Pianist und Keyboarder Christopher Noodt im Interview: Auf der Bühne zu Hause

Christopher Noodt steht als Keyboarder mit verschiedenen Bands bis zu 140mal pro Jahr auf der Bühne. 2016 war er auf „Tape“-Tour mit dem Sänger Mark Forster. Im Interview mit Karl Stechl erzählt er, wie man als Auftrags-Keyboarder im Geschäft bleibt.

Wie bereiten Sie sich auf ein Konzert vor?

Das hängt davon ab, wie viel künstlerischen Freiraum das Songmaterial bietet. Manchmal hat man Vorgaben, die sehr genau umzusetzen sind, dann wieder etwas grober gefasste Ideen, bei denen es mehr Interpretationsspielraum gibt. Bei Mark Forster arbeiten wir sehr detailliert an den Arrangements. Dabei spielen auch die Sounds eine wichtige Rolle. Wir hatten auch das Glück, dass wir für die Festivals im Sommer vier Wochen Zeit hatten, um intensiv zu proben. Ein Großteil dieser Vorbereitung kommt uns jetzt auf der Tour zugute.

Wie erleben Sie Ihre Arbeit bei Mark Forster?

Vor allem macht es irrsinnig viel Spaß, in dieser Konstellation Musik zu machen. Wir sind mittlerweile zu acht auf der Bühne, da ist es eine Voraussetzung, dass jeder seinen Part exakt spielt und nicht jeder Freistil macht. Die Arrangements sind sehr konkret, und wir sind stolz darauf, dass das so gut funktioniert. Hauptsächlich stammen die Arrangements von Daniel Nitt, dem Musical Director der Band.

Der kennt die Songs vermutlich aus dem FF ...

Ja, und weil das so ist, weiß er auch, was bei der Vielzahl an Spuren auf dem Album für die Live-Performance wichtig und was verzichtbar ist. In diesem Sommer neu dazugekommen sind drei Bläser, die auch viel von dem übernehmen, was auf der Platte ist, sich aber auch einiges dazu ausgedacht haben. Jeder Musiker ergänzt und bereichert durch seine Erfahrung und sein Know-how die Arrangements.

Ist also nicht der ganze Keyboard-Part vorgegeben?

Nein, überhaupt nicht. Es gibt z.B. Songs mit Streicher-Arrangements, bei denen wir eine Umsetzung exakt wie auf dem Album anstreben. In vielen Fällen geht das aber auf den Keyboards gar nicht. Und wenn man noch so gute Samples verwendet: Man muss irgendwie versuchen, den Part spielbar zu machen. Das Wichtigste ist, die Idee des Songs zu transportieren – nicht an den Vorgaben kleben, sondern das Ding lebendig machen.

Wenn Sie in einer neuen Band spielen, bekommen Sie dann Noten, Leadsheets, MP3s oder ähnliches?

Das ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Wirklich ausnotierte Parts kenne ich eher aus dem Musical-Bereich, aber in der Popmusik ist das sehr selten. Häufiger bekommt man das MP3, und da guckt man eher, dass man den Sounds sehr nahe kommt. Schließlich sind die Sounds in vielen Fällen das Signature-Kriterium – das, worauf es oft mehr ankommt, als auf die Noten an sich.

Wie meinen Sie das?

Da geht’s nicht in erster Linie darum, dass du einen Akkord in einer bestimmten Umkehrung spielst, sondern dass du den Akkord mit dem passenden Sound spielst – im besten Fall auch in der richtigen Umkehrung. Der Sound ist auf jeden Fall vorrangig. Ansonsten ist alles sehr abhängig vom Künstler, von der Musikrichtung. Da ich sehr unterschiedliche Sachen mache, auch stilistisch, ist das eine enorme Bandbreite. Sie reicht von „hier ist die Partitur, 16 Seiten, guck’s dir an“ bis hin zu: „Wir haben noch gar keine Songs, die jammen wir dann bei den Proben zusammen.“

In welcher Band haben Sie sich in besonderer Weise verewigt? Zum Beispiel bei den Ohrbooten?

Ja klar, da habe ich einen hohen kreativen und kompositorischen Anteil am Material der Band. Ende 2012 habe ich die Band nach knapp zehn Jahren verlassen, und die spielen natürlich immer noch viele von den Titeln, dich ich mir damals mit denen zusammen ausgedacht habe. In letzter Zeit habe ich viel fürs Theater geschrieben, für Comedy und Kleinkunst, auch einige Popsongs. Ich verteile meine Ideen bunt durch die Weltgeschichte.

Sie waren mit Prominenz auf der Bühne, z. B. mit David Allan Stewart, dem Kopf der Eurythmics?

Ja, da bekam ich auch das Material als MP3 zugeschickt. Noten gab’s keine, vielleicht hier und da ein Leadsheet. Das war eine enorme Fülle an Songs, sehr breit gefächertes Material. Ein Auftritt im Rahmen der Arte Lounge in Berlin, 90 Minuten Konzert, aber Material für drei Stunden. Da bereitest du dich so vor, dass du hingehen und das Ganze komplett anbieten kannst.

Und dann?

Am Ende des Tages haben wir gemerkt, dass Dave Stewart es mag, auf der Bühne zu improvisieren, Sachen umzuwerfen, die vorher mal irgendwie geplant waren. Aus dem Nichts mit einem Song anzufangen, der gar nicht auf der Liste steht. Da wird dann aus dem Moment heraus Musik geboren. Auch ich bin ein sehr intuitiver Mensch, der großen Spaß am Improvisieren auf der Bühne hat.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Dave Stewart?

Das ging über einen Bekannten, der den Kontakt hergestellt hat, weil Dave Stewart nach Berlin kam und sich Musiker gesucht hat. Stewarts Philosophie ist es, ständig mit neuen Musikern zusammen zu spielen. Er ist der Meinung, dass eine feste Band, die immer das gleiche Programm spielt, irgendwann an Dynamik und Drive verliert, die Leute mitzureißen. Er mag Menschen, die auf der Bühne wach sind und Spaß daran haben, sich auf etwas Neues einzulassen. Auf der Bühne stand eine Riesenband, die noch nie zusammen gespielt hatte. Das Ganze entwickelte eine unbändige Kraft dadurch, dass wir alle nicht so richtig wussten, was passieren würde an dem Abend.

Wie kommt man als Auftragsmusiker so gut ins Geschäft, wie das offenbar bei Ihnen der Fall ist?

Es gibt sicher verschiedene Komponenten – z. B. zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Es ist aber auch die Bereitschaft, sich auf die Mitmusiker, auf die Situation, einzustellen und eine soziale Kompetenz mitzubringen, die es einem ermöglicht, mit den Bandkollegen Spaß zu haben und ernsthaft und kritisch arbeiten zu können. Nicht weniger wichtig ist es aber, dass man gut mit den Leuten klarkommt.

Was hat Sie dahin gebracht, wo Sie heute stehen?

Im Schnelldurchlauf: Zuerst war es die Begeisterung für Musik. Ich hab’ viel gesungen als Kind, auch in verschiedenen Chören. Mit sieben habe ich angefangen, Klavier zu spielen und das dann in der Pubertät genutzt, um mir selber Beatles-Songs beizubringen, zu improvisieren, mir Stücke auszudenken. Dann kam die erste Schülerband. Damals habe ich angefangen, Bass zu spielen.

Haben Sie Musik studiert?

Nein, nicht wirklich. Ich habe Musikwissenschaft studiert, aber nicht abgeschlossen. Allerdings war der Popkurs in Hamburg („Kontaktstudiengang Popularmusik“ an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, Anm.d.Red.) für mich eine der wichtigsten Initialzündungen. Das hat mir Türen geöffnet. Viele Kontakte, von denen ich heute noch profitiere, gehen darauf zurück, obwohl das schon 14 Jahre her ist. Das ist also eine Empfehlung, die ich unbedingt aussprechen kann für jeden Musiker, der daran interessiert ist, in der deutschen Popmusikszene Fuß zu fassen.

 

Kann man sich als Auftragsmusiker so etwas wie einen eigenen Musikgeschmack leisten?

Sicher! Ich glaube, das ist sogar eine Voraussetzung dafür, dass man langfristig im Spiel bleibt. Jeder Musiker, auch wenn er Auftragsmusiker ist, hat seinen eigenen Stil, seine eigene Handschrift, seine eigene Identität. Und die ist von Auftraggebern meistens auch gewollt. Nach dem Motto: Lasst uns mal den oder den Keyboarder fragen, der ist genau der richtige für uns. Dass es unzählige andere gibt, die auch in der Lage wären, das Material zu spielen, ist klar.

Aber man wird sich den suchen, der am besten ins Gesamtkonzept passt ...

Genau! Es ist schon wichtig, dass man für eine bestimmte Stilistik steht. Man ist eben auch nicht für jede Band, für jede Musikrichtung oder jedes Team perfekt geeignet. Es gibt Bands, in die man sich optimal einfügt und die man gut bedienen kann. Deshalb glaube ich, dass die eigene Identität, die eigene Künstlerseele, eine Band wirklich bereichern kann. Wenn du nur Leute hast, die „abdrücken“ aber nichts dabei fühlen, dann wird sich das im Gesamtergebnis bemerkbar machen.

Lassen sich Ihre persönlichen musikalischen Präferenzen näher definieren?

Mich interessieren Grenzgänge im weitesten Sinne. Wenn es nur Bebop ist, schalte ich schnell ab. Aber wenn ich merke, da geht es z.B. um Dubstep mit Bebop-Elementen, dann wird’s interessant. Also immer dann, wenn sich vermeintlich nicht-kompatible Stile miteinander mischen oder wenn schamlos Grenzen überschritten werden – das mag ich. Da gibt es kaum stilistische Grenzen, aber es muss auf jeden Fall die Liebe zum Detail geben. Was ich weniger mag, ist reine Formatmusik.

Wie oft standen Sie im letzten Jahr auf der Bühne?

Ich spiele 120 bis 140 Konzerte pro Jahr.

Damit kann man wohl schon eine Familie ernähren, was viele Musiker nicht schaffen ...

Das Glück, dass das bei mir funktioniert, ist nicht auf Lebenszeit gepachtet. Popmusik ist eine Kultur der jungen Menschen, da will oder kann man mit 60 nicht mehr unbedingt teilhaben. Deshalb ist es für mich als Keyboarder ein Glück, dass es verschiedene Betätigungsfelder gibt.

Sie verwenden einen Sledge Black Edition. Seit wann spielen Sie Synthesizer dieser Reihe?

Den Sledge benutze ich seit der „Bauch-und-Kopf“-Tour mit Mark Forster. Kurz vor der Tour habe ich den Sledge entdeckt und dann auch gespielt. Ich habe einen Synthesizer gesucht, der zwei analoge Kisten von mir ersetzen konnte. Der Sledge hat mich auf Anhieb begeistert.

Was hat Ihnen daran besonders imponiert?

Dass er von der Architektur her sehr übersichtlich ist, nahe am Minimoog, was den Aufbau der Klangerzeugung anbelangt. Ich mag es, wie sich der Sledge anfühlt, die Haptik und die Vielzahl der Regler. Und natürlich schätze ich den Sound, der ist wirklich stark, auch „mix-dienlich“, wenn man das so sagen kann: Ordnet sich bestens in den Bandkontext ein.

Was kann die Neuauflage des Sledge noch besser?

Sie hat jetzt den LFO-Sync und gute 6 dB mehr Output. Die Tastatur ist ein wenig schwergängiger und bietet den Fingern mehr Widerstand, was mir entgegen kommt.

Schrauben Sie gerne an Sounds oder darf’s auch mal ein Preset sein?

Ich arbeite kaum mit Presets und deshalb auch selten mit Workstations. Im Theater-Kontext kommt das schon mal vor, weil man da auch mal schnell ein Patch anbieten möchte. Im Popmusik-Umfeld verwende ich als Schaltzentrale meines Setups grundsätzlich den Nord Stage. Ich suche mir die Sounds, die ich brauche und überlege, welcher Klangerzeuger sich als Ergänzung eignet. In vielen Fällen reicht für mich das Setup aus Nord Stage und Sledge, um fast alles abdecken zu können.

Auch bei der Mark-Forster-Tour?

Bei Mark Forster habe ich noch eine alte Philicorda, eine Heimorgel von 1968, auf der Bühne – weil wir festgestellt haben, dass es gut ist, solche alten Kisten einzubeziehen.

Als Reminiszenz an alte Zeiten?

Auf jeden Fall, weil es auf das limitiert ist, was es kann – denn das kann es wirklich gut. Sein Sound spendet Wärme und die passende Dosis an Vintage-Charme. Der Signal der Philicorda wird bei uns durch ein paar Electro-Harmonix-Effekte geschickt, damit kann man schon echt lustige Sachen machen. Außerdem gibt es noch den Moog Little Phatty, der hauptsächlich für die Basslines da ist, wenn der Bassist Gitarre spielt. Und dann verwende ich noch MainStage auf dem Mac Book mit einer Apollo-Karte, hauptsächlich für die ganzen Orchester- und Streichersounds.

Eine gesunde Kombination aus Hard- und Software auf der Bühne – so heißt die Devise?

Ja, das Beste aus allen Welten, würde ich sagen.

Wie halten Sie es mit dem Thema Submixing. Haben Sie einen eigenen Keyboard-Mixer?

Bei Mark Forster nicht. Vier Hardware-Kisten plus Software-Klangerzeuger, das sind schon einige Signale, dazu kommen meine Vocals, meine Akustikgitarre und mein Bass. Wenn ich da mit einem Submix käme, würde ich dem Tonmischer nur die Arbeit schwer machen. Wir arbeiten hier mit SSL-Digitalpulten, da stehen genug Kanäle zur Verfügung. Und wir haben einen fantastischen Tonmann, Tilman Hopf, der das alles unter Kontrolle hat. Anders würde es auch nicht funktionieren.

Sind Sie generell gegen Submixer?

Ich mag es eigentlich nicht, mit Submixes zu arbeiten. Ich denke, es gibt Fälle, wo es ratsam sein kann – immer dann, wenn man wenig Zeit hat beim Soundcheck, wenn das Material unbekannt ist und man keine Zeit hat für die Vorbereitung. Dann kann es gut sein, die Sounds gut gelevelt als Stereosumme dem Mischer anzubieten.

Haben Sie als Musiker noch unerfüllte Wünsche?

Gut, im Stadion habe ich schon gespielt, aber das kann man ja auch öfter haben. Und ich bin gespannt auf neue Begegnungen.

Künstler, mit denen Sie gerne mal zusammenarbeiten würden?

Ich bin im Moment ein Riesenfan von Lianne LaHavas. Das ist eine britische Singer-/Songwriterin, nicht besonders bekannt, war aber gerade als Support für Coldplay unterwegs. Die höre ich seit vielen Jahren sehr gerne – für mich ist sie eine der größten Künstlerinnen überhaupt. Mit der mal zusammen zu spielen, hätte ich wirklich Lust.

Und sonst?

Es gibt ja auch Wünsche, von denen man noch gar nichts weiß. Manchmal kommen Dinge auf einen zu, mit denen man nicht gerechnet hat und man merkt: Oh, das ist ja plötzlich super spannend! Was ich damit sagen will: Wenn du aufhörst, Wünsche und Ziele zu haben, wirst du wahrscheinlich keinen Spaß mehr an deinem Job haben. Ich bin sehr neugierig auf alles, was in den nächsten Jahren und Jahrzehnten bei mir noch passieren wird. Diese Neugierde ist elementar wichtig.