Martin Kälberer, Musiker, Komponist & Arrangeur: Ein Pianist auf instrumentaler Entdeckungsreise

Martin Kälberer ist Pianist, Multiinstrumentalist, Komponist und Arrangeur, der sich intensiv mit Improvisation und dem Einsatz von Klängen beschäftigt. Auf der Bühne und im Fernsehen ist er unter anderem mit Werner Schmidbauer und Willy Astor zu sehen. Im tastenwelt-Interview erzählt er von seiner musikalischen Entwicklung.

Martin Kälberer

Mit fünf erhielten Sie Gitarren- und Mandolinenunterricht, mit sechs Jahren Klavierunterricht. Musik war in Ihrer Familie wohl sehr wichtig?

Ja. Meine Mutter war Musiklehrerin für Gitarre und Mandoline. Da hat sich das ganz automatisch ergeben.

Wurde in Ihrer Familie auch gemeinsam musiziert?

Anfangs ja. Mit der Zeit wurde das aber weniger; vor allem, weil sich die musikalischen Vorlieben auseinander entwickelt haben.

War Musik mehr Lust als Last?

Ganz klar mehr Lust. Am Anfang war das Klavier quasi wie ein Spielzeug, wie für andere der Fuß­ball, später wurde der klassische Klavierunterricht dann aber doch zur Last.

Sie schreiben, dass eine Fernsehübertragung eines Konzerts mit Chick Corea und Herbie Hancock ein Schlüsselerlebnis für Sie war: Welches?

Ich habe eine neue Art von Musik erfahren. Mir war bis dahin nicht klar, welche Dynamik frei gespielte Musik entfalten kann – was da abläuft. Spätestens an diesem Punkt war die Reproduktion klassischer Musik nichts mehr für mich.

Führte die Beschäftigung mit der Improvisation auch dazu, dass Sie das Jazz-Studium an der Musikhochschule Graz abgebrochen haben?

Ich habe immerhin ein Jahr durchgehalten, dann wurde es mir aber zu formalisiert. Da, wo ich große Freiheit und Spielfreude vermutet hatte, war plötzlich ein akademischer Betrieb, der für mich im Widerspruch zur Idee der „freien Musik“ stand.

Welche Bedeutung hat Improvisation für Sie?

Eine große. Vor allem die darin eingebaute Freiheit und Spontane­ität. Musik läuft ja trotzdem nach Regeln ab, und es herrscht nicht Chaos. Das Ziel ist aber, dass man nicht darüber nachdenken muss, dass man die Regeln so in Fleisch und Blut hat, dass man dann mit freiem Geist einfach spielen kann.

Findet das in allen Bereichen Ihres musikalischen Schaffens seinen Niederschlag?

Inzwischen habe ich diesen Punkt erreicht – glaube ich zumindest.

Auch in der Filmmusik?

Dort kommt dieser Aspekt etwas zu kurz. Musik wird dort oft sehr funktional betrachtet, da kommt ihr nicht die Bedeutung zu, die ihr zustehen würde.

Wie sehen die Prioritäten Ihrer musikalischen Aktivitäten aus?

An erster Stelle steht die Live-Musik auf der Bühne, dann kommt die Arbeit im Studio, an dritter Stelle die Filmmusik.

Werner Schmidbauer sagte einmal, Sie würden seine Rohdiamanten im Studio bearbeiten. Ist das ein einsamer Prozess oder auch Teamwork?

Beides, aber ich arbeite doch immer wieder gerne allein. Denn selbst zusammen mit Menschen, die ich so gut kenne wie den Werner Schmidbauer, entsteht eine gewisse Erwartungshaltung, die dazu führt, dass man manche Dinge nicht ausprobiert oder manche Idee nicht entwickelt. Alleine spüre ich da mehr Freiheit, Dinge auszuprobieren – und zwar so lange, bis sie passen.

Wie darf man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Ich probiere unheimlich viel aus und nehme alles auf. So kann man die guten Ideen identifizieren und weiterentwickeln. Aus dem Spiel mit den Ideen entstehen dann auch ganz neue Dinge, die man zuerst gar nicht im Kopf hatte.

Wie würden Sie Ihre Rolle auf der Bühne definieren? Sind Sie der Tastenspieler, der auch andere Parts übernimmt, oder sehen Sie sich eher als Musiker, der sich je nach Anforderung bestimmter Instrumente bedient?

Von meiner Herkunft bin ich Tastenspieler; ich würde sogar sagen Pianist. Natürlich habe ich mich auch intensiv mit Keyboards auseinandergesetzt, es gab aber einen grundlegenden Wandel. In den 90er Jahren haben Keyboards eine enorme Klangvielfalt ausgefallener Instrumente gebracht, ich wollte mich aber irgendwann nicht mehr mit den Samples zufrieden geben. Auf den Keyboards habe ich mich dann auf die wirklich synthetischen Klänge fokussiert und versuche gleichzeitig, die anderen Instrumente selbst zu spielen. Da kann man viel mehr Dynamik und Leben in den Klang bringen.

Martin Kälberer Live
Kälberer live bedeutet Klangvielfalt als Programm.

Wie haben Sie das Spielen auf den vielen Instrumenten gelernt: autodidaktisch oder im Unterricht?

Ich hatte mit zehn zwar mal Schlagzeugunterricht, aber das war nur eine kurze Episode. Die sah so aus, dass es eine kleine Trommel und ein großes Notenblatt gab. Das hat mir nicht behagt.

Wie sind Sie mit all den Instrumenten in Berührung gekommen?

In erster Linie durchs Hören und auch durch Synthesizer, die diese Instrumente elektronisch verfügbar machten.

In der Liste finden sich Instrumente aus aller Welt, aber kaum einheimische.

Doch, das Akkordeon zum Beispiel.

Aber keine Blasinstrumente.

Das liegt vielleicht auch daran, dass es eine zu feste Vorstellung davon gibt, wie diese Instrumente gespielt werden und wie sie klingen müssen. Der freie Umgang mit Klängen fällt mit unbekannten Instrumenten einfach leichter. Außerdem gibt es da doch ein Blasinstrument; es ist sogar eines meiner liebsten Instrumente: das Vibrandoneon, ein Blasinstrument aus Italien.

Bei so vielen Instrumenten muss man sicher viel üben?

Natürlich muss man sich damit beschäftigen. Es ist aber nicht so, dass ich einen Plan habe, so und so lange jeden Tag mit einem bestimmten Instrument zu spielen.

War es schwer, als Musiker Fuß zu fassen, um davon leben zu können?

Eigentlich nicht. Nachdem ich keine übermäßigen Bedürfnisse hatte, im Sinne von ‚wie viel Miete muss ich zahlen?’, konnte ich relativ schnell von dem leben, was ich z.B. in einer Pianobar verdient habe. Ich habe mich auch anfangs nie auf bestimmte Dinge festgelegt, weil mich vieles interessiert hat. So konnte ich an vielen Ecken mitmischen und Geld verdienen.

Haben Sie sich Ihren musikalischen Werdegang so vorgestellt, wie er eingetreten ist?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte auch keine konkrete Vorstellung davon. Ich wusste nur, mich interessiert das, und ich wusste: Sonst will ich nichts machen. Dass ich im Grenzgebiet zwischen Liedermacherei, dem weiten Feld der Weltmusik und ein bisschen Jazz lande, das habe ich so nicht geahnt, da ich doch mal als Jazzpianist angefangen habe.

Wie haben sich Ihre verschiedenen Projekte,z.B. mit Werner Schmidbauer oder Willy Astor, ergeben?

Werner Schmidbauer hat 1994 seine erste Studio-CD aufgenommen und sich danach eine Band gesucht. Über Hörensagen und Wer-kennt-wen ist ihm mal mein Name begegnet, dann haben wir uns getroffen, und seitdem spielen wir zusammen. Bei Willy Astor war es anders: Den habe ich schon hier und dort mal getroffen, und wir haben mal zusammen auf einem Festival gespielt. Er wusste, dass es mich gibt, und nachdem sich seine letzte Formation aufgelöst hatte, hatten wir zufällig wegen etwas anderem Kontakt – und schon war’s passiert.

Welches Instrumentarium setzen Sie derzeit auf der Bühne ein?

Mit Vorliebe spiele ich auf meinem Flügel, einem Steinway B211. Allerdings ist der so furchtbar schwer zu transportieren, dass er meist nur zu Hause zum Einsatz kommt. Mittlerweile habe ich aber ein ganz passables System gefunden, wie ich mich diesem Klang live zumindest annähern kann: Ich spiele ein Stagepiano RD-700 SX von Roland, das mir vor allem vom Spielgefühl sehr gefällt. Wenn man da etwas rumschraubt, kann man schon sehr gute Ergebnisse beim Pianoklang erzielen. Das Ganze mische ich dann noch mit einem Pianoklang, den ich mir per Software aus einem Rechner hole.

Welches Software-Piano kommt zum Einsatz?

Ein Galaxy Vintage D, das in seiner Tiefe und Dynamik eine optimale Ergänzung zum sehr direkt klingenden Roland-Stagepiano ist. Wenn man lange genug experimentiert, schafft man es, die Tunings so übereinander zu legen, dass es sehr natürlich klingt.

Setzen Sie noch andere Software-Klangerzeuger ein?

Ich habe das Kore-System von Native Instruments, und dort bastle ich mir meine Setups zusammen. Bei meinen Solo-Auftritten sind da viele synthetische Sachen dabei – Ambience-Flächen zum Beispiel. Aber natürlich auch sehr schöne E-Pianos.

Sind Sie bei den E-Pianos kein Verfechter des Originals?

Doch! Mein erstes Keyboard, das ich mit 15 gekauft habe, war ein Fender Rhodes. Ich habe es heute noch. Später kamen noch diverse Synthesizer dazu. Es waren einmal 20 – zwei Moog-, zwei Korg-, ein Virus- und 15 Roland-Modelle. Behalten habe ich davon nur das Rhodes, einen Moog und einen Virus sowie einen kleinen microKorg. Den Rest habe ich verkauft und mich fast vollständig auf Software-Synths verlagert. Mehr denn je ist mir wichtig, dass ich wirklich artifizielle Klänge damit erzeugen kann. Einen Sample-Player benutze ich nicht mehr.

Welche elektronischen Hilfsmittel setzen Sie sonst auf der Bühne ein?

Mein Boss-Looper ist mir inzwischen fast unent­behrlich.

Wie steht es um Arranger-Keyboards?

Für eine Folge von „Aufgspuit“ (Musik-Interview-Sendung im Bayerischen Fernsehen, Anm. d. Red.), in der Sendung mit Klaus Eberhartinger von der EAV, habe ich einen Yamaha Tyros auf den Flügel gestellt. Wir haben für die Sendung zwar alle EAV-Lieder auf ein akustisches Minimal-Arrangement gebracht, aber wir wollten dann doch in einem Fall etwas von der Disco-Atmosphäre reinzaubern, und das geht mit so einem Gerät relativ einfach.