Gehörbildungssoftware Audite Plus im Test: Gehörbildung im Selbststudium

Ein Komplettpaket für die Gehörbildung im Selbststudium liefern Capella Software und der Schott-Verlag mit Audite Plus. Neben der eigentlichen Lernsoftware gehört dazu ein Buch, das die begleitende Musiktheorie anschaulich aufbereitet. Wir haben beides ausprobiert.

  • Capella Software Audite Plus: Hauptseite

    Capella Software Audite Plus: Hauptseite

  • Capella Software Audite Plus: Elementarstufe

    Capella Software Audite Plus: Elementarstufe

  • Capella Software Audite Plus: alle Übungen

    Capella Software Audite Plus: alle Übungen

  • Hör-Aufgaben

    Viele Hör-Aufgaben kann man durch Klicken lösen.

  • Akkorde-Hören

    Beim Akkorde-Hören müssen auch Umkehrungen identifiziert werden.

  • Notendiktat

    Beim Notendiktat ist Können gefragt – erst beim Hören, dann bei der Eingabe.

  • Stimmung erkennen

    Auch für Profis was dabei – z.B. wenn die Stimmung erkannt werden muss.

  • Capella ToneCreator

    Den Aufbau von Klängen aus Grund- und Obertönen zeigt der Capella ToneCreator.

Zu einem guten Musiker gehört natürlich ein gutes Gehör: Man muss sich selbst hören, um die Interpretation steuern zu können. Man muss Zusammenhänge erkennen, um Werke zu verstehen und überzeugend aufführen zu können. Und nicht wenige sind schließlich darauf angewiesen, sich die eigenen Stimmen aus Aufnahmen herauszuhören, weil es einfach keine Noten gibt. Ganz zu schweigen von den Spielern von Naturinstrumenten, die vor dem Üben oder Spielen erst einmal ihr Instrument stimmen müssen. Wer hört, ob’s passt, ist klar im Vorteil.

Nur wenige sind mit der Gabe gesegnet, dass sie all die komplexen musikalischen Parameter einfach so hören können. Im Regelfall ist ein geschultes Gehör das Ergebnis jahrelangen Trainings. Einen passenden Begleiter bietet Capella Software in Zusammenarbeit mit dem Schott-Verlag an: Audite Plus ist eine Lernsoftware für Gehörbildung im Selbststudium. Neben der eigentlichen Software gehört zu dem Paket auch ein Buch, das die Musiktheoretischen Grundlagen auf knapp 80 Seiten anschaulich erklärt. Buch und Software sind parallel nach Elementarstufe, Unterstufe I/II, Mittelstufe I/II und Oberstufe gegliedert, können aber beide auch unabhängig voneinander eingesetzt werden. Dem absoluten Einsteiger möchte man sogar empfehlen, zuerst im Buch vorzuarbeiten, um danach erst mit diesen Grundlagen ans praktische Training am PC zu gehen.

Software

Das Lernprogramm Audite Plus ist für die Windows-Plattform (ab Version Windows 7) verfügbar und benötigt mindestens eine Bildschirmauflösung von 1280 x 800 Pixeln. Auf Business-Notebooks mit der typischen Auflösung von 1366 mal 768 Pixeln kann’s also schon mal Probleme geben. Außerdem sind eine Soundkarte, ein Kopfhörer oder zumindest angeschlossene Lautsprecher nötig, denn schließlich muss man Beispiele hören und Höraufgaben lösen. Wer sich dabei das passende Umfeld schafft, hat mehr vom Üben. Also: Besser keine minderwertigen Speaker verwenden und eine nicht zu laute Umgebung aufsuchen!

 

Nach der Installation und Aktivierung beginnt das Lernprogramm mit einem Einstufungstest. Dieser wiederum beginnt mit einem Notendiktat. Der wirkliche Anfänger wird sich also erst mal umschauen. Aber kein Problem: Man kann den Schritt auch überspringen und im Hauptfenster den Menüpunkt „Weiter zum E-Learning-Kurs“ wählen. Hier findet man sinnvoll aufeinander aufbauende Lektionen, die Schritt für Schritt die Grundlagen musikalischen Hörens schaffen. In einem weiteren Modus ist freies Üben in verschiedenen Gebieten möglich. Hier kann man sich die Aufgaben selbst zusammenstellen und darüber hinaus auch eigene Übe-Einheiten entwerfen. Außerdem sind hier Trainings-Einheiten für Profis vorhanden – beispielsweise zum Gehörtraining bei der Intonation. Hier können Streichinstrumentalisten und angehende Klavierstimmer ihre Fähigkeiten perfektionieren.

Die Lektionen des E-Learning-Kurses bestehen aus drei Elementen: Übungen zur Wissensvermittlung, Musikdiktate und Festigungsübungen zu Intervallen, Akkorden, Tonleitern, Funktionen. Wird eine Aufgabe richtig gelöst, bekommt man Punkte, die in der Statistik durch gelbe Sterne gekennzeichnet werden. Musikdiktate und Festigungsübungen müssen dabei innerhalb einer vorgegebenen Zeit bearbeitet werden. Ist die Zeit abgelaufen, bevor eine Mindestanzahl an Aufgaben korrekt gelöst ist, gibt es nur einen Stern.

Für das Selbststudium der meisten Musiker erscheinen besonders die sechs aufbauenden Lektionen des E-Learning-Kurses geeignet. Hier werden wichtige Grundlagen geschaffen und zentrale Felder der Gehörbildung behandelt. Intervalle hören, Rhythmen hören und erkennen, Melodien hören und transkribieren. Die Hör- und Anklick-Übungen konnten im Test auch Kinder auf Anhieb bearbeiten. Bei den Noten-Diktaten ist es schon schwieriger. Wer das Tonsatzprogramm Tonica des Herstellers kennt, ist im Vorteil, denn die Noteneingabe-Oberfläche entspricht diesem Programm. Man kann Noten über MIDI-Keyboard, Maus oder Computer-Tastatur eingeben. Gefühlter Nachteil für Anfänger: Man bekommt kein akustisches Feedback, welche Note man gerade eingibt. Die vom Hersteller gewollte Situation entspricht dem Notendiktat mit Papier und Bleistift, jedoch im Programm mit automatischer Auswertung.

Profi-Features

Daneben hat Audite Plus aber noch einiges mehr zu bieten: Im Modus für freies Üben findet man nicht nur Lektionen für Fortgeschrittene. Man kann hier auch eigene Lehrgänge zusammenstellen. Beispielsweise kann man Capella- oder Tonica-, aber auch MIDI-Dateien importieren, um eigene Übungen zu erstellen. Daraus lassen sich dann unter anderem Notendiktate generieren. Interessant scheint dies zum Beispiel für Musiklehrer, die auf diesem Weg maßgeschneiderte Übungen für ihre Schüler erstellen möchten. Wer hier Ambitionen zeigt, wird auch noch durch eine integrierte Skriptsprache unterstützt, die viele Schritte automatisieren kann. Eine Einführung in die Automatisierung bietet die umfangreiche PDF-Dokumentation zu Audite Plus. Die PDF-Anleitung sollte man übrigens mindestens quer gelesen haben, bevor man mit dem Programm arbeitet, denn nicht alle Schritte innerhalb der Software sind selbsterklärend. Und zum Aufrufen der integrierten Hilfefunktion sollte die Bildschirmauflösung eher Full-HD-Standard haben. Das Hilfefenster wird nämlich parallel geöffnet und kann in einigen Übungen nicht in den Vordergrund geholt werden. Am Laptop ist man – je nach Bildschirmauflösung – tendenziell wieder im Nachteil.

Über die Schnittstelle „Capella-Tune“ kann man auch VST-Plug-ins mit Audite Plus verwenden. Dadurch kann man hochwertige Sample-Bibliotheken einsetzen, um sich die Hörübungen vorspielen zu lassen. Das klingt gleich ganz anders als die Standard-MIDI-Sounds aus der Soundkarte. Auch interpretatorische Feinheiten beim Vorspielen sind möglich – etwa die Umsetzung von Diminuendo oder Crescendo, von Artikulationszeichen oder Sprunganweisungen.

Der Capella ToneCreator ist ein VST-Modul, das interaktiv die Gestaltung von Klangfarben erfahren lässt. Hier kann man z.B. lernen, wie ein Klang aus dem Grundton und den einzelnen Obertönen aufgebaut ist. Man kann eine Klangfarbe in Echtzeit formen, während man den entsprechenden Klang als Dauerton hört. Mit den erzeugten Klängen kann man aber auch jede mehrstimmige Capella-Datei abspielen.

Fazit

Audite Plus ist ein umfangreiches Paket aus Werkzeugen, um Gehörbildung im Selbststudium zu betreiben. Als Lehrer bekommt man aber auch ein mächtiges Werkzeug an die Hand, um selbst Gehörbildungskurse zu entwerfen. Für 58 Euro wird hier eigentlich jeder glücklich: Der musikalisch schon etwas fortgeschrittene Anfänger auf dem Gebiet der Gehörbildung kann für sich die Grundlagen legen, der Profi kann im Studium an den Details arbeiten. Das begleitende Buch ist didaktisch sehr gut aufgebaut und liefert viele Antworten auf musiktheoretische Grundfragen. Die technische Nähe zu bekannten Musikprogrammen wie Tonica oder Capella macht dieses modular aufgebaute Lernprogramm ungemein mächtig, begründet aber auch die eine oder andere Hürde, an der sich Musiksoftware-Laien beim Erstkontakt stoßen. Nach der Einarbeitung hat man aber Stoff für jahrelanges Training. Eine gelungene Zusammenarbeit von Capella Software und Schott.

Wertung

+ Gut aufgebauter E-Learning-Kurs

+ Auch Profi-Übungen enthalten

+ Erstellen eigener Kurse möglich

+ Sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis

- Kein Anhören von Noteneingaben möglich

- Fenstergröße kann an manchen Laptops Probleme machen