Jazzpianist und Dirigent Jim McNeely im Interview: Mit der Zeit gehen

Jim McNeely, Jazzpianist aus Chicago, ist Chefdirigent der hr-Bigband des Hessischen Rundfunks in Frankfurt. Wir haben mit ihm über seine Arbeit und die aktuelle Bigband-Szene gesprochen.

Sie leben in New York und sind seit 2011 Chefdirigent der hr-Bigband. Wodurch unterscheiden sich heutzutage deutsche und amerikanische Bigbands?

Ehrlich gesagt gibt es gar nicht mehr so große Unterschiede wie noch vor 30 bis 40 Jahren. Es gibt heute viele hochkarätige Bigbands in Europa, die mit den US-Bands mithalten können. Ein wichtiger Unterschied ist, dass sich europäische Ensembles eher einem vielfältigen Stilmix verschreiben, wohingegen sich amerikanische Bigbands eher auf einen bestimmten Stil oder einen Komponisten konzentrieren.

Wie oft sind Sie in Frankfurt?

Ich bin etwa sechsmal im Jahr in Frankfurt – manchmal für fünf bis sechs Tage, manchmal auch für zwei Wochen. Meistens bin ich in Deutschland in der Zeit von Oktober bis Mai. Im Sommer macht eine Rundfunk-Bigband auch zwei Monate Ferien.

Sie haben als Pianist und Komponist für verschiedenste Besetzungen gespielt und komponiert. Was macht den Reiz der Bigband-Besetzung aus?

Mit einer Bigband hat man viel mehr Klangfarben als in anderen Besetzungen. In der hr-Bigband spielen die Saxofonisten auch alle Querflöte und Klarinette, dazu kommt das ganze Blech, sodass einem vielfältige Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Außerdem hat eine Bigband viele verschiedene Solostimmen. Manche sind kraftvoll, manche eher lyrisch. Es ist so wie bei einem Maler, der viele Farben zur Verfügung hat.

Sie sind bekannt für Ihre Crossover-Projekte. „Primal Colors“ etwa ist ein großes Orchesterwerk, „Rituals“ eine Hommage an Igor Strawinsky für die hr-Bigband und das hr-Sinfonieorchester. Was bedeutet es für Sie, musikalische Grenzen zu überschreiten?

Ich finde es eher natürlich, diese Grenzen zu überschreiten. Kein Mensch will immer nur in seiner Region, seinem Land bleiben. Jeder ist doch neugierig, wie es beim Nachbarn aussieht, und dazu muss er eben Grenzen überschreiten. Und auch wenn man seine Wurzeln in einem musikalischen Stil hat, ist es doch natürlich, neugierig zu sein, Neues kennenzulernen und eben auch Kombinationen herzustellen aus dem, was man kennt und neu kennengelernt hat.

Wie sehen die Proben mit der Bigband aus?

Normalerweise probe ich mit der ganzen Band. Wir spielen ein neues Stück erstmal „prima vista“, um es kennenzulernen. Dann nehmen wir uns einzelne Passagen vor, bestimmte Stellen, an denen wir gezielt feilen. Am Ende werden diese Stücke dann wieder zusammengesetzt. Natürlich gibt es auch Satzproben mit Saxofonen, Posaunen etc. Die proben dann in getrennten Räumen ihre Stimmen.

Sie schreiben die meisten Arrangements selbst – worauf legen Sie besonderen Wert?

Ich versuche zunächst einmal, die Seele des Stückes zu finden. Das ist das Wichtigste überhaupt, und es dauert manchmal auch ein wenig. Ich überlege mir, was ich mit einem Song sagen will. Außerdem muss man auch an die Solisten denken, wie sie sich in das Arrangement einfügen und wie sie mit ihren Eigenheiten zur Geltung kommen.

Auf welchem Piano spielen Sie am liebsten?

Ich bevorzuge seit langem Steinway-Flügel – Steinway ist für mich die Mutter aller Flügel. Ich habe auch viele E-Pianos gespielt, Keyboards, Fender Rhodes und Synthesizer und hatte Spaß mit den unterschiedlichsten Klangfarben. Trotzdem: Steinway hat einfach tolle Instrumente.

Sie haben mit Jazz-Größen wie Chet Baker, Stan Getz und Joe Henderson als Pianist zusammengespielt. Welche Musiker haben Ihren eigenen Stil am meisten geprägt?

Einen großen Einfluss hat Stan Getz auf mich ausgeübt. Als ich jung war, habe ich viele der großen Jazzpianisten gehört wie Winton Kelly, Bill Evans oder Thelonious Monk. Das sind zum Teil sehr unterschiedliche Musiker, aber sie haben mich alle stark geprägt.

Sie haben einmal gesagt, Sie wollten bei der Arbeit mit der hr-Bigband die Vergangenheit ehren, der Gegenwart eine Stimme geben und die Zukunft gestalten. Was meinen Sie damit genau?

Viele große Musiker waren vor uns da, und wir stehen jetzt, wo wir stehen, weil es sie gab. Es ist wichtig, sie nicht zu vergessen und sie zu ehren. Gleichzeitig kannst du nicht nur zurückschauen und in der Vergangenheit leben, sondern musst als Musiker deine eigene Stimme, deinen eigenen Stil finden. Das ist wichtig. Und du musst auch nach vorne schauen, wo der Weg hingehen soll. Das gilt für Solisten genauso wie für eine ganze Bigband. Die Zeiten ändern sich, und wir sollten uns mit dieser Zeit ändern und nicht in der Vergangenheit stehen bleiben.

Der Komponist Bob Brookmeyer hat einmal über Sie gesagt, was auch immer der nächste Schritt in der Musik sei, er glaube fest daran, dass Jim McNeely derjenige sein werde, der ihn gehe. Was mag er damit gemeint haben?

Das war sehr nett von ihm (lacht). Ich war recht jung, als er dies sagte, und er glaubte damals an mich und an die Ideen, die ich hatte, wohin Musik sich entwickeln sollte. Er glaubte wohl, ich könnte einige gute Impulse auf dem Weg in die Zukunft beisteuern.

Ist angesichts leerer Kassen die Bigband eine Dinosaurier-Besetzung, die langsam aus der Musikwelt verschwinden wird?

Ich hoffe, dass die Bigband-Idee noch eine möglichst lange Zeit überdauern wird. Die Budget-Töpfe werden natürlich immer kleiner. Um in dieser Zeit als Bigband zu überleben, brauchst du eine künstlerische Daseinsberechtigung. Es reicht nicht, einfach nur Tanzmusik oder Swing-Nummern zu spielen. Eine Bigband muss sich auch mit der aktuellen und zeitgenössischen Musik auseinandersetzen – so, wie wir es in einigen Projekten getan haben. Wir müssen mit der Bigband in neue Bereiche vordringen, sonst enden wir wirklich als Dinosaurier. Solange wir vital und innovativ sind in Sachen Stilistik und Spielweise, werden sie am Leben bleiben. In den USA gibt es dieselbe Diskussion bei den Sinfonieorchestern. Auch hier reicht es eben nicht, einfach nur Tschaikowski zu spielen, sondern auch die Orchester müssen neue Wege finden, um für das Publikum interessant zu bleiben.