Erik Sohn, Hochschuldozent, Sänger und Gesangs-Coach im Interview: Worauf es beim Singen ankommt

Erik Sohn lehrt „Chor und Ensembleleitung bei populärer Musik“ an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln und ist als Konzertsänger aktiv. Zudem coacht er A-Capella-Gruppen wie die Wise Guys. Im tastenwelt-Interview spricht er über die Tricks der Profis.

Erik Sohn
Erik Sohn (Foto: Reinhard Langschied)

Herr Sohn, wie sind Sie zur Musik gekommen?

In meinem Elternhaus wurde viel musiziert. Mit sieben bekam ich Geigenunterricht an der Musikschule und durfte im Orchester spielen. Später erhielt ich zusätzlich Klavierstunden.

Sie waren also schon früh Klassik orientiert.

Nein, nicht nur. In diversen Schülerbands haben wir so richtig abgerockt. Wir interpretierten Rock-Oldies aus den 60ern und 70ern. Da habe ich mir zu „Born to be wild“ von Steppenwolf die Seele aus dem Leib gegrölt. Mit anderen Bands ging’s dann auch in den Jazz- und Funk-Bereich.

Wie kamen Sie zum klassischen Gesang?

Mit 17 lernten viele meiner Freunde ein weiteres Instrument – ich habe mich damals entschieden, an der Musikschule Gesangsunterricht zu nehmen.

Was sollte ein angehender Sänger zuerst lernen?

Bei Instrumenten hat man es immer mit externen Objekten zu tun. Bei einem Piano sind es die Tasten, bei einer Gitarre die Saiten, bei einem Schlagzeug die Schlegel. Anders bei der Stimme. Die steckt in uns drin. Daher ist es in einem ersten Schritt enorm wichtig, einen körperlichen Bezug zur eigenen Stimme zu entwickelt. Wo sitzt sie? Was kann ich mit ihr ausdrücken? Wie kann ich sie einsetzen? Wie stelle ich meinen Körper ein, damit sie möglichst optimal funktioniert und ich sie auch willentlich beeinflussen kann?

Und dann?

Im zweiten Schritt sollte man die technische Fertigkeit erlangen, Töne zu treffen und stabil zu singen, ohne dass die Stimme einbricht oder sich überschlägt. Viele bringen diese Fertigkeit bereits mit. Es ist aber nicht nur wichtig, zu üben, sondern auch damit zu experimentieren.

Können Sie dazu Beispiele nennen?

Ja, es können sich etwa folgenden Aufgaben stellen: Wie schaffe ich es, dass die Artikulation lässig wirkt und dennoch exakt im Timing ist? Wie schaffe ich es, dass sich die Vokale nicht gequetscht anhören? Wie schaffe ich es, eine gewisse Schärfe zu erzeugen, wo sie nötig ist? Und dies sind nur einige wenige der möglichen Facetten, die es zu entdecken gibt.

Hilft hierbei Gesangsunterricht?

Ja, natürlich. Er ist zur Entwicklung solcher Fertigkeiten sogar besonders wichtig, da man dadurch einen Input von außen bekommt, der einen in die richtige Richtung lenken kann.

Wie sieht ein dritter Schritt aus?

Gerade in Pop und Jazz sind die Sounds besonders wichtig. Damit meine ich die vielschichtigen Klangfarben, die ich je nach Stilistik einsetzen kann. Ist ein weicher, ein scharfer, ein luftiger, ein voll tönender Klang gefragt? Egal ob im Backgroundgesang oder bei der Solostimme, dies ist es, was einem Song den Charakter gibt. Es sind Klangfarben, welche die Emotionen, die in einem Stück stecken, ausdrücken und zum Zuhörer transportieren.

In welcher Weise kann man seine Stimme formen?

Im Pop sollte es eigentlich nicht darum gehen, bestehende Stücke möglichst originalgetreu nachzusingen. Es sollte vielmehr das Ziel sein, einen eigenen Sound zu entwickeln, der einen hohen Wiedererkennungswert hat. Bestes Beispiel ist Joe Cocker, dessen Stimme aus klassischer Sicht eher fragwürdig ist. Dennoch ist sie äußerst charakteristisch, eine Art Markenzeichen. Sie bleibt im Ohr.

Wir wird man intonationssicherer?

Eine einfache Übung ist folgende: Ich spiele auf einem Instrument eine Reihe von Dur-Dreiklängen. Im ersten Schritt singe ich zu jedem Dreiklang den Grundton, im zweiten Schritt lasse ich den Grund­ton auf dem Instrument weg und ergänze ihn mit der Stimme. Das gleiche mache ich mit der Terz und mit der Quinte. Im dritten Schritt spiele ich Moll-Akkorde. Im nächsten Schritt nehme ich akkordfremde Töne wie etwa die Quarte oder die Sexte hinzu. Zum Schluss versuche ich, den Ton zu „entwickeln“, das heißt im Klang und in der Lautstärke zu variieren. Dadurch lerne ich, einen Ton stabiler zu halten. Diese Übung kann ich sowohl alleine, als auch in der Gruppe praktizieren.

Wie lerne ich, akzentuiert zu singen?

Wichtig zu wissen: Der Körper braucht vor dem Ton eine gewisse Grundspannung. Der Pianist lässt ja zum ersten Ton auch nicht einfach den Arm fallen. Viele ungeübte Sänger setzen einen Ton nur mit der Sprechstimme an – das ist zu wenig. Das Ergebnis ist oft ein unsauberes Hochschmieren des Tons auf die eigentliche Tonhöhe.

Wise Guys
Mit den Wise Guys verbindet Erik Sohn eine enge Zusammenarbeit, die über das
Gesangscoaching zum Teil weit hinaus geht.

Besonders schwierig ist das bei Konsonanten.

Genau. Konsonanten müssen möglichst auch schon auf der richtigen Tonhöhe landen und nicht erst der folgende Vokal. Bei einem N, M oder L kann man bereits Klang entwickeln und dies auch üben. Ein weiteres Problem ist das Timing von Anfangskonsonanten und Vokalen. Der Zuhörer hört den Ton mit dem Beginn des Vokals, so dass man diesen auf die Zählzeit setzen muss und nicht den vorausgehenden Konsonanten. Dies lohnt sich zu trainieren, etwa, indem man in einer Textzeile alle Konsonanten weg lässt.

Wie geht man mit dem Ende eines Tons um?

Bei lang anhaltenden Tönen hilft es, die Spannung mit der Dauer nicht zu vermindern, sondern eher zu erhöhen, damit der Ton nicht abrutscht. Außerdem sollte man versuchen, die Klangfarbe heller werden zu lassen. Dadurch erhält der Ton mehr Obertöne und man kann ihn halten, ohne mehr Körperkraft aufwenden zu müssen. Soll ein Ton abrupt aufhören, muss man ihn bewusst ab­brechen, indem man einen Konsonanten artikuliert oder sich am Ende einen Akzent denkt.

Wie artikuliere ich Texte möglichst verständlich?

Bei einem lauten Stimmanteil sollte man versuchen, die Konsonanten breit und weich zu artikulieren. Dadurch wird der Text verständlicher, der Gesang bekommt mehr Substanz, und man unterbricht damit nicht den Klang der Stimme. Als Stilmittel kann man selbstverständlich auch kurz gesprochene Konsonanten einsetzen. Das Stimmvolumen wird dadurch allerdings begrenzt.

Gibt es Tricks für mehr Ausdruckskraft?

Schwierig, da die Stimme ja authentisch bleiben soll. Wenn ich nicht hinter der Emotion eines Songs stehe, ist es wenig glaubwürdig, sie bei der Stimme einfach oben drauf zu setzen. Das passt dann nicht mehr zur Person, zum Auftreten, zur Mimik und Stimmfarbe. Es gibt durchaus Sänger, die mich mit einer eher „kleinen“ Stimme genauso beeindrucken wie Sänger mit einer „großen“ Stimme. Am besten bei sich selbst bleiben.

Wie schaffe ich es als Sänger, dass der Funke zum Publikum überspringt?

Man sollte nicht so sehr versuchen, das Publikum zu überzeugen, sondern eher, das Publikum anzustecken. Wenn ich zum Beispiel einen witzigen Song mit einem witzigen Text vortrage, sollte ich nicht das Publikum davon überzeugen wollen, wie witzig ich beides finde. Ich sollte eher versuchen, damit beim Publikum gute Laune zu erzeugen. Dies ist auch Bestandteil unserer Arbeit bei den Wise Guys.

Wie wichtig sind Mimik und Gestik?

Das ist wie bei einer Unterhaltung: Wenn mein Gegenüber ausdruckslos bleibt, überlege ich mir zweimal, ob ich das, was er mir erzählt, für voll nehmen kann. Wenn mich jemand anlächelt, ohne dies mit den Augen zu tun, wirkt es falsch und aufgesetzt. So trägt auch auf der Bühne die Mimik maßgeblich zur Ausdruckskraft bei. Mit passender Gestik kann ich sie dann noch verstärken. Man muss aber merken, dass der Sänger hinter den vorgetragenen Stimmungen steht.

Welchen Fehler machen Amateure häufig?

Man hört z.B. sehr oft, dass der Sänger zu sehr drückt und das Ganze dann recht gequetscht, geröhrt oder genäselt klingt. Frauenstimmen klingen dann schnell mal quietschig. Dies ist aber nur ein Aspekt – Fehler sind sehr individuell.

Wie lernt man, entspannt zu singen?

Völlig entspannt darf man beim Singen natürlich nicht sein. Es bedarf einer gewissen Balance zwischen Spannung und Lockerheit, eines gewissen Adrenalin-Levels im Blut. Diese Balance zu finden, bedarf einer gewissen Erfahrung.

Ein wichtiger Punkt ist die Atemtechnik.

Richtig. Selbst bei erfahrenen Sängern in den Charts fällt auf, dass sie bisweilen an den un­günstigsten Stellen atmen. Für eine gute Technik ist zunächst wichtig, „tief“ zu atmen.

Können Sie diese Technik beschreiben?

Das Zwerchfell geht nach unten, wodurch die Lungen mit Luft gefüllt werden. Dabei kommt der Bauch raus, um Platz zu schaffen. Diese Tiefen­atmung muss man sich bewusst aneignen. Ein weiterer positiver Effekt ist, dass dabei das ge­samte Luftvolumen schwingen kann und einen vollen, großen Ton erzeugt, der leicht zu kon­trol­lieren ist. Bei der Hochatmung dagegen zieht die Rippenmuskulatur die Lungen auseinander, was zu weniger Luftvolumen führt. In der Bühnenaufregung fällt man leicht in die Hochatmung; dann muss man sich um Tiefatmung bemühen.

Gibt es Tipps zum Einsingen?

Ein Anwärmen und Einschwingen der Stimme ist in jedem Fall sinnvoll. Dabei ist es sehr wichtig, dass man die Übungen bewusst durchführt und eventuell auch Feedback von außen bekommt, um Fehler kurzfristig abstellen zu können. Bereits hier sollte man sich selbst zur Tiefatmung hinführen. Einfach nur Tonleitern rauf und runter zu singen, bringt wenig. Es kann sogar sein, dass man danach bereits abgesungen ist.

Was tun mit einer angeschlagenen Stimme?

Wenn man nur etwas Schleim auf den Stimmbändern hat, kann man den wegsummen. Bei einer richtig angeschlagenen Stimme hilft nur, diese zu schonen, damit sich das Gewebe regenerieren kann. Danach können leichte Stimmübungen sinnvoll sein.

Wie sind Sie eigentlich zu einer Zusammenarbeit mit den Wise Guys gekommen?

Ich kannte die Wise Guys schon früh, weil ich mit einem von ihnen zusammen studiert habe. Vor zehn oder elf Jahren haben sie dann jemanden gesucht, der sie stimmlich und musikalisch weiter bringt. Wir haben dann eine Probe zusammen absolviert, bei der ich mich zugegebenermaßen recht unsicher fühlte, weil ich nicht so recht wusste, was ich denen erzählen soll. Wir haben uns dann aber auf Anhieb blendend verstanden und lagen auch musikalisch auf einer Wellenlänge. Wir haben schnell gemerkt, dass ich ihnen gut erklären kann, was sie ändern sollen und dass sie dann auch wahrnehmen, dass es sich ändert.

Sind Sie bei den Proben regelmäßig dabei?

Nach Möglichkeit proben wir regelmäßig gemeinsam.

Welche weiteren Aufgaben haben Sie bei den Wise Guys? Sie sind teilweise auch als Komponist genannt ...

Ja, ich bin auch bei den Blöcken, in denen Stücke komponiert und arrangiert werden, meist dabei und so habe ich zusammen mit Eddie (Edzard Hüneke, Anm. d. Red.) die Musik zu einigen Songs geschrieben. Auch bei der Gestaltung des Licht- und Leinwanddesigns wirke ich mit. Im letzten Jahr habe ich außerdem die Hauptorganisation einiger großer Events übernommen.

Haben die Wise Guys eine professionelle Gesangsausbildung genossen?

Nein, keiner von ihnen – abgesehen von ein wenig Gesangsunterricht.

Verwenden die Wise Guys im Studio Effekte, die auf der Bühne nicht vorhanden sind?

Ja, natürlich sind die Studioproduktionen ungleich aufwendiger. Hier wird durchaus auch mal eine Stimme gedoppelt oder mit dem Pitch-Shifter bearbeitet.

Verblüffend sind die rhythmischen Elemente in den Wise-Guys-Arrangements.

Ja, in der Tat. Die werden komplett vokal erzeugt. Natürlich wird das dann so gemischt, dass die entsprechenden Frequenzen hervorgehoben werden, aber erzeugt wird alles live und mit dem Mund. Effekte werden hier nicht eingesetzt.