Jazz-Pianistin Marialy Pacheco im Porträt: Improvisation und Klangkultur

Marialy Pacheco verbindet kubanische Musik mit Jazzimprovisation – am liebsten auf einem Bösendorfer Imperial, mit dem sich ihre Vorstellungen von Klang­kultur laut eigener Aussage ideal verwirklichen lassen. Im Juni spielte sie am Imperial ein Solo-Konzert mit Live-Mitschnitt in den Bauer Studios Ludwigsburg.

Marialy Pacheco
Zur Aufnahme des Studiokonzerts in den Bauer Studios Ludwigsburg stand ein akribisch vorbereiteter Bösendorfer Imperial im Wert von 150.000 Euro zur Verfügung – der „Hausflügel“, ein Steinway, musste dieses Mal pausieren. (Foto: Steffen Schmied)

Wie weiblich ist das Jazzpiano? Selbst Kenner der Materie werden auf Anhieb nicht mehr als eine Handvoll Namen aus dem Gedächtnis zaubern können: Carla Bley, Diana Krall, natürlich. Vielleicht die quirlige Japanerin Hiromi, die in Boston studiert hat und von Chick Corea gefördert wurde. Auch die Brasilianerin Eliane Elias ist hierzulande keine Unbekannte. Aber wer kennt Mary Lou Williams, eine 1910 geborene Stride-Pianistin, die von Insidern als Wegbereiterin der Frauen-Power im Jazz gehandelt wird? Oder die heute 86-jährige Toshiko Akiyoshi, eine  exzellente Jazzpianistin der Swing-Ära, die 1952 von Oscar Peterson entdeckt wurde, als dieser in Japan gastierte?

Marialy Pacheco kennen heute bereits viele, sicher aber nicht alle Jazzpiano-Liebhaber. Und auf Jazzlegenden als Förderer kann sich die 32-jährige Kubanerin mit Wohnsitz in Deutschland auch nicht berufen. Muss sie aber auch nicht, weil ihre Musikalität und Improvisationskunst für sich sprechen. Ein Beleg dafür ist die Tatsache, dass sie seit 2014 dem illustren Zirkel jener Künstler/innen angehört, die sich „Bösendorfer Artist“ nennen dürfen. 2012  hatte sie als erste Frau die „Piano Solo Compe­ti­tion“ im Rahmen des Montreux-Jazzfestivals gewonnen, und Bösendorfer ist Partner dieses Fes­tivals. 2013 wurde sie eingeladen, im Rahmen des 185-jährigen Bösendorfer-Jubiläums in Wien zu spielen. Von da an war die Berufung zum „Bösendorfer Artist“ nur noch eine Frage von Monaten.

Marialy Pachecos Klavier in Kuba
Mit diesem reichlich abgehalfterten Klavier kämpfte sich Marialy Pacheco durch ihr Musikstudium in Havanna. „The Köln Concert“ von Keith Jarrett beeindruckte sie so nachhaltig, dass sie sich dem Jazz zuwandte.

Von der Klavierruine zum Imperial

Aus heutiger Sicht gibt es für die Künstlerin nur noch eine Steigerung zu Bösendorfer – den Imperial, Bösendorfers großen Konzerflügel, den sie als „Liebe ihres Lebens“ bezeichnet. „Der Flügel hat so ein Spektrum an Farben, das ist unglaublich. Oben klingt er wie kleine Wassertropfen, in der Mitte hat er eine sonore Wärme, die an ein Cello oder eine Viola erinnert. Am meisten aber imponiert mir die tiefe Lage vom mittleren C nach unten. Eine optimale Balance aus Brillanz und Wärme, für mich perfekt.“ Dieses Ideal würden auch andere Bösendorfer-Flügel nicht erreichen, weder der 280er, mit dem sie bereits konzertiert hat, noch der 185er, auf dem sie zu Hause täglich mehrere Stunden übt. „Wenn ich auf einem Imperial spiele, kommt soviel zurück vom Instrument, dass ich noch besser spiele als sonst.“

Im Vergleich zu den Klavieren ihrer Jugend muss die ständige Präsenz eines Bösendorfers ein paradiesischer Zustand sein: „Wenn du nach Kuba gehst und siehst, auf welchen Instrumenten Musikstudenten dort oft spielen, das ist schon sehr traurig. Ich habe als Jugendliche auf einem der schrecklichsten Klaviere gespielt, das man sich vorstellen kann, auf einem alten Piano der Marke Regal aus den USA. Der Klavierstimmer musste alle zwei bis drei Monate kommen, um es in einen halbwegs spielbaren Zustand zu bringen.“

Mit ihrem Traumflügel, dem Bösendorfer Imperial, hat sie bisher drei Solo-Abende gegeben, darunter ein exklusives Konzert in den Bauer Studios Ludwigsburg, Mitte Juni. Das Konzert wurde analog auf einer Studer-Bandmaschine mitgeschnitten; die Einspielung soll als Vinylplatte, limitiert auf 500 Exemplare, Anfang 2016 auf den Markt kommen. Rund 90 Studiogäste waren live dabei, darunter auch die tastenwelt-Redaktion – ein aktueller Anlass, um Marialy Pacheco kennen zu lernen und ausführlich zu porträtieren.

Was sich dabei als erster Eindruck herauskristallisiert: Marialy Pacheco liebt – so wörtlich – „die Magie eines Live-Konzerts“ und freut sich auf die Herausforderung einer Live-Aufnahme. Kurz vor Beginn des Studiokonzerts lässt sie verlauten: „Was man dabei erlebt, als Musiker wie als Publikum, ist einzigartig. Es wird sich nie wieder genauso wiederholen. Diese eine Stunde kommt auf eine Platte und bleibt dort für immer.“ Zur Vorbereitung habe sie das Übliche getan: „Drei bis vier Stunden üben pro Tag, dabei noch mehr als sonst an den Details arbeiten, an Kleinigkeiten und Feinheiten, selbst bei Stücken, die ich schon länger spiele.“ Der Rest ist Improvisation – und die lasse sich nur bedingt üben: „Was ich improvisiere, ist davon abhängig, wie ich mich in der jeweiligen Situation fühle, auch von der Reaktion des Publikums und vom Instrument, auf dem ich spiele.“

Info: Studiokonzert mit dem Bösendorfer Imperial

Studiokonzert mit dem Bösendorfer Imperial
(Foto: Steffen Schmied)

Ortstermin in Ludwigsburg: Am 15. Juni gab Marialy Pacheco ein exklusives Live-Konzert vor etwa 90 Gästen in den Bauer Studios Ludwigsburg. Das Konzert wurde analog auf einer Studer-Bandmaschine mit sechs Mikrofonen, darunter zwei Röhrenmikrofonen vom Typ Neumann U67, mitgeschnitten; die Einspielung soll als Vinylplatte, limitiert auf 500 Exemplare, Anfang 2016 auf den Markt kommen. Hier gibt es keine nachträgliche Fehlerkorrektur, das Material kommt exakt so aufs Band, wie es eingespielt wurde. Und warum Vinyl? Dazu Geschäftsführerin Eva Bauer: „Vinylproduktionen stoßen bei Jazzfans auf ständig wachsendes Interesse “. Erscheinen wird die Platte auf dem Jazzlabel „Neuklang“ der Bauer Studios. Auch Marialy Pachecos Trio-CD „Introducing“ wurde 2014 bei Neuklang produziert. Für das Studiokonzert wünschte sich Marialy Pacheco einen Imperial (ca. 150.000 Euro). Dieser wurde vom Pianhohaus Hölzle, mit Unterstützung von Bösendorfer, zur Verfügung gestellt – der Studio eigene Steinway musste ausnahmsweise pausieren. Wie der Flügel für die Aufnahme vorbereitet wurde, erklärt Peter von Seherr-Thoss, Bösendorfer: „Der Konzerttechniker vom Pianohaus Hölzle stimmte zunächst die Intonation des Flügels auf die spezielle und naturgemäß neutrale bzw. trockene Akustik des Studios ab. Anschließend wurde auf besonderen Wunsch der Künstlerin die vorbereitete und bei Konzertstimmungen normalerweise übliche Spreizung zwischen Bass und Diskant – der Diskant ist also etwas höher gestimmt als der Bass – minimiert. Was den Schluss zulässt, dass Marialy Pacheco über ein außerordentlich präzises Gehör verfügt.“

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