Keyboarder & Komponist Eckes Malz im Interview: Ein Musikerleben zwischen Live-Bühne und Aufnahmestudio

Der musikalische Radius des Kölner Keyboarders Eckes Malz reicht von Live-Auftritten mit namhaften Künstlern bis hin zu Theater, Ballett und Symphonieorchester. Außerdem komponiert er für Film, Fernsehen und Werbung. Wie man zu diesen vielfältigen Aufgaben kommt und wie man sie bewältigt, erzählt er Detlef Gödicke, der ihn nach einem Lydie-Auvrey-Konzert in Worpswede traf.

Eckes Malz
Eckes Malz: „Die Freddy-Wonder-Combo spielt mehr als 300 Titel auf Zuruf.“ (Foto: www.raypinto.com)

Sie sind derzeit in Trio-Besetzung mit Lydie Auvray auf Tour. Wie kam es dazu?

Bei Lydie bin ich seit 2001 als Keyboarder dabei, zunächst als Ersatzmann an den Keyboards in der großen Besetzung mit den Auvrettes, später dann fest, da mein Vorgänger Wolf Mayer eine Professur bekam und ihm die Zeit fehlte. 

Beschreiben Sie Ihr aktuelles Equipment.

Ich verwende bei Lydie ein Roland RD-700SX mit 88 Tasten und Hammermechanik, dazu ein Roland Handsonic-Pad für die Percussion, schließlich eine Snare, Ethno- und anderes Schüttel-/Raschel-Zeug, keine Expander, keinen Laptop, ich habe noch nicht einmal Patches auf dem Roland-Keyboard programmiert – alles passiert live, sogar die EQ-Einstellungen für die Keyboard-Sounds mache ich jeden Abend „on the fly“. Zeit dafür habe ich übrigens genug, da Lydie viel zwischen den Stücken erzählt.

Verwenden Sie auch Split- und Layersounds?

Nein, bei Lydie verwende ich nur einen Piano-, einen AcousticBass- und einen Rhodes-Sound auf dem Keyboard.

Ihr Schlagzeugspiel groovt hervorragend. Sind Sie Schlagzeuger mit Keyboard-Hintergrund oder umgekehrt?

Meine Roots sind natürlich Klavier und Keyboards, ich hatte als junger Mensch allerdings auch Schlagzeugunterricht, und groovige Musik hat mich schon immer interessiert.

Wie und wann haben Sie die Musik für sich entdeckt?

Ich stamme aus einem musikalischen Elternhaus. Mit drei Jahren fing ich an, auf unserem Klavier herum zu klimpern, und mit fünf Jahren bekam ich klassischen Klavierunterricht. Mein Vater stammt aus Böhmen, so wuchs ich neben Beethoven und Mozart auch mit Musik von Dvorak, Liszt und Tschaikowski auf.

Wie ging es weiter?

Meine erste Klavierlehrerin war schnell überfordert und schickte mich zu Gabriele Weiß-Wehmeyer an ihre Musikschule im schönen Bad Dürkheim. Dazu bekam ich auch einige Jahre lang Unterricht an der Geige und am Schlagzeug.

Erzählen Sie von der Freddy Wonder Combo ...

Diese Party- und Unterhaltungsband gibt es seit 30 Jahren. Von 1990 bis 1996 war ich fest dabei, bald auch als Musical Director. Sie spielen über 300 Titel – „auf Zuruf“ und ohne Leadsheets! Wir hatten schon illustre Kollegen in der Band, z.B. Stephan Zobeley, der seit 20 Jahren bei Grönemeyer spielt.

Bestimmt eine gute Schule?

Ja, durch die musikalische Bandbreite der Band habe ich für mein eigenes Spiel und das Verständnis für Musikstile enorm viel gelernt. Viele Pop-Stilrichtungen habe ich dadurch überhaupt erst kennengelernt.

Wie haben Sie für sich die Popularmusik entdeckt?

Nach meiner zunächst rein klassischen Klavierausbildung kam mit 11 Jahren der totale Umbruch. Lustigerweise über die Musik von Ricky Shane, dann Sweet, Slade und Deep Purple, kam ich sehr schnell zum Hardcore-Jazz, etwa von Herbie Hancock und Miles Davis. Nach dem orchestralen „Schönklang“ der klassischen Musik reizte mich dieses „Schmutzige“ im modalen Jazz. Die Beatles z.B. haben mich damals überhaupt nicht interessiert. 

Wie ging es in Ihrer Jugend musikalisch weiter?

Mit 15 Jahren hatte ich meine erste Band. Man drehte mir für viel Geld eine Elka-Orgel an, die war furchtbar. Wir übten bei einem Kumpel im Haus und nannten uns „Petagram“. Schon nach kurzer Zeit schrieb ich selbst Songs für die Band, unser erstes Konzert spielten wir dann ausschließlich mit Eigenkompositionen. 

Die musikalische Karriere war greifbar nahe?

Nicht ganz, mit 17 Jahren hab ich die Schule abgebrochen und ein paar andere Dinge gemacht, die ich mir hätte sparen können. Dadurch verlor ich ein paar Jahre auf meinem musikalischen Weg.

Wie kamen Sie da wieder raus?

Das verdanke ich meiner Klavierlehrerin. Sie merkte, dass etwas nicht stimmte, empfahl mir, das Elternhaus zu verlassen und eine Klavierbaulehre bei ihrem Klavierstimmer in Mannheim anzufangen. Diese Entscheidung hat mich schließlich wieder „in die Spur“ gebracht.

Gab es damals weitere wichtige Personen für Sie?

Ja, z.B. Franz Wittenbrink, heute ein bekannter Opern-Komponist. Er machte bei meinem Klavierbauer eine Umschulung und brachte mich durch seine Kontakte in die Mannheimer Theater-Szene. Ich bekam von ihm Aufträge für Bühnenmusiken, und so gelangte ich auch in die Musikszene der Stadt. Außerdem lieferten wir damals einem Konzertveranstalter Flügel für die Konzerte, ich freundete mich mit ihm an, durfte bei den Konzerten „Mädchen für Alles“ spielen und hatte die Gelegenheit, großen Musikern zu begegnen. Ich war z.B. „unterwegs mit Miles Davis“: Ich durfte ihn mit dem Auto vom Hotel zum Auftrittsort fahren.

Wie ging es weiter?

Nach Ende meiner Klavierbaulehre arbeitete ich ein paar Jahre selbstständig als Klavier-Reparateur, übte wieder sehr viel Klavier und merkte, dass ich nur noch Musik machen wollte.

Halfen Ihre guten Kontakte?

Ja, über die Mannheimer bekam ich auch gute Kontakte zur Heidelberger Szene und landete schließlich 1990 bei der Freddy-Wonder-Combo.

Eckes Malz in seinem Studio
Erfolgreicher Film- und Fernsehkomponist: Eckes Malz in seinem Studio. (Foto: www.schilling-fotograf.de)

Woher haben Sie das Talent zum Arrangieren?

Bei Peter Herbolzheimer belegte ich einige Big-Band-Arrangement-Kurse, und schon in der Jugend erhielt ich neben dem Klavierunterricht eine sehr gute Ausbildung in Harmonielehre, Tonsatz und Gehörbildung an der Musikschule.

Wie sah Ihr Tasten-Equipment damals aus?

Mit 18 Jahren stieg ich in eine professionelle Band mit älteren Musikern ein, sie nannten sich „RammZamm“, dort spielte ich auf einem Minimoog und einem Fender Rhodes.

1990 gründeten Sie die „First Take Studios“.

Das lief wieder über die Theater-Arbeit. Biber Gullatz hatte von mir gehört und bat mich, die musikalische Leitung für ein Bühnenstück am Theater in Heidelberg zu übernehmen. Die Zusammenarbeit klappte hervorragend, und wir beschlossen, gemeinsam ein altes Gerberei-Gebäude am Stadtrand von Weinheim anzumieten. Wir zogen mit fünf Musikern dort ein, ich hatte gerade bei der Freddy-Wonder-Combo angefangen, und wir machten Theater-Projekte zusammen.

Quasi ein musikalischer Schmelztigel?

Ja, Biber bewohnte das Erdgeschoss, etwa 180 Quadratmeter, mit einem Riesenraum, in dem ein Flügel stand. Nachts wurde dort oft gejammt und wir hatten befreundete Musiker zu Gast. 

Welche Rolle spielen Sie bei De-Phazz?

Ich arbeite seit langem für die Heidelberger Trip-Hop/Lounge-Jazz-Band, die eine sehr spezielle Arbeitsweise hat. Ich spiele z.B. Piano-Parts für deren Studio-Alben ein, die dann später auch mal in ganz anderen Songs verwendet werden, sehr lustig.

… und für Xavier Naidoo?

Das ist noch länger her, vor allem habe ich viel mit den Söhnen Mannheims zusammengearbeitet. Für sie habe ich z.B. ein Orchester-Arrangement für eine ganze Show geschrieben und zwischendurch Streicher-Arrangements für Studio-Produktionen.

Wie kam es zu den ersten Fernseh-Produktionen?

Das lief wieder über Biber Gullatz. Er kannte viele Regisseure am Theater, einige begannen Film- und Fernseh-Produktionen und fragten ihn für Musiken für ihre Projekte an. Unsere ersten Aufträge bekamen wir für die TV-Serie „Großstadtrevier“.

Es lief also wie am Schnürchen?

Ja, da kam eines zum anderen. Bibers Mutter, die heute bekannte Krimi-Bestseller-Autorin Ingrid Noll, hatte damals gerade ihr erstes Drehbuch geschrieben. Und wir durften unseren ersten 90-Minüter vertonen: „Bommels Billigflüge“. So kamen wir nach und nach ins Filmgeschäft.

Wie sah Ihr Studio-Equipment zu der Zeit aus?

Die ersten Großstadtrevier-Folgen wurden mit einem Tascam-8-Spur-Kassettendeck produziert. Die Synchronisation zum Film war eine Katastrophe, wir bekamen Stereo-Video-Bänder mit Timecode, auf der einen Spur der Originalton, auf der anderen das „Piepsignal“ des Timecodes, der dann den Computer steuerte. Einige Zeit kamen noch Alesis-ADAT-Maschinen dazu, eine einzige „Synchronisations-Schlacht“. Später waren die ersten Apple Macs für uns eine große Erleichterung.

Wie muss man sich Ihre Arbeitsweise für ein Filmmusik-Projekt vorstellen?

Unterschiedlich: Bei einem großen Kinofilm bekommen wir das Drehbuch schon im Vorfeld, die Charaktere werden besprochen, und teilweise können wir danach schon „Themen“ komponieren. Bei TV-Produktionen bekommen wir meistens einen fertigen Schnitt, erst dann beginnt unsere Arbeit. Im Gespräch mit dem Regisseur wird besprochen, wo Musik im Film gebraucht wird, und wir arbeiten anschließend direkt „am Bild“.

Gibt es Gesetzmäßigkeiten für Filmmusik?

Ja, und zwar jede Menge. Während der Dialoge z.B. muss die Musik sehr sparsam sein und darf nicht stören. Bei Fernseh-Produktionen hat man selten die Möglichkeit, die Musik in den Vordergrund zu stellen, das geht oft nur, wenn eine „Totale“ gezeigt wird, z.B. über eine Landschaft oder bei Action-Szenen.

Was hat sich im Laufe der Zeit verändert?

Früher kannten wir nur den Regisseur, er kam zu uns oder wir trafen uns irgendwo, nahmen uns viel Zeit und entwickelten die musikalischen Ideen gemeinsam. Heute wollen oft zu viele mitbestimmen. Doch alle Geschmäcker unter einen Hut zu bekommen, kann sehr anstrengend werden. Bei den letzten Filmen habe ich den Regisseur nie gesehen. Es fehlt manchmal auch an Mut oder Präzision, vieles wird zur Massenware.

Wie meinen Sie das?

Wir haben z.B. die Filmmusiken für die Serie „Adelheid und ihre Mörder“ gemacht. Die ersten Folgen entstanden mit viel Liebe zum Detail, die Stories waren so gut, dass wenig Musik nötig war. Gegen Ende der Serie waren die Drehbücher so schlecht, dass wir langweilige Dialoge musikalisch „dramatisieren“ mussten, unsere Minimal-Zeit war bei einer Folge sieben Minuten Filmmusik, unsere Maximal-Zeit gegen Ende der Serie lag bei 37 Minuten, und das bei einem 45-Minuten-Film.

Wie kamen Sie zu Aufträgen für Werbe-Jingles?

Bei einem Live-Job für NEC in Genf traf ich einen Werbemusik-Producer aus Hamburg,und wir freundeten uns an. Ein halbes Jahr später bekam ich von ihm den ersten Werbemusik-Auftrag für die Zeitschrift „TV-Movie“. Später gründeten wir gemeinsam die Firma „Lautheit“.

Was unterscheidet Werbejingle- von Filmmusik?

Werbemusik zu machen ist wesentlich hektischer, die Produktionszeit ist kürzer, und in der Zeit ist man fast schon „Leibeigener“ des Auftraggebers. Das heißt, immer schnell reagieren, egal, ob Wochenende oder mitten in der Nacht.

Haben Sie auch musikalische Logos für Firmen entwickelt?

Ja, aber das ist zeitraubend. Man entwickelt 100 Logos und verwirft am nächsten Tag viele wieder.

Hilft Ihnen jemand bei der Studio-Arbeit?

Ich erlaube mir den Luxus eines jungen Com-puter-Spezialisten, der zweimal die Woche zu mir ins Studio kommt, um die neuesten Updates aufzuspielen, den „Workflow“ meiner Computer zu erhalten und meine gesamte Studiotechnik zu warten. Er macht für viele meiner Produktionen auch den Endmix und das Mastering.

Welche Keyboard-Hardware benutzen Sie noch?

Bei der Freddy Wonder Combo spiele ich aktuell einen Nord Stage 76 mit der „Weighted-Waterfall“-Tastatur, für mich eine geniale Erfindung. Wenn der Drummer einzählt, weiß ich oft noch gar nicht, welcher Song überhaupt gespielt wird. Beim Nord komme ich dann schnell an die Sounds, die ich brauche. Desweiteren benutze ich einen Roland Juno Di für prägnante Sounds, die sich gegen die beiden Gitarristen durchsetzen müssen, dazu mehrere Volume-Pedale, um besonders Streicher immer dynamisch spielen zu können. Für das Monitoring stehen hinter mir zwei kleine FBT-Aktivmonitore.

Und ihre eigene CD-Produktion?

Nach vielen Jahren als Musik-Dienstleister war ich ausgebrannt, es wurde Zeit, meine eigenen Vorstellungen von Musik zu verwirklichen. Mit meiner 2010 veröffentlichten CD „Eccomoreno – XiQuembo“ konnte ich mir diesen Traum erfüllen und gleichzeitig neue Kraft schöpfen.

Was dürfen wir als Nächstes von Ihnen erwarten?

Im Herbst erscheint im Kino der Dokumentarfilm „Berlin Rebel Highschool“ über eine Schule für Menschen, die im normalen Schulsystem gescheitert sind und eine zweite Chance bekommen. Für diesen Film komponiere und produziere ich Songs in total unterschiedlichen Stilrichtungen von Dub-Reaggae über Indie-Rock bis Indie-Elektro-Pop – danach aber auch den Film-Score.

Und Ihre eigenen Projekte?

Mein nächstes Album wird ganz bestimmt pianolastiger und etwas lyrischer werden als das vorherige. Irgendwann möchte ich mal mit meinen eigenen Kompositionen live ein größeres Publikum erreichen.