Josef Taffner über Powermixer: Herr der 1000 Knöpfe

Als Entwicklungsleiter bei Dynacord kennt Josef Taffner die Powermixer des Traditionsherstellers bis ins kleinste Detail. Im Interview mit Ulrich Simon verrät er, was einen guten Powermixer ausmacht.

Was zeichnet einen guten Powermixer aus?

Bei einem guten Powermixer müssen alle Komponenten – Mischpult, Endstufe und Effektgerät – auf höchstem Performance-Niveau spielen wie man es von hochwertigen Einzelgeräten erwartet. Unser Entwicklungsansatz beim PowerMate ist da sehr geradlinig: alle Einzelkomponenten müssen ganz einfach professionellsten Ansprüche genügen. Da viele Anwender ihren Lebensunterhalt mit dem PowerMate auf der Bühne verdienen, brauchen sie auch ein professionelles Werkzeug. An die einzelnen Baugruppen, die im PowerMate verbaut werden, stellen wir die gleichen, hohen Ansprüche, wie bei einem großen Mischpult oder einer großen Leistungsendstufe. Als All-in-one-Lösung muss ein guter Powermixer intuitiv zu bedienen sein. Keine versteckten Funktionen, alles muss klar erkennbar sein, alle Bedienelemente müssen klar zugeordnet sein.

Was zeichnet einen guten Powermixer darüber hinaus aus?

Wie bei allen Pulten erstmal die Mikrofoneingänge. Die Mikrofoneingänge müssen bei einem hochwertigen Powermixer ebenfalls höchsten Ansprüchen bezüglich Dynamik, Verzerrungsfreiheit und Gleichtaktunterdrückung genügen, sollten aber dabei möglichst ohne Pad-Dämpfung auskommen. Die diskret aufgebauten Mikrofoneingangsstufen im PowerMate haben bis 60 dB Regelumfang. Sie sind so abgestimmt, dass auch Signale mit Line-Pegel über die XLR-Buchse ohne Pad-Dämpfung verzerrungsfrei verarbeitet werden können. Ein weiterer Punkt ist die Qualität und die Anzahl der Effektteile. Im PowerMate kommen zwei getrennt regelbare, hochwertige Stereo-Digitalprozessoren in Studioqualität zum Einsatz, deren Effektstrukturen aber auf die Live-Anwendung hin optimiert sind, um die Rückkopplungsempfindlichkeit zu minimieren. Die Effekte können über Fußschalter ein- und ausgeschaltet werden, was besonders bei Ansagen sehr bequem ist. Eine hilfreiche Zusatzausstattung ist der Stand-by-Schalter. Damit wird in den Pausen über einen Tastendruck das komplette Pult stumm geschaltet, um zum Beispiel Bühnengeräusche zu unterdrücken. Gleichzeitig kann aber über die Playback-Buchsen Pausenmusik eingespielt werden.

Wie sehen die Anforderungen an die Endstufen aus?

Die Endstufen müssen genügend Leistung zur Verfügung stellen und entsprechend professionell ausgestattet sein. Ein wichtiger Aspekt ist – neben der makellosen Audioperformance und genügend dynamischem Headroom – eine Komplettausstattung an Schutzschaltungen. Die verschiedensten Ursachen können zum Ausfall der Leistungselektronik bei ungeschützten Endstufen führen. Das geht beim einfachen Kurzschluss auf den Lautsprecherleitungen los und hört bei einer Überlastung durch extrem komplexe Lasten auf. Im PowerMate beugt ein vollständiges Schutzschaltungspaket potentiellen Problemen durch Kurzschluss, thermische Überbeanspruchung, Gleichspannung oder Hochfrequenz am Ausgang und anderen Überlastungsarten vor und schützt damit die Endstufen und die angeschlossenen Boxen vor Beschädigung im Fehlerfall. Natürlich hilft ein schwachbrüstiger Powermixer heute nicht weiter. Ausreichend Leistungsreserven müssen vorhanden sein, und in einem modernen Powermixer müssen die Endstufen in der Lage sein, niederohmige Lasten ohne Überhitzung oder Leistungsreduktion zu versorgen. Ein PowerMate 1000 kann z.B. drei 8-Ohm-Boxen je Seite problemlos treiben und erzeugt so eine Ausgangsleistung von zweimal 900 Watt.

In welchem Verhältnis sollten die Leistung des Powermixers und die Belastbarkeit der angesteuerten Boxen stehen?

Das Problem für den Anwender beginnt, wenn er das Datenblatt einer typischen Box betrachtet. Da findet man z.B. 300 Watt RMS-, 600 Watt Program-Power- und 1200 Watt Peak-Belastbarkeit. Ein guter Ansatz zum Bestimmen der Verstärkerleistung für Musikprogrammanwendung wäre beispielsweise bei 8-Ohm-Boxen: Man nimmt die auf acht Ohm bezogene Leistungsangabe des Powermixers oder der Endstufe – z.B. 430 Watt beim PowerMate 1000 – und vergleicht sie mit den Angaben der Boxen. Beim genannten Beispiel mit 300 Watt RMS- und 600 Watt Program-Power-Belastbarkeit liegt man da etwa in der Mitte. Das sollte ein vernünftiger Weg sein, der gleichzeitig die Nutzung des Dynamic Headrooms der Endstufe erlaubt.

Was heißt das?

Der Dynamic Headroom einer Endstufe bedeutet für die Praxis, dass der Verstärker in der Lage ist, kurzzeitig etwa 20 bis 30 Prozent an Mehrleistung bereitzustellen. Bei Peaks wie z.B. von einer Bassdrum, werden dann die spezifizierten 430 Watt – um bei unserem Beispiel zu bleiben – überschritten und die Endstufe wird kurzzeitig ca. 600 Watt Leistung an einer 8-Ohm Box umsetzen.

Seit wann baut Dynacord Powermixer?

Powermixer sind traditionell ein Kerngeschäft von Dynacord. Damals hießen sie allerdings noch Mischverstärker. 1945, unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, begann die Entwicklung, und ein Jahr später kam der MV1 auf den Markt. Es folgten MV10, MV28 und MV120 in den 50er und 60er Jahren. In den 60er und 70er Jahren dominierten die Eminent- und Gigant-Serien das Produktportfolio, die anfangs noch mit Röhrenendstufe bestückt waren und auch heute noch bei einigen Musikern im Einsatz sind. In den 80er Jahren hießen die Powermixer von Dynacord Eminent, PS und PSX. Das pultförmige Äußere setzte sich immer stärker durch, und 1994 erblickte der erste PowerMate (PM500) das Licht der Welt. Nach einem kompletten Neudesign folgte 1997 die PowerMate-Serie wie wir sie heute kennen. Die zweite Generation mit entsprechenden Verbesserungen, höherer Leistung und hocheffizienten Endstufen im Class-H-Design gibt es seit 2004.

Über 100.000 PowerMates wurden bereits verkauft. Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Der PowerMate deckt einfach die Bedürfnisse unserer Kunden: kompromisslose Audioqualität, Zuverlässigkeit, intuitive Bedienung, professionelle Ausführung und Ausstattung bei einem gleichzeitig für die Qualität angemessenen Preispunkt. Ein Teil der Erfolgsgeschichte könnte aber auch darin bestehen, dass fast alle Mitarbeiter im Entwicklungsteam leidenschaftliche Musiker bzw. Anwender sind und so aus Erfahrung wissen, worauf es auf der Bühne ankommt. Um ehrlich zu sein, haben wir den PowereMate auch für uns und unsere Bedürfnisse entwickelt – sozusagen vom Musiker für Musiker gemacht.

Welche Bedeutung kommt der Qualität der Bauteile zu?

Eine sehr hohe. Ich habe ja schon gesagt, dass wir den Anspruch haben, im PowerMate kompromisslose Qualität anzubieten. Die Potis und Fader haben wir z.B. in Zusammenarbeit mit Alps entwickelt, und die Bauteile werden auch dort für uns kundenspezifisch gefertigt. Das war nötig, weil die Komponenten des Standardprogramms unsere Anforderungen bezüglich Reglerdämpfung und Reglerergonomie nicht erfüllen konnten. Generell kommen beim PowerMate ausschließlich hochwertige Bauteile von Qualitätsherstellern in Betracht. Alle Bauteile unterliegen einer strengen Wareneingangskontrolle. Die Toleranzgrenzen sind eng gefasst. Damit wird sichergestellt, dass jeder PowerMate, der unser Werk verlässt, auch reproduzierbar wie ein PowerMate klingt.

Hat das Produktsegment angesichts der zahlreichen kompakten Aktiv-PAs eine Zukunft?

Ich würde eindeutig sagen: ja. Es gibt immer wieder Anwendungen, bei denen ein Powermixer als „Elektronikzentrale“ Vorteile hat. Denken Sie an den Verkabelungsaufwand. Bei Aktivboxen muss ich stets zwei Leitungen – Audio und Netzversorgung – verlegen. Gerade auch im Freien ist es sinnvoll, die Elektronik in einem Gerät zentral untergebracht zu haben, denn so lässt sie sich relativ einfach vor Regen oder starker Sonneneinstrahlung schützen.

Ist es nicht vielleicht sinnvoller, eine Aktiv-PAmit einem Kompaktmixer zu benutzen?

Ich denke, das muss jeder Anwender für sich selbst entscheiden, je nachdem, welchen Aufwand er treiben will. Für diesen Fall bietet Dynacord die Mischpulte der CMS-Serie an. Die sind genauso aufgebaut: Mixer, Effekte, Graphic-EQ sind angelehnt an den PowerMate. Aber selbst im Verbund mit einer Aktiv-PA kann ein PowerMate sinnvoll eingesetzt werden. Über die Master Ausgänge wird die aktive PA angesteuert, und die internen Endstufen sind dann frei für das Monitoring. Über die Patchbay kann man das über zwei kurze Klinkenkabel sehr schnell realisieren. Ein zusätzliches Rack für die Monitorendstufe kann man sich damit sparen.

Welche technischen Weiterentwicklungen sind denkbar, um Powermixer attraktiv zu erhalten?

Der wichtigste Aspekt in Zukunft ist sicher das Gewicht. Endstufen müssen heute nicht mehr schwer sein und können trotzdem eine hervorragende Audioperformance bieten. Ein gutes Beispiel sind hier die Geräte unsere LX-Serie mit Schaltnetzteil und Class-H-Endstufentechnologie, die alle unter neun Kilogramm liegen und eine maximale Ausgangsleistung von bis zu 4200 Watt bieten. Leistungsmäßig braucht der PowerMate aber keinen Vergleich zu scheuen. Er ist einer der leistungsstärksten am Markt.

Ist der Schritt in Richtung Digitalmischpult denkbar?

Für die Zukunft kann ich mir schon vorstellen, dass das ein Thema wird. Man muss die Technik dann aber so weit bringen, dass sie von normalen Anwendern intuitiv bedient werden kann. Ein Beispiel: Bei einem Digitalmischpult ist es kein Problem, dem Kunden einen vollparametrischen 4-Band-EQ zur Verfügung zu stellen. Man braucht aber viel Erfahrung, um so ein Tool effektiv einsetzen zu können. Wenn man einem technisch weniger versierten Benutzer zu viele solcher komplexen Einstellmöglichkeiten zur Verfügung stellt, kann es dazu führen, dass der Sound in vielen Fällen einfach nur verschlimmbessert wird. Nicht alles Machbare ist auch für den Anwender immer sinnvoll. Beim Stichwort EQ fällt mir übrigens das Voicing-Filter im PowerMate ein. Das ist eine schaltbare Entzerrungsfunktion in den PowerMate-Monokanälen, die den Sound besonders auf den Gesangsstimmen verbessert.

Was macht das Voicing-Filter der PowerMates?

Kurz gesagt: Es hebt die Stimme im Mix besser hervor, macht sie kräftiger und erhöht die Tragfähigkeit. Technisch gesehen handelt es sich um eine asymmetrische Filterstruktur, die mit typischen EQs nicht nachzubilden ist, die einerseits den Grundtonbereich der menschlichen Stimme betont und andrerseits die Obertonstruktur im Bereich der höheren Formanten anhebt. In vielen Fällen gibt diese Kombination der Gesangsstimme den entscheidenden Kick.

Wie sieht ein typischer Anwendungsfehler aus?

Häufig werden Fehler beim Einpegeln des Mischpultes gemacht. Um eine gute Anpassung der Quelle, z.B. des Mikrofons, an das Pult zu bekommen, muss das Ausgangssignal des Mikrofons über den Gain-Regler an die interne Pegelstruktur angepasst werden. Am besten ist es, wenn bei lauten Passagen die übliche rote Clip-LED am jeweiligen Kanalzug gerade nicht aufleuchtet. Das garantiert optimale Dynamik bei verzerrungsfreier Signalübertragung. Aber wie gesagt: Das ist heutzutage alles in den Handbüchern der Geräte sehr gut beschrieben.

Was sollte man als Anwender beim Mixen unbedingt beherzigen?

Wie gesagt, eine konsequente Pegelanpassung ist eine der Voraussetzungen für einen guten Sound. Ein weiterer Fehler wird oft bei der Entzerrung gemacht. Ich gehe davon aus, dass vernünftige, moderne Komponenten am PowerMate nur eine geringe Korrektur über die Klangregelung in den Kanälen oder am EQ brauchen. Leichte Anpassungen an den individuellen Geschmack oder die Gegebenheit vor Ort sind sinnvoll. Zuviel tut meist nicht gut und ist dem Gesamtergebnis nicht zuträglich. Der Sound wird schlechter. Also: Extrempositionen bei Klangreglern vermeiden oder zumindest hinterfragen.