modern: Mit ihrem Stil ist und bleibt Lydie Auvray eine feste Größe in der neuen Akkordeonszene. (Foto: Volker Neumann)

Sie gilt als eine der Erneuerinnen der Akkordeonmusik: Als Ende der 1970er-Jahre die Karriere von Lydie Auvray Fahrt aufnahm, wurde das Akkordeon als altbackenes, wenn nicht sogar staubtrockenes Instrument betrachtet. Shanties und Volksmusik eben – im besten Fall noch etwas seichte französische Musette. Doch mit ihrer vitalen Art zu musizieren und mit ihrer modernen Ausrichtung gelang der jungen Französin die Wiederbelebung der Akkordeonmusik.

Gerade junge Menschen waren begeistert von ihrer Mischung aus traditionellem Musette-Stil, kreolischen Elementen und der entsprechenden Prise Jazz und Gipsy. „Ich wollte damals bloß nicht das spielen, was französische Akkordeonspieler machten“, erinnert sich der bis heute erfolgreiche Star, „das war mir alles zu seicht, und die Musette-Walzer waren abgedriftet ins Klischeehafte.“ Stattdessen unterzog sie die Musik einer regelrechten Frischzellenkur. Ein Beispiel: „Spiel bloß nicht so, wie du denkst, dass Tango gespielt werden sollte“, sagte Auvray zu ihrem Schlagzeuger bei einer Studiosession, und empfahl ihm: „Spiel lieber wie The Police!“ Der Erfolg gab ihr Recht: Anders als bei Trends und Modeströmungen dauert die Karriere der Französin nun seit fast 40 Jahren an. Und das, obwohl sie fast nicht zustande gekommen wäre.

Anfang mit Hindernissen

Schon als Kind war Auvray fasziniert vom Akkordeon. Schnell hängte sie den elitären Ballettunterricht, der ihr ohnehin nicht behagte, an den Nagel und stieg um auf das Instrument ihrer Schwester, die sie bald überholte. Noch heute schwärmt sie vom Akkordeonorchester in der Normandie: „Hier spielte sich das Leben ab. Wir waren immer unterwegs, tanzten und hatten Spaß. Wenn wir spielten, dann war das immer eine kleine Show.“ Doch mit der Pubertät kam die Krise: „Ich hatte plötzlich ein Problem mit meinem Akkordeon – es war mir irgendwie zu altbacken“, erinnert sich die Musikerin. „Ich wollte damals viel lieber Gitarre spielen“. Erst als sie nach dem Abitur nach Berlin ging, fand sie zurück zu ihrem Instrument: „Die Freunde, denen ich etwas vorspielte, waren begeistert.“ Immerhin hatte Ende der 1970er-Jahre kaum jemand etwas von
einem Knopfakkordeon gehört. Und Astor Piazzolla oder die Cajun-Musik gab es auch nicht im öffent­lichen Bewusstsein.

Auvray spielte zunächst in Berlin und machte später auch Tourneen durch Westdeutschland. Auftrieb bekam ihre Karriere durch ihr Mitwirken an der LP „Westend“ des Liedermachers Klaus Hoffmann. Über ihn lernte sie auch Hannes Wader kennen, den sie begleitete und über dessen Plattenfirma sie ihre kommenden LPs produzierte. Mittlerweile hatte Auvray auch begonnen zu komponieren. Für ihre erste eigene Scheibe „Premiere“ (1981) hatte sie einige Freunde im Studio zusammengetrommelt. Es folgte die künstlerische Zusammenarbeit mit Musikern wie Stefan Stoppok, Stefan Remmler (Trio) und Georg Danzer. Auvray schrieb Songs für Senta Berger, musizierte mit Peter Maffay und wirkte in zahlreichen Fernsehsendungen mit (u.a. „Sendung mit der Maus“, „Mannsbilder“). Begleitet wird sie bei eigenen Produktionen von ihrer Band „Auvrettes“, die sie 1982 gründete.

Keine musikalischen Grenzen

So vielfältig sich die Liste der Stars liest, mit denen Auvray arbeitete, so vielfältig sind ihre musikalischen Facetten. Grundlage dafür ist auch eine gute Portion Neugier und Offenheit. „Ich bin keine Jazzerin“, beschreibt sie sich selbst, „aber ich hab da immer wieder reingeschnuppert.“ Und auch Pop, Weltmusik und sogar Rap hat sie ausprobiert. „Ich will vor allem authentisch sein mit meiner eigenen Musik“, formuliert sie ihren eigenen künstlerischen Anspruch. „Originale nachzuspielen mag ich dagegen nicht so gerne – das können die Originalinterpreten meist besser.“
Vier Jahre Akkordeonunterricht – ansonsten bezeichnet sich die Normannin als Autodidaktin. „Die Musik hat sich mich ausgesucht“, erklärt sie, „ursprünglich wollte ich Sprachen und Literatur studieren.“ Dass ihr authentischer Stil auch heute noch viele Menschen mitreißt, merkt Auvray in ihren Konzerten. Das Publikum ist gemischt: Treue Fans, die mit der Künstlerin älter geworden sind, stehen neben jungen Leuten, die ihre Musik gerade erst entdeckt haben. Immer wieder hört sie: „Durch ihre Stücke haben wir wieder Spaß am Akkordeon.

Auf der Bühne

Auf der Bühne setzt Auvray auf ihr Pigini Jazz Star. Das Instrument ist eine Einzelanfertigung, wiegt
gerade mal 10 kg und ist in Sachen Ergonomie sehr angenehm zu spielen. Auch das Tonabnehmersystem ist eine Einzelanfertigung: Unter dem Verdeck befindet sich eine Alu-Stange mit fünf Kondensatormikrofonen, die den Tonraum gleichmäßig abnehmen. Ein Kabel führt durch den Balg zur linken Seite, wo sich für den Bassbereich drei weitere Mikros befinden. Ein Stereo-Ausgang sorgt schließlich dafür, dass im Konzert Diskant und Bass vom Mischer getrennt geregelt werden können. Sehr zufrieden ist die Künstlerin mit diesem System, das einen authentischen, ausgewogenen Sound liefert und nebenbei noch wenig anfällig für Feedback ist.

Auch heute ist Auvray voller musikalischer Ideen. Zu hören ist dies auf der pressfrischen CD „Musetteries“. Der Titel ist ein Wortspiel der Künstlerin und verweist auf ihre musikalischen Wurzeln. Auch nach fast 40 Karrierejahren überzeugt sie durch ihre ebenso vitale wie emotionale Spielweise. Und wieder zeigt sich, dass auch ihre aktuelle Musik ein bunter Mix ist aus Java, Gipsy, Tango, Jazzwaltz und vielem mehr – aber wer hätte auch ernsthaft etwas anderes erwartet?