Norman Garschke (HOFA) im Interview: Warum Recording mehr ist, als Knöpfchen drücken

Norman Garschke hat als Produzent, Audio Engineer, Dozent und Musiker täglich mit Recording-Themen zu tun. Im tastenwelt-Interview erklärt er, worauf es beim Mixen ankommt, was man dabei für die Live-Musik lernt und dass die eingesetzte Technik kein Selbstzweck ist.

Was zeichnet einen guten Mix aus?

Es kommt auf zwei große Teilbereiche an – einen musikalischen und einen technischen. Das oberste Ziel, das wir auch bei HOFA-Training vermitteln wollen, ist die Musik selbst. Sie soll so gut, so deutlich und so unverfälscht wie möglich auf das Aufnahmemedium transportiert werden. Es kommt dabei aber auf den Geschmack der Band, des Kom­ponisten, Arrangeurs oder Produzenten an – und wie sich alle Beteiligten den Klang eines Songs vorstel­len. Das reicht von der naturge­treuen Ab­bil­dung des Büh­nensounds bis zum genau­en Gegenteil und bietet dazwischen viele verschiedene Abstu­fungen. Es ist auf jeden Fall wichtig, eine innere Klangvor­stellung vom musikalischen Ergebnis des Mixes zu haben.

Das ist die musikalische Seite. Wie sieht es mit der technischen aus?

Die technische Seite ist konkreter. Alle musikal­i­schen Elemente, die in einem Song vorkom­men, die in dem Arrangement verwendet werden, sollen deutlich und dem Song dienlich untergebracht werden. Sie sollten so abgebildet werden, dass sie zusammen den Song als Gesamtgebilde bauen.

Worauf kommt es dabei an?

Das A und O sind gute Lautstärkeverhältnisse und eine sinnvolle Verteilung im Stereo-Panorama. Das sind zwei vermeintlich einfache Arbeitsschritte, aber das ist letztendlich schon die halbe Miete für einen guten Mix. Die Voraussetzung dafür ist natür­lich, dass die Aus­gangssignale bereits entsprechend gut klin­gen.

Technische Hilfsmittel sind also verzichtbar?

Das würde ich so nicht sagen. Man kann aber allein mit drei mächtigen Werkzeugen schon einen sehr guten Mix hinbekommen: Das erste sind die Laut­stärkeverhältnisse, das zweite die Signalver­teilung im Stereo-Panorama und das dritte sind die mäch­tigen Möglichkeiten der Automation, die heute jede Soft­ware-DAW bietet. Damit können die Ein­stel­lun­gen der ersten beiden Werkzeuge im Verlauf eines Songs auto­matisiert werden.

Woher kommt diese Einstellung?

Ich erlebe oft, dass unerfahrene Schüler sofort mit EQing und Kompression anfangen, sich aber nicht um eine gesunde Lautstärkestruktur der Signale kümmern. Es ist wohl viel interessanter, mit EQs, Effekten und Komp­­ressoren zu spielen. Aber das Grundlegende, die ausgewogenen Lautstärken, wird sehr häufig unter­schätzt.

Was steckt hinter der allgegenwärtigen Forderung nach einem transparenten Mix?

Letztlich geht es darum, jedem Instrument seinen Frequenzbereich zuzuordnen und ihm seinen eigenen Platz im Mix zu geben. Hier darf sich jedes Instrument eta­blie­ren und auch austo­ben. Man muss aber ein­schränken, dass das sehr vom Arran­ge­ment eines Songs abhängt. Dieses darf nicht überladen sein mit sich doppelnden musikalischen Elementen oder sich über­lappenden Registern. Wenn im Arrangement eines Songs schon Feh­ler sind, kann man die Folgen hinterher im Mix kaum korrigieren. Musik und Technik greifen hier sehr stark ineinander.

Sollte man vor eigenen Recording-Versuchen sein Ge­hör trainieren?

Trainieren ist auf jeden Fall immer gut. Live-Musiker tun das sowieso schon ein Stück weit, indem sie sich ein­fach sehr viel mit Musik beschäftigen, sehr viel hören und sich dann Gedanken darüber machen, wie sie selbst klingen wollen. Ein Training, das die Sinne sehr schärft: sehr viele CDs hören, die man mag – möglichst unter immer den gleichen Bedin­gungen. Also mit den gleichen Boxen im gleichen Raum. Man wird dann die Problem­bereiche nach und nach heraushören oder feststellen, dass be­stimm­te Elemente dynamisch oder klanglich bear­bei­tet sind, dass sie nicht so klingen, wie in der Realität.

Wie kann man sich noch auf erfolgreiches Recording vorbereiten?

Hören ist der erste Schritt, ein weiterer ist einfaches Trial-and-Error. Man kann sich Mixe in seine DAW laden und im Analyzer optisch analysieren: Was passiert bei einer Bass-Drum? Wo bewegt die sich eigentlich im Frequenzspektrum? Oft höre ich die Frage: Wie kriege ich meinen Bass oder meine Bass-Drum fett, rund oder warm? Das sind aber subjektive Begriffe, die man für sich selbst erst einmal defi­nie­ren muss. Und das passiert durch intensives Hören und Analysieren – auch visuell.

Im Kurs „Mixes“ begutachten Sie den Sound eingesandter Songs. Gibt es Fehler, die immer wieder auftreten, und wie vermeidet man sie?

Wie in der ersten Frage kann man technische und musikalische Komponenten unterscheiden, die gleich wichtig sind. Schließlich geht es um die Musik und nicht um die Kurbelei an irgendwelchen EQs oder Kompressoren. Die technischen Probleme, denen wir oft begegnen, sind Probleme im Bass. Entweder sind die tiefen Frequenzen zu intensiv gemischt oder genau das Gegenteil; dann fehlen wichtige Bassfre­quenzen. Das lässt sich auch für den obersten Höhen­bereich sagen. Im Mittenbereich – besonders, wenn es um gitarrenlastige Musik geht – erlebe ich oft, dass wich­tige Mitten eher rausgedreht, als song­dienlich verwen­det werden. Es ist ein seltsames Phä­nomen, aber es passiert relativ oft.

Ist es bei fehlenden Frequenzen eher das Problem, dass sie heraus gemischt werden oder dass sie bei der Auf­-nahme nicht vor­-han­den waren?

Bei den Mixes, die in unseren Fern­kur­sen abgegeben werden, stammen die Aufnahmen aus unserem Tonstudio, und das Ausgangsmaterial passt. Die Idee von HOFA-Training ist ja gerade, dass die Schüler Spuren an die Hand bekommen, die zwar nicht perfekt sind, die aber eine reale, gute Ausgangsbasis einer Produktion bilden. Da wird nichts speziell gut oder schlecht gemacht für die Aufgaben. Es geht darum, dass die Schüler mit diesem Material ins kalte Wasser einer Mix-Situation geworfen werden, mit Spuren, die sie vielleicht in ihrem Heimstudio auf diesem Niveau und in dieser Qualität nicht erreichen könnten. Ein Schlagzeug, aufgeteilt in 18 Einzelspuren, das kann nicht jeder selbst erstellen.

Das erleichtert natürlich ihre Bewertung der eingesandten Mixes ...

Nicht nur das. Dadurch haben die Schüler auch die Möglichkeit, nicht nur für die Dauer des Kurses, sondern auch danach noch mit dem Material zu experimentieren und besser zu werden. Ich empfeh­le zum Beispiel auch, unbedarft und extrem zu experi­mentieren und zu beobachten, was passiert, wenn man diese oder jene Einstellung vornimmt. Wenn man das oft und mit unterschiedl­ichem Material macht, bekommt man ein sehr gutes Gehör und ein Gespür für die Arbeit beim Mixen.

Was sagen die angesprochenen Defizite im Bass oder den Höhen dann über die Situation in den Homestudios ihrer Schüler aus?

Dass der Bass oder der Höhenbereich zu präsent oder unterrepräsentiert ist, lässt darauf schließen, dass die Akustik in den jeweiligen Heimstudios nicht optimal ist. Oft überlagern sich bestimmte Frequen­zen und schaukeln sich so auf, dass man denkt, man müsse den Bass raus drehen – oder eben genau das Gegenteil. Akustik in Homestudions ist ein riesiges Thema.

Kann man sagen, die Akustik im Homestudio ist tendenziell suboptimal, und der bessere Weg wäre der Kopfhörer?

Jein. Der Kopfhörer ist sicher ein sehr gutes Tool, um die Schwächen des Raums teilweise auszu­glei­chen und um sich einen möglichst realen Eindruck des Mixes zu verschaffen. Ich rate aber eher dazu, den Raum dahingehend zu verändern, dass man darin auch ohne Kopfhörer gut arbeiten kann, weil der Kopfhörer auch bestimmte Nachteile mit sich bringt.

Welche?

Die Stereo-Abbildung ist zum Beispiel nicht real in einem Kopfhörer. Es ist ein sehr idealisiertes Stereo­bild, das man so in der Luft oder über zwei Abhör­boxen nicht hören würde. Ein weiteres Problem ist der meist überpräsente Bassbereich.

Sie brechen also eine Lanze für die Handwerker, die den Musikern Homestudios errichten?

Oft ist es nur die Aufstellung der Boxen. Da braucht man nicht mal Akustikmodule. Es kommt einfach darauf an, wo das Mischpult, die DAW und die Monitore stehen – und schon hört man besser. Bei Umbaumaßnahmen reichen außerdem meist schon wenige geschickt platzierte Akustikmodule, um den Raum so zu verändern, dass man besser hört. Bei HOFA bieten wir diese Module auch selbst an und geben Tipps, wie man den Raum sinnvoll umgestal­ten kann.

Das hört sich schon nach Aufwand an.

Das muss jeder für sich entscheiden, aber es gibt da eine sehr passende Parabel: Wenn ich im Foto­labor unter Rotlicht ein Gemälde betrachte, werde ich nicht alle Farben realistisch sehen können. Genauso ist es in einem Raum mit schlechter Akustik: Ich werde nicht alle Frequenzen in der realen Staffelung hören können. Genauso wie das Rotlicht alles auf dem Gemälde in Rot taucht, lässt mich der Raum nicht alles hören, was im Mix oder in den Spuren vorhanden ist. Deshalb kann ich letztlich nur falsche Entscheidungen treffen beim Mixen. Je besser die Raumakustik, desto besser sind die Voraussetzungen für einen guten Mix.

Bei HOFA-Training geht es überwiegend um Recording-Fernkurse. Sollten Live-Musiker auch so einen Kurs besuchen?

Live-Spielen und die Möglichkeit, das Gespielte aufzunehmen, sind heute sehr stark zusammen­gewachsen, so dass sich Live-Musiker mit irgend­einer Form des Recording eh schon befassen. Ich denke, dass Home-Recording heute mehr oder minder alle Musiker betrifft, denn man kann mit kleinem Budget, mit Audio-Interfaces und Computern wirklich schon gute Aufnahmen machen.

Welchen Kurs würden Sie Live-Musikern empfehlen?

Einen sehr guten Einstieg für Leute, die noch keine große Erfahrung mit Home-Recording haben, bietet der Kurs „HOFA-Training BASIX“. Hier lernt man die Grundlagen kennen, die Geräte, die vielen Möglich­keiten, die akustischen Gege­benheiten, aber auch die musikalischen Kom­po­nenten und die Rückwir­kung auf die Live-Situation.

Was kann man nach so einem Kurs?

Es ist der Einstieg in die Materie. Es werden die Zusammenhänge und die gesamten Eingriffs­mög­lichkeiten erklärt: Wie kann Musik über­haupt aufgenommen werden? Wie funktionieren Mikrofone, und welche sind die wesentlichen Unter­schiede bei den Mikrofonen? Wie kommt die Information überhaupt in den Rechner und warum? Wie kann ich diese Aufnahme bearbeiten und wie kann ich sie so bearbeiten, dass sich meine musika­lische Klangvorstellung umsetzen lässt.

Hier sind wir wieder beim Anfang ...

Es geht aber auch darum, dass man nur nicht blind rumdreht, sondern dass man schon ein bisschen vorausahnen kann, in welche Richtung sich ein Mix entwickeln wird. Es werden EQ-Möglichkeiten vorgestellt, es wird erklärt, wie die Dynamik­bearbeitung funktioniert. Wir gehen darauf ein, was es für Möglichkeiten der räum­lichen Manipulation gibt – also Reverb, Delays oder alles, was mit zeitverzö­gerten Effekten zu tun hat. Alle Möglichkeiten werden hier erst ein­mal grundlegend erklärt, wirklich so, dass es jemand ka­piert, der sich vorher noch nicht damit bes­chäftigt hat.

Kann man so etwas wirklich in einem Fernkurs lernen?

Ja. Man bekommt jeden Monat ein Kursheft von ungefähr 100 Seiten, in dem die Theorie erklärt ist. Dazu gibt es Selbstlern-Aufgaben mit klei­nen Hörbeispielen auf einer DVD, und als Abschluss zu jeder Kurs­einheit gibt es dann eine kleine Praxis-Mischung einer Pro­duktion, die hier in den Studios stattge­fun­den hat und die die Schüler dann auf ihrem eigenen System mischen sollen und zu denen die Dozenten ihr Feedback abgeben.

Kann man als Live-Musiker oder -Mischer vom Gelernten eines Recording-Kurses profitieren?

Die Vorgänge sind zwar nicht absolut iden­tisch, überlappen sich aber sehr weit. Ich sage es grundlegend: Eine Beschäftigung mit Mixing in einer Studio- oder Homerecording-Situation ist eine viel detailliertere, fokussiertere Beschäf­ti­gung mit dem Audio-Signal. Man geht viel feiner in die Strukturen rein, als das ein Live-Mischer tun würde. Ein Live-Mischer konzen­triert sich auch auf Lautstärkeverhältnisse, auf Panorama und sicherlich auch auf Effekte und Dynamik, aber in einem viel gröberen Raster, als das jemand tut, der kleinteilig an einer Produktion bastelt. Hier blickt man mehr in die Tiefe dieser ganzen Arbeitsvorgänge, die live auch eine große Rolle spielen und kriegt dafür ein viel feineres Gespür.

Ihr abschließender Recording-Tipp?

Die Einstellung, Fehler beim Mixen beheben zu wollen, ist falsch: Sehr gute Ausgangssignale sind das A und O für jede Art von Produktion. Das fängt mit einem guten Raum an, der das unterstützt, was man erreichen möchte und hört bei der Auswahl der Mikros noch längst nicht auf. Eine gute Positionierung der Mikrofone ist tausendmal wichtiger als späteres Equalizing oder anderweitige Bearbeitung. Letztlich kann man durch die Positionierung der Mikrofone schon im Vorfeld 50 Prozent des Jobs machen. Kurz: Schon bei der Aufnahme gucken, dass man Signale bekommt, mit denen man gut und sauber arbeiten kann. Das wird auch einen gu­ten Mix nach sich ziehen. Die musikalische Sei­te ist natürlich mindestens genauso wichtig, jedoch von anderen Faktoren abhängig – aber das hatten wir ja schon am Anfang.