Pianist & Keyboarder Rainer Scheithauer ist gut im Geschäft

Ob bei Grönemeyer, Gregor Meyle oder Purple Schulz: Der Pianist und Keyboarder Rainer Scheithauer kann sich über einen Mangel an Aufträgen nicht beklagen. Detlef Gödicke traf den sympathischen Vollblutmusiker für tastenwelt auf der Musikmesse in Frankfurt.

Donnerstagabend im März, die Übertragung der Echo-Verleihung im Ersten läuft: Herbert Grönemeyer bekommt einen Echo für sein neuestes Album. Und mir schießt der Gedanke durch den Kopf: Wer spielt eigentlich live die Keyboards, wenn der Meister vorne am Bühnenrand die Fans anheizt? Nach vier Helene-Fischer-Echos habe ich die Lösung gegoogelt: Neben Alfred Kritzer als Grönemeyer-Keyboarder der ersten Stunde ist es auch Rainer Scheithauer, Mitte 40, geboren in Bietigheim-Bissingen. Und die Liste der Künstler und Bands, für die er schon gearbeitet hat, lässt aufhorchen: Von Chaka Khan über Purple Schulz und Gregor Meyle bis zu Herbert Grönemeyer ist der Keyboarder in der musikalischen Oberliga ganz schön weit herumgekommen.

Westcoast in der Freikirche

Rainer Scheithauer erblickt 1971 in einer musikalischen Familie das Licht der Welt. Seine erste Band gründet er mit seinen Brüdern – sie proben in der Kirche und begleiten die Gottesdienste musikalisch. Mit 14 bekommt er seinen ersten Synthesizer, einen Roland JX-8P: „Ich wurde früh beeinflusst vom West-Coast-LA-Sound der amerikanischen christlichen Szene wie z.B. Amy Grant. Die Sendung ,Super-Drumming’ im Fernsehen hat mich fasziniert, aber auch Chick Corea: Jazz-Rock interessierte mich immer mehr, und eine Band wie Toto fand ich damals natürlich grandios.“

Der talentierte Rainer spielt im Klavierunterricht auch Standards wie „Strangers in the Night“ und „My Way“. 1987 landet er bei Hans-Georg Pflüger, einem zeitgenössischen Komponisten: „Pflüger hat in meinem Unterricht damals Kirchenmusik, Komposition, Philosophie und Klavierspiel miteinander kombiniert. Er war es auch, der mich auf Keith Jarretts berühmtes Köln-Konzert brachte, das ich förmlich in mich aufsog“, erinnert sich Scheithauer. Schon während des Musikstudiums sammelt er live in unterschiedlichen Bands Erfahrungen als Free lancer – das heißt, er kann für verschiedene Projekte gebucht werden, ist gleichzeitig aber nicht festes Mitglied der entsprechenden Band.

Ab 1997 spielt er 12 Jahre lang jeden Montag mit seiner Band „Midnight Mover“ im Kulturzentrum Kammgarn in Kaiserslautern: „Das war die wichtigste Schule für mich; jede Woche spielten wir ein neues Programm mit internationalen Gast-Stars – ich lernte effektiv zu arbeiten und mich ständig neu einzustellen.“ Die Konzertserie läuft bis 2009, im gleichen Jahr beendet er übrigens auch die 10-jährige Zusammenarbeit als Keyboarder von Purple Schulz und fühlt sich reif für neue Aufgaben.

Streicher für Grönemeyer

Rainer Scheithauer kommt 2011 zu Herbert Grönemeyer – zur großen Stadion-Tour „Schiffsverkehr“. „Man suchte einen Keyboarder, der das bisher spielende Streichensemble durch Streicher-Samples authentisch ersetzen kann“, erinnert sich Scheithauer. Alfred Kritzer, langjähriger Keyboarder bei Grönemeyer, erfährt von ihm und schickt ihm neben einer Einladung zum Vorspiel auch das Audio-Material für zwei Songs – mit der Bitte, eine Keyboard-Version der echten Streicher zu erarbeiten. „Ich hatte bereits Erfahrungen mit Streichern, aber live alle Spielweisen wie pizzicato oder legato auf Knopfdruck parat zu haben, war eine ganz neue Aufgabe. Ich sollte vier Einzelstimmen der Partitur entsprechend mit Einzelsounds verwirklichen und dabei orchestral oder im Streichquartett denken. So schloss ich mich drei Tage zu Hause ein und bastelte mir ein eigenes System, dies auf einer Tastatur umsetzen zu können.“

Das Resultat kommt an: Scheithauer wird für die Tour gebucht und bereitet sich und sein Keyboard-Setup akribisch vor. „Vor Probenbeginn bekam ich ein Video eines Filmmusikers aus LA zugespielt, der spielte mit zwei Händen an einem Keyboard ein komplettes Orchester mit Pauken und allem Drum und Dran und lieferte dem Regisseur zum laufenden Film live seine Vorstellung der Filmmusik dazu“, erinnert sich Scheithauer. „Diese Sound-Library musste ich haben.“ Er ruft sofort bei Best Service in München an, die alle Hebel in Bewegung setzen. Und tatsächlich: Durch die Initiative der Münchener darf er als erster Keyboarder in Europa die Seventy DVZ Strings-Library verwenden. Er schläft während der nächsten Tage kaum noch, um sein Set up umzuprogrammieren und sogar noch während der Proben für die Tour mit direktem Kontakt nach LA weiterzuentwickeln: „Ich skypte jeden Abend mit dem Entwickler, denn mir fehlten ein paar Funktionen. So brauchte ich etwa für meine Spielweise ein Sustain-Pedal, für Streicher-Sounds völlig unüblich, aber ich musste an einigen Stellen einen tiefen Ton halten und dann mit der Hand an eine andere Stelle der Tastatur springen“ erklärte Scheithauer und ergänzt: „Auf der aktuellen ,Dauernd Jetzt’-Tour verwende ich unter anderem Komplete von Native Instruments und die Streicher der Vienna Dimension Strings.“

Hardware als Rettungsanker

Rainer Scheithauer ist stolz auf seinen Yamaha-C3-Flügel. Neben diesem stehen in seinem Arbeitszimmer die Klassiker Hammond C3, Wurlitzer, Rhodes, Clavinet und diverse Moogs. Auf der Bühne spielt er einen Yamaha Motif XF 8 mit Hammermechanik und 88er-Tastatur, darüber ein Clavia Nord Stage 2, ergänzt durch ein MacBook mit den Plug-in-Sounds, organisiert mit Logic Mainstage. Die Signale aller Klangerzeuger, ob Hardware oder virtuell, schickt er in ein RME-Audio-Interface: „Alle Klangerzeuger sind mit meinem RME-Interface verbunden“, führt Scheithauer aus, „es ersetzt komplett den Submixer. Von dort aus kann ich alle ankommenden Signale an den FOH schicken und mir sogar einen eigenen Kopfhörer-Mix für meine Ultimate In-Ear-Kopfhörer schicken.“ Und wenn im Fall der Fälle auf der Bühne doch einmal der Laptop ausfällt? Scheithauer setzt hier auf Sicherheit: „Das Interface funktioniert auch ohne Laptop, die Mixer-Funktion bleibt erhalten, und im Fall eines System-Absturzes nutze ich nur noch die internen Sounds der Keyboards. Ich habe meine Setups schon immer so programmiert, dass ich auch spontan Sounds wechseln kann.“