Porträt: Jacob Collier mit Debut-CD „In My Room“

Legen Sie „In My Room“ in den CD-Player und drücken Sie auf „Start“: Sie betreten ein Wunderland, in dem keine „Alice“ die Hauptfigur ist, sondern ein 22-jähriges Musikgenie aus Finchley, einem Stadtteil von London. Der Multi-Instrumentalist und Sänger Jacob Collier mischt die Jazzszene auf und erntet euphorisches Lob von den Größten seines Fachs.

Jacob Colliers musikalisches Wunderland ist weitläufig, bunt und komplex. Schon die ersten beiden Titel seines Debutalbums „In My Room“ liefern einen Vorgeschmack darauf: Vom fulminanten Intro „Woke Up Today“ mit vertrackten Funk-Rhythmen, Synthesizer-Riffs und Melodica-Solo noch halb benommen, gelangt man zu „In My Room“, dem zweiten Titel des Albums. Den von Brian Wilson und Gary Usher komponierten Song interpretiert Jacob Collier mit aufreizend „laid-back“ gesungenem Thema und vielschichtiger Harmonik, die entfernt an „Singer’s Unlimited“ erinnert – nur dass hier alle Stimmen und Instrumente von einem jungen Musikgenie kommen, das viele einsame Stunden und Tage in seinem Zimmer verbracht hat, um dieses Album aufzunehmen: „In My Room“ ist bei Jacob Collier Programm und Lebensgefühl in einem. Und den Raum, von dem da die Rede ist, gibt es wirklich – in Finchley, einem Stadtteil von London, wo Jacob Collier wohnt und arbeitet.

Musikzimmer als magischer Ort

Das Musikzimmer in seinem Elternhaus sei ganze 110 Jahre alt, erklärt Jacob Collier, und sein Leben lang ein magischer Ort gewesen. Als Kind habe er dort gespielt, während seine Mutter Susan Collier, eine in England bekannte Geigerin und Professorin an der Royal Academy of Music, Bach geübt und ihre Geigenschüler unterrichtet habe. Allein durch seine Anwesenheit bei diesen Instrumentalstunden habe er „unglaublich viel gelernt“, erinnert sich Jacob Collier.

Mit seinen zwei jüngeren Schwestern sang er Bachchoräle und wirkte – vor dem Stimmbruch – als Kinderdarsteller in verschiedenen Opern und Filmen mit. „Meine Stimme ist das einzige Instrument, das ich richtig gelernt habe“, sagt er ohne Koketterie. „Ich hatte klassischen Gesangsunterricht.“ Aber regelmäßige Klavierstunden? Fehlanzeige bei Jacob Collier. „Noch mit 15 Jahren hatte ich keine Ahnung, wie man Klavier spielt. Ich benutzte die Daumen in Kombination mit dem ersten und zweiten Finger jeder Hand, um Akkorde zu greifen. Melo­dien konnte ich so keine spielen.“

Autodidaktisch brachte er sich das Klavierspielen bei, um dann zwei Jahre lang einen Jazzkurs an der Royal Academy of Music zu belegen. Zu seinen Dozenten gehörte Gwilym Simcock, ein walisischer Jazzpianist mit einer Vorliebe für Keith Jarrett. Nach einem seiner Gigs sprach Jacob den Künstler an und bat ihn um eine persönliche Klavierstunde. „Ich war dann bei ihm zu Hause, es war aber keine typische Klavierstunde – wir haben uns einfach unterhalten, drei bis vier Stunden lang, wir spielten auch ein wenig.“ Wie er all diese Melodien spielen könne, fragte er Mr. Simcock. Dessen Botschaft war einfach, aber wertvoll: „Wenn ich es hören kann, kann ich es auch spielen“ – eine Einsicht, die sich exakt mit Jacob Colliers eigenem Erfahrungshorizont deckte.

Lernt man so die nötige Technik, um Jazzpiano auf einem Niveau zu spielen, wie man es auf dem aktuellen Album hören kann? „Gwilym sagte mir auch: Wenn du ein paar Monate lang Tonleitern spielst – was ich bis dahin noch nie gemacht hatte – wirst du mehr Dinge hören als zuvor. Er hatte Recht: Nach zwei bis drei Monaten Tonleiterübungen hat sich meine Spieltechnik tatsächlich kon­tinuierlich verbessert.“

Pro Tag zwei Alben durchgehört

Bereits mit sieben Jahren machte Jabob Collier seine ersten Erfahrungen mit Cubase und merkte schnell, wie man sich mit Hilfe von Recording-Software musikalisch verwirklichen kann: „Einen Groove bauen, ein harmonisches Umfeld schaffen, in dem es sich schwimmen lässt, jammen mit Freunden oder der Familie“. Mit 11 Jahren stieg Jacob auf Logic um, dem er bis heute treu geblieben ist. „In gewisser Hinsicht ist das mein Hauptinstrument, wenn ich in mein Zimmer gehe. Ich weiß, wie man damit alle Klänge erzeugt, die ich in meinem Kopf hören kann.

Das Musikzimmer füllte sich zunehmend mit weiteren Instrumenten, Jacobs Kopf mit musikalischen Ideen. Die täglichen Fahrten zur Royal Academy of Music erwiesen sich dabei als Katalysator. „Da ich eine gute Stunde Fahrt von zu Hause zur Academy hatte, hörte ich mir jeden Tag zwei Alben an – eines auf der Hinfahrt, eines auf dem Rückweg. Das waren gut sechshundert hervorragende Alben aus allen Genres, die beste Musikausbildung, die man bekommen kann.“

Das Musikzimmer wurde von Jacob jetzt immer mehr vereinnahmt, die Mutter musste sich einen anderen Raum im Haus für ihre musikalischen Aktivitäten suchen. Heute beherbergt der Raum neben einem Klavier einige Keyboards und Synthesizer, Kontrabass, Schlagzeug, Streich- und Zupf­instrumente, Flöten, Percussion-Instrumente sowie Mikrofone und Computer. Und natürlich Video-Kameras, denn Jacob Collier ist auch ein YouTube-Star. Mit 17 stellte er sein erstes in Eigenregie produziertes Video ins Netz, „Don’t You Worry Bout a Thing“ aus der Feder von Stevie Wonder, dessen Musik zu Jacob Colliers größten Inspirationsquellen gehört. In Split-Screen-Technik macht Jacob Col­lier sein Talent als Multivokalist und -instrumentalist auf YouTube für jedermann sichtbar.

Allerdings kopiert Jacob Collier nicht einfach seine Leitbilder, zu denen auch Quincy Jones, Herbie Hancock oder Bobby McFerrin gehören. Er hat viel an musikalischen Eindrücken und Einflüssen aufgesaugt und lässt es jetzt raus – auf seine eigene Art. Für ihn habe sich Musik immer mehr zu einer eigenen Sprache entwickelt, analysiert Jacob Col­lier, er habe sich „musikalische Rahmen“ geschaffen, in denen sich das Gehörte und Gelernte einordnen ließ. Allerdings sei es wichtig, diese Rahmen durchlässig zu halten, um musikalisches Wachstum nicht zu behindern.

Instrumente nebenbei lernen

Bass und Schlagzeug habe er tatsächlich nur durch das Produzieren von Musik gelernt, lacht Jacob Collier. „Ich habe nie Stunden genommen oder richtig geübt. Aber ich spiele Bass und Schlagzeug ständig in meinem Kopf. Wenn ich die Straße entlang gehe oder mir ein Album anhöre, isoliere ich zum Beispiel das Spiel des Bassisten: Wie ist sein Feeling, wo ist er auf dem Beat, treibt er vorwärts oder bremst er? Schon als Kind habe ich Rhythmen auf dem Küchentisch, auf der Schulbank getrommelt, auf meinen Knien. Ich nehme an, ich habe jahrelang geübt, einfach durch dieses Tun.“

Besonderes Augenmerk widmet Jacob Collier seinen Gesangs-Arragements. „Ich singe alle Stimmen selbst ein und vermeide alle nachträglichen Tonhöhenkorrekturen. Einzige Ausnahme: „Für die Bassstimme verwende ich gelegentlich ein Oktaver-Pedal, um die ganz tiefen Bässe zu erreichen. Ich finde es interessant auszuloten, was man mit einer Stimme anstellen kann, bevor man zu elektronischen Hilfsmitteln greift.“

Die komplizierten Gesangsarrangements habe er zunächst komplett ausnotiert, neuerdings aber festgestellt, dass er Zeit sparen könne, wenn er auf das Aufschreiben der Noten verzichte. Beispiel: „You and I“ auf dem aktuellen Album. „Hier habe ich gar nichts aufgeschrieben, keinen Plan gemacht. Ich habe einfach angefangen zu singen und Harmonie auf Harmonie geschichtet. Das Arrangement kam direkt aus meinem Kopf. Ich saß nicht einmal am Klavier, um die Harmonien auszuprobieren. Am

Ende waren es an die 60 Stimmen.“ Kaum zu glauben: Bis vor zwei Jahren hat Jacob Collier sämtliche Stimmen und akustischen Instrumente mit einem Shure SM58 aufgenommen. „Erst dann habe ich mir ein paar nette Aufnahmemikrofone geleistet“, ergänzt er lachend. Auch das Abmischen der Songs erledigte das junge Multitalent gleich selber. Nur für das aktuelle Album modifizierte er seine Arbeitsweise: Mit dem kompletten Mixtrack reiste er nach LA, um seinen Aufnahmen im Studio von Ben Bloomberg den letzten Schliff verpassen zu lassen. „Wir haben noch verschiedene Sounds angepasst, da die Auswahl an Plug-ins im Studio wesentlich größer war. Und wir haben einiges an analogem Equipment verwendet. Den Bass haben wir mit einem fantastischen Bass-Kompressor bearbeitet, den sie dort im Studio haben.“

Mit Ben Bloomberg verbindet ihn noch etwas anderes: „Er hat einen Harmonizer für mich entwickelt, den es in dieser Form nur einmal auf der Welt gibt. Damit kann ich meinen mehrstimmigen Gesang auch live reproduzieren, indem ich beim Singen Akkorde am Keyboard greife.“ Das Ergebnis klingt freilich artifizieller als bei den im Studio eingesungenen Gesangspassagen, doch Jacob Collier kann auch dem etwas Positives abgewinnen: „Es macht mir Spaß, dies als neues Konzept zu erkunden – für mich klingt es cool.“

Arrangieren mit Humor

Ohnehin ist für Jacob Collier Musik ein reines Abenteuer, sein Musikzimmer ein Wunderland, das die ungewöhnlichsten Kreaturen hervorbringt. Um sich diesen zu nähern, sollte man sich das Album mindestens einmal komplett über Kopfhörer an­hören – manche Feinheiten der Arrangements erschließen sich so am schnellsten. In den Nischen und Nahtstellen der Arrangements entdeckt man noch etwas anderes, was die Werke von Jacob Collier auszeichnet – einen schalkhaften Humor, der die Titel davor bewahrt, in musikalische Fleißauf­gaben abzudriften. Kann es auch eine Bürde sein, wenn man so vor Ideen sprüht, wenn das Musikergehirn ein System mit permanenter Überlaufgefahr ist? Jacob Collier lacht – auch weil ihm diese Frage nicht zum ersten Mal gestellt wird: „Ja, es kann ein Problem sein, zu viele Ideen zu haben – es ist aber auch sehr aufregend. Was man braucht, ist der Mut, Ideen wenn nötig zu verwerfen.“

Eine ganz neue Erfahrung sei es für ihn gewesen, Songs nicht zu arrangieren, sondern auch zu komponieren: 8 der 11 Songs auf dem Album „In My Room“ stammen aus Jacob Colliers Feder. Einige habe er erst komponiert und anschließend in dem für ihn typischen Stil arrangiert, andere seien „direkt aus mir herausgeflossen“. Bei solchen Sätzen bekommt man eine Vorstellung davon, wie Mozart einst auf seine Zeitgenossen gewirkt haben muss – zumindest, wenn man sich an den gängigen Mozart-Klischees orientiert. Unter den vielen Musik­artisten im Internet, deren Wirkung sich häufig im „Schneller-höher-weiter“ erschöpft, ist Jacob Col­lier ein junger Musiker mit genialischen Zügen, mit Substanz. Nicht weiter verwunderlich, wenn sich eine Jazzgröße wie Quincy Jones zu folgendem Satz hinreißen lässt: „Never in my life have I seen a talent like him. Jacob Collier is one of my favorite young artists on the planet – absolutely mind-blowing“. („Noch nie in meinem Leben habe ich ein Talent wie ihn gesehen. Jacob Collier ist einer meiner Lieblingsnachwuchskünstler auf diesem Planeten – absolut unglaublich“). Auch Jamie Cullum, Pat Metheny oder Herbie Hancock sind voll des Lobs. Wie ordnet er selbst solche Ovationen ein? „Yes, that’s really something“, meint er lachend, um dann mit britischem Understatement fortzufahren: „Wenn Leute wie Quincy Jones oder Herbie Hancock Spaß daran haben, meine Musik anzuhören, macht mich das sehr zufrieden. Aber es ändert gleichzeitig nichts an meinen eigenen Beweggründen, Musik zu machen.“