Interview mit Heiko Kremers: Über die Eigenständigkeit von Digitalpianos

Heiko Kremers von Roland ist der Meinung, dass ein Hersteller nicht in der Klavierbautradition verwurzelt sein muss, um exzellente Digitalpianos zu entwickeln. Zudem sind die Begriffe „digitale Klangerzeugung“ und „Konzertsaal“ für ihn kein Widerspruch. Im Interview mit Karl Stechl begründet er seine Thesen.

Heiko Kremers

Die Firma Roland hat nie akustische Klaviere gebaut. War das für die Entwicklung hochwertiger Digitalpianos ein Hindernis?

Nein, auf keinen Fall. Bereits 1973, also ein Jahr nach der Firmengründung, haben wir mit dem EP-10 unser erstes elektronisches Piano auf den Markt gebracht, und ein Jahr später war Rolands EP-30 das weltweit erste elektronische Piano mit anschlagdynamischer Tastatur. Roland hat von Anfang an die Entwicklung elektronischer beziehungsweise digitaler Pianos maßgeblich geprägt.

Gut, stellen wir die Frage anders: Was waren für Roland die größten Herausforderungen beim Bau von Digitalpianos?

Die Herausforderung lag im Gehäusebau, weil wir nicht auf die Erfahrungen einer Klavierbau-Abteilung zurückgreifen konnten, sondern hier von Grund auf beginnen mussten. Unsere „Ungebundenheit“ ist für uns aber eher ein Vorteil, weil wir uns völlig frei unsere klanglichen Vorbilder innerhalb der weltbesten Konzertflügel suchen konnten, um daraus den eigenen Roland-Klavierklang zu entwickeln.

1975 brachte Roland mit dem HP-860 das erste Digitalpiano im Holzgehäuse auf dem Markt. Wie hat sich das Image von Home­pianos aus Ihrer Sicht seitdem verändert?

Das HP-860 hat das Erscheinungsbild konventioneller Homepianos bis heute geprägt, und viele Digitalpiano-Käufer entscheiden sich nach wie vor für Instrumente dieser Bauform. Trotzdem ist ein wachsender Trend hin zum modernen Design feststellbar. Das zeigen besonders unsere sehr beliebten Kompaktpianos F-120 (davor F-110) und DP-990F. Mit der FP-Serie schaffen wir die Brücke zwischen Portabilität und modernem Piano für zu Hause.

Warum ist Digitalpiano-Käufern das Design heute wichtiger als früher?

Mittlerweile ist ein Homepiano auch Möbelstück, und deshalb achten die Käufer auch auf ein wertiges und ansprechendes Design. Für viele Kunden muss ein Digital­piano möglichst wie ein Klavier aussehen, und diesen Anspruch erfüllen wir z.B. mit den LX-Modellen. Heutige Homepianos sind hinsichtlich Bauform und Gehäusefinish deutlich vielseitiger als in den letzten Jahren, wo es fast nur ein Einheitsdesign in Palisander gab.

Äußerlich wirken viele Digitalpianos auch heute noch ziemlich altbacken. Wieviel Aufmerksamkeit widmet man bei Roland der Designfrage?

Es stimmt, dass die konventionellen Digitalpianos seit Jahrzehnten sehr in ihrem Design verhaftet sind. Das will ich aber deshalb nicht gleich als „unmodern“ abstempeln, sondern eher als „zeitlos“ bezeichnen. Bei Roland weiß man, dass das Design ein wichtiger Aspekt ist. Deshalb ist die Modellvielfalt bei Roland in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen.

Können Sie das mit Beispielen belegen?

Denken Sie z.B. an das erste FP-8 in Rot-Metallic (1991) beziehungsweise die gesamte FP-Serie, wo FP für „Fashion Piano“ steht. Oder an die von Roland mit dem F-90 kreierte Kompaktklasse mit dem heutigen DP-990F inklusive sanft schließendem Tastaturdeckel. Und nicht zuletzt an das LX-10, das den Flügelklang mit dem Äußeren eines modernen Klaviers kombiniert. Wir machen allerdings keine Experimente mit extravaganten Designs, die diese Instrumente sehr teuer machen, ohne dabei eine adäquate technische Ausstattungsqualität zu bieten.

Was waren die wichtigsten Errungenschaften der Roland-Entwickler mit Blick auf die Klangerzeugung?

Aufgrund der damaligen Grenzen des Samplings hat Roland in den 80er Jahren die „Struktur/Adaptiv-Synthese“ entwickelt, bei der die Wellenformen originaler Instrumente nicht direkt gespeichert, sondern nachgebildet wurden, was damals ein wesentlich lebendigeres Klangbild ergab. Mitte der 90er arbeitete Roland dann mit Stereo-Sampling, und 2005 wurde daraus der 88-tastige Multisample-Pianoklang.

Und heute steht die Sampling-Technik wieder auf dem Prüfstand ...

Richtig: Mit der Virtual-Modeling-Technologie des V-Pianos kann seit 2009 nahezu jeder reale und imaginäre Klavierklang komplett virtuell, das heißt, ohne Verwendung von Samples, erzeugt werden. Und die Generation der SuperNatural Pianos seit 2010 ist eine Zusammenführung von Modeling- und Sampling-Technologien.

Gab es Meilensteine auch auf anderen Schau­plätzen, etwa bei der Tastatur, beim Design oder bei der technischen Ausstattung?

Roland hat bereits 1975 mit der PA-1-Tastatur die erste eigene Piano-Klaviatur entwickelt und 1986 ins RD-1000 eine Holztastatur eingebaut. 1991 kam im FP-8 die erste Hammermechanik-Tastatur, bei der das Spielgefühl ausschließlich durch das Hammergewicht und nicht durch Federn erzeugt wurde. Ab 2000 statteten wir dann unsere Digitalpianos mit dynamisch gewichteter Hammermechanik inklusive Druckpunkt-Simulation aus. Die elfenbein- und ebenholzartige Oberflächen­beschichtung der Tasten hat Roland 2007 eingeführt. Das HP-400 war 1983 das erste Digitalpiano mit MIDI-Anschluss, und 2002 kam mit dem HPi-5 das erste Digitalpiano mit DigiScore-Display im Notenpult auf den Markt, die Initialzündung für das Edutainment-Konzept der HPi-Serie.

Zunächst hat Roland Tastaturen von Fremdher­stellern wie Fatar verbaut. Ab wann hat man angefangen, selbst Tastaturen zu bauen?

Die Verwendung von Fremdtastaturen, etwa von Fatar, hing mit den Produktionsstandorten der Instrumente sowie den jeweiligen Preisklassen dieser Instrumente zusammen. Für den europä­ischen Markt baut Roland die Digitalpianos seit Jahren in Italien. Da lag es nahe, für Instrumente in den unteren Preisklassen auf den italienischen Hersteller Fatar zurückzugreifen. Bei den höherpreisigen Instrumenten hat Roland immer eigene Tastaturen verwendet. Mittlerweile ist Roland aber in der Lage, das komplette Piano-Sortiment mit eigenen Tastaturen zu bestücken.

Hatte die Neuorientierung mit dem Thema Druckpunktsimulation zu tun?

Nein. Obwohl Roland bereits seit 12 Jahren, also seit 2000, Hammermechanik-Tastaturen mit Druckpunkt baut, haben wir parallel dazu immer noch bis 2009 bei einigen Produkten wie z.B. dem ep-880 Fatar-Tastaturen eingebaut.

Im Zusammenhang mit den neuen Topmodellen LX-15, HP-505 und HP-507 spricht Roland von einem Acoustic-Projection-Lautsprechersystem. Was muss man sich darunter vorstellen?

Für das V-Piano Grand – das V-Piano im Flügel­gehäuse – hat Roland 2011 ein spezielles Mehrkanal-Lautsprechersystem entwickelt, das die einzelnen Klangkomponenten in Echtzeit dort reproduziert, wo sie beim akustischen Instrument auftreten. Das ist beim V-Piano Grand umso komplexer, weil man ja jeden beliebigen Klang virtuell modellieren und dabei „große“ wie „kleine“ Instrumente schaffen kann. Das Lautsprechersystem muss also quasi im Klangbild dementsprechend wachsen beziehungsweise schrumpfen. „Acoustic Projection“ ist eine Ableitung aus dem V-Piano Grand für die neuen HP-Modelle und das LX-15.

Über das Gehäuse verteilte Lautsprecher gibt es auch bei anderen Herstellern. Was also macht hier den Unterschied aus?

Herkömmliche Mehrkanal-Lautsprechersysteme verteilen das Signal lediglich nach Frequenzen auf die einzelnen Lautsprecher. Das entspricht aber nicht der natürlichen Klangausbreitung eines akustischen Flügels beziehungsweise Klaviers. Bei „Acoustic Projection“ werden die einzelnen Klangkomponenten entsprechend ihrer originalen Position auf die einzelnen Lautsprecher verteilt. 

Ist dieser Unterschied tatsächlich hörbar?

Ja, eindeutig. Ich war anlässlich der Produkt­vorstellung in Japan und vom Ergebnis sehr beeindruckt. Zur Verdeutlichung hilft natürlich sehr der Vergleich mit einem anderen Instrument. In Japan haben wir beispielsweise das HP-507 mit dem Vorgängermodell HP-307 verglichen. Und obwohl das Lautsprechersystem des HP-307 schon sehr gut ist, erscheint der Entwicklungsschritt in dieser Hinsicht beim HP-507 wirklich bemerkenswert.

Eine weitere Innovation ist „Soundboard Beha­viour“. Verbaut Roland jetzt ebenballs Soundboards bzw. Transducer-Systeme, wie man das von einigen Konkurrenten kennt?

Nein. Ein Ausstattungsmerkmal, das eine gewisse Nähe und Originalität zum akustischen Vorbild vermittelt, muss nicht zwangsläufig auch das bessere Ergebnis liefern. Da man bei Roland mittlerweile in der Lage ist, den Klavierklang komplett virtuell zu erzeugen (V-Piano), wissen die Entwickler bis ins Detail, wie ein Klavierklang sich verhält und wie er detailgenau reproduziert werden muss.

Und welche Schlüsse zieht man daraus?

Es genügt nicht, für jeden einzelnen Ton quasi seine eigenen Resonanzen vom Resonanzboden zu reproduzieren. Im Zusammenspiel mehrerer Töne beeinflussen sich die Saitenresonanzen der einzelnen Töne beim akustischen Instrument gegenseitig und abhängig von der Anzahl der gleichzeitig gespielten Töne und deren Akkord-Intervalle. Die authentische Reproduktion dieser ständig variierenden Resonanzen ist die Aufgabe von „Soundboard Behavior“. Das Ergebnis ist ein viel differenzierteres Klangbild.

Die Klangerzeugung der Neuen basiert auf der von Ihnen bereits erwähnten SuperNatural-Technologie, die Sampling- und Modeling-Technologien kombiniert. Können 128 Stimmen Polyfonie da nicht etwas knapp werden?

Man darf sich von technischen Daten nicht irreführen lassen. Entscheidend ist vielmehr die intelligente Stimmenverwaltung. Da gibt es bei den Herstellern doch größere Unterschiede, und die Polyfonie-Angaben sind da zum Teil wenig aussagekräftig. Spielen Sie z.B. bei gedrücktem Dämpferpedal im unteren Tastaturbereich ein beidhändiges Cluster und anschließend mehrmals im oberen Bereich. Machen Sie dieses Experiment mit Roland-Pianos und anderen Fabrikaten und Sie werden unterschiedliche klangliche Resultate feststellen.

Beim V-Piano wird der Klang ohne Samples ausschließlich mittels Virtual Modeling erzeugt. Wieviel Prozent eines V-Pianos steckt z.B. in einem LX-15?

Es gibt zwei Dinge, die vom V-Piano (Grand) in das LX-15 eingeflossen sind. Im Bereich der Super­Natural-Piano-Tonerzeugung sind es die stufenlose Klangdynamik und das natürliche Ausklingen des Tons, das mit Modeling-Technologien erreicht wird. Die zweite Sache ist das „Acoustic Projection“-Audiosystem, abgeleitet vom V-Piano Grand. Es gibt außerdem einen wichtigen konzeptionellen Unterschied: Das V-Piano konzentriert sich ausschließlich auf die virtuelle Erzeugung eines realen beziehungsweise imaginären Klavierklangs, während das LX-15 aufgrund seiner samplebasierten Tonerzeugung in der Lage ist, auch viele andere Klänge anzubieten.

Kein gut informierter Musiker wird heute noch die Existenzberechtigung von Digitalpianos bezweifeln. Bleibt es aber letztlich nicht ein frommer Wunsch, mit einem Digitalpiano ein akustisches Klavier in all seinen Facetten nachbilden zu wollen?

Ein Digitalpiano und ein akustisches Klavier werden immer zwei verschiedene Instrumente bleiben, so wie z.B. bei der akustischen Gitarre und E-Gitarre, auch wenn der Überlappungsgrad musikalisch zwischen Klavier und Digitalpiano viel größer ist. Viele sehen die Vervollkommnung des Digitalpianos darin, dass es die bestmögliche Kopie des Original sein soll.

Und wie sehen Sie das?

Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, den Pianomarkt in seiner Gesamtheit zu betrachten, unabhängig davon, auf welchem Weg der Ton erzeugt wird. Die Möglichkeiten und Qualität heutiger Digitalpianos geben dieser Gattung genug Eigenständigkeit, um nicht nur auf den Faktor „Imitation“ reduziert zu werden.

Können Sie sich ein Digitalpiano in einem klassischen Konzertsaal vorstellen?

Sowohl unsere Digitalpianos als auch digitalen Orgeln und Cembali werden seit Jahren in klassischen Konzertsälen gespielt. Bereits das RD-1000 wurde 1986 in einem Konzertsaal gespielt, und 1991 stand unser erster Digitalflügel HP-7700 zusammen mit einem Sinfonieorchester auf einer klassischen Bühne. Ebenso nachfolgende Modelle wie das KR-1077, RG-7 und V-Piano Grand.

Akustik-Klangpuristen werden das wohl eher kritisch sehen ...

Eigenartigerweise ist es für kaum jemanden ein Problem, wenn das 2. Brandenburgische Konzert von Bach auf einer modernen Piccolo-Trompete gespielt wird, anstatt auf einer barocken Naturtrompete ohne die Ventile als Hilfsmittel. Warum haben viele ein Problem, wenn die „Steckdose“ ins Spiel kommt? Wir fahren heute ja auch Auto und reiten nicht mit mehr mit dem Pferd ins Büro.

Welche zentralen Merkmale wünscht sich der Kunde von einem Roland-Piano?

Den typischen Roland-Pianoklang und die Spielbarkeit der Tastatur. Denn das exzellente Zusammenspiel von Tastatur und Tonerzeugung und die damit verbundene Ausdruckskraft unserer Pianos ist das entscheidende Kaufkriterium.

Was schätzt der Kunde an Ausstattungsmerk­malen?

Seit Jahren beliebt ist bei unseren HP-Modellen die „Classic Position“ des Tastaturdeckels, mit der das Bedienfeld verdeckt werden kann, aber auch der „Session Partner“ in den FP-Modellen. Audio-Wiedergabe und -Aufnahme ist mehr und mehr gefragt, wobei die Standard-MIDI-File-basierte Notendarstellung eigener Einspielungen auf dem DigiScore-Display der HPi-Modelle immer wieder fasziniert.

Und was könnte in Zukunft kaufentscheidend sein?

Ich bin davon überzeugt, dass das Edutainment-Konzept unserer HPi-Modelle ein „Nice-to-have“ ist, was zukünftige Digitalpianos ausmachen wird: in der Basis ein hochwertiges Digitalpiano, aber darüber hinaus auch ein multi-mediales Instrument, das sich dadurch in seiner Eigen­ständigkeit deutlich abhebt. Aber natürlich spielt auch Transportabilität hier und da eine wichtige Rolle, weshalb unsere FP-Modelle seit Jahren Bestseller sind.