Cord Brandis, Produktmanager bei Roland, im Interview: Digital proben

Cord Brandis von der Firma Roland erklärt, wie sich die für Außenstehende lästige Geräuschentwicklung beim Proben minimieren lässt: digitale Bandprobe heißt das Konzept.

Cord Brandis
Cord Brandis: „Für die meisten Musiker ist die hohe Probenlautstärke ein leidiges Problem.“ (Foto: Roland)

Wie kam es zur Idee der digitalen Bandprobe?

Die grundsätzliche Möglichkeit existiert, seit es digitale Instrumente der benötigten Instrumenten-Kategorien in guter Qualität für den „normalen“ Musiker gibt – dazu gehören E-Drums und digitale Vorstufen bzw. Effektgeräte für Gitarre und Bass. Aber erst mit einem „Bindeglied“ wie dem HS-5 Session Mixer lässt sich die Idee fachgerecht und ohne großen Aufwand in die Tat umsetzen.

Wie lässt sich digitale Bandprobe kurz erklären?

Die Instrumente werden über ein digitales Kopf­hörer-Mischpult zusammengeschlossen und die Signale an alle Musiker mit individuellen Mischverhältnissen ausgegeben. Die Proben können mit dem Kopfhörer-Mischpult und über USB mit einem Rechner aufgezeichnet werden. Der Dozent/Lehrer kann die Proben begleiten und als Coach Tipps für die Bandprobe geben. Das Proben mit Hilfe von Kopfhörern ist für Außenstehende kaum störend – im Gegensatz zu einer Musikprobe mit Akustik-Schlagzeug und Verstärkern.

Welche technischen Voraussetzungen sind nötig?

Man benötigt dafür die gewünschten digitalen Instrumente, das Kopfhörer-Mischpult Roland HS-5, für alle Teilnehmer jeweils einen Kopfhörer, einen USB-Stick für die Aufnahmen sowie die erforder­lichen Kabel. Als Option empfiehlt sich pro Teilnehmer eine Breakoutbox mit Anschlüssen für das Instrument und ein Mikrofon.

Was muss man dafür in etwa investieren?

Wenn man das nachfolgend aufgeführte Equipment zugrunde legt, sollte man eine Summe ab etwa 4000 Euro einkalkulieren. Eine Komplett­lösung, z.B. für eine Musikschule, würde neben einem HS-5 plus Stativ jeweils fünf Kopfhörer und Multicore-Boxen umfassen, also Verlängerungen mit diversen Anschlüssen vom HS-5 zum Musiker, dazu Instrumente wie Bass, Gitarre und Keyboard, ein V-Drum-Set TD-1K/TD-1KV, ein Mikrofon mit Ständer und Effektgerät sowie ein Monitorverstärker zum Abhören über Lautsprecher.

Und was müsste eine bereits gut ausgestattete Band für das digitale Proben investieren?

Im Wesentlichen den Preis für den HS-5 Session Mixer – also um die 590 Euro. Und wenn der Drummer noch kein E-Drum-Set hat, wäre das Roland TD-1K/TD-1KV mit knapp 500 Euro eine günstige Option.

Wie viele Musiker können teilnehmen?

An einen HS-5 Mixer können bis zu neun Teilnehmer angeschlossen werden – fünf Instrumente und vier Mikrofone. Durch Zusammenschließen von zwei HS-5 verdoppelt sich die Anzahl der möglichen Teilnehmer einer digitalen Bandprobe.

Wie läuft eine digitale Bandprobe ab?

Ein Fallbeispiel aus einer Musikschule: Der Unterricht beginnt damit, dass die Schüler das Set unter Aufsicht aufbauen und eine Funktionsprobe durchführen. Der Lehrer gibt dann Anweisungen für das zu probende Musikstück. Während der Probe kann er sich mit einem Headset andocken, die Probe abhören und Hinweise geben. Die Band nimmt dann die Probe direkt auf dem am Mixer angeschlossenen USB-Stick auf. Nach Abschluss der Aufnahme wird eine Kopfhörerpause eingelegt, dann die Aufnahme über ein am Mixer angeschlossenes Verstärkersystem abgehört. Am Ende der Unterrichtstunde wird das Bandset von den Schülern abgebaut und ordnungsgemäß verstaut.

Welche Vorteile bietet die digitale Bandprobe?

Dass man z.B. die eigenen Signale und die der Mitmusiker sehr klar wahrnimmt. Analytisches Hören wird gefördert und damit auch die Diskus­sion darüber, welche Passagen verstärkt geprobt werden müssen. Ebenfalls willkommen ist die direkte Aufnahme des Gespielten auf einen USB-Stick, um die Probe bzw. mehrere Versionen einer Passage nach der Spielphase abzuhören. Oder die Op­tion, einzelne Instrumentenparts über USB als individuelle Spuren mit einem Rechner aufzuzeichnen. Weitere Vorteile: der geringe Platzbedarf für ein Band/Ensemble-Set sowie das schnelle Auf- und Abbauen der Instrumente.

Welche Umstellung erfordert dieses Procedere?

Eine Voraussetzung ist, dass sich die Musiker darauf einlassen, auf digitalen Instrumenten und mit Kopfhörern zu spielen. Nicht jeder Drummer ist auf Anhieb davon begeistert, ein digitales Drum-Set zu verwenden; erst wenn er über seinen Schatten springt, wird er die Vorteile der digitalen Bandprobe zu schätzen wissen. Aber auch für viele Gitarristen und Bassisten ist es eine Umstellung, ohne Verstärker zu spielen. Nebenbei bemerkt: Für einen Studio-Profi wäre das selbstverständlich.

Das Ende der Probenraum-Romantik?

Romantisch sind Probenräume wohl nur bei verklärender Betrachtung. Für die meisten Musiker ist die hohe Lautstärke beim Proben ein lästiges Problem; es belastet das Gehör und sorgt für Stress unter den Beteiligten. Das digitale Bandset ermöglicht wesentlich entspannteres Üben.

Welche Rückmeldungen haben Sie bisher?

Wir haben viele Pilotprojekte mit Bands durchgeführt. Zu den Kernaussagen gehören: „bisher nicht gekanntes Klangerlebnis“, „präzise Signalwahrnehmung aller Musiker untereinander“ und „angenehmes Spielgefühl durch die individuelle Einstellung der Lautstärken der Instrumente/Mikrofone untereinander“.

Welche positiven Folgen sind – abgesehen von der geringeren Geräuschentwicklung –  zu erwarten?

Zu einen, dass bestimmte Musikproben überhaupt stattfinden können. Negative Gegenbeispiele: das Einstellen der Musikproben an einer Musikhochschule im Sommer, weil bei geöffneten Fenstern die akustischen Instrumente zu laut waren und es bei geschlossenen Fenstern im Raum zu heiß wurde. Positiv auch die erweiterte Ausbildung der Teilnehmer in Sachen Technik: Der Drummer lernt, ein digitales Drummodul zu programmieren, der Gitarrist/Bassist muss sich intensiver mit seinem Vorverstärker bzw. Effektgerät auseinandersetzen. Und alle lernen, den Mixer zu bedienen.

Welche Vorteile ergeben sich für den Instrumentalunterricht an Musikschulen?

In Musikschulen schafft die Digitale Bandprobe neue Möglichkeiten, den Unterrichts zu organisieren. So können etwa in einem Raum – auch wenn dieser nicht schallgedämmt ist – mehrere Bandsets aufgebaut und parallel genutzt werden. Der Vorteil liegt auf der Hand: Mehr Musiker als bisher können das vorhandene Raumangebot nutzen.

In die Zukunft geschaut: Welche künftigen Perspektiven sehen Sie für digitale Bandproben?

Die digitale Bandprobe wird neue Standards für Musikproben setzen, bei denen es nicht nur um das Training am Instrument geht, sondern auch um die technische Ausbildung mit Blick auf Mischpulte, Effektgeräte und Sound Design. Die Teilnehmer lernen dabei, das Setup so zu kon­trollieren, dass sie sowohl die Musik als auch den Sound selbständig weiter entwickeln.