Michael Kunz (Kawai) im Interview: Plädoyer für die Hardware

Kawai-Produkt­manager Michael Kunz ist der festen Überzeugung, dass ein Klavier­spieler mit Piano-Software und Masterkey­board nicht ge­nauso glücklich werden kann wie mit einem soliden Digitalpiano als All-in-one-Lösung. Warum, erklärt er im Interview mit Karl Stechl. Zudem kommentiert er aktuelle Trends im Digitalpiano-Markt.

Herr Kunz, was erwartet ein potentieller Interessent heute von einem Digitalpiano?

Der Anspruch an ein Digitalpiano reduziert sich auf drei wesentliche Merkmale: die Tastatur, den Pianoklang und das Wiedergabesystem. Natürlich spielt auch das Design eine Rolle, Zusatzfunktionen sind aber nicht wirklich kaufentscheidend.

Gilt das auch für Lernfunktionen?

Ja, zumindest nach unseren Erfahrungen. Das sind alles nette Zugaben, für die es auch Anwender gibt, allerdings nur einen kleinen Prozentsatz.

Spricht das auch gegen ein Ensemble-Piano mit eingebauter Begleitautomatik?

Jemand, der sich für ein Ensemble entscheidet, macht das sehr bewusst. Wobei der Trend dahin geht, dass die Leute weniger mit der Begleitautomatik als solcher spielen, sondern mehr die dazugehörige Funktionalität nutzen – wie das große Angebot an Sounds oder das Sequencing. Die Begleitautomatik, wie man sie vom Keyboard kennt, kommt da eher selten zum Einsatz – allenfalls mal ein Schlagzeug oder eine Bassspur zum Improvisieren und Jammen.

Wieviel Prozent Annäherung an ein akustisches Klavier kann ein Digitalpiano heute im besten Fall erreichen?

Die Frage kann man so nicht beantworten, weil man Äpfel mit Birnen vergleicht. Wollen Sie meine persönliche Meinung hören? Es geht nichts über ein echtes akustisches Instrument. Und was immer man simuliert und nachbildet – man wird es in absehbarer Zeit nicht wirklich schaffen, dieses subjektiv-emotionale Spielgefühl, das man am akustischen Klavier oder Flügel hat, zu reproduzieren.

Viele Digitalpianokäufer wollen aber doch eine Art Ersatz für ein akustisches Klavier!

Wir bewegen uns hier auf einer sehr subjektiven und emotionalen Wahrnehmungsebene. Die Räumlichkeit und alle klanglichen Details eines akustischen Instruments auf einem Lautsprechersystem wiederzugeben, ist extrem schwierig, selbst wenn man einen hohen Aufwand treibt. Man kann aufzeichnen, was man will, und trotzdem fehlt dieser räumliche, gefühlte Höreindruck.

Warum entscheiden sich dennoch viele Käufer für ein Digitalpiano?

Es ist wesentlich preisgünstiger und wartungsfrei, benötigt auch weniger Platz und lässt sich leichter transportieren. Zudem ermöglicht es moderate Lautstärken im Sinne einers guten nachbarschaftlichen Verhältnisses. Das Digitalpiano ist ein wunderbares Instrument, um Klavierspielen zu erlernen und sich den größten Teil der Klavierliteratur zu erarbeiten.

Was manche Klavierlehrer bezweifeln ...

Zweifel sind erst angebracht, wenn es in semiprofessionelle bis professionelle Regionen geht. Da kommt es auf klangliche Nuancen an, die mit keinem Digitalpiano, das ich derzeit kenne, zu 100 Prozent nachzubilden sind. Das sind sehr subjektiv empfundene Klangfarbenänderungen, die extrem schwierig nachzubilden sind – selbst dann, wenn man den Lautsprecher umgeht, wie wir das zum Teil mit Transducern auf Resonanzböden machen.

Ein akustisches Klavier kauft man sich fürs Leben. Wie lange steht ein Digitalpiano nach Ihren Erkenntnissen bei einem Anwender?

Das hängt sehr von der Preisklasse ab, in der man sich ein Digitalpiano kauft. Reden wir mal von den hochwertigeren Instrumenten, etwa ab 2000 bis 2500 Euro aufwärts. Wenn man so ein Instrument kauft, kann man davon ausgehen, dass man bestimmt die nächsten 10 bis 12 Jahre problemlos und mit Spaß an der Sache damit spielen kann.

Und wie konkurrenzfähig ist heute ein zehn Jahre altes Digitalpiano?

Die technische Entwicklung in den letzten zehn Jahren war dramatisch. Beim heutigen Stand lässt sich sagen, dass die zu erwartenden Fortschritte, wenn sie denn nicht mechanischer Natur sind (wie bei der Tastatur), immer geringer werden.

Was kann ein Digitalpiano, was ein exzellentes Software-Piano mit Masterkeyboard nicht zu leisten imstande ist?

Für den Zuhörer könnte die Kombination aus Software-Piano und Masterkeyboard aufgrund des enormen Speicherreservoirs sogar noch eine Spur besser klingen. Aber der entscheidende Unterschied besteht für den Spieler selber. Denn die Kontrolle, die er über den Sound hat, ist über eine Kombination aus Masterkeyboard und Softwarepiano schwierig, weil die Anschlagdynamik nicht vernünftig angepasst ist.

Und beim Digitalpiano?

Bei einer All-in-one-Lösung ist das Ganze per se vom Hersteller optimiert. Wenn man sich so eine Echtkurve mal anschaut, wird man feststellen: Das ist relativ weit entfernt von einer geraden Linie oder einfachen Kurve, sondern hochgradig komplex.

Ist soviel Aufwand an dieser Stelle tatsächlich nötig?

Es ist entscheidend, dies so zu programmieren, weil sonst das richtige Spielgefühl und damit der pianistische Ausdruck fehlen. Dann wird es extrem schwierig, ein Pianissimo sauber zu spielen und ein ordentliches Fortissimo zu produzieren, ohne sich die Finger zu brechen.

Was wurde bei Kawais neuester Tastatur-Generation RM-3 verbessert?

Für den Wechsel von der AWA GrandPro II zu RM-3 gab es verschiedene Gründe: die Druckpunktsimulation, die Elfenbeincharakteristik der Tastenoberflächen, dazu Repetitionsverhalten und Gewichtung.

Gab es Kritik an der Vorgängertastatur?

Wir haben eine sehr rege Community, die wir auch über unser eigenes Forum betreuen, und natürlich fließen die Inputs, die wir dort bekommen, auch mit in unsere Entwicklung ein.

Was repetiert prinzipiell besser: eine Flügel- oder Digitalpianotastatur?

Ein Flügel mit gut einregulierter Mechanik repetiert schon sehr schnell. Da existiert allerdings eine mechanische Grenze, die man nicht überschreiten kann. Bei Digitalpianos gibt es durchaus immer noch Möglichkeiten, das Ganze zu optimieren, weil der Mechanikaufbau deutlich einfacher ist.

Also ist die Digitalpianotastatur schneller?

Man könnte eine Digitalpianotastatur extrem schnell machen, aber man bräuchte dafür ein extrem hohes Aufgewicht zur Rückführung der Taste in die Nullposition. Und dann hätte man ständig das Gefühl, dass einem die Taste von unten in die Finger drückt.

Wurde bei den Sampling-Methoden in den vergangenen Jahren Entscheidendes verbessert?

Sampling-Auflösung und -Qualität sind bei allen Herstellern mehr oder weniger identisch. Es macht aber einen großen Unterschied, was ich aufzeichne: Ich kann zum Beispiel mit einer Auflösung von 96 KHz und 32 Bit auch eine Straßenbahn aufzeichnen, die überhaupt nicht nach Klavier klingt.

Worauf kommt’s denn an?

Die Qualität rührt davon, welche Art von Mikrofonie man verwendet, wie gut die Pianos vorbereitet sind und von wem. Wenn wir eine Sampling-Session planen, brauchen wir fast drei Wochen für die Auswahl und Positionierung der Mikrofone – da ist noch keine einzige Note aufgenommen. Zudem stehen immer mehrere Flügel zur Auswahl.

Werden die Töne beim Samplen von Hand angeschlagen oder maschinell?

Wir machen beides. Wir benutzen einerseits einen Roboter, der mit konstanten Geschwindigkeiten Tasten anschlagen kann. Darüber hinaus haben wir zwei Konzertpianisten, die wir mit ins Boot holen. Das hat damit zu tun, dass man bei der Aufnahme bereits das Thema Anschlagdynamikkurve im Hinterkopf hat. Denn der Pianist versucht ständig den Klang zu formen, auch wenn er im Moment nur eine Taste spielt.

Und wie wird die Sample-Auswahl getroffen?

Wir verwenden letztlich die Samples, die maschinell eingespielt worden sind und ziehen die manuell eingespielten Werte zu Rate, um die Anpassung der Kurve zu realisieren.

Liegt die Zukunft in weiter verfeinerten Sampling-Methoden oder eher in Echtzeitklangberechnung beziehungsweise Physical Modeling?

Ich glaube, dass beides eine Daseinsberechtigung hat. Es gibt bestimmte Aspekte eines Pianoklangs, die sich für Physical Modeling gut eignen – alles, was beispielsweise Resonanzen und vergleichbare Klanganteile angeht. Ich bin aber nach wie vor der Meinung, dass man schon wegen der Kosten noch sehr lange auf Sampling angewiesen sein wird.

Könnten Transducer auf unterschiedlichen Materialien ein Weg zu noch mehr Authentizität beim Pianoklang sein?

Wir verwenden bei den Modellen CA91/93/111 einen Transducer auf dem hölzernen Resonanzboden für die Bassanteile des Klangs, ergänzt durch konventionelle Mittel-/Hochtöner. Bis dato gibt es nämlich keine guten Ergebnisse für den oberen Mittel- und Hochtonbereich. Das Problem ist, dass die Stereoabbildung bei solchen Systemen leidet, weniger darin, dass bestimmte Frequenzen nicht abgebildet werden könnten. Das Klangbild wird dadurch extrem diffus.

Spielt der Stereoeindruck beim akustischen Klavier überhaupt eine Rolle?

Aufgrund der Tatsache, dass sich die Diskantseiten weiter rechts befinden als die Bassseiten, ergibt sich zumindest für den Spieler eine klar erkennbare räumliche Abbildung. Bei den Transducer-Systemen hat man dagegen immer schnell das Gefühl, alles sei undefiniert.

Der weiter entfernte Zuhörer hört von dieser Räumlichkeit aber doch so gut wie nichts.

Richtig: Beim akustischen Flügel hört der Zuhörer den vom Deckel reflektierten Klang, was ein omnidirektionales Klangbild ergibt. Für uns ist aber die Spielerposition die Entscheidende.

Geht der Trend beim Digitalpianokauf eher in Richtung großer Holzkästen als Klavierersatz oder mehr zu Kompaktmodellen, die sich flexibel im Wohnzimmer, Übungsraum oder Studio einsetzen lassen?

Aktuell geht der Trend in beide Richtungen: Auf der einen Seite wächst der Markt für die sehr kompakten Instrumente, dazu gehören etwa unsere CL-Serie oder die Roland-F-Serie, auf der anderen Seite ist ein Digitalpiano wie ein akustisches Klavier auch ein Möbel. Und die Ansprüche an das Gehäusedesign sind deutlich gestiegen, was sich inzwischen auch in den Produktpaletten widerspiegelt. Vergleichen Sie das heutige Angebot mal mit Gehäusedesigns von vor fünf Jahren.

Worin bestehen die wesentlichen Unterschiede?

Die Gehäuse sind insgesamt wertiger geworden, das Farbangebot wesentlich vielfältiger.

Kristallisieren sich Tendenzen heraus?

Ich erkenne zwei Strömungen neben dem Mainstream: zum einen die Look-Alikes, sehr traditionell und noch mehr in Richtung akustisches Klavier getrimmt. Dazu gehört zum Beispiel unser CA111. Auf der anderen Seite heißt die Devise: möglichst weit weg vom konventionellen Klavier wie etwa beim Yamaha Modus. Beides hat seine Berechtigung.

Welche Rolle spielt die Ehefrau beim Kaufeines Digitalpianos?

((lacht)) 95 Prozent. Immerhin geht es um ein Möbel, das im gemeinschaftlichen Haushalt steht. Ein schwarz poliertes Instrument dürfte beispielsweise die Frage aufwerfen: Du spielst, aber wer wischt eigentlich permanent Staub und Fingertapper ab?

Wie teuer darf ein Digitalpiano sein?

Kritisch wird’s, wenn man in den Preisbereich zwischen 5000 und 6000 Euro kommt, wo auch schon akustische Pianos mit Stummschaltemechanik zu finden sind. Da fragt sich mancher: Warum soll ich ein Digitalpiano kaufen, wenn ich ein akustisches Klavier und Digitalpiano in einem bekommen kann. Alles, was darüber hinausgeht, kann man zwar auch verkaufen, aber in sehr kleinen Stückzahlen.

Hat sich das Standing von Digitalpianos unter Klavierpädagogen in den letzten Jahren verbessert?

Hat sich deutlich verbessert, ist aber noch nicht da, wo es hin soll. Wir machen beispielsweise auch Seminare für Klavierlehrer, die leider in der Regel durch ihre Tätigkeit rund um die Uhr beschäftigt sind und selten Gelegenheit haben, sich umfassend zu informieren. Das spiegelt sich auch auf der Musikmesse in Frankfurt wieder – man findet dort nur wenige Klavierlehrer.

Man hört, dass sogar in den Übungsräumen von Musikhochschulen und Konservatorien heute nicht selten Digitalpianos stehen.

Das wird teilweise gemacht, hat aber eher Kostengründe, weil die akustischen Klaviere dort oft in erbärmlichem Zustand sind und in der Regel auch keine Gelder vorhanden sind, um sie regelmäßig zu pflegen und in Schuss zu halten. Da wird dann eben zum Erlernen neuer Literatur ein Digitalpiano benutzt – was selbst für einen Klavierstudenten völlig in Ordnung ist und auch häufig praktiziert wird.

Welche Rolle werden Stagepianos künftig bei Kawai spielen?

Unsere MP-Serie ist sehr erfolgreich und wird natürlich auch weitergeführt und weiter entwickelt. Bei unseren Stagepianos war und ist der akustische Flügel nach wie vor das Vorbild. Dass wir im Rahmen der Produktpflege auch die E-Piano-Abteilung auf den aktuellen Stand bringen, versteht sich von selbst. Wir werden aber sicherlich keine Kompromisse bei der Tastatur eingehen. Es macht für uns als Markenhersteller keinen Sinn, eine gute Piano-Tastatur zu verschlechtern – beispielsweise durch den Verzicht auf eine Graduierung oder ähnliches –, um dem Vintage-E-Piano-Gedanken noch mehr gerecht zu werden. Darunter würde unser Grundkonzept leiden, bei dem das Akustikpiano absolut im Vordergrund steht.