Pianist und Arrangeur Werner Becker im Interview: Der Weg vom Tanzlokal in die großen Studios

Was viele nicht wissen: Werner Becker ist einer der erfolgreichsten Arrangeure der deutschen Musikgeschichte. Als „Anthony Ventura“ wurden seine Arrangements zu Verkaufsschlagern. Im tastenwelt-Interview blickt er auf die Stationen seiner Karriere.

Werner Becker
Werber Becker: „Wir konnten rumdaddeln und daraus entwickelten sich Songs.“ (Foto: Sonja Inselmann)

Sie sind in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg in Hamburg-Harburg aufgewachsen. Wie kamen Sie zur Musik?

Wir wohnten in einer kleinen Etagen-Wohnung. Der Nachbar über uns wollte seinen Flügel loswerden, mein Vater machte einen Deal mit ihm, der Riesen-Flügel wanderte eine Etage tiefer in unser kleines Kinderzimmer, das ich mit meinem Bruder teilte; die Betten wurden an die Wand gequetscht und ich bekam als 8-Jähriger den ersten Klavierunterricht. Irgendwann ebbte mein Interesse wieder ab, und der Flügel wurde entsorgt. Der Bruder unseres Nachbarn, selbst Pianist und Tanzmusiker, brachte mich zurück in die Spur. Ich bekam von ihm wieder Klavierunterricht, übte auf dem Harmonium meines Großvaters und kaufte mir ein Akkordeon.

Gab es zu der Zeit schon Auftritte?

Mein Klavierlehrer nahm mich als 14-Jährigen in seine Tanzkapelle auf. Ich spielte Akkordeon und ergänzte die Besetzung aus Schlagzeug, Gitarre und Klavier. Die Band nannte sich „Hummel-Quartett“ und spielte in Harburg in der „Majestätischen Aussicht“ am Wochenende zum Tanz – immer die gleichen Titel und die gleiche Reihenfolge vor den gleichen Leuten. Später versuchte ich mich an Saxofon, Klarinette und Trompete, allerdings mit durchwachsenem Erfolg.

Gab es damals auch schon Notenmaterial und Arrangements?

Arrangements eher selten. Wir haben einfach drauflos gespielt. Noten gab es schon, aber ich war noch nicht richtig fit im Notenlesen. Das kam erst später.

Ihr Lebenslauf verrät, dass Sie zunächst eine Berufskarriere als Schriftsetzer und Werbegrafiker einschlugen ...

Mein Berufswunsch war immer, Werbegrafiker zu werden. Ich konnte gut zeichnen und machte eine Schriftsetzer-Lehre beim Harburger Anzeigen- und Nachrichtenblatt. Parallel zu meiner Ausbildung machte ich am Wochenende sporadisch Tanzmusik.

Wie entwickelten Sie sich als Musiker weiter?

In Harburg im „Haus der Jugend“ traf man sich öfters zum Tanztee. Dort bildeten sich auch kleine Bands, und ich lernte von anderen Musikern. Da gab es z.B. tolle Boogie-Pianisten, die mich inspirierten. Aus diesem Musiker-Pool gründeten wir eine neue Band, die „Belcantos“, und spielten auf ersten Hochzeiten. Später fand ich mit Zigeuner-Musikern aus dem Raum Stade zusammen, mit denen ich vier Jahre zusammenspielte. Wir nannten uns „Melodic Telstars“, nahmen auch Monats-Engagements über Agenturen an und spielten in Dänemark, Schweden oder Holland. Meine Arbeit als Schriftsetzer geriet dadurch mehr und mehr ins Hintertreffen. Dennoch habe ich nie geplant, aus der Musik einen Beruf zu machen.

Wie sah Ihr Equipment aus?

Ich nahm einen Kredit auf und kaufte mir eine Hammond Chord Orgel. Dieses kultige Instrument hatte für die linke Hand Akkordeon-Knöpfe: Man drückte beispielsweise den Knopf für C-Dur, und mit Hilfe eines Hebels vorne am Instrument konnte man dann den Akkord triggern oder mit zwei Fußpedalen einen Wechsel-Bass erzeugen. Der „Red River Rock“ von „Johnny and the Hurricanes“ wurde z.B. mit der Hammond Chord eingespielt, und Johnny Paris persönlich zeigte mir später die Sound-Registrierung seines Organisten. Mit dem Instrument sorgte ich dann auch für das Bass-Fundament in meiner Band.

Gab es musikalische Vorbilder?

Eigentlich nicht. Ich habe viele musikalische Strömungen der 60er Jahre gar nicht richtig wahrgenommen. Ein Schlüsselerlebnis war für mich aber „Twist and Shout“. Dieser Song hat mich völlig umgehauen und inspiriert. Die Zeit im Star-Club fing an und ich bin so oft ich konnte mit der Straßenbahn dorthin gefahren, um mir die Bands anzusehen. Ich glaube, die Beatles waren auch dabei (lacht). Jazz hat mich auch interessiert, aber ich fühlte mich nie gut genug dafür. Ich habe einfach ganz normale Tanzmusik gemacht. Mein vier Jahre jüngerer Bruder ist stärker in die Beat-Ära reingerutscht. Er wurde Schlagzeuger der „German Bonds“ und verdiente viel mehr Geld als ich. Da war ich schon ein bisschen neidisch.

Wann kam die Entscheidung für den Weg als Profi-Musiker?

Nach meinem Ersatzdienst stieg ich als Organist bei den „Valendras“ ein. Die Band war sehr erfolgreich: Wir spielten auf vielen Galas im In- und Ausland. Mein Equipment bestand aus einer Hammond M-100, die wir in der Mitte durchgesägt hatten, um sie überhaupt transportieren zu können. Wir spielten immer häufiger, und ich konnte schließlich meinen Beruf als Schriftsetzer nicht mehr ausüben. Bis zu dieser Entscheidung hatte ich quasi rund um die Uhr gearbeitet, auch um unser gekauftes Haus abbezahlen zu können, denn ich war inzwischen verheiratet.

Wie ging es weiter?

Nach meiner Zeit bei den „Valendras“ war ich endgültig Berufsmusiker. Ich beschloss, meine Notenkenntnisse zu verbessern und stieg in Hamburg bei den „Studikern“ ein. Diese kleine Big-Band bestand aus studierten Musikern, die richtige Arrangements nach Noten spielten. Dort konnte ich auch meine ersten eigenen Arrangements anbringen und hörte bei den Proben sofort, was gut klang und was nicht – eine ideale Arrangier-Schule.

Wie kam der Kontakt zur Studio-Szene?

Wir machten mit den „Studikern“ eine eigene Platte, die zum Teil im Studio Maschen eingespielt wurde. Ich lernte dadurch den Besitzer Jo Menke kennen, stieg in den Chor seines Partners Kurt Lindenau ein und begann auch, bei den „Studikern“ öfters zu singen. Mit dem Chor sangen wir damals z.B. alle Sing-mit-Produktionen für James Last ein. Das Studio begann auch, mich als Pianisten für Studio-Produktionen zu engagieren. Nach einiger Zeit war ich an manchen Tagen für drei bis vier Produktionen gebucht.

Konnten Sie damals schon eigene Ideen und Arrangements bei der Studio-Arbeit einbringen?

Im Prinzip habe ich das gespielt, was gefragt war, aber natürlich muss man sich einbringen. Wenn man speziell gebucht wird, wird das auch erwartet. Man entwickelt mit der Zeit ein Gespür dafür, wie weit man bei dem einen oder anderen Arrangeur bzw. Produzenten gehen darf.

1972 gilt als Gründungsjahr von „Randy Pie“. Wie kam es zu dieser Band?

Ich bekam einen Anruf von Frank Dostal. Er wollte eine Band gründen, die „Wonderlands“, und er fragte mich, ob ich einsteigen wolle. Es wurden einige Organisten gecastet, und schließlich wurde mein Kollege Les Humphries genommen. Durch das Vorspiel habe ich aber Reinhard „Dicky“ Tarrach, den Drummer der Band, kennen gelernt. Dieser gründete die Band „Rattle Pie and Family“. In der Band spielten der Rock’n’Roll-Pianist Bernd Schulz und der Rattles-Bassist Herbert Hildebrandt. Das Konzept der Band funktionierte jedoch nicht, und Dicky Tarrach und Herbert Hildebrandt gründeten „Randy Pie and Family“. Dann rief mich Dicky an.

Die Band spielte zunächst mit zwei Keyboardern?

Ja, allerdings war Bernd ein reiner Rock’n’Roll-Pianist, und er und Herbert passten irgendwann nicht mehr in den sich entwickelnden Stil der Band. Die Band bestand dann aus Dicky Tarrach, Manfred „Tissy“ Thiers am Bass, dem Sänger und Gitarristen Bernd Wippich, der eine exzellente Blues- und Soul-Stimme hatte, Jochen Petersen als Gitarristen und Saxofonisten und mir an den Tasten. Aus „Randy Pie and Family“ wurde jetzt „Randy Pie“.

Zum ersten Mal eigene Musik auf der Bühne. Waren Sie glücklich?

Ja, natürlich. Wir haben an den Erfolg geglaubt, auch wenn es finanziell nicht immer leicht war. Unsere England-Tournee fand nur zu Promotion-Zwecken statt und ich verdiente pro Tag ein Pfund, von dem ich auch noch Geld für meine Familie beiseite legen musste. Ich hab mich in der Zeit voll auf „Randy Pie“ konzentriert und hatte kaum noch Studiojobs.

Wie entwickelte sich der Stil der Band?

Die Songs entstanden meistens im Studio. Tissy Thiers brachte am Bass einen fantastischen Funky-Groove in die Band ein, und auf einmal machten wir die Musik, die wir alle liebten. Die Plattenfirma schoss uns Geld für jede neue Produktion vor, und wir konnten in Ruhe im Studio die Kompositionen entwickeln. Außerdem waren wir eine sehr jamfreudige Band. Viele Songs spielten wir live mit immer wieder neuen Elementen und wussten hinterher oft nicht mehr, was wir wie gespielt hatten. Jedenfalls haben wir uns mit unserer Musik vom Krautrock der Deutschen Bands dieser Zeit total unterschieden. Wir konnten irgendetwas „rumdaddeln“, und daraus entwickelten sich Songs.

Wie kam Jean Jaques Kravetz zu Randy Pie?

Das ist eine kuriose Geschichte. Durch meine eher hobbymäßige Beschäftigung im Studio-Maschen-Chor um Kurt Lindenau und die damit verbundenen Chor-Aufnahmen für James Last kursierte bei „Randy Pie“ auf einmal das Gerücht, ich würde die Band verlassen, um bei James Last als Pianist einzusteigen. Ich hatte das zu keiner Zeit vor, dennoch engagierten die anderen Randy-Pie-Mitglieder kurzerhand hinter meinem Rücken Jean-Jaques und so saßen wir von einem Tag zum anderen mit zwei Keyboardern bei der Probe. Ich hab das dann aufgeklärt, fand die Idee allerdings auch nicht schlecht, mit zwei Keyboardern zu arbeiten, da die Tasten-Arbeit bei „Randy Pie“ doch sehr komplex wurde und so behielten wir die Besetzung bei.

Weshalb brach die Band auseinander?

Wir glaubten zwar immer an den Erfolg, aber oft erschien es mir, als wären wir mit unserer Musik der Zeit zu sehr voraus, denn der ganz große Erfolg blieb aus. Unsere Plattenfirma versuchte, uns einen amerikanischen Produzenten unterzujubeln. Dieser wollte von uns allen einen Großteil der Gema-Einnahmen und die gesamten Produktionseinnahmen, was zum Ausstieg von Bernd Wippich und mir führte. Ich half noch mit, beim Chappell Verlag in London einen neuen Sänger zu casten, doch als sich dieser bei der Produktion „Fast Forward“ als gestandener Nazi entpuppte und überdies die Band umkrempeln wollte, stiegen Jochen Petersen und schließlich auch Dicky Tarrach und Tissy Thiers aus.

Sie sind nicht nur Keyboarder, sondern auch Produzent. Wie kam es dazu?

In der Zeit nach den „Studikern“ und vor „Randy Pie“ brauchte ich dringend Geld. Ich unterschrieb einen Verlags-Vertrag mit Chappell Music in Hamburg, musste für den Verlag einige Demos im Jahr produzieren und bekam dafür monatlich ein kleines Gehalt. Ich konnte überleben und begann, selber Musik zu schreiben. So kam es auch, dass ich zusammen mit „Randy Pie“ und Miriam Francis als Texterin und Produzentin den Titel „60 Jahre und kein bisschen weise“ mit Curd Jürgens arrangieren und co-produzieren durfte.

Was bedeutet Co-Produziert?

Eigentlich die rechte Hand und Unterstützung des Produzenten. Der bekommt von der Plattenfirma den Auftrag, eine bestimmte Produktion durchzuführen. Die Firma legt das Budget fest und dann kümmert sich der Co-Produzent um die Durchführung, bucht Studios, die Musiker, kümmert sich um das Arrangement, das ganze Drumherum. Man ist sozusagen die Produktions-Mama und liefert am Ende der Plattenfirma das fertige Produkt. Eigenes Geld musste ich dafür glücklicherweise nie in die Hand nehmen.

Wie kam es zu Ihrem Erfolgsprojekt „Anthony Ventura“?

Während meiner Randy-Pie-Zeit lernte ich Reinhard Streit kennen. Er war der Inhaber des Golden-12-Labels und brauchte ein Arrangement für eine Band. Wir freundeten uns an, und ich bekam den Studio-Auftrag, eine Platte zu produzieren, die ähnlich wie Jane Birkins „Je t’aime“ klingen sollte. Das war der Startschuss. Reinhard hatte, nachdem die Platte in Deutschland verboten worden war, die Rechte für sein Label aufgekauft und unter der Hand vertrieben.

Warum die Fokussierung auf die Orgel?

Reinhard wollte, dass ich eine Platte produziere, nur mit Orgel, Streichern, kleinem Orchester, eben im Stil von „Je t’aime“. Er stand irgendwie auf diesen Orgel-Sound. Und er hatte Recht, denn schon die erste Platte wurde ein Erfolg. Sie wurde über 20.000 Mal verkauft – und das ganz ohne Werbung.

Wer hat die Songs für Anthony Ventura ausgesucht?

Das haben Reinhard Streit und ich gemeinsam gemacht. Wir haben uns von den besten Titeln der Welt leiten lassen, von „Yesterday“ bis „Massachusetts“, wobei nicht alle Titel in einer Instrumental-Version komplett darstellbar waren. Die haben wir dann in Medleys verpackt.

Gab es Vetos der Urheber?

Nein, wir haben uns aber damals auch nicht um Genehmigungen gekümmert. Andererseits war ich von Seiten der GEMA natürlich auch nur beteiligt, wenn ich Traditionals neu arrangierte oder später auch der eine oder andere eigene Titel hinzukam.

Und dann kamen „Die schönsten Melodien der Welt“?

Noch nicht ganz. Zunächst nahm Reinhard Streit Kontakt zu K-Tel auf – ein Label, das Hits der damaligen Zeit als Sampler auf einer Schallplatte veröffentlichte. Ein Jahr dauerten die Verhandlungen, bis K-Tel überzeugt werden konnte, eine Instrumental-Produktion zu veröffentlichen. Sie nannten die sechste „Je t’aime“-Produktion von „Anthony Ventura“ dann „20 Traummelodien“, machten Fernsehwerbung, und von da an ging es richtig ab.

Erinnern Sie sich noch an den Fernseh-Spot?

Natürlich. Ich hatte die Idee dazu von Supertramp abgeschaut, die ich bei einem Konzert im Roundhouse in London live gesehen hatte. Das Konzert begann mit zwei Spots, die das Publikum blendeten, und dann schob sich eine Riesenleinwand mit dem Logo der neuen Schallplatte vom Bühnenhintergrund nach vorne. Danach begann die Band zu spielen. Ich dachte, meine Platte müsse auch irgendwie aus dem Himmel kommen, und diese Idee setzten wir für den Werbespot um. Es ertönte zunächst undifferenzierte Krachmusik, die ich dafür auch noch selbst produziert hatte, plötzlich sagte eine Stimme: „Und nun kommt Musik, die ist völlig anders.“ Es ertönte „Massachusetts“, und mein Plattencover kam von hinten aus dem blauen Himmel. Die Schallplatte schlug ein wie eine Bombe und erreichte Diamant-Status, das heutige Doppel-Platin.

Wann wurde „Anthony Ventura“ zur Person?

Lange war „Anthony Ventura“ ja nur ein Studio-Projekt, aber als Hans Rudolf Beierlein als Manager mit ins Boot genommen wurde, kamen die ersten Fernsehsendungen. Ich musste mir die Haare schneiden, einen Smoking anziehen und auch nach außen den „Anthony Ventura“ darstellen. Beierleins Idee war auch die Produktion „Die schönsten Melodien der Welt“ in Verbindung mit der Deutschen Krebshilfe. Große Tageszeitungen beteiligten sich, und das Publikum durfte die Titel aussuchen. Parallel zu dieser Sendung, die drei Folgen hatte, wurde mit den vom Publikum gewählten Titeln eine gleichnamige Schallplatte veröffentlicht. Die erste erreichte Platin, die folgende ebenfalls und die dritte Produktion immerhin noch Gold.

Sie haben sich schließlich auf das Produzentengeschäft verlegt?

„Anthony Ventura“ beschäftigte mich drei bis vier Monate im Jahr. Im Rest des Jahres hatte ich Zeit für andere Projekte und Studio-Jobs. Urlaub gab es bei mir eigentlich nie. Ein eigenes Studio hatte ich damals aber noch nicht – nur eine kleine 4-Spur-Maschine, einen großen Petrof-Flügel und später einen 8-Spur-Sequencer, den YamahaQX1, mit dem ich viel und gern gearbeitet habe. Dann kamen der Commodore C-64 und irgendwann der erste Atari-Computer.

In Ihrer Vita tauchen viele bekannte Künstler auf, für die Sie arrangiert oder produziert haben.

Schon während der Ventura-Zeit kamen immer mehr Aufträge von Plattenfirmen; zudem arrangierte ich viele Titel für Dieter Bohlen in seiner Blue-System-Zeit, nachdem sich Bohlen und Thomas Anders getrennt hatten. Im Studio 33 in Hamburg arbeitete der Spanier Louis Rodriguez, sehr begabt im Erstellen von kleinen Sequencer-Tricks mit den neuesten Geräten; er wurde später auch der Co-Produzent von Dieter. Durch ihn kam die Bekanntschaft mit Dieter zustande, und im weiteren Verlauf arbeitete ich auch für Roy Black, Engelbert und viele andere Künstler, die Dieter produzierte. Übrigens auch wieder Roger Whittaker, für den ich viele Jahre vorher schon als Chorsänger gearbeitet hatte.

Was zeichnet einen guten Arrangeur aus?

Die Kunst ist es, die Sachen einfach zu machen. Sehr oft habe ich mich bei der Arbeit im meinem Studio in Arrangements verrannt, um nach drei Tagen festzustellen, dass ich auf dem falschen Weg war. Die Arbeit im eigenen Studio macht leicht betriebsblind, es fehlt die Kommunikation mit dem Menschen „hinter der Scheibe“, und man muss sich immer wieder selbst reflektieren.

Sie haben das Akkordeon bei "Lucky Day" von Sascha auf beeindruckende Weise eingespielt. Wie stehen Sie zum Akkordeon?

Ein faszinierendes Instrument. Diese Dynamik! Ich liebe das Akkordeon fast noch mehr als mein Klavier. Nur leider teile ich das Los vieler Pianisten und habe die linke Hand nie verstanden und geübt – trotz meiner Hammond Chord (lacht).

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Howard Carpendale?

Thorsten Brötzmann, auch ein Keyboarder von Dieter Bohlen, bekam den Auftrag, Howard Carpendale zu produzieren, traute sich den Job nicht alleine zu und holte mich als Co-Produzenten dazu. Thorsten hat später dann große Hits wie „Ein Stern“ von DJ Ötzi und „Daylight“ von den No Angels produziert, aber irgendwie schien er mich für Howards Musik zu brauchen.

Wie erlebten Sie die Zusammenarbeit mit den Künstlern?

Überwiegend positiv. Es gibt Künstler wie z.B. Matthias Reim, die kommen ins Studio, sind sofort Kumpel und helfen gern bei der Produktion mit Ideen und sprechen beim Arrangement konstruktiv mit, was uns Arrangeure natürlich freut. Persönliche Bindungen entstehen ansonsten eher selten.

Gibt es Ausnahmen?

Rolf Zuckowski ist so eine Ausnahme. Wir haben viele Arrangements zusammen entwickelt und er hat für alle Ideen immer ein offenes Ohr. Außerdem werden auf den Credits seiner CD´s alle Mitwirkenden genannt, was bei manch anderen Produktionen leider nicht der Fall ist. Bei vielen seiner Kinder, die irgendwann einmal mitgewirkt haben und heute teilweise schon erwachsen sind, hat er den Lebensweg begleitet und steht uns Musikern immer freundschaftlich und hilfreich zur Seite.

Auch zu Jonny Hill und Truck Stop gibt es freundschaftliche und private Verbindungen.

Das klingt nach einem interessanten, aber auch harten Lebensprogramm.

Das stimmt. Ist aber auch ein langes Leben (lacht). Urlaub gab es so gut wie nie, wenn doch, habe ich gern für meine Familie gearbeitet, ob Pferdestall für meine Töchter oder Terrasse für meine Frau. Ich hab immer gern in meiner Freizeit an Dingen gearbeitet, die man anfassen und sehen kann. Musik ist da irgendwie anders, die kann man nur hören.

Wie haben Sie sich und Ihre Arbeit bei den vielen Projekten organisiert?

Gar nicht. Ich war in meiner Arbeitsorganisation immer chaotisch, am Schluss hatte ich regelmäßig das Budget für die Produktion überzogen, aber das Ergebnis war für meine Auftraggeber glücklicherweise immer zufriedenstellend.

Wie haben Sie Ihre Arbeitszeit und die Bezahlung kalkuliert?

Ich hatte eine Budget-Vorgabe der Auftraggeber und es konnte vorkommen, dass gleich die erste Produktion passte. Manchmal musste ich jedoch tagelang nacharbeiten, sogar komplett neu produzieren. Ich erinnere mich an einen Titel, den ich dreimal umarrangierte, dann sogar einen Freund um ein viertes Arrangement bat, und am Schluss wurde doch das erste Arrangement gewählt. Das bringt den Stundenlohn ganz schön nach unten.

Wie produzieren Sie heute?

Die Vorbereitung einer Produktion, wie Besprechungen, Ideen sammeln, schriftliche und akustische Notizen, Leadsheets schreiben, mache ich in meinem Bauerhaus in der Nähe von Bremervörde. Wenn alles klar definiert ist, geht´s in mein Keyboard-Studio in der Nähe von Hamburg. Hier programmiere und spiele ich dann alles ein. Als Basis dient ein Mac Pro Quad-Core Intel Xeon mit Logic, dazu unzählige Plug-ins und Sound-Expander. Für alle anderen Aufnahmen wie z.B. Gesang, Schlagzeug und Gitarren benötige ich ein anderes Studio.

Was hat sich bei den Produktionsaufträgen gegenüber früheren Jahren verändert?

Die Budgets der Plattenfirmen sind immer kleiner geworden. Heute sitzen in den großen Firmen Leute, die sich in erster Linie im Marketing auskennen. Früher musste man in einer solchen Position noch Noten lesen können und selbst ein Instrument spielen. Ich bekomme manchmal Aufträge für einen Remix mit der Frage: "Kann ich mir den morgen Abend abholen?". Das ist einfach nicht mehr wirklichkeitsnah, denn für einen hochwertigen Remix benötige ich mindestens eine Woche. Aber so verändert sich die Zeit.

Als Arrangeur stehen Sie sicher oft vor der Frage: Plug-in oder echtes Orchester?

Für mich kann kein Plug-in ein echtes Orchester ersetzen. Ein guter Geiger spielt ganz einfach genau das, was ich mit einen Streicher-Plug-in tagelang am Computer editieren muss. Und dann dieses Sound-Erlebnis, wenn das Orchester mein Arrangement spielt: Das muss man erlebt haben. Ich erinnere mich an eine Produktion für Piero Mazzocchetti, ein Auftrag der EMI, für den ich im Studio von Oscar-Preisträger Ennio Morricone in Rom das Orchester aufnehmen durfte. Dazu saß am Pult ein frischgebackener Grammy-Gewinner. Ein unvergessliches Erlebnis.

Mittlerweile ist Country-Musik Ihre große Liebe. Was macht diese Musik für Sie so besonders?

Eigentlich war Country-Musik schon immer meine heimliche Liebe. Ich habe sie nie gelebt, aber ich liebte den Pianisten Floyd Cramer und die Art, wie er spielte. Diese Musik hat für mich einfach etwas Ehrliches; vorausgesetzt, es werden keine Klischees bedient. Ich kann das nicht erklären, aber wenn ich spiele, klingt das für mich immer nach Country.

Und die Zusammenarbeit mit Truck Stop?

Durch die Zusammenarbeit mit der Band hab ich viel über Country-Musik gelernt, auch durch die Arbeit mit meinem Freund Nils Tuxen, einem fantastischen Pedal-Steeler und Country-Gitarristen. Truck Stop produziere ich immer noch und ich freue mich jedes Mal auf den Monat im Jahr im Studio mit den Country-Freunden.

Sie treten hin und wieder noch live auf. In welcher Formation?

Ich spiele live seit vielen Jahren in der Band „Third Coast“. Der Bandname deutet auf eine Mischung aus West-Coast- und Nashville-Stil, eben die „dritte Küste“, hin. Wir mixen diese Stile, dazu ein paar ausgewählte Oldies und haben dabei Riesenspaß.

Sie werden im nächsten Jahr 70. Was hat Werner Becker für Pläne?

Ich habe immer alles auf mich zukommen lassen und nie Pläne gemacht. Falls jemand für seine Musik-Produktion meint, Werner Becker sollte das machen, und der Song oder der Künstler inspirieren mich, dann bin ich – wie immer – gern dabei.