Kaufberatung Voice Processing: Stimmen aus der Retorte

Kreatives Arbeiten ist auch bei der Singstimme verlockend. Das Schlagwort lautet „Voice Processing“. Erfahren Sie, mit welchen Produkten Sie auf der Bühne und im Homestudio der menschlichen Stimme ein neues künstlerisches Gewand verpassen.

Voice Processing
Zu den klassischen Hilfsmitteln auf der Bühne gehören Vocal-Harmonizer, die aus einem Sänger einen virtuellen Chor machen. Im Aufmacher zu sehen: VoiceLive Touch 2 von TC-Helicon, mit vielfältigen Gesangs­effekten und Looper. (Foto: TC-Helicon)

Fürs Bearbeiten und Erzeugen menschlicher Singstimmen bieten sich heute viele Möglichkeiten, die sich der kreative Geist keinesfalls entgehen lassen sollte: Alte Schule ist der Vocoder, den schon Kraftwerk während der 1970er-Jahre für Roboterstimmen genutzt hat. Ein Vocoder gehört zur Ausstattung vieler Synthesizer, auch günstigen wie dem Roland JD-Xi (ca. 500 Euro). Noch häufiger ist der Vocoder als Software-Plug-in bei der Musikproduktion im Einsatz. Dort generiert er elektronische Chöre aus rhythmischen Impulsen und schafft eine schöne Abwechslung zu den akustischen Chorstimmen in der Aufnahme. Gegen Ende der 90er-Jahre kam der so genannte Cher-Effekt groß in Mode, der auf dem übersteigerten Einsatz des Auto­tune-Effekts basiert. Vor allem in der Dance- und elektro­nischen Popmusik ist in der Folge das kreative Verfremden natürlicher Vocals zum wichtigen Stilmittel geworden.

In der Tanzmusik-Szene sorgt traditionell ein Vocal-Harmonizer für mehr Fülle bei den Singstimmen. Bekannt sind unter anderem die Vocal-Harmonizer großer Arranger-Keyboards. Während Korg auf die Technologie von TC-Helicon baut, entwickeln Yamaha und Ketron ihre eigenen Algorithmen. Dass inzwischen noch mehr geht bei der effektiven Aufbereitung von Stimmen, verdeutlichen weitere Produkte findiger Hersteller. Eine kleine Auswahl möchten wir kurz vorstellen.

Kompaktgeräte mit großer Wirkung

Unmittelbar auf der Bühne machen die Geräte von TC-Helicon eine gute Figur. Diese Hardware-Produkte beinhalten EQ, Kompressor, De-Esser, Hall, Echo, Chorus, Verzerrer, Harmonizer und andere Effekte. Ihre Zielgruppe sind alle Künstler, die live ihren eigenen Sound erschaffen möchten, so auch die Sängerin Judith Erb (siehe Kasten). Sie entlasten nicht nur die Bühnentechnik eines gebuchten Beschallers, sondern machen es möglich, für praktisch jeden Song auf eine passende Einstellung zu wechseln. TC-Helicon bietet eine Reihe von Bodengeräten fürs Voice-Processing im Preisbereich zwischen etwa 130 Euro (TC-Helicon „Voice Tone C1“) und 670 Euro (TC-Helion „VoiceLive 3 Extreme“). Einige Geräte sind auch direkt am Mikrofon-Stativ montierbar. Bei der Qual der Wahl nehmen Sie die Goldene Mitte: Ein funktionell flexibles Produkt zum moderaten Preis (ca. 380 Euro) ist z.B. der TC-Helicon VoiceLive Touch 2, den Sie auch im Aufmacherbild sehen. Mit ihm bekommen Sie Vocal-Design relativ einfach in den Griff und haben auch noch einen Looper, mit dem Sie Ihre vokalen Phrasen ganz einfach nacheinander aufnehmen und wiedergeben können.

Wenn Ihnen Konzept, Ausstattung oder Sound nicht zusagen, schauen Sie sich alternativ ein mal die Loopstation Boss RC-505 (ca. 450 Euro) oder, wenn es trendiger werden darf, den Roland VT-3 (ca. 200 Euro) an. Für die Live-Performance können Sie zwar auch das iPad mit einer App wie „VoiceJam“ oder „Voice Rack“ von TC-Helicon einbringen, brauchen aber ein Audio-Interface zum Anschluss des Mikrofons und generell mehr Einarbeitungszeit. Wenn Sie aber ein iPhone oder Tablet-PC von Apple bereits haben, können Sie das Voice-Processing ohne großen Kostenaufwand schon einmal probieren.

Izotope Nectar
Quasi ein Schweizer Messer für die schnelle wie effektive Aufbereitung von Gesangsaufnahmen ist Izotope Nectar. Hier zu sehen ist die Tonhöhen-Korrektur.

Große Freiheit im Homestudio

Im eigenen Projektstudio können Sie das Live-Playback mit Software aufpolieren. Ein praktischer Allrounder für die schnelle und effiziente Bearbeitung ist Izotope Nectar 2 (ca. 270 Euro). Diese „Vocal Production Suite“ gibt Ihnen alle wichtigen Werkzeuge zum Editieren aufgenommener Gesangsstimmen. Dank vieler Presets haben Sie direkt nach dem Vocal-Recording einen passenden Sound für die Stimme gefunden. Für die Korrektur von Intonation, Rhythmik und für weitere Optimierungen können Sie sich auf Celemony Melodyne verlassen; die preiswerte Version zum Einstieg heißt „Essential 2“ (ca. 95 Euro). Mit dem Studio Bundle (ca. 670 Euro) lassen sich sogar aus Einzelstimmen beliebige Chorsätze modellieren.

Output Exhale
Ein Novum: Output Exhale liefert auf Basis von NI Kontakt die moderne Vocal-Sample-Bibliothek für kreative Musikproduzenten.

Ein Novum ist das virtuelle Instrument Output „Exhale“ (ca. 200 Euro). Dieses auf NI Kontakt basierende Kollektion mit 8,5 GB an Samples bietet chromatisch spielbare Vocals und auch (Slice-)Loops zur Inspiration und kreativen Nutzung in der Popmusik. Eigene Gesangsaufnahmen lassen sich derzeit nicht importieren. Wer auf hippe Vocals mit Synthesizer-Bearbeitung steht, bekommt hier über 500 Presets und die passenden Werkzeuge.

PPG Phonem
Die Vokal-Synthese des Plug-ins PPG Phonem imitiert mit ihrem Multi-Resonator-Filter die menschliche Stimme synthetisch in vielen Facetten.

Der Hamburger Wolfgang Palm hat jüngst das Plug-in „PPG Phonem“ vorgestellt, ein Software-Instrument, das ausdrucksstarke Vokal-Synthese hauptsächlich mit einem Multi-Resonator-Filter ermöglicht. Vom Flüstern und fremdartigen Stimmen über klassische Synthesizerklänge bis hin zum Schrei und anderen ekstatischen Zuständen reicht das Ausdrucksspektrum. Phonem bringt selbst kürzere Textpassagen, die sich individuell eingeben lassen, zu Gehör. In der Summe sind dies neue Ansätze mit viel Kreativpotenzial. Interessierte sollten sich keinesfalls die aussagekräftigen Tutorial Videos entgehen lassen.

Nicht zuletzt haben Sie Zugriff auf riesige Sample-Bibliotheken mit klassischen Chören und anderen Inhalten rund um die menschliche Stimme. Highlights sind etwa EastWest „Symphonic Choirs“ (etwa 260 Euro) oder VSL „Voices Complete“ (rund 580 Euro). Weitere Beispiele sind aktuell „Storm Choir 2“ (ca. 350 Euro), ein zwölfköpfiger Kammerchor, und für Popmusik testen Sie die „Realivox Ladies“ (ab ca. 200 Euro) mit spielbaren, plakativen Phrasen. Die Auswahl auf der Plattform von Best Service (www.bestservice.de) ist groß, für jeden Musikstil findet sich eine passende Bibliothek auf dem Soundmarkt, die meist auf dem Sampler Kontakt 5 von Native Instruments basiert.

Solange es nicht um wilde Klangexperimente geht, darf es als fundamental wichtig gelten, trotz der vielen technischen Möglichkeiten die Natürlichkeit der menschlichen Stimme zu erhalten. Unser musikalisches Gehör stört sich schnell an auffällig konstruierten Vocals. So lautet das Credo abschließend: Kreativität ja, aber bitte wohldosiert. Viel Spaß dabei!

Statement

Judith Erb

Judith Erb, Sängerin, Coach und Komponistin: „Schon immer habe ich nach einem guten Octaver gesucht. Nun bin ich auf den TC-Helicon „Voice Live Touch 2“ gestoßen, der über eine immense Auswahl an Effekten und Presets verfügt und einen sehr organischen Sound produziert. Durch Umfang und Komplexität ist das Gerät anfangs nicht ganz so einfach in der Handhabung. Nach kurzer Einarbeitung lässt es sich aber eher leicht bedienen. Mit der Tap-Delay-Funktion kann ich den Effekt live dem Songtempo anpassen und zum Beispiel rhythmische Soloparts intensivieren. Den Octaver setze ich sparsam bei dafür geeigneten Hooks ein, gelegentlich auch den Chorus oder Flanger. Sehr wichtig ist für mich auch die Loop-Funktion. Die Harmonizing-Effekte sind zwar sehr gut, jedoch benutze ich diese weniger. Mit der Loop Funktion konstruiere ich mir meine Chöre live. Das Ganze setze ich wirklich sparsam ein. Dann wirkt es am besten.“