Markus Becker, Leiter des Downtown Music Institute im Interview: Wie man Musikschüler bandtauglich macht

Von musikalischer Früherziehung über Instrumentalunterricht bis hin zum „Intensivlehrgang Popmusik“ reicht das Lehrangebot im Downtown Music Institute, Ausgburg. Im Interview mit Karl Stechl erklärt Schulleiter Markus Becker, warum das Downtown mehr ist als eine Musikschule – eine regionale Institution von bemerkenswerter Strahlkraft.

Markus Becker
Markus Becker: „Wir wollen lehren, was der Schüler lernen will, und nicht nur, was wir selbst gelernt haben.“ (Foto: Michael Haggenmüller)

Das Downtown Music Institute gibt es schon seit nunmehr 16 Jahren. Was ist Ihre vorläufige Bilanz?

Eine sehr positive. Wir haben es geschafft, dass wir quasi eine Institution geworden sind. Damit meine ich weniger die Art, wie die Leute uns sehen, sondern eine Institu­tion im Sinne von erweiterter Handlungs­fähigkeit. Wir können Dinge machen, die ein reiner Verbund von Musiklehrern nicht machen kann.

Das Downtown ist heute eine gemeinnützige GmbH, kurz gGmbH. Was heißt das?

Unter anderem, dass wir Steuervergüns­tigungen haben, unsere Gewinne aber für gemeinnützige Zwecke verwenden müssen und nicht an die Gesellschafter ausschütten dürfen. Das war ein großer Schritt vor sechs Jahren, wir haben damals zu den ersten Musikschulen dieser Art gehört. Das war so ungewöhnlich, dass ich dem Notar sehr detailliert erklären musste, was wir eigentlich machen wollten. Haben wir aber gut geschafft.

Und wie schlägt sich das im Angebot der Schule nieder?

Neben dem eigentlichen Unterrichtsbetrieb machen wir auch musikalische Sozialarbeit, z.B. Musikfreizeiten wie „Let’s Rock“, Bandworkshops oder Schulprojekte. Auch die Zusammenarbeit mit „Jugend musiziert“ gehört dazu – all das, was man nur machen kann, wenn eine gewisse Größe erreicht ist. Auch mit der Universität Augsburg haben wir eine fruchtbare Kooperation: Wir betreuen den Bereich „Pop/Medien“ innerhalb des Studiengangs Musikpädagogik, darüber freue ich mich sehr. Viele unserer Dozenten sind in diesem Studiengang tätig, ich hatte selbst schon einen Lehrauftrag dort.

Was waren die größten Hürden, die im Zuge dieser Erfolgsstory – rückblickend betrachtet – zu überwinden waren?

Für den Musiker sind die größten Hürden die bürokratischen. Die sind schwierig zu überwinden, und ich habe immer versucht, in diesem Punkt sehr seriös zu arbeiten. Schon deshalb, weil man in dieser Branche – Musik- und Kulturwirtschaft, wie das politisch heißt – seine Handlungsfähigkeit noch mehr unter Beweis stellen muss, als in einer traditionellen Branche. Das gilt gegenüber Banken, Amtsgericht, Regierung, was auch immer.

Gab es auch mal Durchhänger?

Nein, es ging konstant aufwärts, was sich auch durch Zahlen belegen lässt – im Schnitt rund 10 Prozent Zuwachs pro Jahr. Das war auch nötig, weil wir im Kampf um die nötigen Finanzierungen bei den Banken Profil zeigen mussten.

War es schwierig, genügend geeignete Dozenten zu finden?

Unsere Dozenten kommen unter anderem aus München, aber auch aus Ulm, Ingol-stadt oder aus dem Allgäu. Es müssen halt Musiker sein – und das ist das Hauptkrite­rium –, die neben der klassischen Qualifikation vor allem auch wissen, was Popmusik bedeutet.

Wie viele Dozenten arbeiten derzeit im Downtown?

Knapp 50, das ist schon eine ganze Menge Holz. Darunter sind aber auch welche, die ganz spezielle Aufgaben und damit ein kleines Stundenkontingent haben. Nicht alle sind Vollzeitlehrer.

Welche Bedeutung hat der Lebenslauf für die Einstellung?

Musikstudium ist hilfreich, aber kein Muss. Die wichtigste Qualifikation ist, ob einer ein guter Musiker ist. Und in diesem Sinn ist der Lebenslauf für mich entscheidend. Es gibt sehr viele Bewerbungen von Leuten mit Hochabschluss, die nie in einer Band gespielt haben und nicht einmal wissen, was ein Blues ist.

Haben Sie selbst jeden gehört, der bei Ihnen unterrichtet?

In den ersten Jahren habe ich mit jedem selbst gespielt – da merkst du genau, wie einer tickt. Das ist heute nicht mehr möglich, aber grundsätzlich sind die Bandreferenzen für uns das Wichtigste. Hochschulqualifikationen haben natürlich einen hohen Stellenwert; ich möchte aber auch eine Lanze brechen für den sogenannten Straßenmusiker, der einfach als Popmusiker die Welt bereist hat. Darunter finden sich die besten Musiker, die wir in Deutschland haben.

Wann findet der Unterricht statt?

Ich habe den ersten Schüler um 9 Uhr. Am Vormittag kommen Studenten, auch Erwachsene bzw. Senioren. Und die Profis. Darüberhinaus findet vormittags die musikalische Früherziehung statt. Nachmittags sind überwiegend Kinder und Jugendliche bei uns im Unterricht.

Welche Instrumente sind besonders beliebt?

Der Renner ist seit Jahren Gitarre. Bei den Tasteninstrumenten gab es eine Zeitlang eine „Delle“ im Schülerinteresse, aber das hat sich wieder ausgeglichen: Klavier und Keyboards haben angezogen und sind jetzt wieder auf dem gleichen Niveau wie Schlagzeug, aber hinter Gitarre.

Gibt es eine klare Präferenz zwischen Klavier und elektronischen Tasteninstrumenten?

Wir sind ja grundsätzlich eine sehr moderne Schule. Und deswegen ist einer, der rein klassisch Klavier lernen will, bei uns tendenziell seltener. Aber wer das will, bekommt es auch: Wir haben zwei Flügel und mehrere Klaviere. Der Rest läuft bei uns auf elektronischen Tasteninstrumenten, vor allem Keyboards mit Begleitautomatik und Digitalpianos – nur mit Anschlagdynamik, das ist bei uns ein Muss.

Ohne einen gewissen Anspruch geht’s also auch nicht beim Keyboard?

Es geht immer auch um das Erlernen des Instruments, dass man da eine gewisse Struktur hinein bekommt. Das ist aus meiner Sicht auch beim Thema Keyboard wichtig, das so landläufig als Spielzeug für Kinder begriffen wird. Aber das kommt auch darauf an, in welcher Form man das Instrument vor allem in den frühen Jahren unterrichtet bzw. propagiert.

Und wie macht man’s richtig?

Ein Beispiel ist unser Programm „Tastenkinder“, bei der wir speziell mit Keyboards arbeiten. Das ist angehängt an die musikalische Früherziehung, wo wir es bereits sehr früh schaffen, das Keyboard spielerisch zu etablieren. Das ist eine super Sache, auch im Hinblick auf die Sounds, die damit möglich sind. Mit dem Klavier alleine ginge das so gar nicht.

Es gibt genügend Musiker, die mitleidig lächeln, wenn jemand auf einem Keyboard ein paar Tasten drückt und dann eine Begleitautomatik losläuft ...

Genau, und die landläufige Meinung lautet, dass man dafür nichts können muss. Auf der anderen Seite gehört auch das zu den modernen Formen des Musikmachens: Man braucht die Loops, man braucht die Technik, um auf der Bühne bestehen zu können. Gleichzeitig arbeiten wir aber auch darauf hin, dass Kinder und Jugendliche „richtig“ spielen lernen.

Und was ist das Fernziel?

Unser Zentrum ist die Bandarbeit. Als klassischer Klavierspieler kann man in einer Band nämlich nicht bestehen. Wenn du so einem sagst: Hier ist ein Gitarrist, hier ein Drummer, wir spielen mal die und die Akkordwechsel – dann kommt nichts.

Woher kommt die starke Betonung der Bandarbeit, die das Downtown auszeichnet?

Die Schule ist als etwas entstanden, wo ich selbst gerne hingegangen wäre. So etwas gab’s zu meiner Zeit nicht. Ich habe mich sehr stark an Amerika orientiert, ganz klar. Musik ist nunmal etwas, das passiert im Miteinander und auf der Bühne. Wir haben in den letzten zwei, drei Jahren unsere pädagogischen Schwerpunkte in dieser Hinsicht nochmal ganz vehement verändert.

Wie lässt sich das konkretisieren?

Wir wollen das lehren, was der Schüler lernen will – nicht nur das, was wir selber gelernt haben. Und das, was unsere Lehrer von ihren Lehrern gelernt haben und so weiter. Nach diesem Muster würde es einen Keyboard-Lehrer nämlich gar nicht geben.

Das heißt, als Lehrer muss man ständig weiter lernen und an sich arbeiten?

Ja, das heißt: Jedes Jahr auf die Musikmesse fahren, nach neuem Notenmaterial Ausschau halten, sich mit aktuellen Instrumenten auseinandersetzen – und einiges mehr. Das ist ein schmaler Grat, auf dem man sich da bewegt. Wenn z.B. einer zu mir kommt und abgefahrene Drum&Bass-Geschichten will, muss ich mich auch erst schlau machen, weil’s nicht mehr mein Sound ist. Aber das heißt nicht, dass ich dann sage: Lern’ erstmal, was Dave Weckl alles gemacht hat. Sondern ich werde mich dem Neuen öffnen.

Wird das von den Schülern entsprechend honoriert?

Ich habe festgestellt, dass die Jugend von heute – der man oft unterstellt, dass sie keinen Bock auf irgendetwas habe – dann anspringt, wenn du sie dort abholst, wo sie sich gerade befindet. Dann entpuppen sich einige auch als sehr zielstrebig und kommen in relativ kurzer Zeit ziemlich weit.

Nochmal zurück zur Bandarbeit. Kann man tatsächlich jeden Schüler dahin bringen?

Grundsätzlich wäre es natürlich toll, wenn jeder Schüler in einer Band spielen könnte. Leider ist nicht jeder dafür geeignet, auch aus Zeitgründen. Den finanziellen Aspekt haben wir gelöst, indem wird das subventionieren – so kostet beispiels­weise die Teilnahme an der Big Band fünf Euro als eine Art „Kopiergebühr“. Viele Bands und nachfolgende Bandworkshops entstehen bei der Musikfreizeit. Innerhalb von sechs Tagen haben die Beteiligten ein Programm stehen, das hörenswert ist. Daneben gibt es unsere Standardangebote wie Jazz-Combo, Big Band, Chor oder Popchor. Und wir haben unsere Förderbands.

Treten diese Bands auch regelmäßig auf?

Ja, wir haben zweimal im Jahr das „Downtown Band Event“, wo alle spielen sollen, können, dürfen. Und wir haben zwei Jugendtopbands, die wirklich alles in Grund und Boden spielen. Da müssen sogar die Lehrerbands bei uns aufpassen (lacht).

Gibt es auch eine akustische oder visuelle Lernkontrolle, sprich Recording und Video?

Wir haben ein Schulstudio mit naturgemäß begrenzten Möglichkeiten. Konzerte von Schülern bzw. Schülerbands filmen wir mit, um ein Feedback zur Performance geben zu können. Ausstrahlung auf der Bühne muss man entwickeln – das ist heute ein wichtiger Aspekt, nicht nur bei der Popmusik.

Aber eigentlich nichts wirklich Neues ...

Richtig: Musik ist eine Sprache, und ein Künstler hat immer die Ambition, irgendetwas von sich nach außen zu tragen. Dazu muss er jedes Mittel nutzen, das nötig ist. Und dazu gehört eben auch Show. Ich finde es schlimm, dass hier in Deutschland Show tendenziell unterbewertet wird. Ich finde es sensationell, wenn jemand auch eine gute Show macht.

Andersherum gefragt: Was sollte auf der Bühne nicht passieren?

Dass zum Beispiel in einer Band der Sänger die Songs nicht ansagt oder die Band am Schluss sich nicht verbeugt. Auch das Stimmen auf der Bühne sollte zumindest in der Popmusik nicht sein. Und auch die Frage nach der Bühnenkleidung klammern wir nicht aus.

Und wie viele Schulabgänger werden Profimusiker?

Viele. Als ich das mal dokumentieren wollte, habe ich bei 200 aufgehört zu zählen. Viele sind an Hochschulen und Berufsfachschulen gelandet, andere als Profis oder Semipros tätig. Das liegt auch daran, dass wir in den ersten Jahren hauptsächlich in der Erwachsenenbildung tätig waren und eigentlich nur Semiprofis kamen. Dadurch, dass die Kinder dieser Musiker dann zu uns gekommen sind, ist es eine Musikschule geworden. Viele davon sind jetzt schon wieder als Lehrer integriert, die zweite Generation.

Sie sind auch im Vorstand des Landesverbands bayerischer Privatmusikinstitute tätig. Was ist das Beste, das so ein Verband leisten kann?

Das Wichtigste ist wohl, Wertigkeit zu schaffen für das, was wir alle machen, nämlich Musik. Und zwar Wertigkeit in zweierlei Hinsicht: Es ist schön, es macht Spaß, aber es ist auch wert, dafür zu bezahlen. Wertigkeit kommt über Qualität und ganz sicher auch über Innovation. Wir haben als Verband Qualitätskriterien aufgestellt und wenden sie auf private Musikschulen an. Und das ist ein ganz wesentlicher Schritt, denn da gibt’s wie üblich gute und fast gute. Wir versuchen die entsprechenden Grenzen zu ziehen und ein Qualitätssiegel zu schaffen.

Was ist der Kern eines solchen Qualitätssiegels?

Ich bin der Meinung, dass die Musikpädagogik ein Punkt ist, bei dem wir uns ein ganzes Stück bewegen müssen. Ausgehend von den Systemen, die Deutschland 200 Jahre lang berühmt gemacht haben, müssen wir uns weiter entwickeln und können uns nicht nur stolz auf die Schulter klopfen.

Was müsste sich aus Ihrer Sicht dabei substanziell verändern?

Früher hat man gesagt, ich brauche Technik und Theorie zum Musikmachen. Und dann kommt die Praxis. Und heute sagen wir, wir machen Praxis und lernen dann Technik und Theorie. Das ist der wesentliche Unterschied, und das muss man kapieren. Und wir müssen den Leuten die Perspektive geben, Musik zu machen und nicht Musik zu lernen. Da haben wir ganz großen Entwicklungsbedarf.

Haben Sie dafür konkrete Beispiele?

Warum ist beispielsweise DJing kein Fach? Ein Superding, wenn sich jemand damit musikalisch ausdrücken kann. Ich kenne Schüler, die haben mit E-Gitarre angefangen und sind dann bei der Bratsche gelandet – an unserer Schule, auch das gibt’s. Warum soll ich einem sagen, er muss erst akustische Gitarre lernen, damit er E-Gitarre spielen darf? Oder dass er erst Klarinette lernen soll und dann Saxofon? Da gibt es viele von diesen alten Baustellen, die wir eigentlich alle ad acta legen könnten.

2009/2010 hatten Sie das Projekt „Meine Show“ mit allgemeinbildenden Schulen in Augsburg. Was waren die Ziele, und was ist daraus geworden?

Es war ein Riesenerfolg, denn wir haben Leute zur Musik gebracht, die vorher noch nie etwas mit Musik zu tun hatten. Aktuell läuft schon die zweite „Unsere Show“. Wir gehen in die Schule, die Schüler erhalten wöchentlich Instrumental- und Bandunterricht, bekommen ein Instrument mit nach Hause. Alles gibt es dann gebündelt in einer Abschluss-Show auf der Bühne – das nächste Mal am 5. Juli in der Kantine in Augsburg.

Auch zwischen Downtown und der Aktion Kids2Keys gibt es neuerdings eine Partnerschaft. Im Downtown findet am 12. Mai eine regionale Vorentscheidung der E-Sound-Competition statt.

Dieser Tastenwettbewerb hat mich sofort angesprochen – wieder ein Schritt in die richtige Richtung. Auch die Facetten der dort angesprochenen Instrumente – Keyboards, Digitalpianos, Synthe­sizer und Orgeln – finde ich super, das gibt’s nämlich sonst nicht. Wir sind gespannt, wie sich das entwickelt.

Finden Sie Wettbewerbe auch im Popsegment grundsätzlich gut?

Ich habe mich ja auch sehr stark eingesetzt für die Pop-Ausgabe von „Jugend musiziert“ und bin sehr froh, dass bestimmte Leute da hervorragende Arbeit machen – z.B. Prof. Udo Dahmen, Künstlerischer Direktor und Geschäftsführer der Popakademie Baden-Württemberg, und Vizepräsident des Deutschen Musikrats sowie Edgar Auer vom Deutschen Musikrat. Aber man muss auch sehen: Popmusiker müssen sich an das Medium Wettbewerb erst noch gewöhnen.

Woher kommt das Ihrer Meinung nach?

Pop- und Rockmusik ist traditionell mit einem gewissen Hang zum „Anders-sein-wollen“ verbunden. Und da will man sich häufig nicht mit anderen auf einer Leistungsebene messen.

Weil Pop- und Rockmusiker häufig auch mit minimalistischen Mitteln gute Musik machen?

Und da fragt man sich dann in der Jury von „Jugend musiziert“: Wie bewertet man sowas? Zum einen gab es bisher nur wenige, die das bewerten wollten. Und dann ist der Faktor Kreativität oder Ausdruck in diesem Umfeld Neuland. Wir bewerten das seit über 15 Jahren in unseren schulinternen Prüfungen. Da kommt es darauf an, dass nicht nur auf der Jury-Ebene, sondern auch unter den Teilnehmern eine Akzeptanz entsteht für Kreativität, für Ausdruck, für Innovation. Das muss oben anfangen und unten ankommen.