Kurt Heilmaier (Cagey Strings) im Interview: Vom Büro auf die Bühne

Der frühere Maschinenbauingenieur Kurt Heilmaier ist Keyboarder bei der Münchner Band Cagey Strings. Im Interview mit Karl Stechl beschreibt er seinen Weg vom Hobbymusiker zum Profi mit bis zu 200 Auftritten pro Jahr.

Die Cagey Strings mit ihrem Bandgründer, Gitarristen und Sänger Schorsch Angerer gibt es seit mehr als 25 Jahren. Sie sind seit 2003 als Keyboarder dabei. Was ist der Grund für den dauerhaften Erfolg dieser Band?

Das liegt sicher vor allem an Schorsch Angerers Engagement. Die Cagey Strings sind sein Kind, und er tut alles dafür, dass es der Band und ihren Mitgliedern gut geht. Zudem spielen der Schorsch und Peter Biermeier, der Bassist, seit fast 25 Jahren miteinander – sie bilden eine starke Achse. Wenn in den Jahren mal einer gewechselt hat, war es der Drummer oder Keyboarder.

Im Juli spielt die Band fast jeden Tag, pro Jahr bis zu 200 Mal. Woher kommen diese vielen Auftritte?

In München und Umgebung läuft das meiste über Mundpropaganda, weil der Schorsch so viele Leute kennt. Wir arbeiten aber auch mit Agenturen zusammen, die uns weiter entfernte Auftritte vermitteln. Das meiste läuft bayernweit, wir kommen aber auch mal in die Schweiz oder nach Österreich und ein paar Mal im Jahr nach Norddeutschland.

Konzentrieren sich die Gigs auf bestimmte Zeiten im Jahr?

Beispielsweise ist der Sommer extrem ausgebucht, viele Festzelte und Biergärten bis hin zum Oktoberfest. Das Winterhalbjahr ist etwas ruhiger, mit Ausnahme des Faschings, natürlich, in dem wir mehrere Wochen ständig unterwegs sind.

Die Cagey Strings haben offenbar eine starke und treue Fangemeinde ...

Stimmt. Manche kommen bis zu viermal pro Woche zu Auftritten, andere nur einmal, fahren aber möglicherweise vom Bodensee nach München, um uns spielen zu sehen.

Was ist das Geheimnis dieses Erfolgs?

Das einzige Geheimnis besteht in einem ganz normalen Umgang mit dem Publikum. Man sollte eben nicht abgehoben oder arrogant, sondern einfach positiv auf die Leute wirken. Wir reden oft und viel mit unseren Fans – zum Beispiel in den Spielpausen oder nach dem Gig, während unsere Roadies abbauen.

Trotz der vielen Auftritte scheint die Band auf der Bühne immer gut gelaunt zu sein. Wie schafft man das?

Wir sind uns in diesem Punkt alle sehr ähnlich. Natürlich fühlt man sich nicht immer gleich gut, das ist klar. Aber sobald das erste Stück eingezählt wird, schieben wir alles andere zur Seite. Für die Zeit des Auftritts zählt dann nichts anderes mehr. Wir lassen uns von der Dynamik des Auftritts mitnehmen – und dann läuft’s eben.

Sie sind von Beruf Maschinenbauingenieur. Wie kam die Musik ins Spiel?

Mit neun Jahren habe ich angefangen, Akkordeon zu lernen und bin sechs Jahre lang dabei geblieben. Später kamen das Keyboard und der Rock’n’Roll dazu. Während meines Studiums habe ich schon regelmäßig in Bands gespielt.

Was war Ihr erstes Keyboard?

Mein erstes Piano kam von Casio, war federleicht, vermutlich gerade Mal drei Kilo schwer – aber immerhin mit 88 Tasten ausgestattet und anschlagdynamisch. Klavierunterricht hatte ich nie.

Wie kam es zum Einstieg bei den Cagey Strings?

Ich habe zu dieser Zeit in einer Showband gespielt, sie hieß „In Flagranti“. War also gar nicht intensiv auf der Suche nach einer anderen Band, habe aber gehört, dass die Cagey Strings einen Keyboarder suchen. Und da dachte ich mir: Melde dich einfach mal, damit du mit den Cageys vielleicht ein bisschen spielen kannst.

Und wie lief das ab?

Ich war damals in einem Ingenieurbüro tätig und musste an einem Dienstagvormittag zum Vorspielen. Also habe ich mir kurzer Hand freigenommen und das ganze Auto voll mit Equipment gepackt. Es hat dann viel Spaß gemacht, ich hätte am liebsten gleich zwei Stunden weiter gespielt, obwohl die nur ein paar Stücke von mir hören wollten. Dann hieß es, wir melden uns. Ich habe aber nicht wirklich damit gerechnet, dass sie mich engagieren würden.

Als alles klar war, haben Sie gleich Ihren Job an den Nagel gehängt?

Nein, ich habe es ein Jahr lang parallel versucht – im Büro arbeiten und in der Band spielen, bis zu fünfmal pro Woche. Das erforderte viel Organisationstalent, verbunden mit sehr wenig Schlaf. Anschließend kam ich am Zahnfleisch daher und habe mich entschieden, nur noch Musik zu machen.

Wie würden Sie die musikalische Ausrichtung der Band beschreiben?

Wir sind sozusagen die Band für alle Fälle. Wir spielen beispielsweise bei Rock’n’Roll-Clubs den ganzen Abend lang Boogie und Rock’n’Roll, wir spielen in Biergärten und Festzelten, auch am Oktoberfest. Andererseits sind wir im Deutschen Theater bei der Ballnacht vertreten, in diesem Fall mit gediegener Tanzmusik. Jede Richtung ist dabei.

Was wären sozusagen die musikalischen Extrempunkte im Repertoire der Cageys?

Nehmen wir zum Beispiel „The Last Waltz“ von Engelbert und „Highway To Hell“ von AC/DC. Das komplette Repertoire der Cageys umfasst rund 250 Titel, darunter auch eigene Stücke mit deutschen Texten. Ich selber habe vermutlich an die 500 Titel im Kopf gespeichert – je nach Song etwas weiter hinten oder vorne in der Hirnschublade.

Wird bei so vielen Auftritten noch geprobt?

Ja, wenn wir unser Repertoire erweitern. Wenn sich zum Beispiel abzeichnet, welcher Song zum aktuellen „Wies’n-Hit“ werden könnte. Denn ohne den geht gar nichts, wenn man in einem Festzelt am Oktoberfest spielt.

Welche Instrumente verwenden Siebei den Cagey Strings?

Im Zentrum steht bei mir ein Masterkeyboard LMK2+ von Doepfer, das ich in dreifacher Ausführung besitze – eines davon ist meistens in Reparatur, weil ich bei meinen Rock’n’Roll-Einlagen immer wieder mal mit dem Schuhabsatz eine Taste abtrete. Lässt sich leider nicht verhindern.

Was hängt am anderen Ende der MIDI-Leitung?

Das Doepfer wurde so umgebaut, dass Netzverbindung, MIDI und Fußpedal über ein gemeinsames Kabel ins Rack gehen, wo ein Kurzweil Micropiano die Klavier- und E-Piano-Sounds erzeugt. Das Doepfer benutze ich ausschließlich als 88-Tasten-Klavier, also ohne Tastatursplits.

Woher kommen die übrigen Sounds?

Dafür verwende ich einen Roland V-Combo VR-760, der leider nicht mehr gebaut wird. Hauptsächlich benutze ich davon die wirklich guten Zugriegelorgeln inklusive Amp-Simulation. Der V-Combo ist mit zwei Erweiterungskarten bestückt, für den Fall, dass ich z.B. Bläser oder Streicher benötige. Auch ein Akkordeon, das mit zwei AKG-Funkmikrofonen an Schwanenhälsen abgenommen wird, kommt bei mir zum Einsatz.

Laut Steckbrief auf der Cageys-Homepage ist Ihr Lieblingsmusiker Keith Richards – ein Gitarrist also und kein Keyboarder. Warum?

Das liegt ja nicht nur daran, dass er Gitarre spielt. Der Typ ist einfach lässig und deshalb mein Vorbild, was aber nicht für den gesamten Lebenswandel gilt. Denn besonders gesund hat er nicht immer gelebt.

Und Sie leben gesund?

Auf jeden Fall gesünder als Keith Richards, soviel lässt sich sagen.

Und wer sind nun Ihre direkten musikalischen Vorbilder?

Unter den Pianisten und Keyboardern die großen alten Rock’n’Roller, also Jerry Lee Lewis und Little Richard oder an der Orgel der leider zu früh verstorbene Billy Preston. Von den aktuellen Keyboardern begeistert mich Chuck Leavell, der früher bei den Allman Brothers war, jetzt bei Eric Clapton oder bei den Rolling Stones spielt. Er hat ein gutes Händchen für Sounds und ein großes Einfühlungsvermögen für die Musik, die er gerade macht.

Was war Ihr bisheriges Highlight als Keyboarder der Cageys?

Zum Beispiel, als ich im ersten Jahr mit den Cageys auf dem Oktoberfest gespielt habe – ein Erlebnis der besonderen Art. Du fängst mit dem ersten Stück an, und nach drei Takten schreien und klatschen 8000 Leute mit. Da geht der Adrenalinspiegel schon nach oben. Schön war es auch, in der Münchner Olympiahalle zu spielen, beispielsweise bei der Schlagerparade.

Inzwischen gibt es auch eine Live-DVD der Cagey Strings. Wie ist sie zustande gekommen?

Wir haben einen kompletten Auftritt gefilmt. Etwa die Hälfte der dabei gespielten Stücke sind Eigenkompositionen. Als Bonustracks haben wir einige Titel aus unserem 25-Jahre-Jubiläumskonzert dazu genommen. Als Gäste treten unter anderem Fats Hagen, Willy Michl und Mitglieder der „Spider Murphy Gang“ auf.

Gibt es noch ein musikalisches Leben neben den Cageys?

Eigentlich kaum. Oder doch: Ich bastle seit zwei Jahren einfach aus Spaß an einem eigenen Album. Hier spiele ich hauptsächlich Akkordeon, weil es sich um Tex-Mex- und Zydeco-Stücke mit meinen eigenen Texten handelt. Immer, wenn ich gerade etwas Luft habe, gehe ich ins Studio und mache dort weiter, wo ich zuvor aufgehört habe. Ich hoffe, damit in diesem Jahr noch fertig zu werden. An dem Album sind auch einige Musikerkollegen aus früheren Jahren beteiligt – es war mein Wunsch, dass sie sich dort verewigen.

Was sind Ihre Pläne für die nächsten 10 Jahre?

Viel Musik machen, möglichst viele Auftritte haben und dabei gesund bleiben. Seit einer Woche bin ich jetzt außerdem Vater und wünsche mir das Beste für die Zukunft meiner Tochter. Da rückt selbst die Musik ein bisschen in den Hintergrund.