Interview mit Slavko Avsenik jr.: Wie man zum Künstler-Individuum wird

Slavko Avsenik jr. hat Musik schon in die Wiege gelegt bekommen. Eine Kopie seines berühmten Vaters, Akkordeonist und „Erfinder“ des Oberkrainer-Sounds, wollte er aber nicht werden. Über seinen Weg sprach er mit tastenwelt.

Slavko Avsenik jr.
Slavko Avsenik jr. trifft man eher im Tonstudio an, als auf der Bühne.

In Ihrer Familie sind Sie sicher schon früh mit Musik in Berührung gekommen?

Das stimmt. Eigentlich von Geburt an.

Wann haben Sie begonnen, Instrumente zu lernen?

Mit sechs Jahren habe ich mit Klavier angefangen.

Haben Sie auch andere Instrumente gelernt?

Als ich zehn war, habe ich mich für Posaune interessiert, war aber noch zu klein. Deswegen habe ich mich dann für die Trompete entschieden. Die „niedrige Musikschule“, wie man bei uns in Slowenien sagt, habe ich mit der Trompete ab­sol­viert: Das sind sechs Jahre Musikschule und ein Jahr Konservatorium. Neben dem Gymnasium war das aber sehr viel Aufwand, und ich habe die Trompetenausbildung wieder gelassen. Das Klavier war einfach der bessere Ausgangspunkt für das, was ich musikalisch machen wollte. Darum habe ich weiter Klavier studiert.

Warum haben Sie nicht Akkordeon gelernt?

Das ist die Frage meines Lebens, alle fragen danach. Ich habe von klein an jeden Tag mit­bekommen, wie mein Vater Akkordeon gespielt und geübt hat. Er hat immer so gut gespielt, dass ich nie gesehen habe, so etwas auch machen zu müs­sen. In der Rückschau war meine musikalische Entwicklung einfach anders: Ich habe mich immer sehr für Musik begeistert – in der Jugend sicher auch für Volksmusik. Wenn ich aber ver­standen hatte, wie ein Stil funktioniert, habe ich mich Neuem zugewandt. Ich habe mich mehr in Pop, Rock, Klassik und vor allem Jazz gesehen, denn ich war der Meinung, dass in der Oberkrainermusik, die mein Vater gemacht hat, schon alles gesagt sei. Ich wollte keine Kopie sein; es gibt ja zum Beispiel auch keinen Mozart Junior.

Hat Ihr Vater nicht von Ihnen erwartet, dass Siesein musikalisches Erbe fortführen?

Es war sicher lange sein Wunsch, vielleicht bis zu meinem 50. Lebensjahr, dass auch ich etwas in der volkstümlichen Musik mache. Aber schon mit sieben wusste ich, dass mich viel Musik interessiert. Dafür hat mich mein Vater begeistert – nicht absichtlich, aber irgendwie doch. Deswegen habe ich mich schon früh in der Filmmusik gesehen, weil es dort alle Musikarten gibt – je nachdem, was der Inhalt des Films verlangt. Und weil meine musikalische Überzeugung und Vielseitigkeit so stark war, war ich für meinen Vater glaubwürdig. Sein Erfolg war ja so groß, weil die Leute gespürt haben, dass er tausendprozentig an das glaubt, was er gemacht hat.

Ein wenig sind Sie ja doch in seine Fußstapfen getreten.

Ja, als ich mit 35 aus dem Ausland zurückkam, hat mein Vater gerade aufgehört, mit seiner Gruppe zu arbeiten und hat die Jungen Original Oberkrainer unterstützt. Gemeinsam haben wir dann sechs CDs für diese Gruppe gemacht: er als Komponist, ich als Arrangeur und Produzent. Außerdem haben wir später auch viele Sachen für Blasmusik und einige andere Besetzungen gemacht.

Was waren Ihre Erfahrungen dabei?

Schon in Amerika habe ich erlebt, dass die Musik meines Vaters mehr war, als der so genannte Oberkrainerstil. Es gibt ausgezeichnete Melodien, die auch in anderen Musikstilen leben können. Seit 1991, als ich wieder nach Hause kam, habe ich hier in viele Richtungen gearbeitet. Beispielsweise habe ich die Musik meines Vaters für Chöre bearbeitet, wir haben mehrere Konzerte mit einem Sinfonieorchester gemacht und verschiedene Blasmusiken produziert. Sehr erfolgreich war z.B. die Verarbeitung der Titel „Auf der Autobahn“ und „Trompeten Echo“, die ich mit dem Popduo M4M als „Senorita Margerita“ und „Lolypop Baby“ produziert habe. Die Musik meines Vaters zu verbreiten, habe ich gerne gemacht, aber als Akkordeonist in einer Gruppe hätte ich mich nie gesehen. Umso größer ist jetzt natürlich die Freude meines Vaters, dass mein Neffe Sašo, die Musik meines Vaters weiterführt. Er macht das auch wirklich so, wie es sich gehört.

Vielseitigkeit ist also Ihr persönliches Marken­zeichen in der Musik?

Ja, das ist mein Markenzeichen. Obwohl ich Musik für mehr als 30 Filme geschrieben habe, kann man in Slowenien und der näheren Umgebung nicht alleine von Filmmusik leben, denn es gibt zu wenige Filme. So habe ich entschieden, mich allen Musikarten zu widmen: von Kindermusik über Volksmusik und klassische Musik bis hin zu Pop- und Rockmusik. Ich habe z.B. sechs Platten mit der Band Laibach gemacht. Meine Liebe war aber immer auch schon die elektronische Musik. Schon als die ersten Moog-Synthesizer raus kamen, war ich infiziert.

Ist das ein wichtiger Ansatz für Filmkomponisten?

Ja, bei Filmmusik ist es nämlich wichtig, bei den Zuschauern bestimmte Reaktionen und Emotionen auszulösen, die im Drehbuch stehen. Um aber Trauer, Angst oder andere Gefühle auszulösen, muss man sehr flexibel in den Musikarten sein, und man muss wissen, wie die Zuschauer eine gewisse Art von Musik wahrnehmen. Deshalb habe ich mich auch immer sehr für Psychologie interessiert. Ich wollte wissen, wie man Menschen in eine bestimmte Richtung lenkt. Film und Musik – das sind ja alles Mittel der Manipulation. Ich spreche hier natürlich von den positiven Seiten, die ich immer interessant fand.

Man trifft Sie also eher im Tonstudio als auf der Bühne?

Das stimmt, auf der Bühne bin ich sehr selten. Am Anfang hatte ich noch eine Jazz-Gruppe, mit der ich durch Europa gereist bin. Während meiner Militärzeit habe ich auch viel Unterhaltungsmusik gespielt. Ich hatte nie Probleme auf der Bühne zu stehen, das ist ein großer Spaß. Aber das Leben ist sehr kurz, und man muss sich für etwas entscheiden.

Wie hat sich die Beschäftigung mit Jazzklavier ergeben? Aus Liebe zum Jazz oder als Gegenpol zur klassischen Klavierausbildung?

Jazz war für mich immer sehr interessant, aber nicht so sehr, dass es die Musik meines Lebens gewesen wäre. Irgendwie ist diese Musik für unsere geografische Region auch fremd. Aber ich wollte für die Unterhaltungs- und Filmmusik mehr über Harmonien lernen. Dadurch lernte ich auf der einen Seite Improvisation kennen, was mir das ganze Leben weitergeholfen hat. Auf der anderen Seite war es ein anderer Zugang zur Musik. Als ich dann nach Amerika kam, habe ich aber entdeckt, dass mir die klassische Richtung total fehlt: Kontrapunkt, Harmonielehre, alles. Also habe ich neben dem Studium am Berklee College in Boston privat auch diese klassischen Sachen studiert.

Die Idee, Filmmusik zu machen, ist wohl schon sehr früh entstanden?

Ja, sehr früh. Ich habe zum Beispiel schon immer im Dunkeln Klavier gespielt und meinen Cousins, Cousinen und Bekannten dazu Geschichten erzählt. Das hat mir viel Spaß gemacht.

War es ein lange gehegter Wunsch, nach Amerika zu gehen oder eher Zufall?

Amerika hat sich einfach so ergeben. In Deutschland habe ich damals, das war 1983, nichts entdeckt, was mir als Studium gepasst hätte, auch nicht in Frankreich. Dann habe ich über ein Ame­rikainstitut hier in Slowenien zehn Schulen in den USA angeschrieben, und das Berklee College in Boston hatte für mich das beste Programm. In zwei Jahren habe ich dort alle acht Studiensemester abgeschlossen.

Gab es kein Angebot, in Amerika zu bleiben?

Doch, denn ich war sehr erfolgreich. Wenn ich mich richtig erinnere, einer der besten drei von 2500 Studenten. Aber irgendetwas in mir hat mich gezwungen, nach Hause zu kommen. Das Leben in Amerika hat mir natürlich sehr gut gefallen, und ich weiß, wenn man ernsthaft Filmmusik machen möchte, ist das der richtige Platz. Auf der anderen Seite ist es heute nicht mehr so wichtig, wo man ist, denn durch das Internet wird vieles möglich. Mit der Gruppe Laibach arbeite ich in diesem Herbst zum Beispiel an einem finnischen Film. Wenn man gut ist, hat man über das Internet viele Chancen.

Welche Komponisten haben Sie beeinflusst oder sind eine Inspirationsquelle für Sie?

Da gibt es einige. In der Filmmusik hat mir z.B. Jerry Goldsmith immer sehr gut gefallen, oder Ennio Morricone. Aber auch Hans Zimmer, John Williams und verschiedene andere. Seit einigen Jahren bin ich aber ganz auf ernste klassische Musik fokussiert: Da kann ich nicht aufhören, alle großen klassischen Komponisten zu bewundern: von Bach bis Mahler oder Richard Strauss – aber auch die großen russischen oder französischen Komponisten.

Spielt Volksmusik für das, was Sie heute machen, auch eine Rolle?

Ich glaube, es ist gut zu wissen, woher man kommt; man muss seine eigenen Wurzeln kennen. Als ich angefangen habe, mit meinem Vater zu­sammenzuarbeiten, habe ich entdeckt, dass es total falsch wäre, meine Wurzeln zu leugnen: Im internationalen Raum wären wir sonst alle gleich. Ich habe mich deshalb immer wieder an slowenischer Volksmusik orientiert, höre aber auch gerne die Volksmusiken anderer Länder.

Welche Erkenntnis ziehen Sie aus diesen Wurzeln?

Ich weiß zum Beispiel, dass bei uns keine Triolen-Rhythmen zu Hause sind, die im Jazz so wichtig sind. Wir haben einfach eine andere Geschichte, geprägt von 2000 Jahren katholischer Kirche und der ernsten Musik, die uns seit hunderten von Jahren umgibt. Ich bin hier 30 km weg von Österreich, und rund 750 Jahre waren wir in der k. u. k. Monarchie. In Ljubljana in der Philharmonie haben gearbeitet: Mozart, Beethoven und Mahler. Ich glaube, dass unser Raum also nach einer anderen Musik ruft. Wenn man dann weiß, woher man kommt, muss man musikalisch dennoch so frei sein, alles zu machen, was auf dieser Erde möglich ist.

Sie haben erwähnt, dass sie auch Kinderlieder gemacht haben. Ist es schwieriger, ein gutes Kinderlied zu schreiben als einen guten Pop-Song?

Für mich ist alles gleich schwierig. Ich habe zwei Wiegenlieder-CDs gemacht und gemeint, das wäre leicht. War es aber nicht. Wenn man sich vorstellt, was man mit falschen Entscheidungen, z.B. falschen Klängen, Säuglingen antun kann, ist das brutal. Man muss sich also musikalisch einleben und sehr sensibel dabei sein. Auch für spätere Altersstufen habe ich vieles komponiert. Ich glaube, man darf Kinder nicht aus ihrer Kindheit in etwas anderes versetzen. Deswegen ist es schwer. Leichter ist es vielleicht, wenn man jung ist und für Gleichaltrige schreibt. Andererseits fehlen dann oft Wissen und Erfahrung.

Immer wieder sind Sie auch in Jurys von Musikwettbewerben vertreten. Auf was achten Sie dabei besonders?

Für mich ist ganz wichtig, die Musiker zu unterstützen, die echte Musik in sich haben. Mich interessieren nicht die Anzahl der Noten pro Sekunde oder die Harmonien pro Quadratzentimeter. Das ist nur eine Nebensache, denn in meinen Stationen bei Koch Records, als A&R Chairman für deutsche Volks- und Unterhaltungsmusik bei BMG Ariola und als Redakteur bei einer slowenischen Plattenfirma habe ich gelernt, dass Musik nicht messbar ist. Wichtig ist eine musikalisch ehrliche Ausstrahlung, und die gibt es nur bei echten Talenten. Solchen Leuten gebe ich den Vorrang. Ich glaube, dass bei der Musik 97 Prozent Arbeit sind und drei Prozent Talent. Wenn aber diese drei Prozent fehlen, ist es schlecht.

Sie suchen also Musik statt Fingerakrobatik?

Die Fingerakrobatik, die man auf Wettbewerben oft sieht und hört, kann fast jeder lernen, der die Hände dafür hat. Natürlich braucht man auch dafür ein gewisses Talent, aber das ist nicht so wichtig. Wichtiger finde ich Originalität. Wenn ich entdecke, dass ein Musiker oder eine Gruppe etwas Eigenes hat – Rhythmus, Melodie etc. – dann finde ich das unterstützenswert. Meistens sind bei Wettbewerben nur Kopien von Kopien zu hören. Das ist in der Volksmusik zwar üblich, denn die Volks- und Unterhaltungsmusik entwickelt sich sehr langsam. Aber trotzdem muss da noch etwas außerhalb der Technik sein.

Haben Sie einen Tipp, wie man als Musiker den Weg dahin findet?

Auch ein wirkliches Talent benötigt zuerst ein solides Fundament an Spieltechnik, um sich entwickeln zu können. Ein guter Lehrer muss dann die Musikalität erkennen und fördern. Ganz wichtig ist dabei, dass nicht das Ego des Lehrers gewinnt, denn man muss einem guten Musiker erlauben, sich weiterzuentwickeln, solange es möglich ist. Für mich war es aber immer auch wichtig, Musikern keine falschen Hoffnungen zu machen. Man darf nicht sagen, dass jemand irrsinnig gut ist, wenn er es nicht ist. Sonst wählt er einen falschen Beruf und ist das ganze Leben unglücklich.

Die Musikindustrie zeigt doch aber, dass nicht unbedingt der musikalisch Gute zum Zug kommt, sondern derjenige, der sich besser verkauft!

Das stimmt, aber man muss trennen: In der Musikindustrie ist es wichtig, das zu verkaufen, was zu verkaufen ist. Wir leben in einer visuellen Zeit, denn durch das Fernsehen haben die Leute gelernt, Musik zu schauen und nicht zu hören. Es reicht für die Musikindustrie nicht, wenn jemand musikalisch begabt ist und gut spielt. Das ist zu wenig. Er muss auf der Bühne auch eine starke Ausstrahlung haben. Wenn der Emotionstransport nicht vorhanden ist, dann ist das nicht zu verkaufen. Für einen nachhaltigen Erfolg muss alles passen: Musik und Charisma.

Was ist mit den guten, aber nicht so telegenen Musikern?

Man kann auch nur auf der Bühne überzeugen. Manche meinen, alles sei aus, nur weil man keinen Plattenvertrag bekommt. Das stimmt nicht. Es gibt hunderte Wege für ein Talent, und jeder muss und kann seinen eigenen Weg finden. Es gibt viele Möglichkeiten, als Musiker weiterzukommen; aber es ist ein großer Kampf, weil es so viele Musiker gibt und in Medien und Plattenfirmen sehr große Konkurrenz herrscht. Ich bin aber auch der Meinung: Wenn man Talent hat, an sich glaubt und arbeitet, dann schafft man es auch auf irgendeine Weise.