Keyboarder und MIDI-Programmierer Siggi Besemer im Interview: Tipps für die Non-Stop-Party

Siggi Besemer ist Keyboarder und Animateur bei der erfolgreichen Partyband Blaumeisen und programmiert nebenbei MIDI-File-Medleys für Mister Music. Im tastenwelt-Interview verrät er einige seiner Rezepte für den Erfolg in der Unterhaltungsmusik.

Sigi Besemer
Sigi Besemer: „Die Charts sind unsere Bibel.“ (Foto: Fotowerk/Michael Heyde)

Sie sind Keyboarder der erfolgreichen Partyband Blaumeisen. Welche Rolle kommt Ihnen in der Band genau zu?

An den Keyboards bin ich zuständig für die Lead-Sounds wie Bläser-Riffs, druckvolle Synth-Sounds, Piano oder Strings. Eben die Aufgaben, die ein Tastenmann locker bewältigen können sollte – vor allem, wenn er wie in meinem Fall Akkordeon und Klavier studiert hat. Ich bin jedoch vor allem auch Speaker und Einheizer der Band: eine Funktion, die mir viel Spaß macht und die ungeheuer wichtig für den Erfolg einer Band, speziell der Blaumeisen, ist.

Wie entstehen die Arrangements der Band?

Wir halten uns immer ganz eng an das Original. Da beide Keyboarder jeweils beidhändig spielen können und Notisten sind, lässt sich in diesem Bereich nahezu alles darstellen. Wir schreiben die Noten raus und haben so ein sicheres Fundament. Die anderen Akteure (Gitarren, Drums, Lead-Gesang) hören ihre Parts ebenfalls eigenständig an – teilweise auch mit schriftlichen Aufzeichnungen. Der Chor-Gesang wird von mir vorbereitet und in der Regel vor den Gigs einstudiert. Diese Art der Vorbereitung hat sich im Laufe der Zeit derart stabilisiert und bewährt, dass gemeinsame Proben unter der Woche in der Regel nicht notwendig sind.

Dance-Beats gehören zum Markenzeichen ihrer Interpretationen. Warum?

Als in den 90er-Jahren die „Euro-Dance“-Bewe­gung mit DJ Bobo, Snap, Dr. Alban und vielen anderen ihren Siegeszug durch die Charts antrat, waren wir sofort mit dabei. Die Hallen und Festzelte waren häufig überfüllt, und so musste ein knackiges Programm her, um die Gäste begeistern zu können. Da wir auch technisch immer auf der Höhe der Zeit waren (wir hatten schon früh Emu-Sampler und Simmons-Drums) konnten wir auch die Songs in enormer Qualität nachspielen. Die Dance-Songs mit ihren Rap-Teilen und mitreißenden Refrains – in Szene gesetzt durch abwechslungsreiche Medleys – trugen dann ein Übriges dazu bei, dass wir diese Musikrichtung als zielführend für uns erachteten. Und daran hat sich bis zum heute nichts geändert. Die Charts sind unsere Bibel.

Der Blaumeisen-Bassist Herbert Sayer steht auch gelegentlich am Keyboard. Wie verteilen Sie die Aufgaben?

Herbert Sayer – übrigens ein Studien-Kollege von mir aus Trossinger Zeiten – spielt auf dem oberen E4 E-Bass-Sounds und auf dem unteren E4 Pad-Sounds. Dadurch bin ich frei, beidhändig Lead-Sounds oder Begleit-Chords zu spielen. Außerdem ist er ein genialer Rock-Sänger.

Neben den klassischen Band-Instrumenten kommen auch z.B. Klarinette, Bariton oder Alphorn zum Einsatz. Wie wichtig sind solche Exoten in einem Unterhaltungsprogramm?

Davon haben wir aktuell nur noch Trompete und gelegentlich das Alphorn im Einsatz. Grundsätzlich sind Blasinstrumente eine willkommene Bereicherung des Klangbilds, unser derzeitiges Programm lässt jedoch diesbezüglich wenig Spielraum.

Wie sieht im Gegensatz dazu Ihr technisches Equipment aus?

Bei den Keyboards arbeiten wir – wie schon angedeutet – ausschließlich mit Emulator-4-Samplern. Das Ergebnis ist sehr überzeugend, denn es sind ungemein druckvolle Teile, und es lässt sich mit Geduld und Können praktisch jeder Sound nachbilden. Auch an den Drums arbeiten wir mit Emu-Sample-Sounds, die meisten haben wir selbst kreiert. Ansonsten haben wir ein Roland V-Drumset.

Warum das Festhalten an den alten Samplern?

Es ist eine Mischung aus Nostalgie, Überzeugung und Sicherheit. Nostalgie, weil wir schon immer Fans von Emu-Systems waren und seit dem Emulator 2 – der kostete damals 1982 aberwitzige 30.000 DM – alle Folgemodelle erworben haben und immer sehr zufrieden waren. Überzeugung, weil ich mit dem E4 alle Sounds realisieren kann, die ich brauche, gepaart mit einer enormen Durchsetzungsfähigkeit und einer komfortablen Bedien-Oberfläche. Sicherheit, weil wir bei Ausfall eines E4 sofort Ersatz haben: Einer ist als Backup immer dabei, andere dienen als Ersatzteillager.

Kommen hier auch Zuspieler bzw. Teil-Playbacks zum Einsatz?

Sollten Teile eines Songs nahezu unspielbar, aber wichtig sein, arbeiten wir mit einer Click-Spur; durch diese sichere Variante des Timings ist es dann kein Problem, auch ein längeres Sample realtime dazu zu spielen. Mit MIDI-Files oder Playbacks arbeiten wir nicht. Unser Können und die Freude am Sound-Programmieren reichen aus, um die Songs authentisch wiederzugeben.

Wie ist ein typisches Blaumeisen-Programm konzipiert? Folgt es einem festen Ablauf aus Runden oder richtet sich die Band nach der Stimmung im Publikum?

Bei den Blaumeisen hat sich seit langer Zeit eine 4-Runden-Strategie etabliert und bewährt. Viermal 50 Minuten Hochstimmung verlangen dem Publikum alles ab, jedes weitere Aufblähen eines Sets wäre bei uns kontraproduktiv. Bei der Party kommt nach einer guten Dreiviertelstunde der Zeitpunkt, wo man sagen muss: jetzt ist gut.

Animations-Elemente spielen offensichtlich auch eine wichtige Rolle. Ist das der Schlüssel, um die Stimmung zum Kochen zu bringen?

Animation plus überzeugendes Programm ist in der Tat eine Symbiose, die Erfolg verheißt. Es muss jemand da sein, der die Musik verkauft, allerdings muss diese Aktivität durch ein starkes Musikangebot unterfüttert sein. Die Gäste mit einer lockeren Moderation und zwischendurch mit leicht nachsingbaren und bekannten Motiven bei Laune halten, darüber hinaus das nicht tot zu kriegende ‚Ein Prosit…’ einbauen, damit auch die Festwirte auf ihre Kosten kommen – das sind wichtige Elemente für eine gelungene Party.

Wenn der Saal tobt, sollte die Musik aus Sicht des Publikums nicht mehr aufhören. Ist das der Moment für Medleys?

Nein, Medleys haben an jeder Stelle des Abends ihre Berechtigung! Es ist der Charme, sehr abwechslungsreich, überraschend, teils überfallartig und frisch zu sein, der ein Medley zu jedem beliebigen Zeitpunkt rechtfertigt. Ob man nun Oldies zusammenfasst, weil es ein derart großes Angebot gibt, ob man der Langeweile eines 3:30-Minuten-Songs entgehen oder nicht mehr ganz aktuelle Songs knackiger verpacken möchte – es gibt unglaublich viele Argumente für ein Medley.

Was zeichnet ein gutes Medley aus?

Gute Medleys haben – aus meiner persönlichen Sicht – ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Strophen, Refrains und Zwischenspielen. Ein gutes Medley zeichnet sich für mich nicht auto­matisch dadurch aus, dass möglichst viele Songs hineingepackt werden, sondern durch das Gefühl, trotz Kürzung die einzelnen Songs optimal darzustellen. Manche Songs haben starke Refrains, aber schwache Verse, hingegen möglicherweise wieder ein schönes Zwischenspiel. Refrain an Refrain zu setzen, durch zig Titel im Zeitraffer-Tempo durchzuhecheln, ist für mich zu wenig! Die Balance zu finden ist die eigentliche Kunst, jedoch auch verständlicherweise sehr individuell.

Seit einiger Zeit programmieren Sie Medleys als MIDI-Files für Mister Music. Wie sind Sie dazu gekommen?

Vor mehr als 10 Jahren brachte mich Oli Merz (Fohhn) mit Manni Pichler (d-o-o) in Verbindung. Ich war damals der Meinung, dass ich das Programmieren von Musik mit meiner Begabung und Ausbildung nicht bräuchte, dennoch fand ich es irgendwie interessant. Mit viel Geduld, mit Höhen und Tiefen, habe ich dann doch im Laufe der Zeit eine gewisse Fertigkeit erreicht und war lange Jahre Mitarbeiter von Manni Pichler, bei dem ich mich an dieser Stelle bedanken möchte. Als ich dann durch Mister Music in Schramberg die Gelegenheit bekam, meiner Medley-Leidenschaft in Alleinverantwortung nachgehen zu können, habe ich mich für den nächsten Schritt entschieden und bei Reinhold Hettich angeheuert. Bis jetzt haben hier 30 „Babys“ das Licht der Welt erblickt.

Wie wählen Sie die Stücke für ein Medley aus?

Zum einen will ich für jeden musikalischen Geschmack etwas anbieten. Zum anderen ist es wichtig, sich ein klar definiertes musikalisches Gebiet als Basis zu überlegen. Das kann ein Einzelinterpret, eine Gruppe oder auch eine Epoche sein. Der Bogen meiner bisherigen Arbeiten reicht von Instrumental-Medleys (Piano/Saxofon/James Last) über die Aufarbeitung der aktuellen Charts (Dance/Deutscher Schlager/Internationaler Pop) bis hin zu diversen Oldies-Medleys (Twist/ 60er-Hits) über Einzel-Interpreten-Medleys (Smokie, Boney M., W. Petry, Helene Fischer, Andrea Berg, DJ Ötzi , Die Zillertaler, Alpenland 5 usw.) bis hin zu Schunkel-Medleys und Polonaisen.

Welche Elemente eines Songs werden übernommen?

Die Elemente, die ich für wichtig und Song prägend halte. Ich verwende oft die ersten eineinhalb Minuten, manchmal bastle ich ein Intro, das es so eigentlich gar nicht gibt, das aber Sinn macht. Manchmal wird der Refrain als Modulation wiederholt usw. Es gibt keinen generellen Königsweg.

Haben Sie einen Tipp für Musiker, die sich am Zusammenstellen eines Medleys versuchen wollen?

Probiert einfach aus! Stellt das Ergebnis eurem Publikum vor, und ihr werdet sehen, ob’s funktioniert oder nicht. Manches, was man sich im stillen Kämmerlein überlegt hat, stellt sich auf der Bühne ganz anders dar – positiv wie negativ.

Wie viele Medleys verträgt ein Unterhaltungsmusikprogramm? Eines pro Runde, zwei pro Abend? Bei den Blaumeisen besteht das Programm fast zur Hälfte aus Medleys – funktioniert bestens! Ich bin der Überzeugung, dass jeder Band am Abend bis zu 10 Top-Medleys deutlich weiterhelfen.