Klavier üben

Üben macht Spaß: Ein Statement zum Klavier üben von Stephanie Knauer, Konzertpianistin, Klavierlehrerin und Autorin.

Das Können der Profis resultiert zu rund 30 Prozent aus Talent, zu 70 Prozent aus dem Üben, so die Faustregel. Die gute Nachricht: mit Fleiß und Ausdauer erreicht man also schon sehr viel. Dabei zählt aber nicht die Quantität, sondern die Qualität des Übens. Das versteht sich theoretisch von selbst. Praktisch sieht es oft anders aus, gerade im klassischen Klavierspiel. Nur wenige andere Instrumentalisten können so lange üben wie die Pianisten. Deshalb muss auf die passende Sitzhöhe, die richtige „Wohlfühlhaltung“, Beweglichkeit des Oberkörpers und auf die Lockerheit der Handgelenke geachtet werden. Hochgezogene Schultern, krumme Rücken, versteifte Handgelenke oder angespannte Daumen führen auf Dauer zu gesundheitlichen Problemen.

Geistesabwesendes Repetieren bringt verhältnismäßig wenig und macht keine Freude, motiviertes Üben dagegen schon. Ein Wunschmusikstück, ein Konzert oder eine andere Deadline spornen zusätzlich an. Bei technischen Hürden helfen „Nebenbaustellen“ wie entsprechende Etüden von Czerny. Oft bringt es schon sehr viel, das Werk und oder eine schwierige Stelle langsam und musikalisch auszuspielen. Dazu muss sich der Pianist gut zuhören: das innere Hören, wie etwa von Beate Ziegler 1933 postuliert, und das kritische Selbstzuhören nach Leimer-Gieseking sind wesentlich für ein klangschönes Spiel und gute Technik nicht nur am Klavier. Das setzt allerdings eine Vorstellung von Klang und Gestaltung voraus. Der Pianist sollte also möglichst bald, im besten Fall vor Beginn des Einstudierens wissen, wie er die Phrase gespielt haben möchte. Dann übt er daran, das innerlich Gehörte tatsächlich zu spielen.

Auch im Vortrag muss der Musiker sich kritisch zuhören und voraushören. Gehen wir noch einen Schritt weiter: das konzentrierte Lesen und damit verbundene innere Hören der Noten kann die Einstudierungszeit sehr verkürzen. Die gedruckte Musik lesen, innerlich hören und sich das Spielen vorstellen, ist schon die halbe Miete. Mit etwas Übung können Sie dann auch beim Durchlesen neuer Stücke eine Vorstellung davon gewinnen.