Celviano Grand Hybrid: Casio kooperiert mit Bechstein

Mit dem Celviano Grand Hybrid, entstanden in Kooperation mit C.Bechstein, drängt Casio vehement in die Premiumklasse der Digitalpianos. Eine groß inszenierte Produktvorstellung in Berlin bot die Möglichkeit zur ersten Kontaktaufnahme mit den neuen High-End-Pianos.

Pressekonferenz
Pressekonferenz im Stilwerk Berlin: Hiroshi Nakamura, Mitglied der Casio-Geschäftsleitung, würdigt die Zusammen­arbeit mit dem Piano-Hersteller C. Bechstein. (Foto: Karl Stechl)
GP500 und GP300
Das Celviano Grand Hybrid gibt es in zwei Varianten. Das GP-500 (rechts) bietet neben Hochglanzlack noch differenziertere Saitenresonanzen als das GP-300. (Foto: Casio)

Tischhupe war vorgestern, heute nimmt Casio die Premiumklasse ins Visier: Mit dem Celviano Grand Hybrid will der japanische Hersteller die besten Eigenschaften digitaler und akustischer Pianos in einem Instrument vereinen. Damit sollen neue, qualitätsorientierte Zielgruppen erschlossen werden – vom ambitionierten Hobbypianisten bis zum Musikstudenten, vom hoffnungsvollen Klavierschüler bis zum Profi-Pianisten.

Für dieses Projekt hat sich Casio den deutschen Klavierhersteller C.Bechstein ins Boot geholt. Keine Selbstverständlichkeit, denn bei Bechstein habe man dieses Ansinnen zunächst skeptisch beurteilt, erzählt CEO Karl Schulze im Rahmen einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Casio im Stilwerk Berlin. Die Entscheidung für die Zusammenarbeit sei aber gefallen, als man erkannt habe, auf welchen Fundus an Wissen um digitale Klangerzeugung man bei Casio aufbauen könne.

Seit 35 Jahren produziert Casio elektronische Musikinstrumente, mehr als 83 Millionen davon wurden bisher unters Volk gebracht. Im Digitalpiano-Markt hat sich der Hersteller mit zwei Serien etabliert – zum einen mit den Privia-Modellen, die mit ihrem kompakten und modernen Design dem Wunsch nach Mobilität entgegenkommen, zum anderen mit den Celvianos als klassischen Homepianos. Mit dem Celviano Grand Hybrid, erhältlich in Klavierlack-Optik (GP-500PB) und Mattschwarz (GP-300), will Casio nichts weniger als „ein neues Kapitel der Piano-Geschichte“ schreiben. Was bietet das Instrument aus technischer Sicht, um diesem Versprechen gerecht zu werden?

Pressekonferenz 2
Neben Casio-Chef Kazuhiro Kashio (1) sprachen bei der Pressekonferenz auch Entwicklungsleiter Hitoshi Ando (2), Martin Moritz (3), Marketing Manager EMI, und C.Bechstein-Geschäftsführer Karl Schulze (4). Der britische Pianist Benjamin Grosvenor (5) lobte unter anderem das Anschlagverhalten der Tastatur. (Fotos: Karls Stechl)

Neu entwickelte Holztastatur

Will man gute Pianisten für ein Digitalpiano gewinnen, sollte dessen Tastatur den Wechsel vom digitalen zum akustischen Instrument (und zurück) so leicht wie möglich machen. Bei der Klaviatur des Grand Hybrid handelt es sich um eine Neuentwicklung von Casio, mit der sich die Eigenschaften einer Konzertflügeltastatur nahezu vollständig simulieren lassen. Die Tasten bestehen wie bei einem Bechstein-Flügel aus Fichtenholz und haben die gleiche Länge – eine wichtige Voraussetzung für nuancenreiches Spiel. Auch Finish und Haptik entsprechen den Originaltasten. Drückt man eine Taste, so wird tatsächlich ein Hammer nach oben bewegt. Und öffnet man den Gehäusedeckel, so kann man die Bewegung der Hämmer durch ein Plexiglasfenster sogar sehen. Spürbar ist auch ein leichter Druckpunkt, der sich beim akustischen Flügel durch das Abrutschen des Stößels von der Hammerrolle ergibt. Drei Tastensensoren bieten die Voraussetzung für authentisches Spielverhalten: Man kann eine Taste auch in den klingenden Ton hinein erneut anschlagen.

Alles in allem bietet die Tastatur ein hervorragendes Spielgefühl, das auch einen Konzertpianisten zufrieden stellen kann. Bei der Pressekonferenz lobte der britische Pianist Benjamin Grosvenor die Ansprache der Tastatur und unterstrich dies durch ein einleitendes Stück im hauchzarten Pianissimo. Später dann, im Rahmen einer Abendgala, kommentierte die venezulanische Pianistin Gabriela Montero auch die mechanische Belastbarkeit der Tastatur. „Ich stelle fest: sie ist ganz geblieben“, meinte sie augenzwinkernd nach ihrem Konzert mit freien Improvisationen, die immer wieder in Fortissimo-Passagen mündeten.

Auch im direkten Vergleich mit einem Bechstein-Flügel, nur wenig verstärkt über das PA-System, machte das Celviano Grand Hybrid eine gute Figur. Auf dem Bechstein spielte Montero zuerst ein Impromptu von Schubert, bevor sie sich endgültig der digitalen Klangerzeugung anvertraute. Der junge Jazzpianist Jacob Collier – Altmeister Quincy Jones bezeichnet ihn als „absolutely mind-blowing“ – nutzte die Tastatur bei „I wish“ von Stevie Wonder auch für E-Piano-Klänge.

Jacob Collier
Der britische Newcomer Jacob Collier überzeugte bei der Casio-Gala mit Spielwitz und eigenwilligem Gesang. Zudem ließ er am Celviano Grand Hybrid auch E-Piano-Klänge hören. (Foto: Clemens Bilan / Getty Images for Casio)

Naturtreue Klangwiedergabe

Klangliches Aushängeschild der Casio-Bechstein-Kooperation ist der Sound „Berlin Grand“, für den ein Bechstein D282 gesampelt wurde. Der Cheftechniker von Bechstein, Werner Albrecht, flog dafür extra nach Japan, um in der Entwicklungsabteilung bei Casio den gesamten Prozess der Soundentwicklung zu begleiten. Das Ergebnis sei – so Casio – ein „eleganter Klang“ und ein „klares Tonspektrum über den gesamten Bereich“. Den zweiten verfügbaren Pianosound nennt der Hersteller „Hamburg Grand“: Steinway lässt grüßen. Casio charakterisiert diesen Klang als „brillant und satt mit ausgeprägten Saitenresonanzen“. Dritter im Bunde ist der „Vienna Grand“, ein Konzertflügel „mit einem warmen und majestätischen Klangbild für sanftes wie kraftvolles Spiel“. Da könnte man glatt an Bösendorfer denken, und so ist es wohl auch gemeint.

Was beim Anspielen des „Hamburg Grand“ auffiel: Im Mezzoforte zeigte sich der Klang weicher als erwartet; die für ihn typische Brillanz entfaltete sich erst, wenn man mit Verve in die Tasten langte. Möglicherweise ein kleiner Kunstgriff, um den großen Dynamikumfang noch stärker hervorzuheben. Beim „Berlin Grand“ war dieser Effekt jedoch kaum auszumachen: Im Piano und Mezzoforte klang er brillanter, der Übergang zum Forte und Fortissimo gestaltete sich noch harmonischer. Das mag wie­derum daran liegen, dass man der Gesamtabstimmung des „Berlin Grand“ wohl überdurchschnittlich viel Zeit und Sorgfalt gewidmet hat.

Gabriela Montero
Die venezulanische Jazz­pianistin Gabriela Montero spielte erst an einem Bechstein-Flügel Schubert, bevor sie zum Celviano Grand Hybrid wechselte, wo sie mit virtuosen Improvisa­tionen quer durch alle Stilrichtungen glänzte. (Foto: Clemens Bilan / Getty Images for Casio)

Saitenresonanzen und Raumklang

Für die Natürlichkeit des Klangs sorgt der „Akustische Simulator“ mit 11 Parametern, die sich – wenn zugeschaltet – in zehn Stufen einstellen lassen. Dazu gehören Saitenresonanz (beim GP-500PB zusätzlich Aliquot- und Leere-Saiten-Resonanz), diverse Tasten- und Pedalgeräusche, „Lid-Simula­tion“ (Klangänderung durch vierstufiges Öffnen des Gehäusedeckels) und „Hammer Response“ (zeit­licher Versatz zwischen Tastenanschlag und Erklingen der Saite). Auch das tastenweise abgestimmte Ausklingverhalten sorge für eine lebendige Spiel­akustik, verspricht der Hersteller.

Insgesamt sechs eingebaute Lautsprecher, von denen zwei nach oben und vier nach unten abstrahlen, sollen die Abstrahlcharakteristik der Ober- und Unterseite des Resonanzbodens eines akustischen Flügels simulieren. Auf einen mittels Transducer zum Schwingen gebrachten Resonanzboden hat man dagegen verzichtet. Sinngemäß erklärte Hitoshi Ando, Entwicklungsleiter bei Casio Electronic Musical Instruments, auf Nachfrage: Man habe diesen Weg gewählt, weil sich das Klangverhalten des Instruments alleine mit Lautsprechern einfacher kontrollieren lasse.

Nova Meierhenrich mit Heiner Lauterbach
Moderatorin Nova Meierhenrich mit Heiner Lauterbach, der sich auf der Casio-Gala nicht nur als versierter Amateurpianist, sondern auch als Entertainer zeigte: Er spielte Filmmusik-Motive an – die Gäste durften raten. (Foto: Karl Stechl)

Weitere Optionen

Das Scene-Feature des GP-500BP soll einen optimalen Klang für jedes Stück bieten. Über 15 voreingestellte Szenen ermöglichen die akustische Darstellung verschiedener Epochen der Musikgeschichte. Mit diesen zahlreichen Settings soll es möglich sein, im Stil verschiedener Komponisten und diverser musikalischer Genres zu spielen. In den Voreinstellungen finden sich die entsprechenden Pianoklänge, der geeignete Hall und die passenden Effekte für das jeweilige Stück. Es besteht auch die Möglichkeit, eigene Klangszenen zu erstellen und zu speichern.

Die Concert-Play-Funktion soll das Gefühl vermitteln, mit einem Orchester zu spielen. Dafür stehen Live-Aufnahmen eines Orchesters bereit. Das Klangsystem liefert die komplette Orchesterbegleitung, zu der man als Solopianist spielen kann. Damit das Üben leichter fällt, lässt sich das Tempo der Concert-Play-Stücke verlangsamen. Neben der Vor- und Rückspulfunktion ist eine Wiederholung ausgewählter Abschnitte möglich.

Der Hall-Simulator soll den Spieler an besondere Spielorte versetzen: Mit dem Hall-Simulator könne der Pianist auf die akustischen Eigenschaften bekannter Spielstätten wie z.B. „Amsterdam Church“ zugreifen, verspricht Casio. Die Grand-Hybrid-Modelle GP-500BP und GP-300 geben dem Spieler außerdem die Möglichkeit, aus verschiedenen Zuhörerpositionen im Saal zu wählen, um so verschiedene Klangeindrücke auszuprobieren.

Statement

Werner Albrecht

Werner Albrecht, Cheftechniker bei C. Bechstein, über den Unterschied zwischen akustischem Flügel und Digitalpiano: „Für mich als Klavierbauer bleibt der akustische Flügel in einem Konzertsaal das Maß der Dinge – so wie es einen Unterschied macht, ob man ein schönes Foto eines Sonnenuntergangs vor sich hat oder das Ereignis vor Ort mit allen Sinnen erlebt. Die Fragestellung bei unserer Zusammenarbeit mit Casio war: Wie nah kann ein Digitalpiano einem C.Bechstein-Flügel im besten Fall kommen, was Spielgefühl, Anschlagverhalten und Klang anbelangt? Das war und ist immer noch eine faszinierende Reise. Das Casio Celviano Grand Hybrid ermöglicht eine große dynamische Bandbreite. Das ist etwas sehr Spezielles und bei anderen Digitalpianos nur selten zu finden. Und zwar betrifft das nicht nur die möglichen Lautstärke-Abstufungen, sondern auch die Änderungen in der Klangfarbe – etwas sehr Wichtiges, um musikalische Vorstellungen an einem Piano ausdrücken zu können.“