Helmut Zerlett im Interview: Ein Musikerleben zwischen Film-, TV- und Live-Musik

Helmut Zerlett kennen viele als Bandleader aus der Harald Schmidt Show, die meiste Zeit widmet er sich jedoch der Filmmusik; zudem ist er in weiteren Projekten aktiv. Im tastenwelt-Interview spricht er über seine Arbeit, seine Instrumente und sein Hobby: klassische Musik.

Helmut Zerlett
Helmut Zerlett (Foto: Nina Bauer)

Herr Zerlett, Sie sind als Bandleader, Keyboarder und Filmkomponist aktiv. Wo sehen Sie Ihr Hauptbetätigungsfeld?

Wenn ich das prozentual aufteilen würde, bin ich 70 Prozent Filmkomponist, 20 Prozent Bandleader und 10 Prozent Keyboarder. Als Keyboarder fühle ich mich bei meinen Live-Sachen, wenn ich mit meiner Band, dem Zerlett-Trio oder dem Quintett, unterwegs bin. Dann bin ich nicht Bandleader, son­dern wir sind mehr oder weniger alle gleich. Bei Harald Schmidt fühle ich mich als Bandleader, weil ich da die Band zusammenhalten, Jingles komponieren und Leute begleiten darf. Die rest­lichen 70 Prozent der Zeit sitze ich in meinem Studio, schaue Filme an und mache Musik dazu.

Was ist das Wichtigste beim Komponieren von Filmmusik?

Das Wichtigste ist, dass man Lust auf den Film hat. Es gibt natürlich auch Auftragsarbeiten, die nicht so spannend sind, aber ich versuche trotz­dem, jedem Film etwas abzugewinnen. Die Filmmusik ist ein sehr spannendes Terrain, weil du in allen Stilrichtungen gefordert bist, die du je in deinem Leben gespielt hast. Vom einfachen Song über ein Space-Elektronik-Produkt bis hin zum Orchesterwerk sind alle Arten gefordert. Wichtig ist, abzuschätzen, was der Film für eine Musik braucht.

Filmmusik ist ja immer auch funktional. Wie frei sind Sie denn dann bei der kreativen Arbeit?

Das hängt sehr von der Art des Films ab und auch von der Produktionsweise. Wenn man mit dem Regisseur zusammen die Musik entwickelt, dann ist das was anderes, als wenn feststeht, dass sich jemand schon etwas Konkretes ausgedacht hat. Ich bin mittlerweile in der glücklichen Lage, dass die Leute wissen, in welche Richtung ich produziere und worin ich gut bin. So bekomme ich oft Sachen angeboten, die schon in meine Stilrichtungen gehen. Auch wenn ich natürlich breit gefächert bin, habe ich eine eigene Handschrift, und die passt nicht zu jedem Film.

Was macht gute Filmmusik aus?

Gute Filmmusik sollte den Film unterstützen und nicht von ihm ablenken. Die Funktionalität steht relativ im Vordergrund, obwohl man da schnell den Eindruck bekommen könnte, es wäre keine Emotion im Spiel. Gerade durch die Musik wird‘s ja oft sehr ergreifend. Wenn das Bild nicht genug Gefühl transportiert, kann man das mit Musik sehr emo­tio­nalisieren. Umgekehrt gilt: Wenn es im Bild vielleicht zu kitschig ist, kann die Szene durch eine kühle oder klare Musik unheimlich an Anspruch gewinnen.

Was ist anders bei Filmmusik, die man auf Konzerten oder zum Beispiel auf CDs hören kann?

Filmmusik funktioniert vorrangig zusammen mit dem Bild. Dafür ist sie gemacht. Es gibt auch Auskopplungen, von denen ich ein großer Fan bin: Komponisten wie Ennio Morricone, John Willi­ams, Jerry Goldsmith, Nino Rota, Miklós Rózsa zum Beispiel kann ich mir auch wunderbar ohne die Filme anhören. Es gibt jedoch ein paar Tonträger, die ohne den Film nicht so gut funktionieren.

Man hört, Sie setzen sich auch für Nachwuchsfilmkomponisten ein.

Ja, in der Tat. Mit anderen Kollegen zusammen gründen wir die Deutsche Filmkomponistenunion (www.defkom.de). Für einen jungen Komponisten ist es sehr schwierig, sich in der Welt der Filmmusik auf Anhieb zurechtzufinden. Die Branche ist halt auch kein Kinder­spielplatz. Deshalb haben wir jetzt einen Verein gegründet, an den man sich mit Fragen wenden kann, der sich auskennt, und der im Zweifelsfall auch den passenden Beistand besorgen kann.

Ist Ihre Konzerttätigkeit ein Ausgleich zur Filmmusik oder etwas grundsätzlich anderes?

Man könnte den Eindruck bekommen, dass es aufgrund der prozentualen Aufteilung weniger wert wäre, aber das ist nicht so. Die Wertigkeit ist bei mir absolut gleich: Da bekommt die Live-Musik ein Drittel, der Bandleader ein Drittel und die Filmmusik ein Drittel. Das ist ja das Schöne an meinem Beruf, dass es immer sehr viel Abwechslung gibt.

Wie sieht es mit den Einsätzen der Showband bei Harald Schmidt aus? Die haben ja auch eine Funktion. Ist die vergleichbar mit Filmmusik?

Die Tätigkeit bei Harald Schmidt hat ganz andere Herausforderungen als Filmmusik, weil man ja keine Szene untermalt. Man macht Einwürfe oder Jingles, die speziell auf eine Situation ausgerichtet sind. Bei Harald Schmidt muss man im richtigen Moment live etwas aus dem Hut zaubern, wohingegen man bei der Filmmusik zig mal immer wieder neu probieren kann.

Sie haben Orgel und Klavier gelernt.

Ja, ich habe an der Orgel angefangen. Das erste Modell war eine Farfisa, dann kam aber bald eine Hammond L100. Später habe ich auch Unterricht an der Kirchenorgel gehabt. Klavier gelernt habe ich bei einer Professorin des Kölner Konservatoriums. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, klassische Komponisten zu interpretieren, aber mein Herz schlug mehr für die Komposition eigener Werke. Das merkte natürlich auch meine Lehrerin nach einiger Zeit und fragte mich eines Tages, ob ich denn zukünftig eher produktiv oder reproduktiv tätig werden wolle. Für mich war die Sache eindeutig: Schon mit 13, in meiner ersten Band, wollte ich lieber komponieren als nachzuspielen, was in den Charts war.

Würden Sie eines der Instrumente als ihr Hauptinstrument bezeichnen?

In meiner Funktion als Keyboarder und Bandleader stehen natürlich die Tasten im Vordergrund. Im Moment ist das SV-1 von Korg eines meiner Favo­riten, vor allem wegen der sehr guten Vintage-Klänge und des brauchbaren Flügels, den ich gerne verfremdet mit Leslie-Effekt einsetze – so ähnlich wie bei Pink Floyd. Wenn es machbar ist, spiele ich natürlich gerne eine Hammond-Orgel, wobei ich selten einen Klon verwende. Es gibt zwar mittlerweile recht gute, aber wenn es die Produktion zulässt, spiele ich am liebsten auf einer B3.

Helmut Zerlett im Studio
Rund 70 Prozent seiner Zeit widmet Helmut Zerlett in seinem Studio der Komposition von Filmmusik. Bandprojekte sind für ihn aber genauso wichtig. (Foto: Nina Bauer)

Was macht die Faszination der Hammondorgel aus?

Das ist das Instrument, mit dem ich groß geworden bin. Ich habe mit sieben angefangen, auf Orgeln herumzuklimpern, und als ich neun oder zehn war, hatte mein Vater bereits besagte Hammond. Die Arbeit mit den Zugriegeln und dem Leslie sind mir dadurch in Fleisch und Blut übergegangen. Ich habe zwar auch die Software-Orgel B4 von Native Instruments und einen Zugriegel-Controller von Böhm, aber es ist nie ganz dasselbe. Eine alt-ehrwürdige Orgel hat halt ihren eigenen Charme.

Gibt es weitere elektronische Klangerzeuger, die Sie zu Ihrem Standard-Instrumentarium zählen?

Ich habe mir vor einem Jahr einen Moog Taurus zugelegt (Basspedal-Synthesizer, Anm.d.Red.), um die Basstöne damit spielen zu können. So habe ich natürlich noch mehr Freiheit, weil ich selber den Bass in der Hand oder besser „im Fuß“ habe – gerade wenn es um Moment-Kompositionen geht, die ich mit meinem Zerlett-Quintett mache. Da kann ich mit meinem Taurus-Fußbass direkt die Grundharmonien setzen.

Wir haben gehört, Sie spielen in Ihrer Band jetzt mit einem Säulen-PA-System. Mit welchem?

Elements von HK Audio. Die ist wie maßgeschneidert für mich. Als man mir davon erzählte, war ich erst einmal vom Design beeindruckt. Mir gefällt, dass man nicht so eine klobige Anlage rumschleppen muss. Trotzdem kann man einen richtig guten, lauten HiFi-Klang erzeugen. Gerade, wenn man mit Synthesizer-Bass arbeitet, muss die Anlage schon einige Bässe vertragen können. Da wir teilweise mit Instrumenten wie Vibrafon und Schlagzeug arbeiten, ist eine gute Anlage von Nöten. Ich kenne kaum eine Anlage, die bei so kleinen Abmessungen so ein fettes Brett liefert, wie die Elements von HK Audio.

Kommt die Anlage bei all Ihren Bandprojekten zum Einsatz oder nur bei bestimmten?

Das ist ja das Schöne an Elements, dass man die Anlage den Bedürfnissen anpassen kann. Mal kann ich mehr mitnehmen und mal weniger. Die Boxen sind mittlerweile bei meinem Tontechniker fest im Lager, und sobald er weiß, was für ein Konzert ansteht, bringt er dementsprechend die Sachen mit. Wenn wir zum Beispiel bei einem Präsidenten im Garten spielen, dann reicht das für uns gleichzeitig auch als Monitoranlage. Wenn wir in einem größeren Club spielen, hängen wir einfach noch ein paar Bassboxen dran.

Sie sagen es: Sie haben einen Techniker, der sich um die Beschallung kümmert. Haben Sie sich selbst auch mit der Materie auseinandergesetzt?

Als ich von der Anlage hörte, habe ich mich mit den Leuten von HK Audio zusammen gesetzt und mir alles erklären lassen. Ich fand das System schon wegen der Optik interessant. Als ich es gehört hatte, hat mich auch der Sound überzeugt. Denn was nützt die beste Optik, wenn kein guter Sound raus kommt? Wenn beides zusammenpasst, finde ich das optimal.

Gehen all Ihre Bandprojekte stilistisch in eine ähnliche Richtung?

Das würde ich nicht sagen. Das Trio steht mehr für eine leichtere Gangart, das Quintett hat eine ganz eigene Richtung mit einer etwas tiefer gehenden, freieren Musik. Aber auch das ist abhängig vom Gig, den wir gerade spielen, denn unsere Musik beinhaltet auch viele improvisatorische Elemente.

Welchem musikalischen Stil fühlen sie sich am meisten verbunden?

Es war die Gruppe Can, die mich zu dieser Art des Musizierens hingeführt hat, deswegen bin ich auch zu Can gegangen. Sprich: Jaki Liebezeit war einer meiner Lehrmeister. Auch Holger Czukay. Ich habe mit Michael Karoli in Südfrankreich gespielt. Irmin Schmidt bewundere ich auch heute noch sehr, weil er die Brücke zur Filmmusik geschlagen hat. Grob gesehen sind Can meine Roots.

Gibt es Tastenvirtuosen aus anderen Bereichen, die Sie für Ihr eigenes Schaffen geprägt haben?

Ja natürlich: Es gab eine Welle mit Emerson, Lake and Palmer, als ich Keith-Emerson-Fan war. Später dann Herbie Hancock und Chick Corea. Die Musik von Miles Davis hat mich immer sehr inspiriert, auch Keith Jarrett. Ich bin aber auch sehr begeis­tert von den bekannten Salsa-Pianisten. Fania All-Stars war zum Beispiel eine Formation, die ich viel gehört habe und die mich auch sehr geprägt hat. Sowie Greg Rolie und Tom Coster von Santana, die für mich fast noch die wichtigsten Einflüsse auf der Hammond waren.

Wie steht es um die klassische Musik, die sicher Bestandteil Ihres Orgelunterrichts war?

Die Kirchenmusik hat mich stark beeindruckt und zeigt auch nachhaltige Wirkungen. Gerade die Musik von Johann Sebastian Bach spiele ich immer wieder gerne. Das ist für mich so eine Art Hobby, klassische Musik zu spielen und auch auswendig zu lernen. Wenn man nicht gut drauf ist und man spielt ein paar Stücke von Bach, dann kommt man auf einmal in eine ganz andere Welt. Das hilft mir sehr, weil es eine sehr spirituelle Musik ist, die das Herz erhellen kann. Ich habe die Musik auch früher schon gerne gespielt.

Können Sie aus der klassischen Musik auch etwas für Ihre moderne Musik ableiten?

Sogar sehr viel: Ich habe vor fünf Jahren bei Andreas Weidinger und Frank Heckel, beides erfolgreiche Komponisten und Dirigenten aus München und Frankfurt, angefangen, orchestrieren zu lernen und sehr viele Sinfonien, zum Beispiel von Gustav Mahler, gelesen, studiert und analysiert – und auch selbst nachorchestriert : Wie machen die das mit dem Hauptthema? Die Melodie beginnt zum Beispiel in den ersten Geigen, wird dann von den Fagotten weiter getragen usw. Die klassische Musik ist für mich eine große Inspirationsquelle. Je mehr Filmmusik ich mache, desto mehr komponiere ich auch für Orchester. Die Orchestermusik ist in der so genannten klassischen Musik schon sehr perfektioniert. Das heißt aber nicht, dass man da nichts Neues mehr machen kann. Vor allem aber kann man aus der klassischen Musik sehr viel lernen, um in der modernen Musik Bestand zu haben.

Spielen Sie noch auf echten Kirchenorgeln?

Auf einer echten Kirchenorgel habe ich schon länger nicht mehr gespielt, würde ich aber gerne mal wieder machen. Das letzte Mal habe ich auf der Orgel im Ulmer Münster gespielt. Das war schon sehr erhebend – und so hoch, dass mir fast schwindelig wurde. Alleine der Weg hoch zur Orgel war schon abenteuerlich.

Gibt es hier auch einen Kanal in Ihre Band-Tätigkeit und wirkt sich dieses Wissen aus der klassischen Musik darauf aus, wie Sie Band-Arrangements gestalten?

Ja, manchmal auch. Nur: Wenn ich mit der Band arbeite, arbeite ich natürlich mit anderen Leuten zusammen. Wenn ich komponiere, bin ich allein derjenige, der quasi alles erfindet. Wenn ich mit der Band zusammenspiele, lasse ich allen so viel Freiraum, dass jeder seinen Part selber konstruieren und arrangieren kann, so dass man das nicht direkt übertragen kann.

Bei der Band zählt also mehr das Miteinander, und im Zweifel weiß der Instrumentalist selbst besser, was sein Instrument kann, als der Bandleader. Richtig?

Wenn ich ein Stück komponiere, bei dem eine Wah-Wah-Gitarre dabei ist, muss ich dem Gitarristen nicht explizit jeden einzelnen Ton aufschreiben. Wenn ich für eine Band komponiere, weiß ich ja, wer was gut kann und wie er spielt. Die Musiker habe ich dann schon vor Augen. Wenn ich dann einen Basslauf mache, sehe ich den Bassisten schon, wie er den spielt. Da muss ich dem das nicht noch groß erklären.

Wie läuft das zum Beispiel bei Harald Schmidt? Schreiben Sie den Musikern Noten auf oder bekommen die Lead-Sheets?

Leadsheets sind für die meisten Musiker, die Bläser brauchen allerdings immer aufgeschriebene Noten. Das mache ich entweder selbst oder zusam­men mit dem Saxofonisten oder dem Trompeter. Bläser brauchen immer etwas Aufgeschriebenes, sonst fühlen die sich unsicher.