Workshop iPad für Musiker (33): Olympia Noise Co Chordion

In diesem Workshop geht es darum, spielerisch Ideen zu sammeln: Für das iPad finden sich viele Apps, die bei der Live-Performance, fürs Songwriting und auch als Studio Tool musikalisch inspirieren können. Mittlerweile schon ein Klassiker ist Chordion von Olympia Noise Co.

  • Layout-Editor

    Beim Layout-Editor geht es ans Eingemachte. Das Spielfeld von Chordion lässt sich individuell konfiguieren.

  • Zum Ansteuern externer Tonerzeuger befindet sich Chordion im MIDI-Mode. Chords und Melodien lassen sich unterschiedlichen Ports zuweisen.

  • Arpeggiator und Drum-Computer sind einfach programmierbar mit einem 16-Step-Sequenzer.

Der Amerikaner Ben Kamen (alias Olympia Noise Co) ist kein unbeschriebenes Blatt in der Musikapp-Szene. Auf sein Konto gehen die geniale Drum Machine „Patterning“, das expressiv spielbare Soloinstrument „Ondes“ wie eben auch „Chordion“, eine Mischung aus Musikinstrument und MIDI-Controller. Insbesondere Chordion bietet zum Schnäppchenpreis von 3,99 Euro einen Rundum-Aufschlag beim Komponieren mit Akkorden und Melodien. Wie bei anderen Apps sind Sie nicht auf Akkordfolgen (z.B. „ChordPolyPad“) oder bestimmte Phrasen (z.B. „Fugue Machine“) festgelegt, sondern können beide musikalische Ebenen sinnvoll miteinander verbinden.

Wesentlichen Einfluss auf das Konzept dieser guten App hat das skurril anmutende, elektronische Musikinstrument Omnichord. Noch nie gehört? Die NDW-Band Trio erschuf mit diesem Gerät ihren bekannteren Song „Turaluraluralu – ich mach BuBu was machst du“, ein Weihnachtslied aus dem Jahr 1983. Das Omnichord brachte Suzuki 1982 auf den Markt. Es umfasst eine Rhythmussektion, Begleitakkorde und eine Solostimme, die zu den jeweils gedrückten Akkorden passt und über ein Sensorfeld gespielt wird. Der Hersteller Suzuki hatte damit wiederum eine Spielzeugversion des Zither-ähnlichen Musikinstruments Autoharp entworfen.

Spontan Jammen vom Start weg

Starten Sie Chordion (aktuelle Version 1.2), sehen Sie links Pads zum Triggern von Akkorden und auf der rechten ein Spielmanual, mit dem Sie melodische Linien hervorbringen können, die immer mit den Akkorden korrespondieren. Dies verleitet schon zum spontanen Jammen. Chordion macht aber noch mehr Spaß, wenn Sie oben rechts auf den Play-Knopf tippen. Nun startet der Drumcomputer mit einem Beat, den Sie selber variieren oder neu erstellen können. Ein programmierbarer Arpeggiator zum rhythmischen Zerlegen der mit den Pads angespielten Akkorden rundet die Ausstattung ab, zu der auch eine interne Klangerzeugung samt Effekten zählt.

Leider erinnert der synthetische Klang an schäbige Heimorgeln aus den 70er Jahren. Sie werden der internen Soundquelle kaum moderne HiFi-Klänge entlocken. Nutzen Sie daher die MIDI-Ausgabe! Chordion sendet die gespielten Akkorde und Melodien per MIDI an weitere Apps auf Ihrem iPad, an Ihre DAW (Cubase, Logic) oder an externe Keyboards, die eine Fülle an hervorragenden Sounds bieten.

Noten über MIDI ausgeben

In nur wenigen Schritten bringen Sie Chordion zur MIDI-Ausgabe. Tippen Sie oben links auf das Symbol des Instrumenten-Editors (als Wellenform dargestellt) und danach in der Mitte auf das MIDI-Symbol (als fünfpolige MIDI-Buchse zu erkennen). Hier wechseln Sie nun den Modus von Audio auf MIDI. Die interne Soundquelle ist jetzt deaktiviert.

Auf der MIDI-Seite haben Sie diverse Einstellmöglichkeiten. Die Pads finden Sie als „Hexagon“ (wegen der sechseckigen Form) wieder, das Spielmanual ist einfach als „Keyboard“ bezeichnet. Über „Chordion Virtual out“ und „Netzwerk Session 1“ erreichen Sie andere Apps (vorzugsweise Instrumenten-Apps) auf Ihrem Tablet. Haben Sie ein externes MIDI-Interface angeschlossen, können Sie auch dieses auswählen und darüber die Klangerzeugung beliebiger Software-/Hardware-Instrumente auskosten. Übrigens: Jetzt sehen Sie nicht mehr das Wellenform-Symbol, sondern das MIDI-Symbol oben links.

Bei Hexagon und Keyboard können Sie jeweils die Anschlagstärke der auszugebenden MIDI-Noten festlegen. Sehr schön ist es auch, MIDI-Controller Nr. 1 (Mod Wheel) zu bedienen. Tatsächlich können Sie per Wischen auf dem Touchscreen wie mit einem Modulationsrad arbeiten. Wischen Sie auf dem virtuellen Keyboard von links nach rechts, erhöht sich der Modulationswert; Vibrato- oder Filtereffekte lassen sich meist steuern. All dies können Sie direkt auf der MIDI-Seite probieren. Unten ist ein Pad anspielbar, die Tastatur rechts ist in voller Größe vorhanden. Nutzen Sie das „Pedal“ unten links, um nicht ständig das Pad drücken zu müssen.

Falls das etwas zu theoretisch klingt, hier ein praktisches Szenario: In unserem Youtube-Video (den Link finden Sie unter www.tastenwelt.de) spielen wir mit Chordion über ein MIDI-Interface den Roland JP-8080 an, einen beliebten virtuell-analogen Synthesizer aus den späten 1990er Jahren. Wie Sie sehen, lässt sich die Factory Performance „Chariots“ (benannt nach „Chariots of Fire“ von Vangelis) angenehm flüssig spielen. Sie können aber gern auch zwei verschiedene Klangerzeuger (z.B. E-Piano und Synthesizer) gleichzeitig anspielen, indem Sie beiden Instrumenten unterschiedliche MIDI-Kanäle zuweisen und dies entsprechend auf der MIDI-Seite von Chordion einstellen. Es ergibt sich ein riesiges Spielfeld zum Experimentieren mit Sounds, Chords und melodischen Phrasen.

Chordion in der Praxis

Info: Pausenloser Betrieb

Beim ausgiebigen Einsatz von Chordion und anderen Apps kommen Sie leider viel zu schnell in die Situ­ation, dass der Akku schwächelt, wenn der Lightning- oder 30pin-Anschluss nicht am Netz hängt, sondern anderweitig benutzt wird. Zum Glück findet sich hier eine gute, wenn auch nicht sehr preiswerte Lösung, die von IK Multimedia stammt. Mit dem iRig PowerBridge (ca. 75 Euro) bekommen Sie ein universelles Ladesystem für alle neueren und älteren iOS-Geräte. Allerdings funktioniert dieser kleine Helfer nur in Verbindung mit anderen iRig-Produkten. Wenn Sie iPad-Apps mit MIDI-Ausgabe (wie Chordion) nutzen, benötigen Sie das MIDI-Interface iRig MIDI 2 (ca. 85 Euro). Dank iRig PowerBridge brauchen Sie jedenfalls nicht mehr auf die Akkuanzeige zu schauen, sondern können das iPad zum pausenlosen Musikmachen genießen. Erstaunlicherweise gibt es kaum Alternativen zu diesem stabil arbeitenden Ladesystem. www.ikmultimedia.com/products/irigpowerbridge/

 

Rhythmische Begleitakkorde erstellen

Bleiben wir bei der MIDI-Anwendung. Bei den Pads werden die Arpeggiator-Noten übertragen, wenn der Arpeggiator aktiviert worden ist. Dies vereinfacht das Erstellen rhythmischer Begleitakkorde auf eine spielerische Weise. Tippen Sie oben links auf auf das Matrix-/Sequencer-Symbol, kommen Sie direkt zur Seite, auf der Sie Drum Computer und Arpeggiator individuell programmieren können. Oben sehen Sie den Drumcomputer mit sechs einzelnen Instrumenten (Bassdrum, Snare, etc.) bzw. Spuren. Lassen Sie diesen Teil der App lieber außen vor, denn Drumgrooves werden nicht per MIDI ausgegeben. Darunter befindet sich der Arpeggiator, mit dem Sie viel mehr Spaß haben können. Wählen Sie nun das gewünschte Tempo und legen Sie die Schrittlänge fest. Wie auch der Drum Computer bietet der Arpeggiator eine Sequencer-Länge von bis zu 16 Schritten. Dies ergibt ein Begleitmuster mit einer Länge von zwei Takten. Für ein eintaktiges Schema reichen entsprechend acht Schritte. Jeder einzelne Schritt kann einen, zwei, drei oder sogar vier Akkordtöne abspielen. Sie können die Schritte verteilen, bis ein tolles Arpeggio-Muster herauskommt. Wenn Ihnen partout nichts einfällt, können Sie auf Vorlagen zurückgreifen. Tippen Sie auf den gebogenen Pfeil, öffnet sich das Fenster „Sequenzer-Presets“. Hier bekommen Sie einige typische Arpeggiator-Pattern, die sich noch beliebig abändern lassen. Die einfache Struktur und Bedienung macht diesen MIDI-Arpeggiator zu einem tollen Werkzeug.

Schiere Inspiration bei leichtem Spiel

Schließlich ist auch das eigentliche Aktionsfeld von Chordion im Detail veränderbar. Tippen Sie aufs „bbb“-Symbol, gelangen Sie zum Layout-Editor. Auf dieser Seite lassen sich die Anzahl der Pads, die Akkorde oder auch das Akkord-Voicing beliebig definieren. Zuviel des Guten? Dann probieren Sie Presets, die über das Disketten-Symbol zu erreichen sind. Unter „Lokal“ können Sie einige Werks-Presets direkt laden. Noch spannender ist es jedoch, die Werke anderer Chordion-Anwender zu testen, wozu Sie sich in der Cloud registrieren und einloggen müssen. Leider müssen Sie bei praktisch allen Presets selber nachträglich vom Audio- zum MIDI-Modus wechseln, was aber angesichts der erheblich höheren Soundflexibilität gern erledigt wird.

Zwar bietet Cordion mehr Editiermöglichkeiten, im Alltag sind die vorgestellten Features bereits eine große Hilfe beim Jammen und Komponieren. Und sie machen einfach Spaß. Zurecht wurde Chordion bereits 2013 als beste App prämiert. Wer den Flair der 1970er-Retro-Heimorgel mag, kann die interne Soundquelle bemühen. Besser aber, Sie besorgen sich ein MIDI-Interface fürs iPad und experimentieren mit dem Chordion zusammen mit den Sounds Ihrer Klangerzeuger – viel Spielspaß!

Statement

Ben Kamen, Entwickler: „Chordion habe ich mit dem Ziel entwickelt, ein Werkzeug für jeden App-Nutzer zu sein, das sich intuitiv zum Musikmachen verwenden lässt, egal, ob es studierte Musiker oder Amateure nutzen. Es war meine allererste App überhaupt. Folglich verbrachte ich sehr viel Zeit mit dem Design. Als ich noch immer an der Basisidee experimentierte, kam ich während einer Tour mit befreundeten Musikern der Indie-Rock-Band Grass Widow zusammen. In deren Tourbus fand sich ein Omnichord (siehe de.wikipedia.org/wiki/Omnichord, Anm.d.Red.). Die Kollegen haben es mir gezeigt, nachdem sie von meinem App-Projekt erfahren hatten. Zwar kannte ich schon dieses Instrument, aber das persönliche Anspielen des Omnichord hat mich beim Design und auch das musikalische Konzept von Chordion beeinflusst. Ursprünglich dachte ich bei Chordion an ein Musikinstrument und weniger an ein Tool für die Musik­produktion, aber offenbar sind die Grenzen fließend. Ich kenne einige Musiker, die meine App zum traditionellen Musizieren und auch als Inspirationsquelle beim Komponieren einsetzen. Jeder kann seine eigenen Wege finden, die sich manchmal völlig unerwartet ergeben. Momentan arbeite ich an einer vollkommen überarbeiteten Version 2, die hoffentlich im Lauf des nächsten Jahres erscheinen wird. Dabei wird Chor­dion einige visuelle und interaktive Elemente haben, die ich bei meiner App Patterning entwickelte. Ich poste Fotos und Videos in meinen SocialMedia-Kanälen. Man kann also die Entwicklung von Chordion 2 sehr gut verfolgen.“