Gehörbildung: Noten, Intervalle & Rhythmen richtig hören

Ein gutes Musikgehör ist nicht nur eine Frage der Begabung. Mit dem entsprechenden Training kann jeder seine Leistungen auf diesem Gebiet erheblich verbessern. Wir zeigen Ihnen, wie’s geht und was Sie davon haben.

Ein geschultes Gehör ist für Musiker von essenzieller Bedeutung, denn damit sind sie in der Lage, akustische Ereignisse bewusst zu verfolgen und analytisch zu hören. Sie können also erkennen, ob sie in der richtigen Tonart spielen, ob das Instrument richtig gestimmt ist, ob sie im richtigen Tempo spielen und vieles mehr.

Wenn wir aber im Folgenden von Gehör oder Gehörbildung reden, dann ist hier genau genommen immer vom Gehirn die Rede und eben nicht von den Ohren. Denn durch Gehörbildung ändert sich an der eigentlichen biologischen Signalverarbeitung nichts. Es geht vielmehr genau darum, das Gehirn zu trainieren, die auf das Gehirn einströmenden akustischen Ereignisse zu analysieren und dabei bewusst zu verarbeiten und dies auf vielen unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig.

Eng damit verzahnt ist die Musiktheorie, die vor allen Dingen auf manch praktischen Musiker eher abschreckend wirkt. Dabei geht es jedoch in erster Linie darum, die musikalischen Phänomene wie Skalen, Akkorde etc. zu benennen, zu klassifizieren und auf diesem Weg Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Es macht also Sinn, beides zusammen zu üben, wie dies auch bei einigen Gehörbildungsprogrammen und Büchern getan wird, die wir Ihnen ebenfalls in diesem Beitrag vorstellen.

 

Teilbereiche der Gehörbildung

Grundbestandteil jeder Hörschulung ist die Melodik. Hier geht es darum, Tonhöhen und deren Verläufe zu erfassen. Sänger, Bläser und Streicher sind auf eine gute Tonhöhenerkennung besonders angewiesen. Sie müssen sich permanent selbst kontrollieren, bis die Intonation von den beteiligten Muskelgruppen, die den Kehlkopf oder die Finger steuern, gelernt ist. Und auch dann muss man sich immer noch selbst zuhören und gegebenenfalls korrigieren.

Das so genannte absolute Gehör gilt dabei oft als Maßstab für die Qualität eines Musikers. Menschen mit absolutem Gehör sind in der Lage, ohne weitere Hilfsmittel die Tonhöhe eines vorgespielten Tons zu benennen. Damit verbunden ist auch meist eine innere Vorstellung von Musik, die es z.B. Beethoven ermöglichte, trotz seiner Taubheit noch komplexe Musikwerke zu komponieren und zu notieren. Einige Menschen mit absolutem Gehör können auch feinste Intonationsunterschiede erkennen, also z.B. angeben, ob ein Orchester auf 440, 442 oder 435 Hertz gestimmt ist. Das kann für die betroffenen Personen aber beim Besuch eines Weihnachtsmarkts mit den obligatorischen verstimmten Posaunenchören durchaus zu akustischen Höllenqualen führen. Es gibt allerdings auch viele berühmte Musiker und Komponisten ohne absolutes Gehör.

In der Praxis wichtiger und auch wesentlich besser zu trainieren ist nämlich das relative Gehör. Damit ist man in der Lage, von einem gegebenen Ton aus weitere vorgespielte Töne zu ermitteln, eine Fähigkeit, die nicht nur beim spontanen Musizieren enorm hilfreich ist. Damit können Sie zwar nicht unbedingt die Tonart eines Stückes sofort erkennen, aber hören, ob die Sängerin gerade die Septime oder den Grundton des Akkords singt. Damit verbunden ist auch die Fähigkeit, Intervalle, also Tonabstände zwischen Tönen, zu erkennen und dies sowohl sukzessive (nacheinander gespielt) als auch simultan (gleichzeitig). Dabei sind gleichzeitig gespielte Töne etwas schwieriger zu erkennen, besonders wenn sie klanglich stark miteinander verschmelzen, wie etwa Oktaven, Quinten oder Quarten.

Die nächste Stufe der Gehörbildung beschäftigt sich typischerweise mit Akkorden und Harmoniefolgen. Während zu Anfang der Unterschied zwischen Dur, Moll und Umkehrungen von Akkorden geübt wird, schließen sich später verminderte, übermäßige und andere Akkordfarben an – z.B. Septakkorde mit verschiedenen Optionstönen oder diverse Voicings von Jazzakkorden. Viele Gehörbildungsschulen – ob in Buchform oder digital – differenzieren hier zwischen Klassik und Jazz/Pop oder konzentrieren sich auf einen dieser Bereiche.

 

 

Sonderfälle der Gehörbildung

In Jazz, Pop und Rock ist ein gutes Gehör für den Rhythmus unerlässlich. Damit ist man nicht nur in der Lage, Notenwerte zu unterschieden, sondern auch zu erkennen, ob die Musik schneller oder langsamer wird, ob dem Musikstück ein binärer oder triolischer Rhythmus zugrunde liegt oder ob das Timing zwischen den Musikern stimmt. Auch dieser Aspekt der Gehörbildung wird am besten direkt praktisch am Instrument geübt, indem Rhythmuspattern einfach nachgespielt werden. Die Fähigkeit, diese notieren zu können, schadet aber auch keinesfalls, besonders, wenn man Arrangieren oder Komponieren lernen möchte.

Das Timing erlernt man sinnvollerweise mit einem Metronom oder Drumcomputer. Hier steht die Fähigkeit im Vordergrund, ein Gefühl für das gleichmäßig durchlaufende Metrum zu entwickeln. Dies kann sehr effektiv durch gleichzeitige Bewegung geübt werden, da im Gehirn die Rhythmuswahrnehmung eng mit der Hirnregion für die Motorik gekoppelt ist. Ein gutes Timing bedeutet aber nicht zwingend, dass alle Noten auf der mathematisch exakten Zählzeit gespielt werden müssen. Ein packender Groove im Funk oder HipHop zeichnet sich fast immer durch winzige, charakteristische Abweichungen von der mathematischen Norm aus.

Klangfarbe und Sound gehören bislang eher zu den Stiefkindern der Gehörbildung mit dementsprechend wenigen spezialisierten Übematerialien. Deshalb dominiert hier in der Regel das Learning-by-doing. Aspekte wie Klangfarbe, räumliche Tiefe, Frequenzverteilung und das Erkennen von Effekten samt ihren Parametern sollten aber unbedingt auch von Keyboardern trainiert werden, die ja häufig die Soundspezialisten der Band sind. Nicht von ungefähr kommt deshalb oft der Schritt vom Keyboarder zum Produzenten.

Das Gehör eines Musikers ist aber nicht nur ein Detektor für verschiedenste Parameter wie Tonhöhe, Rhythmus oder Harmonie, es ermöglicht ihm auch, komplexere Zusammenhänge zu verstehen: Wenn Sie bemerken, dass ein Musiker im seinem Solo ein anderes Werk zitiert, dann haben sie nämlich gerade eine beachtliche intellektuelle Leistung vollbracht. Sie haben diese Tonfolge nicht nur erkannt, sondern auch verstanden, dass sie eigentlich aus einem ganz anderen Werk stammt. Und mit dieser Fähigkeit sind Sie in der Lage, auch komplexe Strukturen zu erfassen, also zu erkennen, ob sich ein musikalischer Abschnitt wiederholt oder ob er verändert wurde. Eine Fähigkeit, die Menschen in früheren Zeiten in viel stärkerem Maße besessen haben mussten. Denn in Zeiten ohne Tonträger musste man so viel Musik wie möglich in Echtzeit verstehen können. Das musikalische Gehör ist damit letztendlich der Mittler zwischen den Tönen, die gehört werden und der Musik, die wir ja letztlich selbst konstruieren und zwar abhängig davon, wie viel wir davon zu erfassen und zu verstehen in der Lage sind.

Hilfreiche Bücher und Software

Am effektivsten schult man sein Gehör natürlich mit einem Lehrer, der ganz individuell auf die eigenen Bedürfnisse eingehen kann. Aber auch im Team mit einem Bandkollegen ist das hilfreich und macht auch noch Spaß. Auch alleine kann man eine ganze Menge tun: Der klassische Weg besteht darin, Stücke nachzuspielen und aufzuschreiben, so haben es auch unzählige berühmte Jazz- und Rockmusiker gemacht, die stundenlang den Platten ihrer Idole gelauscht und deren Soli nachgespielt haben. Auch das typische „Heraushören“ von Songs ist eine ideale Trainingsmethode, die Melodik, Harmonik und Formenhören gleichermaßen trainiert. Wenn Sie aber zuvor noch ein wenig Anschubhilfe benötigen oder sich mit speziellen Themen beschäftigen wollen, sind die im Folgenden vorgestellten Bücher, Apps und Computerprogramme eine sinnvolle Unterstützung.

Audite Plus ist ein Programm für Windows-Computer, das E-Learning am Rechner mit einem Lehrbuch kombiniert. In sechs Stufen werden dabei Intervalle, Skalen, Akkorde, Kadenzen und mehr trainiert. Das Programm wurde von Capella, bekannt durch die gleichnamige Notationssoftware, in Zusammenarbeit mit dem Schott-Verlag entwickelt. Die Übungen sind in sechs Schwierigkeitsstufen aufgebaut, zu jeder Stufe gibt es einen Abschlusstest. Insgesamt sind 100 Musikdiktate eingebaut, 50 weitere sind Werken der klassischen Musik entlehnt. Interessant ist auch das VST-Plug-in „Tone Creator“, mit dem Obertonstrukturen visualisiert und auch Klänge live gestaltet werden können. Dadurch sollen akustische Phänomene interaktiv erlebbar werden. Das Lehrbuch gibt dazu Tipps. Das Programm kostet regulär 58 Euro und ist bis zum 19.12.2016 zum Einführungspreis von 46 Euro erhältlich.

Das Programm EarMaster im Vertrieb von Klemm Music ist ein Klassiker unter den Gehörbildungsprogrammen und in verschiedenen Ausstattungsvarianten für Windows und Apple-Computer erhältlich. EarMaster 5 Essential wendet sich bevorzugt an Hobby-Anwender und beinhaltet 139 Übungen (110 Standard-, 29 Jazz-Übungen) zu vier Übungsbereichen wie Intervallen, Akkorden und Rhythmen von Klassik bis Rock. Eigene Übungen lassen sich erstellen, außerdem unterstützt die Tutorfunktion bei speziellen Akkorden und Rhythmen. Die Antworten können per Multiple Choice, Notensystemeingabe, MIDI-Keyboard abgegeben und sogar über angeschlossenes Mikrofon eingesungen werden. Mit einem Preis von 29,95 stellt das Programm einen recht preisgünstigen ersten Einstieg in diese Thematik dar.

Die Variante EarMaster Pro6 umfasst 14 Übungsbereiche mit mehr als 2000 Aufgaben und wendet sich an Profimusiker und Musikstudenten. Dementsprechend finden sich hier viele professionelle Funktionen, insbesondere zu Akkordumkehrungen, Akkordverbindungen, Rhythmusdiktaten und auch jazzspezifischen Themen. Hilfreich ist das Programm auch, um die eigenen Fähigkeiten beim Vom-Blatt-Spiel zu verbessern. Die Pro-Version kostet 59,95 Euro, eine 3er-Lizenz 99,95 Euro. Für Musikschulen, Hochschulen, Lehrer und Dozenten ist die Teacher-Variante (69,95) ausgelegt und mit einem Kursverwaltungsmodul ausgestattet. Außerdem gibt es eine Cloud-Funktion, um Schülern bestimmte Kurse oder Aufgaben zuzuweisen, sowie Statistikfunktionen, bei denen die Ergebnisse mehrerer Benutzer in einem Fenster dargestellt werden und so eine bessere Gesamtübersicht ermöglichen. Die spezielle Cloud-Edition kombiniert die Pro und die Teacher-Version in einem preisgünstigen Lizenzmodell und lässt sich auch für überwiegend internet-basierte Kurse sehr gut nutzen. Außerdem eignen sich die Lab-Varianten mit verschieden großen Sammellizenzen für die Installation an Schulen und Instituten.

Auf Intervalle, Melodien und Akkorde konzentriert sich das Programm Auris von Midimaster. Die Schülerversion ist als Download für 19,90 Euro erhältlich (auf USB-Stick für 24,90 Euro). Die Lehrerversion Auris Profi kostet 79,90 Euro. Interessant auch für Apple-User ist das LernPaket (Download für 59,90 Euro), das auch den Score-Trainer zum Notenlesen, einen Rhythmustrainer und das Musikquiz Intermezzo enthält.

Auralia verspricht nicht weniger als die umfangreichste derzeit erhältliche Gehörbildungssoftware zu sein und ist sowohl für das Selbststudium als auch für den Kurseinsatz ausgelegt. Das optische Erscheinungsbild ist sehr gelungen. Als Besonderheit kommen hier auch Audioaufnahmen von Musikstücken zum Einsatz, im Gegensatz zu den oft computergenerierten Klängen anderer Anbieter. Auch bei Auralia findet eine enge Verzahnung von Gehörbildung mit musiktheoretischen Inhalten statt, z.B. der Stufentheorie. Zusätzlich zu Melodik, Intervallen, Akkorden, Akkordverbindungen sowie Rhythmus werden auch mehrstimmige Harmoniediktate angeboten und das Erkennen musikalischer Formen geschult. Auralia ist auf die Lehrpläne verschiedener englischsprachiger Institute abgestimmt und kann auch die Lernzeiten und -Ergebnisse der Studenten an die Lehrer rückmelden. Auf Deutsch ist derzeit die Version 4 erhältlich (99 Euro), auch in einer kostenlosen, unbegrenzt nutzbaren Demoversion, deren Funktionsumfang allerdings eingeschränkt ist. Das musiktheoretische Pendant dazu heißt Musition und kostet ebenfalls 99 Euro. Das Bundle mit Auralia ist für 159 Euro erhältlich. Die Professional- bzw. Teacher-Versionen kosten einzeln 149 Euro, als Bundle 249 Euro. Auch Lizenzmodelle für die Nutzung in der Cloud sind verfügbar. Apple-Benutzer können die Software auch über den App-Store erwerben. Nur auf der englischsprachigen Seite des Herstellers ist schon die Auralia-Version 5 erhältlich.

Kostenlose Tools

Wer unverbindlich und kostenfrei sein Gehör trainieren möchte, kann dies auf der Internetseite www.musikwissenschaften.de tun. Hier wird das Hören von Tonfolgen sowie gleichzeitig und nacheinander gespielten Intervallen trainiert. In Ihrem Webbrowser muss dazu das Flash-Plugin aktiviert sein. Ebenfalls kostenfrei ist Zimsoft Gehörbildung von Frank Zimmermann, das sich an Sänger, Chorleiter oder angehende Musikstudenten wendet. Die Inhalte der Übungen können flexibel angepasst werden, die Ergebnisse werden grafisch ausgewertet. Das Programm ist als Gratis-Vollversion für Windows-Rechner von der Homepage zu beziehen. Auch GNU Solfege ist ein kostenloses Programm für Linux-Computer, das grundlegende und eher mechanische Übungen zum Thema anbietet.

Gehörbildung mit Smartphone oder Tablet

Rising Software bietet einige Inhalte des Programms Auralia auch als „Häppchen“ für iOS-Geräte an –mit folgenden Themen: Intervalle singen, Intervalle erkennen, Skalen, Jazz-Skalen, Akkorde und spezielle Jazz-Akkorde. Die Apps dazu kosten jeweils 1,99 Euro. Eine beliebte und umfangreiche Lösung für Mac, iOS und Android ist Better Ears, das die Themenbereiche Notenlesen und Gehörbildung kombiniert. Der Preis ist mit 14 Euro angemessen, das Thema Rhythmus allerdings unterrepräsentiert. Wer sein Gehör in produktionstechnischer Hinsicht schulen möchte, sollte sich z.B. die App Quiztones zulegen, die vor allem und zielgerichtet das Frequenzenhören trainiert. Die Basisversion dieser App kostet 5 Euro, und es gibt darüber hinaus kostenpflichtige Erweiterungsmöglichkeiten.

Functional Ear Trainer ist eine interessante kostenlose App für Android und iOs, mit der Töne auch im harmonischen Zusammenhang gehört und analysiert werden sollen. Kein pädagogisches Trainings-Tool im herkömmlichen Sinne ist die App Anytune. Es handelt sich hier in erster Linie um einen Audio-Player, der Sie jedoch beim Heraushören und Üben von Songs unterstützt, indem beispielsweise das Tempo variiert wird, die Tonhöhe aber gleichzeitig unverändert bleibt. Mit Hilfe von EQ-Presets lassen sich auch Instrumente isolieren, um die Töne besser hören zu können.

Bücher zur Gehörbildung

Die AMA-Schule der Gehörbildung besteht aus 5 Heften zu je 19,95 Euro. Diese behandeln verschiedene Themen wie Intervalle, Melodiefolge, Akkorde, zweistimmiges sowie Kadenzhören. Das zweibändige Schott Ear Training von Tom van der Geld (35 Euro incl. CD-Rom) ist besonders für den Jazzbereich zu empfehlen und profitiert von der langjährigen Lehrtätigkeit des Autors an den Musikhochschulen Köln und Mannheim. Wer mit einem ausgefeilten Konzept sein Timing stabilisieren will, ist mit dem Inner Pulse Trainer des Schlagzeugers Frank Mellies gut beraten. Die Verbindung aus Lehrbuch und passender App schult nicht nur das Gehör, sondern trainiert ganz nebenbei auch noch die Rhythmusfestigkeit.