Eliane Elias über den Bossa Nova: Wie ein Musikstil eine Jazzpianistin geprägt hat

Der Bossa sei Teil ihrer DNA, versichert die brasilianische Jazzpianistin Eliane Elias – und wer sie gehört hat, glaubt es ihr. Im tastenwelt-Interview macht sie deutlich, warum sich der Bossa Nova wie ein roter Faden durch ihre Musik zieht, die dennoch von verschiedensten Einflüssen geprägt ist.

Songs wie „The Girl from Ipanema“ wurden von hunderten von Künstlern aufgenommen. Ist es bei solchen Evergreens nicht schwer, eine neue und individuelle Note einzubringen?

Nein, diese Songs sind großartiges Material für kreative Musiker. Sie sind wie Jazz-Standards: Sie geben dir genug Platz, um deine eigenen Ideen einzubringen. Weil sie so tolle Songs sind, haben sich auch viele Musiker daran versucht. Und das Schöne daran ist, dass diese Titel viele Interpretationsmöglichkeiten bieten. Ich weiß, wovon ich spreche: Von „The Girl from Ipanema“ habe ich mittlerweile drei, von „Desafinado“ vier Versionen auf CD veröffentlicht. Und jede Version klingt anders.

Welche Sound-Vorstellungen hatten Sie, als Sie das Album „Bossa Nova Stories“ aufnahmen?

Die Idee war, den Geist des traditionellen und authentischen Bossa Nova einzufangen. Es sollten aber auch zeitgenössischere und modernere Songs auf das Album, um den Leuten zu zeigen, dass man Songs durch einen anderen Rhythmus verändern kann, ohne dem Lied seine Identität zu nehmen. Ein weiterer Impuls für die Zusammenstellung war, dass ich zeigen wollte, wie sehr João Gilberto und Antônio Carlos Jobim von amerikanischen Songwritern beeinflusst waren. Dieses Wechselspiel wollte ich mit dem Album verdeutlichen.

Wie würden Sie Bossa Nova beschreiben, und was verbinden Sie hauptsächlich mit dieser Musik?

Ich bin in Brasilien geboren und mit dieser Musik aufgewachsen. Sie war einfach überall: im Radio, im Fernsehen, auf den Straßen. Der Bossa Nova ist deshalb Teil meiner DNA, meines Lebens. Als ich 17 Jahre alt war, arbeitete ich mit den Songwritern dieser Musik zusammen und lernte so den Bossa Nova von, sozusagen, den Erfindern kennen. Diese Erfahrungen haben mich entscheidend für meine gesamte Karriere geprägt.

Wie würden Sie den Bossa Nova musikalisch beschreiben?

Der Bossa Nova ist eine sehr sinnliche Musik, sehr ansteckend und inspirierend. Im Grunde ist es eine fantastische Kombination aus Rhythmus, Harmonie und Melodie. Musikalisch ausgedrückt: Bossa Nova ist eine Mixtur aus Bebop und Samba. Bebop ist intellektuell und triolisch. Der Samba hat zwar einen ähnlichen Stammbaum, fußt aber auf einem Sechzehntel-Groove. Der Bossa Nova bringt beides auf einen Nenner. Auch wenn diese Musik so leicht und relaxt klingt, fällt auf, dass sich viele Musiker damit sehr schwer tun. Sie verstehen nicht den Rhythmus, die Art der Phrasierung. Wer das nicht verinnerlicht hat, sollte die Finger davon  lassen.

Jobims Musik begegnet man heute fast auf Schritt und Tritt: in Hotelbars, Aufzügen, Shopping-Malls, Chill-Out-Areas. Was, denken Sie, ist der Grund für diese vielfältige Präsenz seiner Kompositionen?

Sie eignet sich einfach für alles: Man kann zu Bossa Nova ein Buch lesen, essen oder auch flirten – alles macht mit dieser Musik mehr Spaß. Deshalb eignet sie sich auch so gut für Hotelbars, wo man nach einem anstrengenden Tag nur noch bei guter Musik entspannen möchte. Ein weiterer Grund dafür liegt in der großen Zahl der Bossa-Nova-Interpreten. Da ist es natürlich unumgänglich, dass auch viele, sagen wir mal, weniger gelungene Interpretationen darunter sind. So mancher möchte sich wohl eher selbst verwirklichen, als eine künstlerisch wirklich wertvolle Aussage zu machen. 

Andererseits sind die Melodien dieser klassischen Bossa-Nova-Kompositionen so vertraut und stark, dass sie selbst weniger talentierte Musiker kaum kaputt machen können. Sehen Sie das auch so?

Jetzt, wo Sie das sagen, muss ich sagen: stimmt! „The Girl from Ipanema“ oder „Waters of March“ trotzen selbst der bescheidenen Kunst eines Dilettanten; die Melodien sind einfach so fabelhaft. Doch letztendlich ist es auch eine Art Vermächtnis. Antônio Carlos Jobim ist 1994 gestorben, und João Gilberto und die anderen Songwriter sind beileibe nicht mehr die Jüngsten. Deshalb sehe ich es als meine Aufgabe, diese Musik am Leben zu erhalten, sie weiterhin zu spielen und sie zeitgemäß aufzuladen. Ich assoziiere mich mit den Menschen, die, wie ich, den Bossa Nova auf authentische Weise interpretieren. Es ist deshalb kein Zufall, dass meine komplette Band aus Brasilien stammt. Sie haben, wie ich, diese Musik im Blut.

Würden Sie ein wenig kommerziellere Musik machen, könnten Sie vermutlich genauso viele Tonträger wie Diana Krall verkaufen. Immerhin gibt es einige Parallelen zu ihr ...

Da haben Sie wahrscheinlich recht: Ja, vermutlich könnte ich auch so viele Tonträger wie Diana Krall verkaufen. Es ist witzig, dass Sie das erwähnen. Denn Diana Krall hat mir verraten, dass ich ihr wichtigstes Vorbild sei. Das war natürlich ein sehr schönes Kompliment. Dass uns die Leute vergleichen, bietet sich natürlich auch an: Wir sind beide blond, spielen Klavier und singen.

Und wo liegen die Unterschiede?

Diana Krall ist hauptsächlich eine Sängerin, die Klavier spielt – und ich bin hauptsächlich eine Pianistin, die singt. Außerdem bin ich Brasilianerin und spiele authentische brasilianische Musik. Diana Krall liebt diese Musik zwar auch, aber sie ist nun mal keine Brasilianerin, sondern Kanadierin. Zudem haben wir völlig unterschiedliche Produktionsweisen und in puncto Marketing liegen Welten zwischen uns: Hinter Diana Krall steht eine komplette, höchst professionelle Maschinerie.

Sie sagen, Sie sehen sich vor allem als Pianistin? Welche Pianisten haben Sie beeinflusst?

Oh mein Gott, wo soll ich da anfangen? Ich habe jeden Pianisten studiert – von Art Tatum über Bud Powell, Oscar Peterson und Keith Jarrett bis hin zu Herbie Hancock. Jeder von diesen großartigen Pianisten hat mir etwas gegeben.

Mit Herbie Hancock haben Sie 1995 das Grammy nominierte Album „Solos and Duets“ aufgenommen. Wie war die Arbeit mit ihm?

Einfach toll, es hat wirklich Spaß gemacht. Zu dem Zeitpunkt kannte ich Herbie Hancock schon lange: 1981 habe ich ihn zum ersten Mal getroffen, zwei Jahre später haben wir erstmals gemeinsam gearbeitet. Ich spielte damals bei Steps Ahead und er war bei V.S.O.P. Eines Abends kam Herbie zu einem unserer Konzerte. Er saß in der ersten Reihe und schaute mir genau auf die Finger.

Hat sie das nicht nervös gemacht?

Ganz ehrlich? Überhaupt nicht. Erstens gehe ich in meinem Spiel immer völlig auf. Zweitens bin ich, was mein Klavierspiel betrifft, sehr selbstbewusst. Nein, er hat mich nicht nervös gemacht – aber etwas stolz. Ich fühlte mich schon geehrt durch seine Anwesenheit.

Branford Marsalis hat in einem Interview gesagt: „Jazzmusiker werden vor Konzerten nicht nervös, nervös werden nur Pop-Musiker.“ Stimmt das?

Das einzige, was mir wirklich auf der Bühne immer Sorgen macht, ist der Monitorsound. Es ist also nur die technische Seite des Auftritts, die mich nervös machen kann. Kein unwichtiger Aspekt, denn sie kann einen sehr großen Einfluss auf die Performance haben. Deshalb verwende ich vor jedem Konzert viel Zeit für einen besonders sorgfältigen Soundcheck – eine bis eineinhalb Stunden dauert das immer.

Haben Sie einen Endorsement-Vertrag?

Ja, mit Steinway. Ich habe sechs Steinway-Pianos, alle aus Hamburg und wunderschön. Da ist es schon fast schade, dass ich keines davon mit auf Tournee nehmen kann. Das wäre zu aufwändig. Aber ich spiele meine Konzerte trotzdem immer auf Steinway-Pianos. Denn wenn die Veranstalter irgendwo einmal keinen Steinway haben, stellt mir die Firma einen zur Verfügung.

Komponieren Sie, wenn Sie auf Tour sind?

Selten. Meistens habe ich keine Zeit. Wenn ich im Flugzeug sitze, bin ich meistens müde. Außerdem gibt es Soundchecks, Interviews, Foto-Termine und so weiter. Da hat man für Inspirierendes kaum Muße, deshalb komponiere ich fast ausschließlich bei mir zu Hause.

Der Auftritt beim Grenzenlos-Festival im bayerischen Murnau war 2009 ihr einziger in Deutschland. Wie hat es Ihnen hier gefallen – und was halten Sie vom deutschen Publikum allgemein?

Es war wunderschön hier. Man wollte mich hier ja fast nicht mehr von der Bühne lassen. Überhaupt spiele ich liebend gerne in Deutschland. Während in Amerika alles Entertainment sein soll, hören einem hier die Leute noch genau zu. Jede einzelne Note wird wahrgenommen und goutiert. Zudem schätze ich die meist perfekte Organisation, die Wärme der Menschen. Und nicht zuletzt das gute Essen und Trinken machen Deutschland-Tourneen fast immer zu einem Vergnügen.