Pianist Joja Wendt im Interview: Wie man Leidenschaft für die Musik weckt

Seit einigen Jahren begeistert der Pianist und Entertainer Joja Wendt ein großes Publikum von Carnegie Hall bis „Wetten dass“ mit Klassik, Jazz, Pop und Rock. Im tastenwelt-Interview spricht der versierte Allrounder auch über sein neues Programm, mit dem er derzeit auf Deutschlandtour ist.

Pianist Joja Wendt

Herr Wendt, wo genau schlägt Ihr musikalisches Herz?

Das ist schwierig zu sagen. Ich habe die Klassik eigentlich immer genauso geliebt wie den Jazz und den Pop – ich habe also einen ziemlich breit gefächerten Musikgeschmack.

Was erwarten Sie dann von einem guten Konzertabend?

Ich möchte niveauvoll unterhalten werden. Damit meine ich die musikalischen Inhalte genauso wie die allgemeine Unterhaltung durch den Künstler. Es ist immer gut, wenn Pianisten es schaffen, ihr Publikum zu erreichen. Wie sie das schaffen, ist eigentlich egal.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, künst­lerischen Anspruch mit dem Spaßfaktor auf so besondere Art miteinander zu verbinden?

Das war ein wenig aus der Not geboren: Ich selber spielte immer besser, wenn die Stimmung gelöst war. Daher habe ich versucht, eine Atmosphäre herzustellen, in der das Publikum einfach gut drauf war. Das habe ich dann als Konzept kultiviert.

Woher kommt Ihr Antrieb, immer neue spektakuläre Ideen auf die Bühne zu bringen – etwa Tischtennis auf dem Flügel zu spielen?

Komischerweise fliegen mich diese Ideen einfach an. Ich war immer schon begeisterter Tischtennis-Spieler und habe irgendwann bemerkt, dass dabei so ein triolischer Shuffle-Rhythmus erzeugt wird (macht vor: tak, ta-dak, ta-dak). Als ich zur Wetten-dass-Sendung nach China eingeladen war, wo Tischtennis ja Volkssport ist, haben wir eine musikalische Nummer mit echten Tischtennis-Weltmeistern daraus gemacht, die zur Musik auf dem Deckel des Instruments ein Match abliefern. Eine klassische Win-win-Situation.

Und der Flügel mit pneumatischen Beinen?

In einer Biografie las ich über Franz Liszt, dass die Leute fast glaubten, er tanze mit seinem Flügel über die Bühne. Da habe ich gedacht, das müsste doch zu machen sein und mit den Leuten von Steinway gesprochen. Die haben mir dann den Flügel mit pneumatischen Beinen gebaut. So kommen mir die Ideen einfach zwischendurch.

Sie sind Steinway-Artist, also eine Art Endorser. Fühlen Sie sich am Konzertflügel am wohlsten?

Der D-Model Konzertflügel von Steinway ist wirklich eine Bank. Er klingt einfach super. Und dass ich mit einem eigenen Konzertflügel auf Tour sein kann, empfinde ich als großen Luxus. Früher habe ich immer auf verschiedenen Instrumenten gespielt und oft gedacht: der ist ja gut, der ist schlecht, der spielt sich ja schwer oder leicht. Heute habe ich immer den gleichen und denke trotzdem an verschiedenen Tagen: der spielt aber schwer, heute spielt er aber leicht. Es liegt also auch immer an einem selber …

Arbeiten Sie auch mit elektronischen Tastenins­trumenten?

Natürlich, da habe ich keine Vorbehalte. Auf der neuen Platte arbeite ich mit Orgelsounds vom Key­board und werde auch eines mit auf Tour nehmen. Ich verwende gerne Instrumente von Roland.
Welche berühmten Pianisten hätten Sie gerne einmal kennen gelernt. Vladimir Horowitz hätte ich gerne kennen gelernt und Victor Borge, einen amerikanischen Grandseig­neur der Unterhaltung, der auch ein super Pianist war. Gerne kennen lernen würde ich noch Christian Zimmermann aus dem Klassik-Genre und Keith Jarrett im Jazz-Bereich.

Auf Ihrer aktuellen Tournee präsentieren Sie eine Geschichte mit Musik unter dem Titel „Im Zeichen der Lyra“. Wie kommt man auf so einen Titel?

Die Lyra ist der Urahn aller Saiteninstrumente und damit auch der des Klaviers. Es gibt auch das Sternbild der Lyra. Nach griechischer Sage wurde es von den Göttern ans Firmament gesetzt als Symbol für alles Künstlerische, das von den Menschen geschaffen wird – im Gegensatz zum Chaos der übrigen Welt. Es ist quasi ein Zeichen der Kultur, und daher heißt mein Programm auch „Im Zeichen der Lyra“.

Worum geht es in der Geschichte konkret?

Es geht um eine Geschichte, die von mir moderiert wird. Im Zentrum der Bühne wird ein Turm stehen. Der symbolisiert die Familie der Instrumente. Beherrscht wird dieser Turm von der Königin der Instrumente, die ja seit Mozarts Zeiten die Orgel ist. Diese Orgel führt ein strenges Regiment in der Familie der Instrumente. Improvisation ist verboten. Irgendwann bricht das Klavier aus, beginnt zu improvisieren und wird aus der Familie rausgeschmissen. Im Laufe des Konzerts verbünden sich dann Instrumente mit dem Klavier. Am Ende wird der Turm zum Einsturz gebracht.

Wie werden Sie das praktisch umsetzen?

Ich werde einen Multi-Instrumentalisten auf der Bühne haben, der die anderen Instrumente wie Orgel, Geige und Gitarre spielt. So baut sich das dann nach und nach auf. Dahinter steckt übrigens noch eine übergeordnete Geschichte: Ein zehnjähriges Mädchen hat irgendwann keine Lust mehr Klavier zu üben. Als ihr Großvater das mitkriegt, nimmt er das Mädchen zur Seite und erzählt ihr die Geschichte mit den Instrumenten.

Und was soll diese Handlung dem geneigten Publikum sagen?

Dahinter steht eigentlich ein Ausspruch des Philosophen Heraklit: „Wenn du einem Kind etwas beibringen willst, fülle kein Fass, sondern entzünde eine Flamme.“ Das heißt, das Ziel eines jeden Pädagogen muss es sein, das Feuer in seinem Schüler zu entfachen, so dass das Kind für sein Instrument brennt. Dieses Programm liegt mir am Herzen. Im Gegensatz etwa zum chinesischen System, das auf musikalischem Drill beruht, bin ich der Meinung: Wenn das Kind seine musikalische Energie aus sich selber schöpft, dann wirkt sich das sehr viel fruchtbarer und produktiver aus.

Welchen Tipp geben Sie Klavierlehrern, um diese Flamme zu entfachen?

Das ist alles sehr individuell. Mein Lehrer hat es immer gut verstanden, mir zu zeigen wie er etwas spielt – das fand ich schon supertoll. Aber er hat auch immer gesagt: „Von da aus finde deinen eigenen Weg.“ Ich sollte nie nur Dinge nachspielen, sondern sie immer auch selber entwickeln.

Liegen hier auch die Wurzeln Ihrer eigenen Kreativität?

Mein Lehrer hat erreicht, dass ich meine eigene Individualität nicht nur finden, sondern auch entfalten konnte. Hier liegt auch der Grundstock meines musikalischen Werdegangs. Als Leitsatz würde ich allen mit auf den Weg geben: Nicht kopieren, sondern selbst entwerfen!