DigiEnsemble: iPad als Orchesterinstrument

Ein Paradebeispiel für das „Mobile Music Making“ kommt aus der Hauptstadt: Das DigiEnsemble Berlin interpretiert klassische Werke, Pop und experimentelle Musik mit dem iPad. Dabei ist man stets auf der Suche nach neuen Spielkonzepten. Wir sprachen mit Matthias Krebs, dem Leiter und Gründer des Livemusik-Projekts.

DigiEnsemble
Volle Konzentration: Teilweise spielen die Musiker mit sieben Apps pro Song am iPad. Bei aufwändigen Projekten übe er bis zu 20 Stunden pro Woche, meint Matthias Krebs.

Das DigiEnsemble Berlin startete als Forschungsprojekt. Wie kam es dazu?

Im Jahr 2009 standen mir als wissenschaftlichem Mitarbeiter des Lehrforschungsprojekts DigMediaL der Universität der Künste Berlin 15 Exemplare des iPod Touch zur Verfügung. Ich wagte ein Experiment: Ich verteilte die Geräte an Musiker, mit der Absicht, dass wir uns regelmäßig treffen, um zu erkunden, ob und wie sich die Musik-Apps zum gemeinsamen Musizieren verwenden lassen. Nach etwa zehn Treffen innerhalb von fünf Monaten kam es zum ersten Auftritt im Rahmen der Transmediale 2011. Im Sommer 2011 gründete ich schließlich das DigiEnsemble Berlin als ein unabhängiges professionelles Projekt. Während der ersten Monate spielten wir sechs Konzerte. Schnell wurden iPads angeschafft, die die iPods größtenteils ersetzten. Für jedes Konzert wurden neue Stücke und teils sehr unterschiedliche Ansätze in der Erarbeitung der Musikstücke gewählt.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit technisch und künstlerisch?

Das Ensemble setzt sich aus Musikern mit ganz unterschiedlichem Background zusammen. Darunter finden sich Kollegen mit professionellen Erfahrungen im Bereich Klassik, Jazz, Pop, Rock bis hin zu elektronischer Musik. Die Besetzung der Instrumentenparts der Musiker ist nicht fest. So spielt etwa der Drummer Puya die Orgel, wenn wir Bach spielen, oder ich als ausgebildeter Opernsänger übernehme die Solotrompete oder die Rhythmus-Rockgitarre.

Welche Musik ist für Ihre Arrangements interessant?

In der Anfangszeit war das Nachempfinden von Musik zentral, mit der sich einzelne Musiker besonders gut auskannten. So entstanden Stücke, die nach einem klassischen Ensemble klingen (Ostinato) oder wir coverten Popsongs (Muse). Parallel experimentieren wir mit den neuen technischen Möglichkeiten, wie dem vernetzten Musikmachen, Sampling oder die Apps als Werkstatt zu sehen, indem wir unsere eigenen Instrumente bauen. Bis heute covern wir Popsongs, setzen uns mit klassischer Musik auseinander, komponieren eigene Stücke und entwickeln installationsartige Musikexperimente, die wir bei exklusiven Gala-Konzerten für Unternehmen wie Siemens oder BMW uraufführten.

Vor welcher Herausforderung stehen die Musiker?

Eine Herausforderung liegt darin, dass wir ja kein Feedback außer dem Ton bekommen, also kein Vibrieren oder Saitenanschlag. Die Kontrolle rein über das Ohr ist frustrierend, wenn man wirklich mit dem Klang arbeiten will. Denn es ist schwer, in der Mischung von sechs bis 14 iPads noch den eigenen Ton herauszuhören. Der Bühnensound und der Mix sind eine riesige Herausforderung. Trotz langer Soundchecks ist die Mischung beim Auftritt immer anders als zuvor, was uns verunsichert. Heute haben wir ein sehr aufwändiges Equipment mit In-Ear-Systemen und persönlichen Mischungen, die jeder selbst noch auf der Bühne justieren kann.

Gibt es auch Herausforderungen durch die Apps?

Schwierig ist es auch, wenn die Musik-Apps bei Updates komplett anders funktionieren und wir umlernen oder sogar andere Apps nutzen müssen. Das passiert bei uns sehr häufig. So sind wir eigentlich ständig auf der Suche nach Alternativen. Teilweise arbeiten wir mit sieben Apps gleichzeitig auf einem iPad. Von einem Song zum anderen dann aber mit sieben anderen Apps. Da müssen also schnell die Apps gewechselt und konfiguriert werden.

Matthias Krebs
Matthias Krebs gründete das DigiEnsemble 2011 als unabhängiges professionelles Projekt.

Welche iOS-Apps kommen zum Einsatz?

In der großen Besetzung mit acht Musikern stehen wir mit bis zu 14 iPads auf der Bühne. Auf jedem Gerät laufen dann jeweils mehrere Klangerzeuger, Effektgeräte, Controller-Apps sowie Apps mit individuell konfigurierter Spieloberfläche. Wir nutzen eigentlich nur Apps, die sich kombinieren lassen. Ärgerlich ist es, wenn sich gute Apps wie DM1 nicht richtig via MIDI-Clock steuern und synchronisieren lassen. Daher verwenden wir allein für Drumbeats sehr viele verschiedene Apps, die alle Stärken oder Schwächen haben: DM1, FunkBox, Stroke Machine, MoDrum, MIDIPatterns, Elastic Drum, Pro MIDI, Beatmaker2, attack, Sector, Protein DK, gnome, Diode-108, WerkBench, DrumPerfect und viele andere – um allein eine Auswahl an DrumMachines zu nennen. Ich selbst verwende häufiger SoundPrism, GeoSynth, bs-16i, AudioBus, Magellan, Loopy, Cubasis, MIDI Designer, Earhoof, guitarism, AUFX:PeakQ, AUFX:Space und andere Effekt-Apps, Thesys, Nave, iFretless Bass.

Wer Geige oder Klavier spielen kann, braucht auf dem iPad kaum oder überhaupt nicht zu üben?

Wie bei anderen Instrumenten muss man auch das Spiel mit Apps üben! Wir Musiker vom DigiEnsemble proben wöchentlich gemeinsam und das nun über Jahre, und wir üben teilweise auch zu Hause oder unterwegs, z.B. in der U-Bahn oder im Flugzeug. Bei aufwändigen Projekten übe ich manchmal 20 Stunden in der Woche. Hinzu kommt, dass wir ja erst noch die passenden Apps finden müssen. Da experimentiere ich manchmal Wochen, bis ich passende Steuermöglichkeiten, passende Klangerzeuger, Soundkartenkonfigurationen gefunden habe. Schließlich muss das ganze Setup dann auf der Bühne sicher zusammen funktionieren. Dann kommt noch ein weiteres Mischpult dazu sowie Kameras, Bühnenshow und Moderation.

Welches Genre lässt sich besonders gut vortragen auf den iOS-Geräten?

Scheinbar liegt es nahe, mit Apps elektronische Musik zu machen. Ich bin mir da nicht so sicher. Denn die Verwendung der Apps und die Produktionsweise von elektronischer Musik unterscheiden sich doch ziemlich grundsätzlich. So berichten einige Elektromusiker, dass sich manche Apps ganz gut machen, um Material und Skizzen zu machen, aber ganze Tracks, Remixe etc. werden dann doch am Computer produziert. Das gleiche erlebe ich bei anderen Musikrichtungen: Auch bei Popmusik sind zahlreiche Apps ganz gut, um Möglichkeiten, Material und Skizzen zu machen, selbst für klassische Kompositionen gilt das. Daher würde ich sagen, dass es bei Musikapps keine besondere Ausrichtung auf einen Musikstil gibt, was wir auch in der Vielfalt unseres Repertoires demonstrieren.

Was kommt beim Publikum besonders gut an?

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Shows überzeugender sind, wenn wir auch Coversongs spielen. Es ist ja für die Leute schon verrückt genug, dass wir ganz normale Smartphones und Tablets in Musikinstrumente verwandeln. So kann das Publikum die Möglichkeiten und Grenzen des Musikmachens mit Apps besser selbst einschätzen, da es die Stücke und den Sound kennt. Besonders für Gala-Events und für YouTube bedienen wir diese Schiene ganz bewusst.