Pianist, Keyboarder & Arrangeur Andreas Gundlach im Interview: Ein Musikerleben zwischen allen Stühlen

Ausgestattet mit den Fähigkeiten eines Konzertpianisten, ist Andreas Gundlach in diversen Musikprojekten als Keyboarder und solistisch am Flügel aktiv. Bei Korg ist er zudem in die Entwicklung von Instrumenten eingebunden. Wir sprachen mit ihm über sein vielseitiges Musikerleben.

Andreas Gundlach
Andreas Gundlach: „Ich besitze ein Korg SV-1 mit Seriennummer 1 – das ist doch was.“ (Foto: Bernd Brundert)

Wie sind Sie zum Klavierspielen gekommen?

Angefangen habe ich mit der Heimorgel meines Vaters, als Fünfjähriger. Mein Vater hat Wersi- und Böhm-Orgeln im Wechsel aus Bausätzen zusammengeschraubt. Da war ich dabei: hatte den Lötkolben in der Hand und mir ständig die Finger verbrannt. Irgendwann kam dann noch der Pianostar dazu (ein in den 70er Jahren erschienenes E-Piano von Wersi, Anm. d. Red.).

Für welche Musik haben Sie sich damals interessiert?

Am meisten beeindruckt haben mich die Orgel-Platten eines Hady Wolff, Klaus Wunderlich oder Kurt Prina. Der Witz ist, dass ich die meisten Titel, die ich heute aus Pop, Rock und Klassik kenne, zuerst auf diesen Demoscheiben von Wersi gehört habe. Da waren immer wahnsinnig viele Titel drauf. Klaus Wunderlich war auch dermaßen fleißig, der hat wohl keinen Titel der Musikgeschichte ausgelassen (lacht).

Sie wurden sozusagen von Heimorgel-Cover-Versionen geprägt?

Ja, aber in dem Sinn, dass es für mich subjektiv die Originale waren. Die tatsächlichen Originale habe ich erst viel später im Radio gehört.

Wann haben Sie von der Orgel zum Klavier gewechselt?

Mit sieben bekam ich Klavierunterricht bei einer Studentin. Schon damals habe ich viel nach Gehör gespielt und eine gewisse Vorliebe für den Swing entwickelt, nachdem mich mein Vater zu Dixiebands mitgenommen hatte.

Wie ging das weiter mit Ihrer musikalischen Laufbahn?

Nach meinem Abitur in Kassel habe ich Klavier­unterricht bei einer damals bereits pensionierten Klavier-Professorin, Christa Holzweißig, genommen. Zur Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule in Dresden musste ich ja auch etwas Klassisches vorspielen.

War das neu für Sie?

Ja. Vorher hatte ich meistens nach Gehör gespielt und nie verstanden, warum ich eine Taste drücken sollte, nur weil da auf dem Papier ein schwarzer Punkt war. Der Klavierunterricht bei Frau Holzweißig war für mich wie ein Erwachen damals. Heute, mit Mitte 30, übe ich mehr als je zuvor, weil mir das so einen Spaß macht.

Was haben Sie studiert?

1995 habe ich an der Musikhochschule in Dresden den Studiengang Jazz/Rock/Pop belegt; Klavier bei Michael Fuchs und Komposition bei Rainer Lischka. Nach Abschluss meines Studiums, 1999, hatte ich dann für ein paar Jahre einen Lehrauftrag an den Musikhochschulen in Dresden und Leipzig für Jazzpiano, Improvisation und Korrepetition.

Ihre musikalischen Aktivitäten sind sehr breit gespannt. Gibt es aktuelle Schwerpunkte?

Im Moment mache ich ziemlich viele Clubgigs, bin viel mit Gregor Meyle, einem Singer/Songwriter, unterwegs. Und als Begleiter des Kabarettisten Chin Meyer, der häufig in Theatern oder Kulturvereinen auftritt.

Die FAZ hat Sie mal als „phänomenale Jazz­begabung am Klavier“ bezeichnet.

Das war bereits in meinem Abiturjahr, als wir mit der Schulbigband in Wiesbaden ein größeres Konzert hatten. Ursprünglich hatte ich schon das Ziel, in die Fußstapfen von Oscar Peterson zu treten, der mich schwer beeindruckt hat. Scheiterte natürlich an verschiedenen Dingen wie Körperfülle, Hautfarbe etcetera (lacht).

Sind Sie auch anderweitig noch als Jazzpianist in Erscheinung getreten?

Ende der 90er Jahre, als Student in Dresden, hatte ich selbst ein gut gebuchtes Klaviertrio. Wir kamen auf 100 Auftritte pro Jahr mit dem Trio und in größeren Besetzungen mit Bläsern. Mit „The Real Monday Night Long Island Ice Tea Jazzfanatics Orchestra“ haben wir jeden Montag gespielt, wenn nicht gerade Weihnachten war. Und aus der Band sind immer wieder verschiedene Besetzungen hervorgegangen.

Gehört dem Jazz letztlich Ihr Herzblut?

Ja. Aber der Jazz hat sich für mich nicht als tragfähiges Wirtschaftskonzept für eine komplette Familie dargestellt. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder.

Schön gesagt. Welche Musik interessiert Sie noch?

Alles, was harmonisch interessant, abwechslungsreich und rhythmisch intensiv ist. Und alles, was kompositorisch intelligent gesetzt ist. Nur kompliziert reicht aber nicht, es muss schon irgendwie pfiffig sein.

Neben Ihrem Musikerdasein sind Sie auch in die Entwicklung von Korg-Instrumenten eingebunden. Was sind dabei Ihre Aufgaben?

Bei den Synthesizer-Workstations habe ich viele Vorab-Testberichte von Beta-Instrumenten und Prototypen mit Verbesserungsvorschlägen für die Konstrukteure geliefert. Ich habe aber auch immer wieder Demo-Songs programmiert, z.B. für den Korg Kronos.

Und bei den Arranger-Keyboards?

Da habe ich einiges programmiert, vor allem Jazz- und Big-Band-Styles, nicht aber die Schlager-Styles. Das kann ich nicht wirklich, weil ich in dieser Musik nicht so tief drin stecke. Die Big-Band-Sachen aber übernehme ich gerne, weil ich leide, wenn andere es schlechter machen.

Was kann man dabei alles falsch machen?

Alles Mögliche, vom Bass über die Drums bis zu den Bläserparts. Pickel kriege ich auch, wenn Orgel- oder Saxofon-Stimmen ohne Expression-Veränderungen programmiert sind. Wenn alles nur auf einer Velocity-Stufe stattfindet, funktioniert das nicht.

Sind Sie als Keyboard-Vorführer ein Naturtalent – so etwas hatten Sie sich anfangs doch sicher nicht auf die Fahne geschrieben?

Angefangen hat das eher zufällig mit der Einführung des Pa1X: Als die Tour 2003 bereits begonnen hatte, ist ein Vorführer abgesprungen. In der Folge hat sich jemand bei Korg & More an mich erinnert und den Vorschlag gemacht: Ruft den mal an! Es passte in meinen Terminkalender, so ging das los.

War das zunächst ein Kulturschock?

Irgendwie schon: Man kommt als Student mit der großen Kunst im Kopf von der Hochschule und denkt: Oh Gott, jetzt soll ich hier als Entertainer eine Show abziehen – das geht ja gar nicht. Aber nach kurzer Zeit hat mir das viel Spaß gemacht.

Gelegentlich zeigen Sie wieder Ihre andere Seite. So haben Sie kürzlich mit dem Korg SV-1 eine Klassik-CD eingespielt. Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden?

Das SV-1 wird in erster Linie als super Stagepiano à la Rhodes und Wurlitzer wahrgenommen. Es ist aber auch, was man auf den ersten Blick vielleicht gar nicht vermutet, ein sehr gutes Digitalpiano im Sinne akustischer Klavierklänge – auch im direkten Vergleich mit diversen Software-Instrumenten. Michael Geisel von Korg & More hatte die Idee mit der Klassik-CD.

Wie viel Zeit hat man Ihnen dafür eingeräumt?

Michael Geisel hat mich gefragt: Kannst du das in zwei Wochen fertig haben? Und ich: Bist du wahnsinnig, die Stücke muss ich richtig üben! Es hat mich aber auch gereizt, weil ich wahrscheinlich in meinem Leben sonst nicht mehr dazu kommen werde, eine Klassik-CD aufzunehmen. Im End­effekt hatte ich sechs bis sieben Wochen Zeit für die Produktion.

Wie intensiv üben Sie denn überhaupt – zwei Stunden Tonleitern am Tag?

Nein, das muss ich nicht haben. Ich nehme mir zum Üben lieber anspruchsvolle Stücke vor, momentan ist das „Rhapsody in Blue“. Vor zwei Jahren war es „Bilder einer Ausstellung“ in der Originalfassung für Klavier von Mussorgsky. Das übe ich solange, bis ich es drauf habe.

Auf der CD leisten Sie sich einige – nennen wir es – Verfremdungen des klassischen Materials: Synthesizer bei Bach und provokante elektronische Eskapaden beim ersten Satz von Beethovens Mondscheinsonate. Bricht da der Spieltrieb durch?

Auf jeden Fall, aber mich fasziniert eben auch sehr ernsthaft die Frage, was ich mit Musik alles machen kann. Konkret habe ich mir die Frage gestellt, mit welchen Sounds aus dem Kronos ich die Darbietung mit dem SV-1 ergänzen kann.

Was hat ihre ehemalige Klavierlehrerin zu diesem Beethoven gesagt?

Ich habe ihr die CD gegeben. Ihre spontane Reaktion: das ist ein Verbrechen! Das hättest Du nicht machen dürfen. Hat sie wirklich gesagt.

Gibt es auch positive Reaktionen?

Ja, viele. Jenen, die nicht klassisch vorgebildet sind, aber viel Musik hören und kennen, öffnet das ein wenig die Ohren: Guck mal, was man mit klassischer Musik machen kann und wie das klanglich neue Wege geht. Die sind meistens bereit, mir zu folgen und das auch zu genießen.

Darf man Ihnen mangelnden Respekt vor Beethoven unterstellen?

Das Beethoven-Stück ist wirklich so extrem arrangiert, dass es polarisiert. Aber die Bearbeitung ist hochgradig respektvoll. Ich habe das Stück zunächst so lange geübt, bis ich es wirklich konnte, alle kompositorischen Elemente des Originals in meiner Bearbeitung integriert und dem Ganzen ein paar Harmonien und Elemente hinzugefügt, die Beethoven in seiner Welt nicht kannte.

Haben Sie zum SV-1 ein besonderes Liebesverhältnis?

Das SV-1 ist ein kompaktes, charaktervolles Instrument. Du stellst es auf die Bühne und spielst – da gibt es kein Display mit „Loading...“, „Please Wait...“ oder „Are you sure?“. Ich habe hunderte von Auftritten damit bestritten. Außerdem besitze ich ein SV-1 mit der Seriennummer 1 (lacht), einen Prototypen. Das ist doch was.

Welche Rolle spielen andere Korg-Instrumente bei Ihnen?

Das Pa2X pro habe ich jahrelang in der Band von Veronika Fischer gespielt, der früheren „Janis Joplin des Ostens“. Da hieß es immer: Das muss rocken! Und bei der Probe muss man die Sounds schnell einstellen können. Ebenso wichtig ist das bei Galaveranstaltungen, wo du schnell und flexibel auf Sounds zugreifen und Kombis abspeichern willst. Obwohl ich gar kein Entertainer bin, der mit Begleitautomatik spielt, schleppe ich das Ding zu allen möglichen Veranstaltungen mit.

Wird man von Musikerkollegen manchmal schief angeschaut, wenn man ein Arranger-Keyboard in der Band spielt?

Nur wenn Lautsprecher eingebaut sind. Und schließlich sieht das Gerät klasse aus mit seinem Metallgehäuse und dem neigbaren Touch-Display.

Und die Korg-Synthesizer, wie werden die eingesetzt?

Ich spiele auch in der Band „Code MD“, die sich am Stil der Miles-Davis-/Marcus-Miller Formationen der 80er-Jahre orientiert. Dort verwende ich neben dem Pa3X auch den Kronos, früher den M50. Letzteren schätze ich auch, weil er sehr übersichtlich, klein und leicht ist – ein tolles Arbeitsinstrument. Aber der Kronos bietet mir bei den Sounds noch mehr Qualität und eine viel größere Auswahl. Das absolut perfekte Keyboard für diese sehr Synthesizer betonte Musik.

Ist der microKorg für Sie ein Thema?

Ja, ich habe am microKorg einen Gitarrengurt befestigt und verwende ihn für bestimmte Solos als Umhänge-Keyboard. Klanglich ist der natürlich sehr speziell: er erzeugt fette synthetische Bässe und abgefahrene Solo-Sounds.

Ihre umfassende Kenntnis von Korg-Synthesizern hat Ihnen schon mal einen Spezialauftrag mit einer bekannten Prog-Rock-Band eingebracht?

Sie meinen den Auftritt mit Saga?

Ja, ich habe die Geschichte auf Ihrer Homepage nachgelesen. Lässt sich das im Telegrammstil erzählen?

Ich bin für den erkrankten Keyboarder Jim Gilmour eingesprungen und hatte für die Vorbereitung des Konzerts nur wenige Stunden Zeit: Ab vier Uhr früh habe ich mir 12 Titel herausgehört, weil es keine Noten gab, ab 12 Uhr haben wir 6 Stunden geprobt, dann kam das Konzert.

Wie verrückt muss man sein, um so einen Job anzunehmen?

Wäre das nicht die Originalband, sondern irgendein Cover-Projekt gewesen, hätte ich es nicht gemacht. Hier aber dachte ich mir: Ich muss mir jetzt beweisen, dass ich das kann. Und es hat geklappt: Ich stand abends mit drei M3-Workstations, einem Triton Extreme und einem Kronos auf der Bühne im Berliner Tempodrom vor Tausenden begeisterter Saga-Fans. Anschließend habe ich noch zwei weitere Konzerte der Tour mitgespielt.

Kontrastprogramm: Sie arbeiten auch mit den Dresdner Sinfonikern zusammen, einem der führenden Orchester für zeitgenössische Musik ...

Genau. Wenn die ein neues Projekt planen, dann kriege ich den ersten Anruf – wenn überhaupt ein Klavier besetzt ist. Im Ausnahmefall steht auch mal etwas „populärere“ Musik auf dem Spielplan. Beim ersten Open-Air-Konzert vor der wieder aufgebauten Frauenkirche in Dresden haben wir u.a. Gershwin aufgeführt. Und ich habe Banjo gespielt (lacht). Das sollte eigentlich einer der Cellisten spielen, der an dem Tag aber ausgefallen ist. Ich bin eingesprungen.

Haben Sie noch so eine Anekdote auf Lager?

Ja, zu einem weiteren Konzert in Dresden, das live für den Deutschlandfunk aufgezeichnet wurde. Den Klavierpart hat damals der Konzertpianist Andreas Boyde gespielt, ich sollte die Synthesizer-Stimme ergänzen. Als wir bereits alle in der Gasse, dem Zugang zur Bühne standen, ist mir aufgefallen, dass der Klavierdeckel nicht richtig geöffnet war – die hatten den Haltestab in die falsche Raste gelegt. Ich dachte: Wenn der Pianist jetzt in die Tasten haut, kracht vielleicht der Deckel runter. Todesmutig bin ich auf die Bühne und habe den Deckel in Stellung gebracht. In diesem Moment war aber der Radiomoderator bereits mit seiner Ansage fertig und die Leute bemerkten, es kommt einer auf die Bühne: Ich bekam tosenden Applaus, habe mich verbeugt und bin wieder abgegangen. Anschließend ein Riesengelächter und alles live im Deutschlandfunk zu hören. Das war schon ein Erlebnis.