Der Mann hinter dem Helene-Fischer-Sound: Christoph Papendieck im Interview

Nur Insider wussten bislang, dass Christoph Papendieck als Musical Director das deutsche Pop-Phänomen Helene Fischer maßgeblich geprägt hat. Wie es dazu kam, welche musikalischen Erfahrungen ihm dabei halfen, erzählte er Detlef Gödicke am Vorabend der neuen Live-DVD-Produktion der „Farbenspiel-Tour“.

Christoph Papendieck
Christoph Papendieck: „In Helene Fischers Publikum sind jetzt wahnsinnig viele junge Leute“ (Foto: Lars Grötzinger)

War Musik schon immer Ihr Ding?

Ich stamme aus einer musikalischen Familie. Wir hatten ein Klavier zu Hause, ich bekam Posaunen- und Klavierunterricht in der Musikschule und fing schon als Teenager an zu komponieren und zu arrangieren. Meine Eltern haben mich beim Thema Musik immer vorbildlich unterstützt.

Ihr erstes elektronisches Tasteninstrument?

Das waren ein Roland RD-300 Stagepiano und danach ein Roland D-50 – zugleich die ersten Instrumente, die ich mir von meinem ersten selbstverdienten Geld durch Musikunterricht und erste Gigs mit 19 Jahren gekauft habe. Ich sah in den Probenräumen der Bands immer diese fantastischen Sachen wie Fender Rhodes, Roland Super Jupiter oder Oberheim-Synthesizer rumstehen, zum Teil sehr kompliziert zu bedienen. Leider ist die analoge Synthie-Zeit etwas an mir vorbeigegangen.

Später haben Sie dann Musik studiert.

Um genau zu sein: Schulmusik in Detmold mit dem Hauptfach klassische Posaune. Nebenbei war ich in Bandprojekte involviert und machte zum Leidwesen meines Professors viel Pop- und Jazzmusik. Mit 21 Jahren bekam ich das Angebot für einen Aushilfsjob als Keyboarder bei Al Bano & Romina Power. Von da an wusste ich, was ich in Zukunft machen wollte, und brach das Studium ab. Es war ohnehin nur Alibi, und mein Ansatz an der Posaune ist mittlerweile völlig weg. Die Erfahrung mit dem Instrument hilft mir allerdings beim Arrangieren von Bläsersätzen.

Wie hieß Ihre erste Band?

Sie nannte sich „Slapjack“, eine westfälische Funk-Band, wir spielten nur eigene Kompositionen. Der WDR wurde irgendwann auf uns aufmerksam, wir gewannen mehrere Band-Wettbewerbe und bekamen beim WDR sogar die Möglichkeit zu Studio-Aufnahmen – eine großartige Erfahrung.

Wie kamen Sie zu Jean Michel Jarre?

Mitte der 90er-Jahre begann ich ein Projekt mit dem Techno-DJ Pascal Feos aus Frankfurt, der Depeche Mode und Sven Väth Remixe gemacht hatte – und für Jean Michel Jarre. Dieser hatte vor seiner Oxygen-Europatournee gerade seinen E-Bassisten vor die Tür gesetzt, wollte die Stelle mit einem Synth-Bassisten besetzen und fragte Pascal, ob er jemanden für den Job kennen würde.

Jean Michel Jarre fragte also ausgerechnet einen DJ nach einem Musiker?

Ich war damals der einzige Musiker, den Pascal überhaupt persönlich kannte. Und er empfahl mich wärmstens für den Job, obwohl ich noch nie Synth-Bass gespielt hatte. 10 Minuten, nachdem Pascal mich informiert hatte, rief tatsächlich Jean Michel bei mir an.

Wie entwickelte sich das Gespräch?

Ich flachste ihm von meinen „langjährigen Erfahrungen“ als Synth-Bassist vor, wurde daraufhin von ihm eingeladen, spielte vor und hatte den Job. Dabei halfen mir natürlich die Erfahrungen und der Kontakt zur Techno- und Dance-Scene. Ich verstand immer sofort, was er wollte, wir ergänzten uns hervorragend. Ich spielte bei ihm ausschließlich die Bassparts, live auf dem legendären Umhänge-Keyboard Yamaha KX-1.

Wo wurde geprobt?

Wir probten in einer großen Halle, ich hatte zu Hause noch zusammengetragen, was ich zu benötigen meinte, auch ein paar analoge Geräte, wie z.B. einen Studio Electronics SE-1, der mir für Tiefbässe von einem Kollegen empfohlen wurde, dazu Akai- und Emu-Sampler. In der Proben-Halle standen unglaublich viele Keyboards rum, und wir Keyboarder durften uns daran ausprobieren, später dann bei ihm zu Hause in seinem Studio.

Wie lernten Sie Gary Wallis aus London kennen?

Gary, der ehemalige Schlagzeuger von Pink Floyd, kam für das Millennium-Konzert von Jean-Michel Jarre in Ägypten vor den Pyramiden von Gizeh zur Band. Wir sind seitdem eng befreundet, und ich arbeite bis heute mit ihm sehr intensiv zusammen. Er war es auch, der mich Anfang 2000 in London in die damalige Szene einführte, und so habe ich auf vielen Produktionen dieser Drum-and-Bass-Zeit Synth-Bass gespielt.

Können Sie da noch mehr ins Detail gehen?

Wir waren zu viert: Gary als Drummer, ich als Synth-Bassist, Toby Chapman als Keyboarder und der dänische Gitarrist Pete Honore. Wir wurden ab 2000 für etwa fünf Jahre die „Haus-Band“ für viele der englischen Boy- oder Girl-Formationen, wie z.B. Atomic Kitten, Westlife, GirlsAloud, Blue oder Mitglieder der Spice Girls – live und im Studio. Übrigens sind drei Mitglieder der damaligen Crew auch bei der aktuellen Helene-Fischer-Produktion dabei; so lange hält diese Freundschaft schon.

Spielen Sie auch Akkordeon?

Ich musste für Helene bei einer Playback-Show hier in Hamburg Akkordeon spielen, hatte aber nie zuvor ein Instrument umgehängt. Zur Vorbereitung auf die Show nahm ich das Instrument mit ins Schlafzimmer und bekam nach 15 Minuten Ärger mit meiner Familie – mit dem Hinweis, mein Spiel wäre ja wohl unerträglich.

Konnten Sie Ihr Spiel mittlerweile verbessern?

Ja, doch. Auf der diesjährigen Sommer-Tour von Tom Jones sollte ich auch Akkordeon spielen, hab’ mich damit beschäftigt und mittlerweile richtig Spaß daran entwickelt. Am Ende der Tour spielte ich bei mehreren Songs Akkordeon.

Hatten Sie während Ihrer Londoner Zeit noch Kontakte nach Hamburg?

Ja, ich hatte meine Wohnung in Hamburg und lernte meine Frau in London kennen; sie lebte dort in ihrer eigenen Wohnung. In Hamburg gab es noch meinen Sohn aus einer früheren Beziehung, den ich auch regelmäßig sehen konnte – so zog relativ bald meine jetzige Frau zu mir nach Deutschland. Wir haben zusammen auch einen Sohn, der jetzt fünf Jahre alt wird.

2010 war für Sie ein entscheidendes Jahr. Warum?

Das fing schon 2009 an. Ich wurde für Tom Jones engagiert, und wir machten anschließend eine ausgiebige Welt-Tournee. Anfang 2010 wurde mein zweiter Sohn geboren; ich war drei Monate lang überall auf der Welt, nur nicht zu Hause, und meine Frau war darüber genauso unglücklich wie ich. Hinzu kam, dass durch die Finanzkrise das Englische Pfund, mit dem ich für meine Arbeit bezahlt wurde, gegenüber dem Euro so viel an Wert verloren hatte, dass ich viel weniger verdiente. Ich saß verzweifelt in Sydney im Hotel und wünschte mir nichts mehr, als wieder im „Euro-Raum“ arbeiten zu können und meiner Familie näher zu sein.

Was passierte dann?

Am selben Abend bekam ich einen Anruf von Thomas Schmitt, dem Produktionsmanager von Helene Fischer, die ich damals überhaupt nicht kannte. Thomas hatte mich schon oft in den Jahren zuvor in England angerufen, um mich als musika­lischen Direktor für diverse Schlager-Tourneen in Deutschland zu engagieren. Ich hatte immer ab­gelehnt, da ich in England weitaus spannendere Dinge zu tun hatte. Er sagte, er wolle es einfach mal wieder versuchen, und ich würde wahrscheinlich wieder nein sagen. Er sprach von einer Tournee im Herbst 2010 mit 55 Terminen in Deutschland – danach habe ich nicht mehr weiter zugehört, sondern sofort gesagt: mach’ ich!

Wie war Ihr erster Eindruck von der Musik von Helene Fischer?

Das Management ließ mir DVDs nach Australien zuschicken, ich fand das Material mächtig angestaubt. Sie wollten das moderner haben, und ich sah meine Chance, einen anderen Ansatz einzubringen. Dadurch konnte ich endlich auch wieder mehr in Deutschland arbeiten. Die Arbeit mit Helene ist mittlerweile ein zentraler Bestandteil meiner Tätigkeit geworden.

 

Christoph Papendieck mit Helene Fischer
Exponierte Stellung: Christoph Papendieck mit Helene Fischer auf einem „Aussichtsturm“ gegenüber der Bühne mit Großleinwand. (Foto: Sandra Ludewig)

Wann hatten Sie ersten Kontakt zu Helene Fischer selbst?

Sie rief mich noch in Australien an, denn als „treue Seele“ wollte sie eigentlich nicht ihre Band wechseln.

Mussten Sie das denn veranlassen?

Ich sagte ihr am Telefon, dass ich das, was von mir erwartet wird, nur mit meinen eigenen Leuten umsetzen kann. Kurioserweise kannte ich ihren Keyboarder, der dann auch in der Band blieb, aber ich musste bei meinen Vorgaben nach anderem Sound und anderem Design leider die ohne Zweifel gute Münchner Szene als Musiker komplett austauschen: neue Leute, neuer Spirit, eine komplette Erneuerung.

Was wollten Sie bei Helene Fischer anders machen?

Ich kam frisch zurück aus der englischen Pop-Welt und sagte der Produktions-Crew von Helene: Alles muss internationaler klingen, nicht so „typisch deutsch“, dazu Helene als junge Frau. Dann kamen Choreografen dazu, die tänzerische Elemente einer modernen Pop-Produktion einbringen sollten, wie ich das in England gelernt hatte. Ich hatte mit meinen Ideen nichts zu verlieren und habe das Projekt „Helene Fischer“ 2010 quasi einmal komplett „durch den Wolf gedreht“.

Wie fanden Sie damals die Kompositionen?

Ich fand die Live-Arrangements zu altbacken. Das musste moderner klingen in allen Bereichen. Wir haben das in ein völlig neues Licht gerückt, und Helene fand unsere Arbeit absolut großartig. Unser Keyboarder dagegen erklärte mich für wahnsinnig und meinte, mit den neuen Arrangements würden uns die Leute reihenweise davonlaufen.

Und – sind die Leute weggelaufen?

Nein, ganz im Gegenteil. Es hat gut funktioniert, weil ich die Melodien und Texte nie verändert habe. Das Publikum konnte immer mitsingen, besonders die älteren Gäste. Denen fiel zunächst gar nicht auf, wie stark wir die Arrangements verändert hatten. Sie wollten Helene sehen, die Songs mitsingen, mitklatschen und waren zufrieden.

Wie sehen Sie das aktuelle Publikum?

Der Altersschnitt unseres Publikums hat sich komplett gedreht. Die Leute, die 2010 kamen, sind immer noch da, aber es sind wahnsinnig viele junge Leute dazugekommen. Es scheint so, als hätte Helene Fischer den Spagat von einer „Schlager-Prinzessin“ zu einer echten „Pop-Königin“ geschafft. Sie hat einfach für alle Altersklassen und Genre übergreifend für jeden was dabei; es ist eine lange Show und dennoch über den ganzen Verlauf sehr kurzweilig.

Welche Rolle spielt das Produkt Helene Fischer im neuen Hype für den deutschen Schlager?

Sicherlich spielt Helene eine sehr wichtige Rolle dabei, aber es ist auch die Art und Weise, wie wir ihren Sound verändert haben. Die Leute finden es gut, und der Erfolg gibt ihr und uns letztendlich Recht. Wir machen mittlerweile nicht mehr deutschen Schlager, sondern deutschsprachige Pop-Musik, und viele Kollegen beginnen, auf unseren Zug aufzuspringen.

Wie entstand der Sound von „Atemlos“?

Helene war mit der ursprünglichen Version nicht so glücklich. Ich habe daraufhin in meinem Studio an einem neuen Playback gebastelt. Es sollte moderner und tanzbarer werden. Ich mag diese „Achtel-Keyboardsounds“, wie sie am Anfang zu hören sind und jage alles durch Side-Chain-Kompression. So entstand dann die Version, die auch auf dem Album veröffentlicht wurde.

Gehört für Sie eine Bläser-Sektion in eine Schlager-Produktion?

Ja, live natürlich. Wir haben das konsequent ausgebaut, und ich konnte für die aktuelle Tour die Bläser-Sektion von Tom Jones engagieren. Als Musical Director bin ich für die Zusammenstellung der Band verantwortlich; die Künstlerin und ihr Umfeld lassen mir da freie Hand und finden den Sound mit Bläsern auch cool. In diesem Jahr haben wir sogar zusätzlich ein Streichquartett dabei.

Wie sieht Ihr aktuelles Equipment auf der Bühne aus?

Ich spiele aktuell auf der Tour ein Roland V-Grand Piano, dazu einen Jupiter-80 mit Synth-Tastatur; alle weiteren Sounds bekomme ich über das Programm Mainstage von Apple. Hauptsächlich spiele ich auf der Tour Klavier, mein langjähriger Freund Achim Meier ist ja auch als Keyboarder dabei. Ich gebe gern alle Synth- und Keyboards-Aufgaben an ihn ab, um mich voll auf mein Klavierspiel konzentrieren zu können. Gibt es wie bei „Atemlos“ kein Klavier im Song, spiele ich dann auch selbst Synthesizer, in diesem Fall sogar wieder auf dem Remote-Keyboard KX-1.

Gibt es auf der aktuellen Tour Zuspielungen?

Das einzige, was wir während des Live-Programms zuspielen, sind spezielle Soundeffekte und Loops oder das „Andicken“ der Streicher. Ansonsten sind wir 17 Leute in der Band und können fast alles live darstellen. Und noch etwas: Die Versionen der Live-Show dürfen sich von den Album-Produktionen unterscheiden. Das ist in England und den USA auch nicht anders, in Deutschland aber noch nicht so verbreitet.

Wird der Band ein Klick zugespielt?

Ja, es ist fast alles „geklickt“, die Musiker sind es gewohnt, alle haben In-Ear-Monitoring mit Kopfhörern von Ultimate Ears und in diese wird für das Publikum unhörbar der Klick eingespielt. Das ist zum einen wichtig, da die Licht- und Videoshow timecode-gesteuert abläuft, zum anderen beginne ich mit Helene einige Songs am Klavier ohne die Band, später im Schluss-Refrain wird aber der Streichersatz durch ein Hollywood-Orchester als Zuspielung gedoppelt, dann müssen wir den gesamten Song mit Klick spielen. Ein paar Songs sind auf der aktuellen Tour allerdings komplett ohne Klick.

Was planen Sie für die Zukunft?

Helene bleibt hoffentlich ein wichtiges Projekt, es ist so interessant. Ob alte oder neue Songs, ich bin ständig gefordert, mir etwas Neues zu überlegen, und die Messlatte wird vom Publikum immer höher gehängt. Neben der Arbeit für sie und Tom Jones konzentriere ich mich auf Studio-Produktionen und Songwriting. Meine Freizeit verbringe ich am liebsten mit meiner Familie.