Klavierkabarettist Bodo Wartke im Interview: Wie man witzig ist, ohne es sein zu wollen

Bodo Wartke ist das Aushängeschild einer neuen Generation von Klavierkabarettisten, von denen es nicht allzuviele gibt. Er könne sich vor Ideen kaum retten, meint der Wahlberliner im Interview mit Karl Stechl. Seine Fans will er bald mit einem neuen Programm beglücken: Bodo Wartke spielt Instrumente, die er nicht beherrscht. Fürs Klavier gilt das aber nicht.

Herr Wartke, wie wird man Musikkabarettist?

Das hat sich so ergeben: Ich bin schon als Kind meiner Neigung gefolgt, Gedichte und Lieder zu schreiben und sie anderen Leuten vorzusingen. Nach und nach waren die Leute bereit, dafür Eintritt zu bezahlen – und so ist das inzwischen mein Beruf geworden.

Hat Sie jemand im klassischen Sinn entdeckt?

Nein, das kann man so nicht sagen. Ich bin damals aus Neugier nach Berlin gezogen und habe angefangen, dort einiges auszuprobieren – vor allem im Scheinbar Variete, einem ganz kleinen Berliner Variete, wo es die so genannte offene Bühne gibt. Dort habe ich viele Kollegen kennen gelernt. Einer hat mich dann z.B. gefragt: Hey, ich mach ’ne Varieté-Show im Chamäleon – das ist ein großes Varie té in Berlin – da führe ich Regie, willst du die vielleicht moderieren? Auch die Agentur, mit der ich zusammenarbeite, seit ich in Berlin bin, wurde mir von einem Kollegen empfohlen. So kam eines zum anderen.

Die Verbindung aus Musik und Reimen hat Sie von Anfang an fasziniert. Wo war Ihr erster Auftritt?

Mein erstes abendfüllendes Konzert mit ausschließlich eigenem Repertoire habe ich in meiner ehemaligen Schule gegeben, das war am 16. November 1996.

Sie haben allerdings erst Physik studiert. Warum?

Ich habe es selbst erst nicht für möglich gehalten, dass ich Musikkabarett beruflich machen könnte. Auch meine Eltern haben mir davon abgeraten, weil sie wollten, dass der Sohn erstmal was Vernünftiges macht – nach dem Motto: Werd’ doch erstmal Chefarzt, Kunst kannst du später auch noch machen.

Hatten Sie an dem Thema wirklich Interesse?

Zu Schulzeiten war ich in Mathe und Physik im Leistungskurs, aber auch nur deshalb, weil der Musik-Leistungskurs nicht zustande gekommen ist. Außerdem war mein Cousin ein großes Vorbild. Der hat auch Physik studiert, ist inzwischen Diplomphysiker und arbeitet als Unternehmensberater – ein witziger und smarter Typ. Und ich dachte mir, so was könnte ich ja vielleicht auch machen.

War aber wohl nicht der richtige Weg ...

Als ich Physik studierte, habe ich sehr schnell gemerkt, dass mir jegliche Leidenschaft dafür fehlt. Das war zu Schulzeiten noch anders, aber im Studium saß ich in der Vorlesung und habe gedacht: Ob ich das hier jetzt verstehe oder nicht, ist mir eigentlich egal. Ich wäre lieber draußen – draußen ist schönes Wetter. Wenn es jedoch ums Liederschreiben geht, bin ich mit voller Leidenschaft dabei. Wenn ich eine Idee für einen Song habe, dann weiß ich, dass ich ihn schreiben werde – auch wenn es Jahre dauern wird.

Wann haben Sie mit dem Klavierspielen begonnen?

Ungefähr mit acht Jahren. Als Kind hatte ich eine wahnsinnig schnelle Auffassungsgabe. Ich konnte alles sofort auswendig, und dann habe ich’s schon nicht mehr geübt. Die Mutter eines anderen Schülers, die mich cool fand, hat mich mal gefragt, wie viel ich denn so übe. Und ich meinte: Na ja, so ’ne Stunde oder zwei. Und sie fragte: Pro Tag? Und ich: Nein, pro Woche, worauf mein Klavierlehrer rief: Was, pro Woche – um Himmels willen!!! Er war und ist der Meinung, aus mir könnte ein richtig guter Konzertpianist werden, wenn ich mehr üben würde. Inzwischen ist er 95.

Haben Sie so etwas wie Fingerübungen gemacht?

Im Studium habe ich bei meinem Klavierprofessor gute Fingerübungen kennen gelernt – einige Stücke von Brahms. Die hören sich an wie Musik und nicht wie blöde Technikübungen.

Welche Musik mögen Sie besonders?

Zum Beispiel Boogie Woogie. Da gibt es auch einen Pianisten, den ich großartig finde, nämlich Vince Weber. Außerdem bin ich sehr geprägt von deutschem HipHop, zumindest Teilen davon. Was ich gut finde, sind die Fantastischen 4, Fettes Brot oder Fischmob. Alles, was an deutschem Gangster-Rap in den vergangenen Jahren gekommen ist, finde ich grauenhaft – inhaltlich wie formal.

Kennen Sie sich mit Musiktheorie aus?

Das Komponieren habe ich mir komplett selbst beigebracht. Ich habe bereits Songs komponiert, als ich von Harmonielehre gänzlich unbeleckt war. Und heute, mit mehr Sachverstand, sitze ich vor alten Stücken und sage mir: Alter, wie bist du denn darauf gekommen. Das ist ja krass.

Und wie ging das?

Ich hatte ’ne Melodie im Kopf, habe mich ans Klavier gesetzt und geguckt: Welche Tasten könnten wohl dazu passen? Na die hier, dann nehme ich eben die. Das versuche ich auch heute immer wieder – mich von allem Fachwissen abzukoppeln und ganz intuitiv vorzugehen.

Wie entsteht bei Ihnen ein neues Stück?

Ganz unterschiedlich. Oft ist es so, dass mich ein Thema reizt – vielleicht ein kritikwürdiges Thema oder etwas, das ich selbst erlebt habe. Oder das Ganze fängt mit einem Reim an. Manchmal habe ich aber auch ein Melodiefragment im Kopf und überlege mir, welches Thema dazu passen könnte.

 

Wieviel Zeit widmen Sie der Klavierbegleitung?

Manches fließt mir einfach auf die Tasten, und ich weiß gar nicht, wo’s herkommt. Und bei anderen Sachen bin ich richtig lange am Überlegen. Weil ich es eben auch wichtig finde, dass nicht – wie in einem schlechten Schlager üblich – beliebiger Text auf beliebige Melodie trifft. Mein Ziel ist es, dass sich beides wirklich bedingt, dass die Musik den Text aufs Podest hebt.

Wer ist in diesem Sinn für Sie ein Vorbild?  

Georg Kreisler, natürlich, eines meiner ersten großen Vorbilder oder Tom Lehrer. Seit neuestem gehört für mich auch Udo Jürgens dazu. Seit ich im Konzert war, muss ich sagen: Hut ab! Ich habe mir auch sein Best-of-Album gekauft und bin tief beeindruckt. Gerade die alten Sachen mit Texten von Michael Kunze: tolle Sprachbilder, gut gereimte Texte mit Haltung und Aussage – großartig. Wenn ich mir die Sachen bewusst anhöre, denke ich: Mensch, das ist ein großer Komponist.

Und wer noch?

Eines meines größten Vorbilder ist Victor Borge, den ich ungeschlagen für den größten Entertainer aller Zeiten halte – allerdings hat der ja keine eigenen Stücke geschrieben. Von der Textseite her gehört Heinz Erhardt zu meinen Vorbildern. Und ich bin ein großer Fan von Sebastian Krämer. Ich kann sagen, wir inspirieren uns gegenseitig. Es ist schön, dass wir uns kennen und uns unsere Lieder vorspielen können.

Sebastian Krämer verwendet ja auch gerne mal eine Gitarre. Wäre das was für Sie?

Ich kann nicht Gitarre spielen. Im nächsten Programm werde ich aber Ukulele spielen, das steht schon mal fest, und auch noch diverse andere Instrumente. Das Motto wird lauten: Bodo Wartke spielt Instrumente, die er nicht beherrscht.

Was haben wir da alles zu befürchten?

Ich werde z.B. gleichzeitig Klavierspielen und steppen. Und ich werde Cajon, Shaker und Klavier gleichzeitig spielen.  

Sie hatten neben Klavier- und Gesangsunterricht auch Schauspielunterricht. Unterscheidet Sie das von manchen Ihrer Kollegen?

Zumindest ist es in der Szene selten, dass so viele Mittel zum Einsatz kommen. Die Mischung aus allem ist sicher etwas Besonderes bei mir – das machen nicht viele.

Sind Sie Musikkabarettist oder Comedian?

Als Comedian bezeichne ich mich ungern, weil es die Art der Unterhaltung, die ich mache, in Deutschland schon wesentlich länger gibt als den Begriff Comedy. Ich sehe mich eher in der Tradition von Leuten wie Friedrich Hollaender, Georg Kreisler, Peter Igelhoff oder Otto Reutter. Außerdem belege ich ungern mit einem englischen Wort, was es im Deutschen schon gibt.

Was unterscheidet Comedy und Kabarett?

Kabarett ist im Idealfall nicht weniger witzig oder unterhaltsam als Comedy, fußt aber auf einer anderen Tradition. Stand-up-Comedy kommt in der Form, wie es etwa von Michael Mittermaier und Mario Barth dargeboten wird, aus dem angloamerikanischen Sprachraum – sich im T-Shirt mit dem Mikro in der Hand auf die Bühne zu stellen und frei von der Leber weg zu erzählen.

Verläuft die Trennlinie bei politischen Themen?

Leute, die politisches Kabarett machen, würden sich kaum als Comedians bezeichnen. In England und Amerika aber schon. Vor allem in Amerika ist Stand-up-Comedy fast immer politisch. Die richtig guten Stand-up-Comedians wie Chris Rock äußern sich sehr deutlich zu tagesaktuellen Themen. Ich glaube, Kabarett wie auch Comedy würden in Deutschland deutlich dazugewinnen, wenn sie nicht ständig versuchen würden, sich voneinander abzugrenzen. Beide könnten viel voneinander lernen.

Geht es im Kabarett um Unterhaltung oder um Sendungsbewusstsein?

Ich versuche, das eine mit dem anderen zu verbinden. Wenn man wirklich etwas zu sagen hat, wird das am ehesten und bereitwilligsten Gehör bei den Leuten finden, wenn es sie gut unterhält.

Tom Lehrer hat einmal in einem Interview gesagt, er wolle einfach unterhalten – sonst nichts.

Das glaube ich nicht.

Da haben Sie wohl recht, denn gerade er hat ja brisante Themen aufgegriffen ...

... die heute noch aktuell sind. Ich habe während der Legislaturperiode von George W. Bush in London ein grandioses Theaterstück gesehen, „The Madness Of George Dubya“. Das war gespickt mit Tom-Lehrer-Songs, die an die heutige Zeit textlich etwas angeglichen, aber zu 95 Prozent identisch waren mit den Texten, die er in den 50ern und 60ern geschrieben hat. Und es passte wie die Faust aufs Auge.

Was unterscheidet Sie von Tom Lehrer, abgesehen von der Sprache?  

Tom Lehrer ist manchmal ganz schön zynisch, und Zynismus tut mir selbst nicht gut, wie ich gemerkt habe. Zynismus kann im besten Fall zwar unterhaltend sein, ist im Grunde genommen aber bitter-kalte Verzweiflung.

Gibt es einen Plan B nach einem Leben als Musikkabarettist?

Ja, für andere zu schreiben, käme für mich möglicherweise in Frage – für den Fall, dass ich aus welchen Gründen auch immer nicht mehr auftreten will, was ich mir aber nicht vorstellen kann. Oder wenn ich aus irgendwelchen Gründen nicht mehr auftreten könnte.

Nutzt man sich als Musikkabarettist schneller ab als beispielsweise als Konzertpianist?  

Das kommt darauf an, wie viel man sich zumutet. Die Nachfrage nach meinen Konzerten ist so, dass ich an fast jedem Tag des Jahres vor Publikum auftreten könnte. Und ich weiß von vielen Kollegen und mir selbst, dass wir es erstmal nicht merken, wenn wir uns überlasten, weil uns allen dieser Beruf soviel Spaß macht. Wir merken es häufig erst dann, wenn wir erschöpft sind und uns die Kraft fehlt, einen Tag vernünftig zu strukturieren, an dessen Abend kein Auftritt steht.

Wie viele Auftritte hatten Sie 2009?

130, im Jahr davor die gleiche Anzahl. In diesem Jahr sollen es nur etwa 100 werden. Ich versuche das sukzessive zu reduzieren und mir auf diese Weise Freiräume für ein Privatleben zu schaffen.

Wäre es für Sie denkbar, auch mit mehreren Musikern aufzutreten?

Das habe ich konkret geplant: Meine Lieder kommen in einem neuen Gewand, zumindest jene, die eine andere Instrumentierung gut vertragen können. Konkret werde ich im nächsten April mit dem 20-köpfigen Berlin Revue Orchester einen Abend gestalten.

Sie beherrschen Ihr Instrument, fühlen sich aber gar nicht so sehr als Pianist?

Doch, immer mehr: Ich arbeite z.B. an Mozart-Variationen. Vier Mozart-Stücke habe ich inzwischen umarrangiert. Aus der G-Moll-Symphonie wurde beispielsweise ein Tango und aus dem Türkischen Marsch ein Boogie Woogie, auch aus der Sonata facile und der Kleinen Nachtmusik. Das macht mir sehr viel Spaß, und irgendwann wird daraus eine CD entstehen.

Andererseits gibt es das ganz auf Text gebaute Programm „Ödipus“. Ist es schwieriger für Sie, sich Texte ohne Musik zu merken?

Ich merke mir Texte leichter, wenn sie mit Musik verbunden sind. Deshalb habe ich Schwierigkeiten, wenn ich meine Liedtexte einfach aufsagen soll. Bei Ödipus habe ich aber den Text mit Gestik und Requisiten verknüpft, was mir das Erinnern der 14 Rollen wieder leichter macht – der Körper merkt sich quasi den Text.

Was war Ihr schlimmster Auftritt?  

Bei Songs an einem Sommerabend – das ist ein großes Liedermacher-Open-Air-Konzert, das vom Bayerischen Rundfunk im Fernsehen übertragen wird, wurde ich im Jahr 2001 von 4000 Leuten ausgebuht, weil es in Strömen regnete und die Leute mies gelaunt waren. Da war ich der falsche Künstler zur falschen Zeit am falschen Ort – auch wenn natürlich nicht alle Anwesenden „Buh“ gerufen haben.

Kennen Sie schöpferische Durststrecken?

Nein, ich habe das Glück, mich vor Ideen kaum retten zu können. Ich habe viel mehr Ideen, als Zeit, sie zu realisieren.

Abschließend: Gibt es einen Gradmesser für gute Comedy oder gutes Kabarett?

Es muss unterhaltsam sein, es darf das Publikum weder langweilen noch unterfordern. Außerdem sollte man nicht versuchen, witzig zu sein und dem Publikum selbst überlassen, was es witzig findet und was nicht.