Blues-Pianist Paddy Milner im Interview: Mit Weltstars auf Tour

Paddy Milner hat gleich zweimal, 2012 und 2015, die „British Blues Awards“ in der Kategorie „Keyboard Player“ gewonnen. 2016 war er als Mitglied der Tom-Jones-Band auf Welt-Tournee, vorher hatte er unter anderem in der Band der Bass-Legende Jack Bruce († 25.10.2014) gespielt. Warum er von vielen Weltstars als Keyboarder gebucht wird, erzählt Paddy Milner im Interview mit tastenwelt-Autor Detlef Gödicke.

Sie sind auf dem Weg zu einer Studio-Session. Was liegt an?

Ich bin gerade dabei, ein Album mit meinem neuen Trio Londonola aufzunehmen.

Wie entsteht bei Ihnen das Songmaterial?

Es gibt kein Schema oder eine Methode, ich gehe auch nicht in ein Studio, um zu komponieren. Die Songs entstehen an den unterschiedlichsten Plätzen und in verschiedensten Situationen. Manchmal laufe ich die Straße entlang, etwas Merkwürdiges oder Lustiges passiert, und schon ist eine Song-Idee im Kopf, die ich dann versuche, am Klavier umzusetzen und weiterzuentwickeln.

Haben Sie ein Tonstudio zu Hause?

Nein, nur einen Computer mit Recording-Software, ein Audio-Interface und die Instrumente, allerdings auch eine kleine aber feine Mikrofonsammlung für Klavieraufnahmen – so kann ich auch im Haus von Fall zu Fall Einspielungen machen.

Für einen Mittdreißiger ist die Liste der Musiker, mit denen Sie schon zusammen gearbeitet haben, außergewöhnlich. Wie kam es dazu?Ich wuchs in einer sehr musikalischen Familie auf, mein Vater spielte in einer Band britischen Folk, nahm mich mit zu Konzerten, und es stand immer ein Klavier im Haus. Mein erstes Instrument in der Grundschule war aber eine Blockflöte.

Sie spielen auch Akkordeon, kam das Instrument zu Ihnen oder Sie zum Instrument?

Mein Vater spielte in seiner Band Melodeon/Handharmonika. Später bat man mich, bei einigen Auftritten auch Akkordeon zu spielen, z.B. in der Band von Sandi Thom. In ihrer Musik kam das Akkordeon häufig vor.

Und bei Tom Jones?

Das ergab sich durch seine Setliste: Die Band spielt eine ganze Reihe von Songs mit Cajun- und Zydeco-Einflüssen, zudem wurden viele seiner Welthits neu in diesem Sound für die aktuellen Live-Shows arrangiert oder hatten in früheren Jahren ohnehin schon das Instrument in der Produktion dabei. Fast ein Drittel der Shows mit Tom spiele ich Akkordeon, und es macht wirklich Spaß.

Wie wurde das Klavier zu Ihrem Hauptinstrument?

Ich hatte irgendwann keine Lust mehr, Blockflöte zu spielen. Meine Eltern entschieden, es wäre vielleicht eine schöne Sache, ein Klavier im Haus zu haben, und ich wurde „auserwählt“, Klavierunterricht zu nehmen – zu der Zeit nicht unbedingt das, was ein neunjähriger Junge als Alternative zum Fahrradfahren mit Kumpels liebt.

Eine Einstellung, die sich dann änderte?

Ja, irgendwann legte mein Vater eine CD-Aufnahme von John Mayall mit einem auf dem Klavier gespielten Blues ein. Ich verliebte mich sofort in diesen Sound, war infiziert und verbrachte fortan meine gesamte Freizeit damit, etwas Ähnliches hinzubekommen. Meine Klavierlehrerin zeigte mir die klassischen Basics, nach dem Wechsel zu einem Klavierlehrer, der auch im Jazz zu Hause war, brachte dieser mich endgültig in die Richtung.

Wann und wie kamen Sie in Kontakt mit elektronischen Tasteninstrumenten?

Mit 13 Jahren brachte mich mein Vater zu ersten Auftritten mit lokalen Bands, und meine Eltern kauften für die Gigs ein Yamaha P-100, ein Stage-Piano mit 88 Tasten. In den Folgejahren spielte ich oft mehrmals die Woche abends in Clubs der Gegend und war in der Schule am nächsten Tag entsprechend müde. Schon so früh auf der Bühne zu stehen und mit älteren Musikern zu spielen, war auf der anderen Seite ein fantastisches Training zur weiteren Entwicklung meiner Musikalität.

Bekamen Sie von den Bands Noten?

Nein. Es war eine sehr freundliche Musikszene, und durch die Besuche der Konzerte zusammen mit meinem Vater wusste ich in etwa, was die Bands spielten, es waren meist Rhythm & Blues-Songs, die auf dem 12-Takte-Blues basierten.

Und die musikalische Ausbildung in der Schule?

Ich besuchte eine weiterbildende Schule mit Schwerpunkt Musik, dort sog ich alles auf, und Musik wurde immer mehr der Lebensmittelpunkt.

Dennoch begannen Sie in London ein Physikstudium?

Ja, meine Großeltern lebten im Süden Londons, ich war des öfteren bei Ihnen zu Besuch, liebte die Großstadt und ihre Energie. Physik hatte mich immer interessiert, nach einem halben Jahr merkte ich aber sehr schnell, dass ich die falsche Entscheidung getroffen hatte. Und so begann nach einer Auszeit ein klassisches Musikstudium am King’s College und der Royal Academy of Music.

Was fasziniert Sie besonders an London?

Die Musikszene in England ist einmalig. Es ist ein intensiver Schmelztiegel aus Musikern, Clubs, Studios und Musikindustrie, optimal für den Wunsch, eine Musikkarriere zu starten. Es gibt immer irgendwo Jam-Sessions, so gerät man sehr schnell in die Szene und lernt Kollegen kennen.

Beschreiben Sie Ihre Ausbildung am King’s College.

Ich durchlief ein klassisches Klavierstudium an der Royal Academy of Music, belegte aber zusätzlich die anderen akademischen Fächer am King’s College. Mein Fokus dort: zeitgenössische Komposition des 20. Jahrhunderts. Populäre Musik war jedoch an beiden Hochschulen alles andere als gern gesehen.

Wann entdeckten Sie Ihr Talent zum Komponieren?

Ich fing schon mit 11 Jahren an, meine ersten Songs zu schreiben, die Zuhörer fanden sie großartig, ich in der Nachbetrachtung eher furchtbar – aber, es war ein Anfang.

Sie singen hervorragend, wann haben Sie dieses Talent entwickelt?

Es gibt kein Instrument, das derart direkt aus dir selbst kommt wie die eigene Stimme; sie befreit und gibt die Möglichkeit, sich sehr expressiv auszudrücken. Ich habe mich stets als singender Pianist verstanden und nicht als Sänger und Pianist in Personalunion.

Welche elektronischen Tasteninstrumente besitzen Sie?

Zunächst eine Hammond C3, mein „kleines Baby“. Vor etwa 14 Jahren war ich auf der Suche nach einer Orgel, las in der Londoner Zeitung von jemandem, der ein Instrument verkaufen wollte und wählte die angegebene Telefonnummer. Der Verkäufer wohnte nur eine Straße weiter, und sofort war klar, das Schicksal hatte genau diese Orgel für mich ausgesucht. Zur „Baby-Familie“ gehört noch ein Rhodes Mark II, einige MIDI-Keyboards und eine Hohner Melodica.

Schon Ihre erste Solo-CD wurde ein großer Erfolg. Wie kam es dazu?

Das Physik-Studium war abgebrochen, und ich nutzte die Auszeit, um das Album in einem kleinen Tonstudio einzuspielen. Es war eine „Low-Budget-Produktion aus eigener Tasche“, und befreundete Musiker, die ich mittlerweile in London kennengelernt hatte, halfen mir dabei. Robbie McIntosh, der Gitarrist von Paul McCartney und den Pretenders, spielte Gitarre auf dem Album. Einige seiner ebenfalls prominenten Freunde promoteten das Album, so gelangten Berichte in die Zeitungen und die Songs ins Radio.

Und Ihr Kontakt zu Dave Brubeck?

Ich hatte auf meiner zweiten Solo-CD eine Neufassung der Komposition „Unsquare Dance“ (eine Komposition im 7/4-Takt, Anm.d.Red.) von Dave veröffentlicht. Er hörte sie, war begeistert, und bei einem seiner Gastspiele in London machte man uns bekannt. Dave’s Wohlwollen sprach sich in der Szene in Windeseile herum, und die CD wurde überall in Europa von den auf Jazz oder Rhythm & Blues spezialisierten Radiosendern gespielt.

Sie werden mittlerweile von vielen großen Musikern als Pianist angefragt. Gibt es für Sie dafür ein Erfolgsrezept?

Man muss „auf der Straße“ sein, zu Jam-Sessions gehen und Kontakte knüpfen. Ich war nie der introvertierte Typ, der zu Hause darauf wartet, dass das Telefon klingelt. Die Londoner Szene ist unglaublich, man spielt auf einer Jam-Session, und es stellt sich heraus, dass der Schlagzeuger bei dem einen Star spielt und der Gitarrist bei einem anderen. Nach und nach wird man so herumgereicht. Macht man dazu einen guten Job, sagt nie Auftritte ab, ist freundlich und zuverlässig, werden es immer mehr Jobs.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich spielte mit Eddie Martin, einem fantastischen Blues-Musiker aus Bristol, im „100 Club“ in London. Eddie kannte Pete Brown, der für viele Songs der Band „Cream“ die Texte geschrieben hatte. Pete war auch im Club und lud mich in sein Haus ein. Wir schrieben einige Songs für mein zweites Album, und Pete brachte mich mit Gerry Bron, dem Inhaber von Bronze Records, zusammen. Dadurch wurde die CD in ganz Europa veröffentlicht, Dave Brubeck konnte das neue Arrangement seines Songs hören und Gerry sorgte für das persönliche Treffen mit Dave in London. Mit Jack Bruce, dem Bassisten von Cream, spielte ich später bis zu seinem Tod 2014 in dessen Band.

Wo liegt Ihrer Meinung nach der Unterschied zwischen der britischen und der amerikanischen Art, den Blues zu spielen?

Ich denke, der amerikanische Blues ging sehr stark aus den sozialen Bedingungen des Landes hervor, dem afrikanischen und französischen Einfluss, dem Mix unterschiedlicher Herkunft und Kulturen, auch irische Traditionen – ein einziger großer Schmelztiegel, besonders stark im Süden des Landes, z.B. in New Orleans. Über viele Jahrzehnte hat die Musik dort eine ganz besondere Art von Gefühl, Swing und Rhythmik entwickelt, während Rhythm & Blues in England, beeinflusst durch die eigene britische Folkmusik, eine ganz andere Entwicklung genommen hat.

Wer brachte Ihnen bei, amerikanisch Blues zu spielen?

Die Ohren, das Gefühl und viele Erfahrungen. Zunächst hört man diese Art, den Blues zu spielen, dann beginnt man es zu spüren. Aber nichts ist vergleichbar mit der Situation, in einem Raum mit einer Band Musik zu machen und zu erfahren, wie diese Musiker wirklich von Grund auf gleich swingen. Dieses Gefühl kann man nur bis zu einem gewissen Grad akademisch analysieren.

Wie kamen Sie mit David Gilmour von Pink Floyd zusammen?

Das lief über Phil Manzanera von Roxy Music. Ich nahm mein zweites Album bei ihm im Studio in London auf, er ist einer der ältesten Freunde von David und schickte die Empfehlung weiter, als dieser einen Pianisten brauchte. Es war sehr aufregend, mit ihm zu arbeiten.

Aktuell spielen Sie in der Band von Sir Tom Jones. Wie kam das zustande?

Das geschah über Robbie McIntosh, der mich bereits aus der Zeit in Dorset kannte und über die gesamte Zeit eine Art Mentor wurde. Über sein Engagement als Gitarrist in der Band von Paul McCartney und bei den Pretenders aus den USA kam Robbie schließlich zu Tom, spielte dort bereits mehrere Jahre. Und als der Keyboarder die Band verlassen wollte, brachte Robbie mich ins Gespräch. Seiner Meinung nach passte mein Stil in die vom Rhythm & Blues geprägte Band, ich bekam einen Anruf vom Management, sagte zu und hatte den Job.

Beschreiben Sie Ihr Keyboard-Setup bei Tom Jones.

Die Keyboard-Sounds stammen von Software-Synthesizern aus einem Apple-Computer, ich spiele sie über ein Roland RD-700 GX, manchmal auch ein RD-800. Verwaltet werden die Sounds mittels Logic Mainstage, meistens ein Klavier- oder Wurlitzer-Sound. Dazu spiele ich ein Akkordeon von Hohner. Für das Monitoring verwende ich In-Ear-Kopfhörer von Ultimate Ears.

Gibt es schon neue Tour-Termine mit Tom Jones?

In der Regel genießt Tom einen arbeitsreichen Sommer in UK und anderen europäischen Ländern, zudem gibt es Gerüchte, dass er im Herbst auch in den USA touren möchte. Wir haben noch keinen Terminplan, aber ich freue mich natürlich darauf, mit Tom wieder „on the road“ zu sein.

Und was machen Sie, wenn Sie bis dahin für die Zeit bereits andere Termine zugesagt haben?

Das ist in der Tat ein endloses Problem. Zum Glück haben wir noch unser Londoner Netzwerk, und es findet sich eigentlich immer ein guter Kollege, der für mich dann einspringen kann. Die Engagements bei Tom Jones haben natürlich absolute Priorität.

Welche Projekte stehen für Sie neben der Arbeit für Tom Jones in naher Zukunft an?

Ich arbeite derzeit mit dem Gitarristen Marcus Bonfanti an einem Bandprojekt mit den Namen „Jawbone“. Wir schreiben hierfür alle Songs selbst und werden voraussichtlich im April und Mai die erste CD aufnehmen. Zusätzlich arbeite ich an meiner neuen Solo-CD „Londonola“ – hier wird die Veröffentlichung aber wohl noch einige Zeit dauern.

Und was macht Paddy Milner, wenn er nicht Musik macht?

Ich habe eine Frau, eine kleine Tochter und ein schönes Haus im Alt-Londoner Stil, das ist mein ganz besonderer „privater Blues“.