Keyboarder Geoffrey Downes im Interview: Sounds für die Supergroups

Der Brite Geoffrey Downes kann mit 61 Jahren auf eine bewegte Musikerkarriere zurückblicken. Von den Buggles über Asia bis zu Yes hat er mit seinem Keyboardspiel den Progressive-Rock-Sound der 1980er Jahre entscheidend mit geprägt. Im tastenwelt-Interview mit erzählt Downes seine Geschichte.

Geoff Downes
Geoff Downes: „Nach ,Video Killed The Radio Star‘ hat sich unser Leben total verändert“ (Foto: Geoff Downes)

Wie kamen Sie zur Musik?

Ich wuchs im Norden Englands in der Großstadt Cheshire auf. Mein Vater spielte Orgel in einer Kirche, und ich bekam den ersten Unterricht mit 6 Jahren. Ich begleitete ihn oft, schaute ihm einiges ab und übte auf der Kirchenorgel. Meine Mutter spielte zu Hause Klavier, wir hatten viel Live-Musik im Haus. Ich habe zwei Brüder und eine Schwester, alle älter als ich, alle machten Musik.

Hatten Sie Musikunterricht?

Ja, ich bekam regelmäßig klassischen Klavier-Unterricht. Zu der Zeit interessierte ich mich noch nicht für Keyboards und Pop-Musik; elektronische Keyboards waren zu der Zeit auch noch nicht so verbreitet. Bei uns war das eher Klavier-orientiert, Ray Charles und viele Blues-Sachen. Das änderte sich, als „A Whiter Shade Of Pale“ von Procol Harum veröffentlicht wurde. Dieser Song machte Vielen klar, wie entscheidend ein elektronisches Tasteninstrument sein kann. Ich war 15, als ich den Song hörte und dachte gleich, das wird die musikalische Welt umhauen.

Haben Sie den Song auf der Kirchenorgel versucht?

Nein, zu der Zeit hatte ich schon meine erste eigene Orgel, eine Farfisa Compact Duo, gespon­sert von meinen Eltern. Ich spielte damit in einer Jugend-Band, wir coverten Songs und hatten Spaß. Zum 16. Geburtstag kaufte mir meine Mutter meine erste Hammond, eine J-122, sie wurde damals „Spinett-Hammond“ genannt, hatte keine Zugriegel, nur Presets.

Aber zwei Manuale?

Ja, und sogar ein Bass-Pedal, vom Oberteil getrennt, daher gut zu transportieren.

Ihr erster Auftritt: erinnern Sie sich?

Mit 14 durfte ich das erste Mal in einer Band auf der Bühne mitspielen, nicht die ganze Show, nur für einige Songs, und ich spielte auf dem Equipment des Keyboarders der Band. Ich war um die 15, als ich in der ersten Band fest mitspielte, wir spielten Covers, und ich bekam erste Einflüsse der damaligen „Underground-Music“, z.B. über die Band Caravan. Ich ging zu einem Konzert der Band, das hat mich sehr beeinflusst. Zu den Auftritten mit unserer Schulband hat mein Vater uns immer gefahren.

Wann fingen Sie an, sich für populäre Musik zu interessieren?

Mit 13 Jahren fing ich an, moderne Musik zu hören, viel „Black Music, die damals veröffentlicht wurde.

Und Ihr erster professioneller Auftritt mit ­ent­sprechender Bezahlung?

Das war erst in London. Vorher gab es viele kleine Auftritte; die Veranstalter brauchten einen Orgel-Spieler und einen Schlagzeuger, typische Duo-Besetzung, wir spielten Standards, und es war wichtig, Praxiserfahrung zu sammeln. Ich habe das oft gemacht und hatte dabei irgendwie Spaß.

Wann kam die Entscheidung, Musik zum Beruf zu machen?

Schon während der Schulzeit wurde mir klar, dass ich Musik zu meinem Lebensinhalt machen wollte, darum ging ich nach Beendigung meiner Schulzeit auf das College of Music in Leeds. Während dieser Zeit spielte ich auch schon in einer professionelleren Cover-Band, wir nannten uns „She Is French“.

Und Ihr Live-Equipment damals?

Ich hatte meine Hammond J-122 und kaufte mir zusätzlich ein Fender Rhodes, das war mein Beginn als „Multi-Keyboard-Player“. Ein anderes Mitglied der Band hatte einen Mini-Moog, so machten wir zusammen schon ­mächtig Sound.

Wie war die Übungsraum-Situation damals?

Unser Saxofonist kaufte sich ein Haus, so hatten wir fantastische Möglichkeiten zum Proben.

Sie begannen Ihr Studium 1972 in Leeds im Fach Klassik wie auch im Jazz. Gab es damals Konflikte mit den Lehrern und den Genres?   

Nicht wirklich, meine Lehrer haben verstanden, worum es mir ging. Bei mir lag die Gewichtung bei jeweils 50 Prozent; viele meiner Kollegen am College wollten beide Studiengänge belegen, es war dort nicht ungewöhnlich.

Nach Beendigung Ihres Studiums gingen Sie nach London. Warum?

London war das Zentrum, dort war die Musik-Szene. Unzählige, später berühmte Musiker aus England gingen dorthin, man musste dort sein, um vielleicht seine Chance zu bekommen. Auch die großen englischen Aufnahme-Studios waren dort.

Man bucht ein Ticket, und fährt einfach hin?

Ja, so ungefähr. Ich hatte einen Freund mit einer Wohnung in London, dort durfte ich zunächst wohnen. Ich nahm mein Keyboard-Equipment mit, und im Laufe der Zeit ergaben sich einige Auftritte mit Hammond, Rhodes, einem eigenen Mini-Moog und Solina Strings.

Wie ging es weiter?

Ich hatte Glück: Nach ein paar Monaten mit Gelegenheits-Jobs bekam ich die Chance, als Keyboarder für die Band von Tina Charles („I love to love“) vorzuspielen. Dort traf ich auf Trevor Horn. Wir wurden beide engagiert und gingen mit ihr auf Tournee. Eine ganze Reihe von Musikern in der Band spielte nebenbei auf Commercials und Jingles für die Werbeindustrie, so bekam ich erste Jobs auch in diesem Teil der Musikwelt und konnte mich mit beiden Jobs über Wasser halten. Daraus sind dann letztendlich auch die Buggles entstanden.

Wie kam es 1976 zur Zusammenarbeit mit Hans Zimmer?

Nach der Tina-Charles-Tour gründete Bruce Woolley mit Trevor Horn, Thomas Dolby und mir die Band „Camera Club“. Hans Zimmer kam dazu, um meine Synthesizer-Sounds zu programmieren, er war damals viel in London unterwegs, um Sound-Design für Bands zu machen, weniger, um Keyboards zu spielen. Für mich programmierte er den Prophet von Sequential Circuits, denn ich war damals Keyboarder und kein „Sound-Schrauber“, was sich dann später aber geändert hat.

Und wieso?

Heute bin ich kein Preset-User, ich arbeite praktisch immer an den Sounds und liebe es, meine eigenen Sound-Kreationen in einen Song einzubringen. Außerdem habe ich seit sieben Jahren endlich mein eigenes Studio in Wales, wo ich mittlerweile lebe. Zuvor war ich immer in fremden Studios zu Gast.

Geoffrey Downes in Aktion bei Asia
Ein Mann und seine Keyboard-Burgen: Geoffrey Downes in Aktion bei Asia. (Foto: Geoff Downes)

Mit „Video Killed The Radio Star“ schrieben Sie 1979 Musikgeschichte. Der Durchbruch?

Ja, es war unbeschreiblich. Das Leben veränderte sich von einem Tag auf den anderen. Wir haben wirklich hart daran gearbeitet, und auf einmal waren wir echte Pop-Stars. Als MTV – übrigens ohne uns zu fragen – das Video zu dem Song als erstes Video überhaupt weltweit auf ihrem TV-Kanal ausstrahlte, war es passiert – eine Entwicklung, über die wir nicht unglücklich waren. Wir hatten den Song auch geschrieben und ihn selbst produziert, da haben unse­re Bankkonten mächtig „gekracht“.

Änderte sich durch den Erfolg auch Ihr Keyboard-Equipment?

Und ob: Ich fing an, Keyboards zu sammeln, ich arbeitete mit Allem, was damals neu und innovativ schien: Fairlight oder Synclavier, ich war einer der ersten, der einen Fairlight auf Tour mit Yes live einsetzte. Das war auch die Zeit, in der Blue Weaver sein Fairlight Studio in London aufmachte, und wenn ich mich richtig erinnere, war Peter Gabriel der erste, der überhaupt einen Fairlight hatte. Diese Mega-Maschinen waren sehr anfällig; auf unserer USA-Tour hatte ich immer einen Mann an meiner Seite, der die Synthies repariert hat. Besonders die Card-Slots waren sehr anfällig, man konnte die gespeicherten Daten nicht einladen, das war dann ein großes Problem.

Besitzen Sie noch einen dieser legendären Sampler?

Nein, es macht auch keinen Sinn. Die Sampling-Technologie hat in den vergangenen Jahrzehnten unglaubliche Fortschritte gemacht, es ist nur noch die Legende, die lebt. 1980 aber waren die alten Maschinen das Maß der Dinge in der Musikwelt.

Hatten Sie selbst musikalische Idole?

Zu meiner Studienzeit Herbie Hancock, danach besonders Keith Emerson und Rick Wakeman. Ich hatte das Glück, viele Pioniere an den Tasten persönlich kennenlernen zu dürfen.

1980 wurden Sie Mitglied der Band Yes. Wie kam es dazu?

Die Bandmitglieder von Yes und den Buggles kannten sich. Als Rick Wakeman und Jon Anderson die Band verließen, wurden Trevor Horn und ich gefragt, ob wir Songs für Yes schreiben könnten, da sie einen Keyboarder und einen Sänger brauchten. Wir taten es, wir trafen uns und – wir waren in der Band. Rick Wakeman habe ich zu dieser Zeit nicht getroffen, er war in den USA untergetaucht. Und es war für mich nicht einfach, in die Fußstapfen dieses unglaublichen Musikers zu treten. Wir machten ein Album, zwei Tourneen, eine davon durch die USA, wo ich das erste Mal auch den Fairlight auf der Bühne benutzte.

1981 waren Sie Gründungsmitglied der Band Asia. Warum kam es 1985 zum Split?

Wir waren kreative Köpfe, spielten in der Zeit drei Alben in London ein; es waren sehr intensive vier Jahre, dennoch war jeder auch mit seinen eigenen musikalischen Ideen beschäftigt, und es wurde Zeit für einen Break.

Hatten Sie für die Aufnahmen ein spezielles Studio gebucht?

Nein, es gab unendlich viele gute Recording-Stu­dios in London, wir waren darauf angewiesen, für mehrere Monate ein Studio anmieten zu können. Darum wurde immer jenes Studio gebucht, das uns diese Möglichkeiten bieten konnte.

Waren Sie als Keyboarder in das Songwriting der Bands involviert?

Ja, bei Asia z.B. haben John Wetton und ich die meisten Songs geschrieben.

Wie arbeiten Sie an Kompositionen?

Ich erarbeite meine Kompositionen immer am Klavier. Ich bin der Meinung, wenn der Song nicht am Klavier funktioniert, wird er auch nicht mit der Band funktionieren.

Welches System benutzen Sie für das Recording in Ihrem Studio?

Ich benutze ProTools, nutze aber auch Logic, um andere Instrumente aufzunehmen, für die Sequenzen und die Keyboard-Parts. Danach überspiele ich alles in mein ProTools-System. Ich habe auch einen Mac mit Asia auf der Bühne; bei Yes verwende ich sogar zwei Macs.

Wofür verwenden Sie die Macs auf der Bühne?

Ich spiele einige Plug-Ins mit Simulationen von Orchester-Instrumenten, z.B. Mellotron. Ich habe ja die gesamte Entwicklung der Computermusik von den ersten Anfängen am Atari mit Creator und später Notator bis heute miterlebt.

Schreiben Sie für Ihre Kompositionen Noten auf?

Nein, ich habe das alles im Kopf. Allerdings sind einige Yes-Songs so kompliziert, da schreibe ich mir dann schon einige Stichpunkte auf. Hier bei Asia spiele ich alles auswendig. Wir benutzen keine Zuspielungen, keinen Sequencer, alles ist beim Auftritt live gespielt.

Was macht Ihr Solo-Projekt Icon?

John Wetton und ich haben in letzter Zeit weniger an diesem Projekt gearbeitet, aber wir waren in der Vergangenheit auch mit Icon viel auf Tour, z.B. in Japan. Wir schreiben sehr viel, sind ein sehr kreatives Team, und nicht immer passt das Material zu meinen Bands. Das veröffentliche ich dann gern auf meinen Solo-Alben, es gibt eine ganze Reihe von Geoffrey Downes-Alben.

Stehen in Ihrem Studio noch alte Synthesizer?

Einige, ich musste im Laufe der Zeit aus Platzgründen doch das eine oder andere Teil schweren Herzens verkaufen oder sie gingen kaputt.

Haben Sie einen Lieblings-Klaviersound?

Ja, ich liebe den Klaviersound aus meinem Roland Fantom, er funktioniert für mich hervorragend. Ich habe auch einige Soundmodule mit guten Klaviersounds, aber der Fantom-Klaviersound ist für mich der Beste.

Bevorzugen Sie eine gewichtete Tastatur oder die leichtgängigen Tasten eines Keyboards?

Ich spiele lieber auf einer Klavier ähnlichen Tastatur, denn ich kann einen Klavierpart auf den leichten Tasten eines Keyboards nicht vernünftig spielen. In den USA benutze ich weniger Roland-Sachen, dafür zwei Studiologic Numa, sie haben bei geringem Eigengewicht dennoch sehr gute Tastaturen.

Auf der Asia-Bühne steht Ihre riesige Keyboard-Burg, fast alles von Roland. Warum?

Ich programmiere Patches für die Firma, z.B. der V-Synth GT oder der GAJA haben von mir design­te Preset-Patches. Ich bin in ständigem Kontakt mit Roland in Japan und in England.

Vor der Bühne steht ein riesiges Case mit Ihrem Namen drauf. Passt da wirklich alles rein?

Nein, ich habe zwei davon.

Wie sieht Ihr Monitoring auf der Bühne aus?

Ich benutze In-Ear-Monitoring von Sennheiser.

Was dürfen Ihre Fans als nächstes erwarten?

Wir spielen zunächst diese kleine Tour, dann gehen wir zurück nach England und arbeiten weiter an unserem neuen Asia-Album. Im nächsten Jahr möchten wir dann mit dem neuen Album im Gepäck wieder nach Deutschland kommen.