Keyboarder Blue Weaver im Interview: Ein Leben mit den Poplegenden

Amen Corner, Mott The Hoople, The Strawbs, die Bee Gees und etliche mehr haben eines gemeinsam: Blue Weaver an den Tasten. Im tastenwelt-Interview erzählt er von seiner spannenden Zeit im Zentrum der Rock- und Pop-Geschichte.

Blue Weaver
Zu einigen seiner früheren Bandkollegen, wie etwa Barry Gibb, hat Blue Weaver heute noch gute persönliche Kontakte. Er selbst spielt heute unter anderem bei den „Italian Bee Gees“. Deren aktuelle Show erzählt die Geschichte der Bee Gees, die Blue Weaver in den 1970er Jahren aktiv mitgestaltet hat. (Foto: Sonja Inselmann)

Wie kamen Sie zur Musik?

Meine erheblich älteren Brüder hatten ein Klavier. Als sie auszogen, um zu arbeiten, ließen sie es zurück. Mit acht Jahren wurde ich so neugierig, dass ich eine herumliegende Klavierschule aufschlug. Mein erstes Stück war „Swanee River“, nur auf schwarzen Tasten. Ich kannte noch keine Notenlängen, aber mir kam das Lied bekannt vor, es machte Spaß und ich bekam Lust auf mehr.

Hatten Sie Musik-Unterricht?

Mit 10 Jahren schickten mich meine Eltern zu einer Klavierlehrerin; mit 12 Jahren fand ich eine neue, die exzellent war. Sie hatte nur eine Handvoll Schüler und irgendwie schien sie etwas in mir zu sehen. Allerdings verlor ich mit der Zeit das Interesse, stundenlang Etüden, Beethoven und Mozart zu üben. Durch meine Brüder hörte ich zum ersten Mal Elvis, Jimmy Durante, Stan Freberg, Spike Jones and his City Slickers.

Und dann wollten Sie selbst aktiv werden?

Ich begann, abends mit den Jungs auf der Straße abzuhängen, einige spielten Gitarre. Unser Friseur, ein Freund meines Vaters, spielte zu der Zeit abends Klavier in einem Trinklokal für Männer. Und er hatte unter seinem Klavier so ein raffi­niertes Keyboard-Ding, mit dem er unglaubliche Sounds machen konnte. Er lieh mir das Gerät, um es auszuprobieren. Es war ein Clavioline, einer der ersten Synthesizer überhaupt.

Und wann kam die erste Band?

Mit 14 spielte ich in einem Duo mit Gitarre, wir übten in einer lokalen Kneipe im ersten Stock. Dort stand ein Klavier rum und wir konnten üben. Das war meine erste „Street-Band“. Wir spielten Elvis und Eddie Cochran, und manchmal saßen auch ein paar Leute dabei rum und hörten zu.

Mit 15 verließen sie die Schule. Was kam danach?

Ich bekam einen Samstagsjob in einem Musik­geschäft in Cardiff; sie verkauften unter anderem Thomas- und Lowrey-Orgeln. Der Inhaber ließ mich auch darauf spielen. Irgendwann hatte ich eine Band zusammen, und der Inhaber lieh mir für den ersten Auftritt eine Vox Continental und einen Vox-AC30-Verstärker. Das war unbeschreiblich für mich und half mir, zu starten. Dafür bin ich ihm für immer dankbar.

Gab es schnell professionelle Auftritte?

Nach dem ersten Auftritt mit der Vox Continental spielte ich in der Folgezeit in einigen lokalen Bands. Ich musste mir immer mein Equipment zusammenleihen, bis ich mir eine „Grey Farfisa“ mit Hilfe meiner Eltern kaufen konnte. Die Sache wurde größer und größer. Tagsüber hatte ich einen Job für 3 bis 4 Euro die Stunde und abends fuhren wir herum und spielten unsere Gigs, bei denen ich pro Auftritt so viel verdiente, wie in einer Woche im Tagesjob. Meine erste Band, mit der ich wirklich gut bezahlt wurde, nannte sich „Brother John and the Witnesses“.

Zu der Zeit trafen Sie das erste Mal auf ein späteres Bee-Gees-Mitglied ...

Ja. Nach dieser Band wechselte ich in eine etablierte Band, die Chart-Hits spielte. Wir hatten einen Haufen Gigs, und dort traf ich das erste Mal den Drummer Dennis Bryon, der später mit mir bei Amen Corner und dann auch bei den Bee Gees spielte. Wir waren in unserer Karriere in drei Bands zusammen.

Mit 18 gingen sie nach London. Warum?

Ich hatte meinen Job geschmissen, wollte Berufsmusiker werden und lebte ein Jahr in London, um mein Glück zu versuchen. Nach einem Jahr fuhr ich, ohne Erfolg in London, zurück nach Cardiff. Ich spielte in einer lokalen Band: alles Amateure, die ohne weitere Ambitionen nur Spaß an der Musik haben wollten. Dann sprach mich eines Tages Andy Fairweather Low an. Wir fanden heraus, dass Andy, Dennis und ich in Bands spielen wollten. Wir wollten professionelle Musiker werden, gemeinsam nach London zurückkehren und Hits schreiben. Wir suchten noch andere Musiker zusammen, darunter zwei Bläser. Wir kündigten unsere Jobs und arbeiteten sechs Monate an unserem Programm. Der Anfang von Amen Corner.

Woher kam der Erfolg von Amen Corner?

Wir wollten die Leute unterhalten und taten es auch. Ein Freund der Band arbeitete bei Atlantic Records in London. Er bekam die neuesten Importe, die für die Veröffentlichung in England vorgesehen waren, auf seinen Tisch und schob sie zu uns weiter. So konnten wir Titel wie „Knock on Wood“ schon spielen, bevor sie in England überhaupt veröffentlicht wurden. Mit Amen Corner haben wir viele Hits in England durch unsere Live-Performances erst zu Hits gemacht.

Hatte Amen Corner zu der Zeit schon eigene Songs?

Nein, wir waren eine Soul-Band und spielten nur Covers. Eigene Songs kamen später. Dann hatten wir den Song „Gin House“. Es war ein Show-Stopper, ein 12-Takte-Blues, bei dem Andy auf die Knie fiel und alle Kids den Song mitsangen. Der Song war in den Charts, wir waren in „Top of the Pops“ und die Auftritte wurden größer und größer.

Amen Corner hatte Ende der 1960er doch eine eigene Residenz, hört man.

Ja. Da gibt’s sogar eine tolle Anekdote. Eines Abends, 1967, besuchte uns Jimi Hendrix und fragte, ob er mit uns spielen dürfte. Er kam auf unsere Proben-Bühne und fragte unseren Bassisten, ob er er auf dessen Bass spielen dürfe. In Musikerkreisen war Jimi bereits bekannt, so gab unser Bassist Clive Taylor Jimi seinen Bass, und Jimi fragte, was wir spielen wollten? Ich sagte: „Otis Redding: Can`t turn you loose“ und Jimi zählte sofort ein. Wir spielten noch ein paar andere Stücke, dann verabschiedete er sich und ging.

Ein Gig mit Folgen?

In der nächsten Woche hatten wir einen Auftritt, als sich gegen zwei Uhr morgens ein Gitarrenhals durch die Zuhörer auf die Bühne zu bewegte. Es war Jimi, der fragte, ob er mitspielen dürfe. Er stöpselte seine Gitarre in einen unserer Verstärker, fragte aber nicht nach einer Tonart, sondern spielte einfach mit, unbeschreiblich! Als er richtig bekannt wurde, hat er dafür gesorgt, dass wir immer als zweite auf dem Zettel unseres Managements neben Jimi, Pink Floyd und The Move standen.

Warum löste sich Amen Corner auf?

1969 hatten wir keinen Bock mehr auf die Bläser, wurden eine 5-Mann-Band und nannten uns „Fair Weather“. 1970/71 habe ich die Band verlassen und war einige Zeit arbeitslos. Dann sagte mir der Manager des „Speakeasy Club“, in dem ich auf der Suche nach Arbeit oft rum hing, Rick Wakeman würde die Strawbs verlassen. Ich traute mir den Job allerdings erst nicht zu.

Und dann?

Eines Tages hielt ein Taxi vor dem Haus, und der Fahrer sagte, ich solle einsteigen, er würde mich zu einer Audition mit den Strawbs fahren. der Club-Manager des „Speakeasy“, hätte ihn geschickt. So fuhr ich zu Dave Cousins und traf die Band. Nach einem Essen und fünf Bier war ich in der Band, ohne dass sie mich spielen gehört hatten.

Die Strawbs waren doch eigentlich eine Folk-Band.

Mit meiner Orgel bekam das Ganze aber mehr Rock-Feeling, und die Musik wurde härter. Als ich zur Band kam, und die Jungs meine Geschichten als Popstar bei Amen Corner hörten, wollten sie die Strawbs auch in diese Richtung bringen. Sie wollten auch Hitsingles schreiben. „Benedictus“ wurde zum Beispiel so ein kleiner Hit. Eines Tages kamen Bassist, Drummer und Dave Cousins dann mit „Part of the union“ und wir spürten sofort: Das wird ein Riesenhit. Es folgten Interviews, Fernsehauftritte und eine Tour durch Amerika.

In der Rückschau eine einschneidende Zeit.

Ja. Wir tranken zu viel und es gab einen Autoren-Streit zwischen Dave Cousins auf der einen, und Bassist und Drummer auf der anderen Seite. Im Beverly Hilton in Beverly Hills eskalierte der Streit dann, und die drei verwüsteten den Hotel-Pool. Ich bin dann ausgestiegen, Dave machte ein Solo-Album und führte die Strawbs in unterschiedlichen Besetzungen weiter.

Konnten Sie sich eine Auszeit leisten?

Nein. Um Familie und Haus zu finan­zieren, fuhr ich Taxi. Jede freie Minute hing ich aber in der Nähe von Studios ab. In den Londoner Morgan Studios erkannte mich ein Producer, Bob Ezrin, an der Bar. Er gab mir ein Bier aus und lud mich zum Jammen ein, als Warmup für eine Studio-Session.

Wer war noch dabei?

Er führte mich in einen Raum mit einer Hammond. Steve Winwood stand von der Orgel auf, verabschiedete sich und verschwand. Dann blickte ich mich um: Da war Aynsley Dunbar am Schlagzeug, Steve Hunter an der Gitarre, Jack Bruce am Bass und noch ein Akustik-Gitarrist. Wir jammten. Ich muss furchtbar gespielt haben, aber sie schienen Mitleid mit mir zu haben wegen meiner Arbeitslosigkeit. Bob sagte, er bräuchte noch ein Klavier auf einer Spur, eine Produktion für Lou Reed. Lou kam rein, ich spielte etwas und sie fanden es gut. So landete mein Spiel auf der „Berlin“-Session von Lou Reed. Bob gab mir noch einige andere Jobs.

Nie wieder Taxi fahren?

Es dauerte noch einige Zeit, bis ich den Keyboarder Morgan Fisher traf. Er vermittelte den Kontakt zu Ian Hunter, der mich als zweiten Keyboarder für die Amerika-Tour von Mott The Hoople haben wollte. Morgan würde Klavier spielen und ich Orgel. Etwa zwei Wochen später ging es los. Im Flugzeug saßen auch die Musiker von Queen. Sie waren noch nicht so bekannt, hatten gerade „Seven Seas Of Rye“ ver­öf­fentlicht und waren die Support-Band für Mott The Hoople. Während der Tour waren wir die erste Rock-Band überhaupt, die im Broadway Theater spielen durfte – und das für eine Woche.

In einem Mott-The-Hoople-Video hört man viel Keyboards, aber man sieht keinen Keyboarder ...Wir waren zwar zwei Keyboarder, aber eigentlich nie zu sehen. Ian Hunter wollte das so und wir teilten das Schicksal vieler Keyboarder, wie z.B. auch bei bei Status Quo.

1975 gab es wieder einen harten Schnitt.

Ich spielte gerade bei den „Streetwalkers“, der Band von Roger Chapman, als mich Dennis Bryon, mein Drummer bei Amen Corner und Brother John, auf die Bee Gees ansprach. Sie hatten gerade ein neues Album veröffentlicht, es verkaufte sich aber schlecht. Die Konzerte waren noch gut besucht, aber sie wollten einen völligen Richtungswechsel. Er hatte mit Barry Gibb darüber gesprochen, und nun fragte Dennis mich, ob ich zu den Bee Gees kommen wollte. Erst wollte ich nicht, nach einem Wochenende mit Band waren wir uns aber einig. Wir fuhren nach Miami, um uns etwas Neues auszudenken. Ich blieb drei Monate in den USA.

War die Richtung schnell klar?

Nicht gleich. Eines Abends fuhren wir vom Studio nach Hause und Barry sagte dem Fahrer, er solle mit über 30 Meilen pro Stunde über eine bestimmte Brücke fahren, er hätte den Tipp im Radio gehört. Die Reifen machten ein rhythmisches Geräusch, das wir toll fanden und auch gleich eine Melodie dazu hatten. Es wurde der Unisono-Mittelteil von „Jive Talking“. Am nächsten Tag erzählte uns Barry, dass er Musik um dieses Riff komponiert hätte. Wir arbei­teten fieberhaft an dem Song, und gegen vier Uhr morgens begann ich, auf dem Arp 2600 eine Bassspur einzuspielen. Maurice Gibb, der eigentlich für den Bass zuständig war, war nämlich schon gegangen. Ich fand eine Einstel­lung, die dem Song ein Fundament verlieh und spielte die Pilotspur ein. Auch am nächsten Tag waren wir noch begeistert.

War Maurice nicht irritiert über den Rollenwechsel?

Als ich am nächsten Abend den Bass-Part endgül­tig fertig machte, kam plötzlich kam Maurice rein und wirkte tatsächlich irritiert über das, was er da hörte. Er sah mich am Arp sitzen und sagte: ‚Das ist es, das ist großartig.’ Wir waren uns sicher, dass wir einen neuen Number-One-Hit geschrieben hatten. Und die Bee Gees hatten endlich eine neue Richtung.

Mit „Saturday Night Fever“ hat die Band einen neuen Boom ausgelöst.

Disco-Musik gab es schon lange vor uns. Wir haben gemerkt, dass die Leute wieder tanzen wollten und wollten eine entsprechende Bee-Gees-Produktion machen. Die Bee Gees als Disco-Band zu titulieren, wird der Sache eigentlich nicht richtig gerecht, den­noch explodierte mit dieser Produktion das Tanzfieber geradezu. Wir hatten unsere neue Richtung gefunden, es gab kein Zurück mehr.

Mit der Zeit haben Sie sicherlich einen ansehnlichen Technik-Park aufgebaut?

Ja, wir haben unheimlich viel ausprobiert und an­ge­schafft. Es kam Anfang der 80er aber der Punkt, wo wir sechs Bee Gees durch unseren Technologie-Park versuchten, nach Inspirationen zu suchen, die nicht mehr in unseren Köpfen vorhanden waren. Es fehlte nicht an Equipment, es fehlte an den Ideen für neue Songs. Nach all diesen Erfolgen hatten wir einen Burnout. Es wurde Zeit, sich zu trennen. Die Gibb-Brüder suchten neue Musiker und machten nach einer langen Pause weiter.

Wir müssen Sie noch nach dieser speziellen Woche 1978 fragen.

Ich hatte damals unheimlich viele Sessions und produzierte und komponierte mit Robin Gibb auch für einige Filme. Ich arbeitete auch mit Chicago, Neil Young und anderen Musikern. Und so kam es, dass ich in einer Woche 1978 bei acht Songs, die in den amerikanischen Top 10 platziert waren, die Keyboards gespielt hatte. Großartig!

1982 sind sie zurück nach London?

Meine Familie lebte dort. Ich war in zweiter Ehe wieder verheiratet und hatte zwei Stieftöchter. Sie waren in einer Schule in London. Ich wollte nach der Bee Gees-Zeit aber auch etwas ganz Neues machen und eröffnete mein eigenes 24-Spur-Fairlight-Studio. Der Fairlight war der erste digitale Synthesizer mit Sampling-Technik; diese Maschine änderte alles. Meine Stärke liegt ohnehin im Sound-Design.

Was Ihnen eine Zusammenarbeit mit Hans Zimmer bescherte.

Oh, ja. Ich kenne Hans sehr gut, denn wir benutzten beide den Fairlight. Wir kauften unsere Maschinen in London beim gleichen Händler. Ich traf Hans zufällig, und er gab er mir den Auftrag, die Sound­effekte für sein Filmprojekt „K2“ zu machen. Ich machte die Effekte in meinem Studio, übermittelte sie dann dem Sound Editor von Hans, und er baute sie im Film ein.

Inzwischen leben Sie in der deutschen Provinz. Gibt es noch Kontakte zu den alten Musiker­freunden?

Ja, natürlich. Ich war z.B. eingeladen zum Mott-The-Hoople-Jubiläumskonzert in London und habe natürlich mitgespielt. Die Strawbs gibt es ja auch immer noch und sie hätten mich gern wieder dabei gehabt. Auch zu Barry Gibb habe ich immer noch guten Kontakt.