Produktmanager Dirk Lindemann (Korg & More) im Interview: Von der Idee zum fertigen Keyboard

Korg & More liefert gerade die ersten Exemplare des neuen Arranger-Flaggschiffs Pa3X Musikant aus. Produktmanager Dirk Lindemann spricht im tastenwelt-Interview exklusiv über die Arbeit an dem Instrument, das Unterhaltungsmusiker im deutschsprachigen Raum begeistern soll.

Dirk Lindemann

Vom neuen Korg Pa3X gibt es eine internationale und die deutsche Musikant-Version. Warum?

Korg stellt Produkte vor allem für den Weltmarkt her. Dabei ist es das erklärte Ziel, in den verschiedenen Ländern immer möglichst erfolgreich zu sein. Mal größeres, mal kleineres Hindernis dabei ist die Tatsache, dass es zum Teil sehr deutliche Unterschiede gibt, wie die Instrumente eingesetzt, welche Klänge und Styles gebraucht werden. Deutlich wird dies bei dem in Deutschland großen Marktsegment für Entertainment-Keyboards.

Wie muss man sich das vorstellen?

Die Art und Weise, wie die Instrumente verwendet werden und welche Musik damit gespielt wird, unterscheidet sich recht deutlich von anderen Ländern und ist einzigartig. Dies gilt natürlich für alle deutschsprachigen Länder, wie Österreich und die Schweiz, zum Teil auch noch für die Benelux-Länder. Aber bereits in Frankreich, England oder Skandinavien werden die Keyboards ganz anders benutzt, und auch die Musik ist eine andere. Für die Hersteller bedeutet dies, stets einen Kompromiss anbieten zu müssen, mit dem man versucht, einer möglichst großen Gruppe von Musikern weltweit gerecht zu werden.

Welchen Schluss hat man bei Korg gezogen?

Um diesen oft schmerzlichen Kompromiss zu umgehen, wurde die Idee des Musikant geboren: Ziel ist dabei, ein Keyboard exakt für die Musiker im deutschsprachigen Raum zu realisieren, das alles an Musik und Klang bereitstellt, was hiesige Musiker sich wünschen. So wurde konsequent auf asiatische oder andere sehr spezielle Musik verzichtet. Außerdem ist die Beschriftung der Style-, Performance- und Soundgruppen sowie der wichtigsten Keyboard-Bereiche nun deutsch.

Was war die größte Herausforderung dabei?

Der enorme Umfang der Aufgabe bei gleichzeitig begrenzten Zeit-Ressourcen war das Schwierigste. Wie es ja oft so ist, merkt man erst während der Arbeit, was noch alles schön wäre zu haben, und man kommt auf immer neue Ideen. Dennoch wollten wir keinen Kompromiss eingehen und möglichst viele dieser Ideen realisieren. Und das ist uns, denke ich, auch sehr gut gelungen.

Wie viele Entwickler waren am Projekt beteiligt?

Abgesehen von dem großen Korg-Entwickler-Team in Japan und Italien waren es etwa 15 Musiker und Produzenten aus Deutschland und Österreich, die die unzähligen Styles und Sounds im Pa3X Mu­si­kant realisiert haben. Natürlich jeder mit dem ihm eigenen musikalischen Schwerpunkt. Wir woll­ten ganz bewusst die Spezialisten für die verschiedenen Klang- und Style-Gruppen, von Pop/Rock über Schla­ger bis hin zu Traditionellem in jeglicher Form.

Was zeichnet die Musikant-Version aus?

Eben diese Fokussierung auf die Vorlieben und den Bedarf der heimischen Musiker. Und den kennt keiner besser als genau diese Musiker selbst, so waren es eben auch deutsche und österreichische Profimusiker, die wir für dieses Projekt gewinnen konnten und deren Talent sich jetzt im Pa3X Musikant wieder findet.

Der Fokus liegt also auf Schlager und volkstüm­licher Musik. Gibt’s auch Sounds und Styles für andere Stile?

Der Fokus liegt auf dem, was Entertainer und Alleinunterhalter brauchen. Somit sind Rock und Pop gleichermaßen wie Volksmusik und Schlager im Musikant vertreten. Traditioneller Swing, Big-Band- oder moderne Party-Musik finden sich genauso in der Auswahl. Eben alles, was sich hiesige Musiker wünschen, und das sind ja nicht nur Volksmusik und Schlager.

Wie steht es mit Styles von Vorgängermodellen? Kann man die importieren?

Ja, wie auch schon das Vorgängermodell Pa2Xpro ist der Pa3X Musikant abwärts kompatibel, und man kann Styles älterer Modelle problemlos importieren und z.B. mit dem SongBook verknüpfen. Hier reicht die Kompatibilität sogar bis zu den guten alten i3-Styles zurück.

Und die Registrierungen älterer Korg-Modelle?

Auch die Performances sowie die SongBook-Einträge lassen sich importieren und im Pa3X Musikant verwenden. Ich empfehle aber jedem, seine importierten Performances, Styles oder SongBook-Einträge mit den neuen technischen Highlights des Pa3X Musikant aufzuwerten und davon zu profitieren, denn damals wusste man natürlich noch nicht, was heute alles mit moderner Technik möglich ist.

Wäre der „Musikant“ nicht einfacher als Software-Lösung, quasi als Plus-Version des internationalen Keyboards zu realisieren gewesen?

Nur zum Teil. Wir hatten ja diese Lösung in der Ver­gangenheit, nämlich mit dem Musikant USB-Stick für das Pa2Xpro und das Pa800. Nachteil ist dabei, dass sich die Beschriftung auf den Keyboards nicht anpassen lässt und die Musiker immer darauf an­gewiesen sind, diese zusätzlichen Daten zu laden und zu verwalten. Das alles wird durch das Pa3X-Musikant-Konzept deutlich erleich­tert. Der Pa3X Musikant ist schon vom gesamten musikalischen Inhalt und der damit verbundenen Datenmenge nicht mit einer USB-Stick-Lösung zu vergleichen.

Wurden die internationale und die Musikant-Version des Pa3X getrennt entwickelt?

Nein, wie gewohnt wurden die Wünsche und Anregungen der Musiker gesammelt und dann in beiden Versionen realisiert. Vieles davon kam übrigens tatsächlich von deutschen Musikern. Erst als es dann an die Styles, Sounds und Songbook-Einträge etc. ging, trennten sich die Teams und konzentrierten sich auf ihre jeweilige Aufgabe.

Wurden die Musikant-Sounds und -Styles alle neu und speziell für dieses Instrument programmiert?

Ja, viele davon. Bekanntes und Bewährtes wurde natürlich beibehalten bzw. auf ein besseres Niveau gehoben. Einige Styles aus der internationalen Version finden sich somit auch im Musikant wieder, aus der Kategorie Swing zum Beispiel oder auch Country und Ballad – eben da, wo es Sinn macht. Gelungenes Highlight sind für mich der neue Jodel- bzw. der Tusch-Sound. Mit dem Jodel-Sound kann man über die Legato-Funktion das Keyboard quasi selbst jodeln lassen oder mit dem Tusch-Sound einem abendlichen Highlight entsprechende Aufmerksamkeit verleihen.

Kann ich als Besitzer der internationalen Pa3X-Version auch in den Genuss der Musikant-Sounds und -Styles kommen?

Leider nein. Mal abgesehen davon, dass dann die Beschriftung nicht mehr stimmt, fehlen auch Sounds und Samples sowie andere Datensätze, die sich nicht nachladen lassen.
Es gibt das Pa3X mit 61 und mit 76 Tasten. Wie unterscheiden sich die Versionen sonst?
Nur durch das bei der 76er-Version bewegliche Display. Damit ist man auf der Bühne bei ungünstigen Lichtverhältnissen etwas flexibler.

Ich muss mich also für eines von vier Modellen entscheiden?

Eigentlich nur zwischen einem Musikanten mit 76 oder 61 Tasten; die Vor- und Nachteile liegen ja jeweils auf der Hand. Dazu kommt die Frage, ob das maßgeschneiderte PaAS-System als kompakter Lautsprecher sinnvoll ist. Ich selbst kann es nur empfehlen – wegen der tollen Klang­qualität, der Kompaktheit und der einfachen Handhabung.

Welche drei Ausstattungsmerkmale des Pa3X Musikant finden Sie besonders gelungen?

Ganz wichtig finde ich das SongBook, mit dem sich die vielfältigen Einstellungen einfach und übersichtlich speichern, also registrieren und sortieren lassen. Eine tolle Funktion, die mit den letzten Modellen immer wieder deutlich verbessert wurde. Ich selbst nutze live fast ausschließlich das SongBook. Dann kann ich nur jedem empfehlen, sich mit dem integrierten Voice-Prozessor/Vocalisten vertraut zu machen. Da gibt es unglaublich tolle Möglichkeiten sowie viele voreingestellte Programme. Und drittens möchte ich auf die Waves-Plug-ins hinweisen. Auch die sind ja integriert und erlauben eine deutliche Verbesserung des Sounds – vor allem eine einfache und flexible Anpassungsmöglichkeit z.B. an unterschiedliche Räumlichkeiten oder PA-Anlagen.

Zum schnelleren Starten gibt es beim Pa3X einen batteriegepufferten Speicher, und das Keyboard sollte deshalb möglichst oft im Standby-Betrieb am Netz hängen. Ist das kein Anachronismus?

Im Gegenteil, die Lösung ist ideal. Die Puffer-Batterie ist bereits nach wenigen Stunden einsatz­bereit und hält ca. eine Wochen. Der User braucht sich also um nichts weiter kümmern und darf sich über ein schneller startendes Keyboard freuen. Erst nach ca. einer Woche ohne Strom dauert es beim ersten Starten wieder etwas länger, das wird in der Praxis der meisten Musiker aber eher selten vorkommen.

Wie kommt es, dass im Pa3X auch Technik von Fremd­firmen steckt z.B. von TC-Helicon oder Maxx Audio?

Korg ist immer bestrebt, dem Musiker die jeweils beste Lösung zur Verfügung zu stellen. In den beiden speziellen Bereichen Voice-Processing und Klang-Veredelung hat Hersteller Korg selbst keinen Schwerpunkt gesetzt, da es Firmen gibt, die diese Dinge ausschließlich entwickeln und sich entsprechend besser auskennen. Mit dem Anspruch, jeweils die beste Lösung anzubieten, liegt es nahe, diese Spezialisten um Unterstützung zu bitten. Und beide Partner sind froh und stolz, bei dem Projekt mitwirken zu können.

Ist das Projekt abgeschlossen oder sitzen Sie schon an Updates oder einem neuen Keyboard?

Ein Konzept, wie es langfristig weiter geht, liegt schon in der Schublade und wird sicher in nächster Zeit auf Basis der aktuellen Feedbacks wieder diskutiert werden. Aber das braucht alles noch Zeit. Wichtig ist für uns zunächst, das Pa3X Musikant zu einem Erfolg zu machen. Und da bin ich höchst optimistisch. Denn für mich ist es zweifelsohne das beste Keyboard am Markt.