Fotograf Ralph Larmann im Interview: Das Auge der Bühne

Seit mehr als zwei Jahrzehnten fotografiert Ralph Larmann Live-Events von Aida bis U2, von Mario Barth bis Pink. Im tastenwelt-Interview mit Karl Stechl gibt er Einblick in seine Arbeit, die qualitativ und quantitativ ihresgleichen sucht. Bislang 17 Bildbände belegen dies eindrucksvoll.

Ralph Larmann
Ralph Larmann

Muss man selbst Musiker sein, um Leidenschaft für die Bühnenfotografie zu entwickeln?

Ich würde sagen, es ist von erheblichem Vorteil. Ich selbst habe Musik studiert und als Schlagzeuger in diversen Bands gespielt, von BigBand bis Rock und Funk. Seit 26 Jahren unterrichte ich zudem an einer Kreismusikschule Schlagzeug. Das will ich auch nach Möglichkeit nie aufgeben, weil es mich am Puls des Instruments und der Musik hält und ich daraus resultierend regelmäßig Schlagzeug spiele. Das sind meine musikalischen Wurzeln. Musik ist meine Leidenschaft.

Konkret: Wie hilft Ihnen Ihr Selbstverständnis als Musiker beim Fotografieren?

Ich bin der festen Überzeugung, dass man emotional überzeugende Fotografien nur liefern kann, wenn man eine Beziehung zum Motiv hat. Zudem muss man ein Gefühl dafür haben, wie man sich auf einer Bühne zu bewegen hat, um die Inszenierung auf keinen Fall zu stören. Da ist es mit Sicherheit hilfreich, selbst einmal als Künstler auf der Bühne gestanden zu haben, denn jedes Konzert, jeder Event ist ein äußerst sensibles Gebilde.

Und wie wird man einer der bekanntesten Bühnenfotografen weltweit?

Ich habe nie gesagt: „Ich werde jetzt der Super­fotograf“. Das hat sich in einem Prozess über mehr als 20 Jahre entwickelt. Anfangs habe ich Beiträge für verschiedene Fachmagazine geschrieben und war dabei immer von dem Ehrgeiz getrieben, die dazugehörigen Bilder in bester Qualität selbst zu fotografieren.

Warum?

Das hat mich unabhängig gemacht, denn ich musste mir keinen Fotografen suchen, mit dem zusammen ich Stories realisieren konnte.

Welche Art von Geschichten war das?

Über 10 Jahre habe ich zum Beispiel bei der Zeitschrift Soundcheck die Schlagzeugrubrik betreut, dabei viele Tests und Interviews gemacht. Außerdem gab es dort die Serie „Equipment On Stage“. Die hat mir die Möglichkeit eröffnet, mich intensiver mit der Bühnenfotografie zu beschäf­tigen. Ich wollte nicht nur die Instrumente auf der Bühne gut ablichten, sondern auch schöne Live-Fotos mitnehmen.

Wie ging’s dann weiter?

Diese Art der Stage-Fotografie hat mich mit vielen Künstlern zusammengebracht und die Zusammenarbeit mit dem Konzertveranstalter Marek Lieberberg angebahnt. Ich habe dann angefangen, als Selbständiger Bild­bän­de zu machen, bislang 17 Werke für alle möglichen Künstler, darunter auch „10 Jahre Rock am Ring“ für Marek Lieberberg oder „Meine letzten 48 Stunden mit den Böhsen Onkelz“ für Matthias Gonzo Röhr. Die Fotografie habe ich auf diese Weise zunehmend ernsthafter betrieben.

Welche Rolle spielt das Feedback, das man von den Künstlern selbst bekommt?

Eine große – vor allem das Vertrauen, das einem entgegengebracht wird. An den Fotos, die ich heute vorweisen kann, sieht man wie ich arbeite, wie ich ein Thema beleuchte. Diese Credits entscheiden über die Jobs, die ich heute bekomme. Für Michael Mittermeier werde ich die nächste DVD fotografieren, für Mario Barth in diesem Jahr die Stadiontournee. Nächste Woche treffe ich Kylie Minogue.

Sie dürfen praktisch überall in einem Konzert fotografieren, weil Sie von den Künstlern beziehungsweise deren Management dafür gebucht werden. Richtig?

Ja, man kann nicht 20 Pressefotografen auf die Bühne holen, das wäre ein Chaos. Und wenn man sieht, wie unsensibel manche Fotografen mit dem Thema umgehen, ist es auch verständlich, dass die Künstler da abwinken. Wir Fotografen sind wirklich Einzelgänger, jeder macht sein Ding. Und ich habe offenbar meine Handschrift gefunden, die überzeugt – deswegen werde ich gebucht.

Die meisten Pressefotografen dürfen nur von der Bühnenkante aus fotografieren. Reicht das für gute Bilder?

Sicherlich für das, was die Pressefotografen meistens wollen, nämlich Closeups von den Künstlern. Das sieht man ja schon an den verwendeten Objektiven, fast nur Telebrennweiten. Diese Fotografen sind nicht an den Themen interessiert, die für mich zählen.

Als da wären?

Die ganzheitliche Sicht, die Bühnenbilder, die Inszenierung an sich mit all ihren Facetten, und nicht nur das Gesicht des Künstlers – das kann ich auch in einer Fernsehshow ablichten. Closeups sind wichtig, andere Perspektiven aber nicht minder – und das kriege ich nicht alles von der Bühnenkante aus. Dafür muss ich überall Zugang bekommen, ich brauche einen Access-all-Areas-Pass, um letztlich in meinem Sinne eine komplette Dokumentation erstellen zu können.

Welches Equipment haben Sie im Einsatz?

Ich fotografiere überwiegend mit Canon-Kameras vom Typ EOS 5D Mark II mit 21-Megapixel-Sensor, ergänzt durch verschiedene Zoomobjektive und Festbrennweiten vom 8-mm-Fisheye bis zum lichtstarken 300-mm-Tele. Mein absolutes Lieblingsobjektiv ist das 17-mm-Tilt-Shift-Objektiv von Canon – das gehört sicher nicht zur Standardausrüstung eines Bühnen­fotografen. Daneben habe ich jetzt noch eine Leica S2 mit 40-Mega­pixel-CCD im Einsatz. Davon erwarte ich mir einen Qualitätsschub für ausgesuchte Motive und Blickwinkel.

Stimmt es, dass Sie auch mit fest installierten Kameras arbeiten?

Ja, ich kann als One-Man-Show nicht gleichzeitig alle Perspektiven bedienen. Ich suche mir deshalb vor dem Konzert interessante Positionen für die Festinstallation von bis zu zwei Remote-Kameras, die ich per Funk parallel zu meinen drei Hand­kameras auslöse. Trotzdem muss ich bei großen Shows auch körperlich topfit sein. Wer bereits nach der ersten Treppe in einer großen Halle oder einem Stadion außer Atem ist, hat schlechte Karten in meinem Job.

Wie viele Aufnahmen entstehen etwa pro Konzert?

Das können bis zu 5000 Aufnahmen sein.

Wie bitte?

Na ja, wenn man zwischendurch die Serienbildfunktion der Kamera benutzt, entstehen gleich mehrere Bilder pro Sekunde. Zudem sind ja immer die Remote-Kameras beteiligt. Jedes Mal, wenn ich eine Handkamera auslöse, werden die beiden funkgesteuerten Kameras parallel ausgelöst. Das heißt: Wenn ich 1500 Handkamerafotos mache, erhalte ich insgesamt 4500 Bilder.

Eine Menge Holz. Wie viele Tage oder Nächte sind Sie mit dem Sichten der Bilder beschäftigt?

Im Schnitt nur einen Tag, ich bin recht schnell. Ich wähle intuitiv aus, das muss man können. Auch die Nachbereitung muss gut organisiert sein und schnell gehen. Ich habe jetzt drei schnelle Windows-PCs am Start mit SSD/Flash-Festplatten, jeweils 250 Gigabyte, größer gibt’s die noch nicht. Das Wichtigste ist für mich ein Rechner mit extrem schnellem Datenfluss. Da ich nur im RAW-Modus fotografiere, sind die Datenmengen entsprechend hoch und die Nachbearbeitung unumgänglich.

Wie reagieren Künstler auf Fotografen?

Wie gesagt, ich werde normalerweise vom Künstler oder seinem Management engagiert. Deshalb wollen mich viele Künstler auch kennenlernen. So war das beispielsweise bei U2, für die ich die 360-Grad-Show mehrmals abgelichtet habe.

Leiden Prominente nicht häufig am Paparazzo-Syndrom?

Natürlich sind Fotografen immer ein viel diskutiertes Thema, aber wenn man direkt für die Künstler arbeitet, bekommt das eine andere Note. Dann wissen die Künstler, dass die Bilder in ihrem Sinne sind und haben ein Interesse daran, mir zuzuarbeiten – manche mehr, manche weniger. Aber letztlich freuen sich alle, wenn sie danach richtig gute Fotos bekommen.

Wie geht man mit speziellen Empfindlichkeiten um, die ja bei Künstlern nicht selten sind?

Wenn mir gesagt wird, der Künstler möchte dieses oder jenes nicht, dann halte ich mich daran. Häufig aber sind Management oder Security viel empfindlicher als die Künstler. Ich habe es bei U2 erlebt, dass mich eine Security-Person zurückgezogen hat und meinte, das wäre Bono jetzt aber doch zuviel. Und Bono hat sich danach beschwert, dass ich aufgehört habe, denn er fand’s klasse.

Nervt die Security öfter?

Ich lege mich mit denen in der Regel nicht an, außer ich werde in meiner Arbeit massiv behindert, denn schließlich habe ich einen Auftrag. Vor dem Konzert gehe ich immer zum Security-Chef und sage zu ihm: „Ich fotografiere heute Abend alles, bitte sagen sie Ihren Leuten Bescheid, dass mich keiner in meiner Arbeit behindert.“ Meistens klappt das ganz gut.

Nehmen wir an, meine Band will gute Live-Fotos. Welche Tipps gebe ich einem Bekannten, der mit seiner Kamera umgehen kann, aber mit Bühnen­fotos wenig Erfahrung hat?

Häufig hat man wenig Licht zur Verfügung – man braucht also lichtstarke Objektive, oder man muss eine höhere ISO-Zahl einstellen. Allerdings sollte man dabei die Grenze kennen, ab der die Bildqualität aufgrund von Rauschen stark nachlässt. Zudem muss man wissen, dass bei höheren ISO-Einstellungen auch die Dynamik der Kamera abnimmt, die Fähigkeit also, starke Licht-Schatten-Kontraste zu verarbeiten. Auf Blitzlicht sollte man bei der Konzertfotografie in der Regel ganz verzichten, um die Lichtstimmung nicht zu zerstören.

Was sollte man bei der Standortwahl beachten, wenn man überhaupt eine Wahl hat?

Zum einen muss man nah ran gehen, um bestimmte Closeups zu bekommen. Man sollte sich auch darin üben, über Kopf zu fotografieren, um näher am Künstler zu sein und einen besseren Aufnahmewinkel zu finden. Wenn es erhöhte Standorte gibt, nutze ich die natürlich. Ich teile mir grundsätzlich das Konzert etwas ein, so dass ich etwa die erste Hälfte Closeups mache und mich dann durch den Raum bewege, um mir schöne Perspektiven von unterschiedlichen Standorten zu suchen.

Wie kann man einen Keyboarder dynamisch in Szene setzen?

Ich gehe auf der Bühne relativ nahe ran und komme mit dem Weitwinkel von der Seite, um eine gewisse Dynamik über die Hände und die Tastatur zu bekommen. Nähe ist für mich eine ganz wichtige Sache. Ich habe einige Keyboarder fotografiert, etwa Ingo Reidl von Pur, Steve Porcaro und David Paich von Toto oder Jon Lord von Deep Purple. Das sind echte Pop-Rock-Größen, die ich schön in Szene gesetzt habe.

Sie haben mehr Bühnen gesehen als die meisten anderen Zeitgenossen. Lässt sich eine attraktive Bühne auch ohne Mega-Aufwand gestalten?

Auch wenn das Budget klein ist, sollte man sich wenigstens einen Backdrop leisten – einen attraktiven Bühnenhintergrund aus Stoff, vielleicht auch ein Motiv, das den visuellen Rahmen für die Band schafft. Zudem muss ich mir Gedanken darüber machen, wie ich eventuell Licht in den Backdrop integrieren kann. Aber nicht ein paar Lampen aufhängen, die dann wild blinken. Lieber mal eine Lichtstimmung stehen lassen, auch einen ganzen Song lang. Zudem kommt es darauf an, die Musiker selbst durch das Licht in Szene zu setzen. Wenn man das als Band haben möchte, muss man sich aber auch die richtigen Leute dafür holen.

Gibt es Künstler, die Sie gerne noch fotografieren möchten?

Zum Beispiel Christina Aguilera, eine tolle Künstlerin, von der ich gerade anfangs tolle Live-Videos gesehen habe. Aber im Moment versucht sie etwas darzustellen, was sie gar nicht ist – und das geht voll nach hinten los. Richtig stark finde ich derzeit die Band „30 Seconds To Mars“, die ich unbe­-dingt fotografieren will. Ich habe mir sogar für ein Konzert jetzt mal Privattickets gekauft. Mein YouTube-Tipp: das Livevideo zum Song „Closer To the Edge“ – für mich das derzeit beste live inszenierte Video zu einem Studiosong.

Buch-Tipp: Stage Design Emotions

Stage Design Emotions

Weltstars wie U2, Genesis, Pink, The Police oder Bon Jovi treiben einen schier unglaublichen technischen Aufwand, wenn es darum geht, sich und ihre Musik auf der Bühne zu inszenieren. In seinem neuen Bildband „Stage Design Emotions“ vermittelt Ralph Larmann die visuelle Faszination dieser Megashows, darunter auch Opern, Musicals, TV-Shows und Special Events wie z.B. „AIDAdiva – Ship of Light“. „Ein gutes Foto erzählt immer die Geschichte eines Augenblicks“, so lautet Ralph Larmanns Devise. Die besten dieser fotografischen Momentaufnahmen zeigt „Stage Design Emotions“ auf rund 400 Seiten – mit vielen Einblicken, die dem Publikum normalerweise verborgen bleiben. Hardcover, Format 28,5 x 24,3 cm, 54,90 Euro, erschienen bei PPVMEDIEN (www.ppvmedien.de)