Annette Marquard im Interview: Tipps fürs Singen

Prof. Annette Marquard ist Jazz-/Popsängerin und Departmentchief (Bachelor und Master der Singer/Songwriter) an der Popakademie Mannheim. Zudem ist sie als Dozentin an der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung in Trossingen tätig. Im Interview gibt sie Tipps zum Thema "Besser singen".

 

Annette Marquard bei einem gesangsworkshop der Bundesakademie in Trossingen
Annette Marquard gibt ihr Wissen als Dozentin an der Bundesakademie
für musikalische Jugendbildung in Trossingen und als Departmentchief (Bachelor und Master der Singer/Songwriter) an der Popakademie Mannheim weiter. (Foto: Annette Marquard)

Wieviel Prozent bei einer Stimme sind Talent, wieviel Ausbildung?

Talent und Musikalität sind im Popmusik-Gesang sicher ein starkes Plus. Hinzu kommt das Glück, eine gute, stabile Physiognomie aller Gesangsorgane zu besitzen. Dieses gesamte Paket macht eine Popstimme einzigartig in der jeweiligen Stilistik. Natürlich kommt es darauf an, ob man eigene Songs schreibt und performt oder ob man ein guter, vielseitig aufgestellter Coversänger werden möchte. Dieser Sänger muss sicher viel dafür üben.

Wie wird man ein guter Sänger?

Um ein guter Sänger zu werden, müssen in der heutigen Popmusikgeneration viele Faktoren zusammenpassen – Faktoren, die unter anderem mit dem Genre und Zeitgeist zu tun haben. Dann stellt sich die Frage: Reicht das Talent aus? Oder muss an bestimmten Dingen, die das Große und Ganze rund machen, gearbeitet werden.

Wie wird man intonationssicher?

Es gibt viele Übungen, um das musikalische Ohr zu trainieren: Zum einen übt man über Intervalle die Tonsicherheit, zum anderen trainiert man den hinteren Teil der Zunge über Flexibilität und Schnelligkeit, damit die Zunge dann in Kombination mit dem Ohr sauber arbeiten kann. Die schnellste und einfachste Übung ist, die Ohren zu massieren, das regt die Durchblutung an und fördert das saubere Hören und die Konzentration.

Wie lernt man gekonnte Phrasierung?

Durch Nachmachen und Übungen, die man auf Tempo erarbeitet. Leider gibt es nicht viel Literatur darüber, da es auch nicht so einfach auszunotieren ist. Doch über amerikanische Literatur lernt man das „Riffen“ und Phrasieren ganz gut.

Wie lernt man entspannt zu singen?

Entspannt und vor allem gesund singen bedeutet ganzheitliches Arbeiten. Yogaübungen und Feldenkrais-Übungen, Rückenschule und Musikkinesiologie tragen dazu bei, dass Rücken- und Nackenpartie entspannt bleiben, da sie den Einhängemechanismus der Heber- und Senkermuskukatur des Kehlkopfes mit beeinflussen. Dies bedeutet: ein verspannter Nacken impliziert verspannte Stimmbänder.

Haben Sie spezielle Tipps zur Atemtechnik?

Anfangs auf jeden Fall Lungenmeridian- und Zentral­gefäss-Übungen, um die Lunge wach zu bekommen. Beim Singen entscheidend sind dann die Stütztechniken. Diese beschreibe ich z.B. in meinem Buch „Vocal Prac­tice“. Es gibt da schöne Gähnübungen. Mehr Konzen­tration braucht es z.B. beim stimmlosen Sprechen von S, Sch und F in Schleife.

Welchen Stellenwert hat Einsingen, und welches sind Ihre bevorzugten Übungen dabei?

Einsingen ist für mich ein sehr umstrittenes Thema. Mancher Sänger braucht es, andere weniger. Ich halte persönlich mehr von Körperübungen und leichten Atem- und Summübungen. Mir ist beim Singen wichtig, dass ich meinen Körper konzentriert, fokussiert und gesund am Start habe. Braingym- und Yogaübungen in der unmittelbaren Vorbereitung bringen Ruhe und eine gute Grundspannung.

Welche Rolle spielt das verwendete Mikrofon?

Das Mikrofon und die richtige Mikrofontechnik ist ein wichtiger Teil meines Instruments. Je nach Musikrichtung, Stimmsound und Bandbesetzung wählt man dafür das passende Mikrofon aus. Nicht zu unterschätzen sind die Gegebenheiten im Probenraum und auf der Bühne. Monitoring – klassisch oder In-Ear – sind ebenso entscheidend bei der Wahl des Mikrofons.

Welche Fehler machen Amateure am häufigsten?

Da gibt es einige: Es beginnt bei schlechten Proberaumbedingungen und geht über schlechte Mikrofone und schlechte Gesangsanlagen. Mancher Sänger singt über seine mögliche Range hinaus und überlastet die Stimme. Auch Coversänger, die unbedingt wie das Vorbild klingen wollen, überlasten oft ihre Stimme. Ganz oft findet man falsche Atemtechnik. Zu viel und zu laut reden schadet der Stimme längerfristig. Bei Husten oder starken Halsschmerzen trotzdem zu singen, ist Gift für die Stimme.