Pippo Pollina im Porträt: Große Kleinkunst

Der italienische Songwriter Pippo Pollina meldete 2017 sich nach eineinhalbjähriger Konzertpause mit neuer Studio-CD und Europatour zurück. Das Porträt eines ehemaligen Straßenmusikers, der heute oft noch der Kleinkunst zugerechnet wird, obwohl er Locations wie das Hallenstadion Zürich oder die Münchner Philharmonie am Gasteig zu füllen vermag.

Es gibt Leute, die haben viel zu erzählen. Und wer viel zu erzählen hat, wird Dichter oder Journalist. Der italienische Liedermacher Guiseppe „Pippo“ Pollina, 54 Jahre, war Journalist und wurde zum singenden Poeten. Als solcher erzählt er die schönsten Geschichten vom Leben, vom Sterben und von einer Hoffnung, die niemals sterben darf. Dem Thema „Hoffnung“ hat er jetzt eine neue Studio-CD mit dem Titel „Il sole che verrà“ („Die Sonne, die kommen wird“) gewidmet.

Pollinas musikalische Wurzeln liegen in Palermo, Sizilien, wo er schon früh am Konservatorium „Amici della musica“ klassische Gitarre und Musiktheorie studiert und 1979 mit Gleichgesinnten das Ensemble „Agricantus“ gründet, das sizilianische Volksmusiktradition mit Weltmusik-Elementen verknüpft. Zu Beginn der 1980er Jahre studiert er in Palermo Jura, will damit aber nicht in die Fußstapfen seines Vaters Enzo, eines Anwalts, steigen. Stattdessen engagiert er sich als politischer Journalist bei der in Catania angesiedelten Monatszeitschrift „I siciliani“, die gegen die Mafia anschreibt und die engen Verbindungen zwischen Politik und organisiertem Verbrechen aufdecken will. Für den Chefredakteur der Zeitschrift, Guiseppe Fava, hat dieses Engagement tragische Folgen: Nachdem er in einem Artikel die Namen von Politikern genannt hat, die mit der Cosa Nostra kooperierten, wird er am 5. Januar 1984 auf offener Straße von Mitgliedern der Mafia ermordet.

Vom Schreiber zum Straßenmusiker

Für Pippo Pollina ist dies ein existentieller Schock und der Anlass, seinem Leben eine neue Wendung zu geben: 1985 bricht er sein Studium ab, trennt sich von Sizilien und „Agricantus“, um als Straßenmusiker eine Reise durch Europa anzutreten. Als er ein Jahr später in Luzerns Fußgängerzone musiziert, entdeckt ihn dort der Schweizer Liedermacher Linard Bardill, mit dem er anschließend auf eine 60-Konzerte-Tour geht. Ein weiterer künstlerischer Meilenstein in Pollinas Musikerkarriere ist die Zusammenarbeit mit Konstantin Wecker. Gemeinsam mit dem bayerischen Liedermacher schreibt der Sizilianer die zweisprachigen Titel „Questa nuova realtà“ und „Terra“, die auf Weckers „Uferlos“-Tour (1993) ein großes Publikum finden – ebenso wie Pippo Pollina selbst.

Das Konzept der mehrsprachigen Titel bekommt eine Fortsetzung, als das Songwriter-Gespann Werner Schmidbauer und Martin Kälberer 2007 ein Jubiläumskonzert im Münchner Zirkus Krone veranstaltet – mit verschiedenen Gastmusikern, zu denen auch Pippo Pollina gehört. Schmidbauer übersetzt dafür Pollinas „Camminando“ ins Bayerische; im Gegenzug lässt sich Pollina zu Schmidbauers Titel „Im Süden von mei’m Herzen“ italienische Strophen einfallen. 2010 spielen Schmidbauer, Pollina und Kälberer 14 gemeinsame Auftritte, zwei Jahre später beginnt die große „Süden“-Tournee mit 99 Auftritten; der hundertste findet als „Grande Finale“ in der Arena di Verona statt. Von diesem Konzert erscheint 2014 ein Live-Mitschnitt auf DVD. Seitdem ist Pippo Pollina nicht nur in seiner Wahlheimat Schweiz, sondern auch in Deutschland eine feste Größe als Liedermacher – und bekannter, als er es in Italien jemals war.

Seiner Heimat fühlt sich Pollina noch immer verbunden, er begleitet die Probleme Italiens aber mit kritischem Blick. Und mit Humor, den er am Beispiel des Medienbarons und Politikers Berlusconi gerne aufblitzen ließ: „Was ist der Unterschied zwischen Gott und Berlusconi? Gott glaubt nicht, dass er Berlusconi ist.“

Studio-CD mit vielen Gastmusikern

Mehr als ein Dutzend Soloalben hat Pippo Pollina bislang veröffentlicht, an rund 30 Tonträgern war er beteiligt. Bei seinen Konzerten kann man ihn in unterschiedlichsten Formationen vom Duo bis hin zum großen Ensemble erleben. Doch egal, in welcher Konstallation er gerade auf der Bühne steht: Mit seiner kraftvollen, angerauten Stimme drückt er der Musik seinen Stempel auf. Dazu begleitet er sich selbst an der Akustikgitarre oder am Piano. Zudem ist Pippo ein sympathischer Entertainer, der im besten, italienisch gefärbten Deutsch Geschichten zu seinen Liedern erzählt. Manche davon sind einfach kurzweilig, andere regen zum Nachdenken an – wenn er etwa den Song „Centopassi“ (100 Schritte) anmoderiert, der von der Ermordung des Anti-Mafia-Kämpfers Guiseppe „Peppino“ Impastato im Jahr 1978 handelt (die Geschichte wurde 2000 vom italienischen Regisseur Marco Tulliano Giordana verfilmt, Anm.d.Red.)

2015 verabschiedete sich Pippo Pollina mit einem vierstündigen Konzert im Hallenstadion Zürich vor rund 7000 Zuhörern in eine eineinhalbjährige Konzertpause. Die nutzte er nicht nur zur Erholung, sondern auch, um Stücke für seine neue Studio-CD „Il sole che verrà“ zu schreiben. Auf dem Markt ist die CD seit Januar, die Promo-Tour läuft seit November 2016. Für „Il sole che verrà“ hat Pollina fast zwei Dutzend Musiker im Studio versammelt, auch Multi-Instrumentalist Martin Kälberer ist wieder mit von der Partie. Live ist Pippo Pollina mit dem „Palermo Acoustic Quintet“ auf Tour. Anders als der Bandname vermuten lässt, handelt es sich dabei um eine komplette Band mit Drums (Fabrizio Giambanco), E-Bass (Filippo Pedol), Gitarre (Michele Ascolese) und Keyboards bzw. Akkordeon (Gianvito Di Maio). Ebenfalls dabei ist Roberto Petroli, mit dem Pippo Pollino schon häufig im Duo aufgetreten ist. Neben Klarinette und Saxofon spielt Petroli auch einen elektronischen Blaswandler (EWI) von Akai mit integrierter Klangerzeugung. Von Mitte Februar bis Anfang Mai finden in Deutschland, Österreich und Schweiz noch mehr als 30 Konzerte statt. Die ersten waren in kürzester Zeit ausverkauft, darunter ein Auftritt in der Münchner Philharmonie am Gasteig mit fast 2.400 Sitzplätzen. Nicht schlecht für einen ehemaligen Straßenmusiker ...