Kai Lindner ist Tastenmann bei Johannes Oerding

Vom ersten Auftritt mit Johannes Oerding vor 14 Zuschauern bis zum ausverkauften Hamburger Stadtpark-Konzert: Kai Lindner ist seit über neun Jahren Keyboarder und Pianist der Oerding-Band. Detlef Gödicke traf den sympathischen Schleswig-Holsteiner für tastenwelt vor einem Open-Air-Konzert in Osterholz-Scharmbeck.

Samstagnachmittag, Anfang September, ich bin an der Stadthalle meiner Heimatstadt mit Kai Lindner zum Gespräch verabredet. Die Halle ist mir bestens vertraut, denn ich habe dort selbst häufig gespielt. Heute aber ist zum ersten Mal, direkt hinter der Halle auf dem Parkplatz, eine riesige Open-Air-Bühne aufgebaut, die Zuschauer werden gleich auf das Gelände gelassen. Im Backstage-Bereich herrscht eine entspannte Atmosphäre. Zwischen Kai und mir beginnt ein erfrischendes Gespräch über seine Wurzeln, seine Arbeit für Johannes Oerding und eine kurzweilige „Ach-den-kennst-du-auch?“-Entdeckungsreise durch die Deutsche Musikerszene.

Als Autodidakt zum Musikstudium

Kai Lindner erblickt 1984 in Neumünster, oberhalb von Hamburg gelegen, das Licht der Welt. Die Eltern helfen dem Sprössling, soweit möglich, bei der musikalischen Entwicklung. Schmunzelnd kommentiert Kai Lindner: „Sie hatten einen etwas merkwürdigen Musikgeschmack, Jazz oder Klassik waren jedenfalls nicht darunter.“ Seine Faszination für Musik entdeckt der junge Kai als Mitglied in Rolf Zuckowskis Kinderchor; in den Voxklang-Studios in Hamburg, wo die Aufnahmen gemacht werden, geht er ein und aus und entwickelt Begeisterung für die dort eingesetzte Tontechnik.

Nach der Schule schafft er es als Pianist in die Bigband des Marine-Musikkorps, verschweigt bei der Musterung jedoch, dass er gelegentlich Asthma-Anfälle hat. Der „Schwindel“ fliegt auf und er aus der Marine. Noten lernt Kai Lindner erst sehr spät, ist aber heute dankbar und glücklich, dass er nicht nur Noten lesen, sondern sie auch aufschreiben kann. Jedoch: „Nur nach Noten spielen zu können, halte ich nicht für so gut, man verliert viel an Kreativität.“

Nach der abgebrochenen „Musikkorps-Karriere“ belegt er ein privates Tonstudio-Aufbaustudium in München. „Ich war jung und wollte einfach mal weiter weg von Zuhause“, erinnert sich Lindner. „Neben dem Studium gab es in München keine Chance, in die Musikszene dort einzutauchen, sie wirkte auf mich wie ein eigener Kosmos, anders als z.B. in Hamburg, Köln oder Berlin, wo du Sessions spielen gehst und die Musiker vor Ort kennenlernen kannst. Die haben sich total abgeschottet. Natürlich kann sich das inzwischen geändert haben, meine Erfahrung ist ja schon 10 Jahre her.“ Nach einem Jahr München kehrt Kai mit abgeschlossenem Studiengang in den Norden zurück. „Als meerverbundener Schleswig-Holsteiner wollte ich aus München einfach wieder weg. Die Zeit diente mir ohnehin nur zur Überbrückung, um mich auf ein Musikstudium in den Fächern Gesang und Klavier vorzubereiten. Ich war damals nicht sehr notenfest und musste Gehörbildung und Musiktheorie lernen, um überhaupt zugelassen werden zu können.“

Musikalische Männerbekanntschaft

Ich frage Kai Lindner, wie er zu Johannes Oerding gekommen ist. Seine Antwort: „Das war irgendwie lustig – ich spielte bei einem evangelischen Männerfrühstück Klavier, ein Freund von mir war in der Kirche Pastor und hatte mich darum gebeten. Zufällig war der Produzent von Johannes, Mark Smith, auch da, stellte sich vor und wollte meinen Kontakt mit dem Hinweis, mich anzurufen.“ Kai Lindner ist skeptisch, Mark Smith ruft aber tatsächlich an, um ihn zu einem Treffen mit Johannes Oerding einzuladen. Die Männer verstehen sich auf Anhieb, der Rest ist bekannt: Kai bleibt über mittlerweile neun Jahre bis heute der Pianist und Keyboarder von Johannes Oerding. Nach den Anfängen gefragt, erzählt er: „Beim ersten Auftritt hatten wir 16 Gäste, beim zweiten kamen vier Gäste.“

Heute mobilisiert man Menschenmassen, wie sich später beim Open-Air-Konzert noch zeigen wird. Im Moment interessiert mich aber etwas anderes: Welche Rolle spielt Kai Lindner beim Songschreiben? „In der Regel macht Johannes zunächst alles alleine und stellt der Band das Material anschließend vor“, meint Kai Lindner. „Hin und wieder entwickeln wir die Songs gemeinsam weiter. Bei zwei Songs habe ich in der Vergangenheit mal sehr intensiv mit Johannes gearbeitet und die Songs sogar produziert und gemischt. Ansonsten bekomme ich, wie die anderen Bandmitglieder auch, fertiges Material; das Sounddesign machen Johannes und Mark alleine im Studio. Wenn wir allerdings die neuen Songs schon vor der CD-Produktion live gespielt haben, sind wir indirekt natürlich auch durch unsere Spielideen beteiligt.“

Heißt das, die Musiker bekommen Noten von den neuen Songs? Kai Lindner lacht: „Nein, Noten bekommen wir nicht. Wir erhalten eine Aufnahme des Songs und dann heißt es: Hör’ mal raus und spiel’! Diese Arbeitsweise ist üblich, bei meinen Studio-Sessions die Regel und liegt mir auch. Das Vom-Blatt-Spielen war schon immer nicht so sehr mein Ding.“

Orgel als zentraler Sound

Wir beschließen, einen Blick auf Kai Lindners Live-Equipment zu werfen und betreten die Riesenbühne über den Musikeraufgang. Beim Konzert spielt Lindner ein Hammond XK-1 Keyboard, das Mono-Audiosignal schickt er durch eine Leslie-Simulation, den Ventilator von Neo Instruments, dann in ein Volume-Pedal und von dort direkt in das PA-System. Kai Lindner erklärt: „Ich spiele fast bei jedem Song in der Show Orgel, daher ist das Instrument für unseren Sound sehr wichtig. Ich verwende es, seit ich vor über neun Jahren zu Johannes gekommen bin. Damals hatte ich auch ein Wurlitzer E-Piano 200 mit, denn Johannes war zu der Zeit ein Fan dieses Instruments. Mein Vorgänger Gunter Papperitz hatte ein Wurlitzer gespielt, ich besaß zunächst keins und wurde schließlich in den USA fündig. Über Freunde von mir, die nach Deutschland umzogen, kam es quasi mit deren Hausstand zu mir nach Hamburg und wurde auf 220 Volt umgebaut. Bis dahin half ich mir mit einem Fender Rhodes als Ersatz.“ Kai Lindner lacht und ergänzt: „Ein Jahr, nachdem ich endlich das Wurlitzer einsetzen konnte, flog es wieder aus dem Setup – für drei Songs war der Aufwand einfach zu groß, es steht jetzt in meinem Studio.“

Unter dem Hammond-Keyboard steht ein Korg Kronos mit 88 Tasten und Hammermechanik, insgesamt ein überschaubares Setup. Kai Lindner schmunzelt und meint: „Irgendwie ist das verrückt: Früher, als ich noch selbst aufbauen musste, hatte ich riesige Keyboard-Burgen am Start, heute, wo Roadies die Arbeit übernehmen, habe ich nur ein kleines Besteck.“ Allerdings wolle er im nächsten Jahr sein Setting wieder erweitern: „Ich bin ein Vintage-Freak, habe im Studio auch vom Mini-moog bis zum Wurlitzer eine ganze Reihe der Klassiker stehen.“ Beim Monitoring schwört Kai Lindner auf die In-Ear-Variante; für den Monitorsound hat er ein eigenes kleines Mischpult auf seinem Keyboard-Podest.

Über 300 Songs für die Aida-Flotte

Themenwechsel – Kai Lindner erzählt von seiner Studioarbeit: „Ich habe zwei Studios, eines für Recording und eines für Mastering-Arbeiten. Entstanden ist das Mastering-Studio durch einen Job, den ich fast zweieinhalb Jahre für die Aida-Flotte gemacht habe. Ich bekam die Aufgabe, für die Aida „Prima“ mehr als 300 Songs zu produzieren, es waren Cover-Nummern, die ich nachgebaut habe. Die 8-Mann-Band an Bord nutzte sie als Zuspielungen, um fehlende Instrumente hörbar zu machen und die Songs so für das Publikum authentischer nachbilden zu können. Um nicht immer ins Recording-Studio rüberfahren zu müssen, habe ich mir zu Hause ebenfalls ein Studio eingerichtet. Irgendwann kam der erste Mastering-Auftrag, und so entstand das zweite Studio.“ Derzeit mischt Lindner alle musikalischen Beträge bei „Inas Nacht“, was eine „neue, sehr spannende und auch vielseitige Arbeit“ für ihn sei.

Abschließend erklärt Kai Lindner, dass er auch als Musiklehrer an der Musikschule in Neumünster arbeite, leider aber aufgrund seiner vielen Verpflichtungen oft nicht vor Ort sein könne. Wir verabschieden uns, denn die Show beginnt. Die nächsten zweieinhalb Stunden werden für mich zu einem Augen- und Ohrenschmaus: Die Band und ihr Star sind in Hochform, der Sound exzellent, die Lightshow perfekt. Außerdem ist das sensible Klavier- und Keyboardspiel von Kai Lindner bestens zu hören. Am Ende belohnt das Publikum Johannes Oerding und Band mit ungezügelter Begeisterung: Osterholz-Scharmbeck hat das wohl größte und professionellste Open-Air-Konzert seiner bisherigen Geschichte erlebt.