Pur-Keyboarder Ingo Reidl im Interview: Der lange Weg vom Ami-Club in die Konzertarena

Pur gehört zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Bands aller Zeiten. Ingo Reidl, Gründungsmitglied, Keyboarder und musikalischer Kopf der schwäbischen Band, gibt im Gespräch profunde Ein­blicke in sein musikalisches Abenteuerland.

Ingo Reidl
Ingo Reidl: „Ich gebe Hartmut die fertige Komposition, dann erst kommt vom ihm die Textidee“ (Foto: Pur)

Wann und wie begann für Sie das musikalische Abenteuerland?

Meine Eltern stammen aus Ungarn. Mein Vater war Arbeiter und spielte in seiner Freizeit auf einer Hohner Chromonica (einer chromatischen Mundharmonika, Anm.d.Red.). Im dritten Lebensjahr begann ich, auf ihr zu spielen und konnte es laut Aussage meines Vaters nach kurzer Zeit besser als er. Ich hatte dann mit der Mundharmonika auch meinen ersten Gig im Kindergarten.

Wie kamen Sie zum Klavier?

Der Bruder meines Vaters war kunstbeflissen, wollte unbedingt, dass seine Tochter Klavier spielt. Und insgeheim wollte er, dass ich das auch mache. In Stuttgart bei der Firma Pfeiffer offerierte man ihm einen günstigeren Preis, wenn er zwei Klaviere kaufen würde. Mein Vater hat sich von ihm breitschlagen lassen, und so bekam ich im Alter von fünf Jahren ein Klavier, für eine einfache Arbeiterfamilie eine nicht unerhebliche Investition.

Bekamen Sie Musik-Unterricht?

Meine Mutter brachte mich zu Herrn Pflüger, einem zu jener Zeit in unserer Region recht bekannten Pianisten und Komponisten, der direkt gegenüber von uns wohnte. Er machte mir irgendwie Angst, und ich sagte meiner Mutter: Zu dem gehe ich nicht!

Ihre Mutter war sicher begeistert ...

Sie hat es akzeptiert, sprach mit Herrn Pflüger, und dieser empfahl einen Freund, der an der Musikhochschule in Stuttgart studierte. Dieser war ein Herzensguter und kam zum Unterricht sogar zu uns ins Haus. Es gab eine ganze Reihe von Kindern bei uns, die zu der Zeit mit dem Klavierspielen begonnen haben und er hat sich so sein Studium finanziert. Der Unterricht bei ihm war ganz in der klassischen Unterrichtstradition.

Wann reifte die Idee, Musiker zu werden?

Mitte der 1970er Jahre wurden in den Gymnasien die Leistungskurse eingeführt. Ich belegte den Leistungskurs Musik, es war für mich ein ganz anderer Ansporn, denn es ging dabei auch um das Abitur. Dort kapierte ich, dass Musik mein Ding ist, dieses Schulfach machte mir mit Abstand am meisten Spaß. In der 11. Klasse wechselte ich den Klavierlehrer und kam zur Lehrerin meines bisherigen Lehrers. Sie war sehr wählerisch in der Auswahl ihrer Schüler; ich musste vorspielen, und es gefiel ihr. Bei ihr machte mir der Unterricht richtig Spaß.

Wie ging es weiter?

Nach meiner Abschlussprüfung an der Musikhochschule, die ich sogar mit guter Note geschafft habe, bot man mir zwei weitere Semester als Stipendium an, um Konzertreife zu erlangen. Ich hab’ das abgelehnt, denn der Druck dieses letzten Vorspiels, eine Stunde auswendig vor Publikum, war für mich extrem groß – immer im Hinterkopf, dass diese eine Stunde zehn Semester Arbeit zunichte machen kann. Als es geschafft war, dachte ich nur, diese Schule betrittst du nicht mehr.

Die erste Band?

Während meiner Studienzeit spielte ich mit meiner Band mehrmals wöchentlich in Ami- Clubs, immer fünf Sets à 45 Minuten. Wir coverten Chart-Titel und Pop-Klassiker, und ich merkte, dass mir diese Art des Klavierspiels wesentlich mehr Spaß machte als das klassische Zeug.

Wann und wie haben Sie neben dem Klavier elektronische Tasteninstrumente entdeckt?

Mein Schulkumpel Roland Bless, der nebenan wohnte und mit dem ich schon im Kindergarten eng befreundet war, hatte im Gymnasium eine Schülerband. 1975, in der 10. Klasse, fragte mich Roland, ob ich Lust hätte, mitzuspielen. Ich habe zugesagt, konnte mich bei den Proben auf dem Klavier allerdings nie richtig hören, dafür waren die anderen zu laut. Ich entschied, von meinem Konfirmationsgeld nicht wie alle anderen ein Mofa zu kaufen, sondern einen neuen Orgelsynthesizer von Viscount – zwei Manuale, ohne Fußbass. Ich war mächtig stolz darauf.

Wie war Ihr erster professioneller Auftritt?

Wir hatten einen Auftritt in Beutelsbach. Ich hatte ein Klavier zur Verfügung, das vorher von irgendwoher mit einem Traktor ins Gemeindehaus gebracht wurde. Wir brauchten noch etwas, was wir in die Bass-Drum stecken konnten, um sie besser abzudämpfen. Hartmut Engler war im Publikum und bot uns an, seinen Parka dafür zu benutzen. Unser Konzert hat ihm so gut gefallen, dass er nach dem Auftritt zu mir kam und mich fragte, ob ich ihm Klavierunterricht geben könne. Er hatte wie ich Ungarische Eltern und ein Klavier zuhause.

Was wurde aus dem Klavierunterricht für Hartmut?

Hartmut kam wie verabredet zum ersten Unterricht und spielte mir was vor. Ausgerechnet ein Lied von Cat Stevens. Ich sagte ihm darauf: „Du spielst mir nicht Klavier, du singst!“. Ich nahm ihn dann irgendwann mit zur Bandprobe; er hat vorgesungen, wir sind dann ohne ihn raus wie eine Jury, um uns zu beraten, und schließlich war er in der Band. Zu der Zeit haben wir auch begonnen, die ersten Songs gemeinsam zu schreiben.

Haben Sie schon damals Lieder mit deutschen Texten geschrieben?

Wir haben zunächst beides versucht, Deutsch und Englisch. Irgendwann kam Hartmut mit einem englischen Text, und ich sagte ihm, dass wir deutsche Texte machen sollten, das würde uns von anderen Bands unterscheiden. Mitte der 1970er Jahre gab es außer Udo Lindenberg nur wenige deutsche Texter in der Rock- und Popmusik.

Wann kam die erste Langspielplatte?

Die haben wir noch während der Schulzeit gemacht. Wir nahmen bei Hartmuts Schwager auf, der war Techniker von Udo Jürgens und der Pepe Lienhard Band. Er hatte ein eigenes Studio mit einer 16-Spur-Bandmaschine, in dem auch das Equipment der Pepe Lienhard Band rumstand, für uns ein Schlaraffenland. Wir nannten unsere Band ,Crusade’ und spielten in den Ami-Clubs.

1980, im Alter von 19 Jahren, haben Sie als Bandnamen Opus gewählt, warum?

Wir wollten uns als deutsche Band etablieren. Dass es womöglich damals schon eine Band aus Österreich gab, die den gleichen Bandnamen hatte, wusste von uns zu der Zeit niemand.

Pur
Die Band Pur um Keyboarder Ingo Reidl und Sänger Hartmut Engler (Mitte) ist über 30 Jahre erfolgreich im Geschäft. Davon zeugen 23 Platin- und 18 Gold-Auszeichnungen sowie zahllose Preise vom Bambi über den Echo bis zur goldenen Stimmgabel. (Foto: Pur)

1985 haben Sie die Band in Pur umbenannt. Wie kam es dazu?

Wir hatten einen Auftritt irgendwo im Schwarzwald, reisten an, und der Veranstalter sagte uns am Auftrittsort: Es sei rappelvoll, 1.000 Leute, was uns natürlich überrascht und gefreut hat. Der Veranstalter meinte aber, es gäbe dabei ein Problem, denn die Zuschauer würden die österreichische Band Opus mit ihrem Hit „Life Is Life“ erwarten.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Wir entwarfen kurzerhand in der Garderobe einen deutschen Text für das Lied und spielten es am Abend aus dem Hut. Das Publikum fand’s klasse, und der Auftritt wurde ein großer Erfolg. Dennoch entschieden wir danach, einen anderen Bandnamen zu wählen, um nicht als deutsche Coverband der österreichischen Band Opus zu enden.

1990 kam Ihre Komposition „Lena“ in die Charts. Ging es von da an richtig ab?

Das war ein schleichender Prozess, kein ganz plötzlicher Bumms. Es war eher so, dass, egal wo wir spielten, beim nächsten Mal immer mehr Leute kamen. Irgendwann sagte ich zu Hartmut, wenn wir mal in der Liederhalle in Stuttgart spielen würden, das wäre doch der Wahnsinn. Dann stand ich selbst auf der Bühne, auf der ich viele Jahre vorher Oskar Peterson gesehen hatte und konnte es kaum fassen. Das Jahr drauf waren wir in Böblingen in der Sporthalle, dort, wo ich Jahre vorher Toto gesehen hatte, irgendwann in der Schleyer-Halle in Stuttgart und zuletzt in der Mercedes-Benz-Arena. Da stand ich auf der Bühne, und mir wurde bewusst, welche Dimension das Ganze angenommen hatte.

Wann haben Sie sich Ihr Trauminstrument gekauft?

Mein größter Traum war immer ein Flügel. Irgendwann kaufte ich einen Yamaha-Flügel für zu Hause; mittlerweile steht er im Studio. Er ist relativ klein, klingt aber fantastisch. Ich spiele auf ihn auf unseren Studio-Produktionen immer, wenn das Lied eine akustische Nummer ist. Ansonsten benutze ich ein Plug-In namens Galaxy, das Martin Ansel gekauft hat. Das Flügel-Sample stammt von einem Flügel, den ich auch vorher bei Produk­tionen gespielt habe. Wir haben drei Platten in Belgien im Galaxy-Studio aufgenommen, und genau dieser Flügel stand dort, daher auch der Name des Plug-ins.

Wie sieht Ihr aktuelles Live-Equipment aus?

Ich habe drei Manuale zur Verfügung. Oben steht ein Korg CX-3 für die Orgelsounds, darunter ein Korg Trinity für Synth-Sounds und die Pads, unten ein Nord Stage EX. Mit der Tastatur des Nord steuere ich über MIDI noch ein Pianomodul Yamaha P-50 an; es ist zwar alt, aber ich liebe den Piano-Sound. Als Redundant steht ein zweites P-50 darunter, falls das erste ausfallen sollte.

In Ihrem Side-Rack auf der Bühne steht ein Mac. Wofür benutzen Sie diesen?

Wir benötigen ein paar Sounds, die kann ich auf einem Hardware-Synthesizer nicht machen; ich triggere die Sounds im Mac per MIDI über meine Tastaturen an. Außerdem nutzen wir ein paar Sequenzen, die live unspielbar sind; bei drei Titeln lassen wir sie mitlaufen.

Gibt es für Sie ein ganz besonderes Highlight in Ihrer bisherigen musikalischen Laufbahn?

Emotional besonders berührend für mich war unser Konzert mit klassischem Orchester in der Arena auf Schalke. Die Orchester-Arrangements für das Konzert haben Martin Ansel und ich gemeinsam gemacht.

Woran erkennt man eine Komposition von Ihnen?

Ich versuche immer, dieses Singer-/Songwriter-Prinzip anzuwenden. Ich setze mich an ein Klavier, spiele den Song und dann funktioniert er schon ohne technischen Aufwand. Bei House-Musik geht das z.B. nicht, diese Musik hat eine völlig andere Basis.

Gibt es kompositorische Regeln für einen typischen Pur-Song?

O ja. Pur-Songs sind überwiegend in Dur, zumindest der Refrain. In den Anfangszeiten der Band habe ich viel in Moll komponiert. Da Moll für mich so „bedeutungsschwanger“ gewirkt hat, habe ich mir irgendwann die Aufgabe gestellt, etwas in Dur zu schreiben. Es war ungleich schwerer, aber wir haben gemerkt, dass es auch beim Publikum besser ankam. Ein weiteres Stilmerkmal war lange Zeit, Terzbässe unter einen Akkord zu legen. Und Pur ist eine „sus-Band“, ich nutze in meinen Kompositionen gerne Vorhalts-Akkorde.

Wie funktioniert das Songwriting mit Hartmut Engler zusammen?

Ich gebe Hartmut die fertige Komposition, und dann erst kommt von ihm die Textidee. Dabei hat Hartmut bei der Melodiefindung freie Hand, er bekommt also kein fertiges Instrumental mit Melodie, das würde auch nicht funktionieren. Einige Melodieteile sind allerdings schon im Arrangement versteckt, die Hartmut dann oft und gern übernimmt. Er kommt ins Studio und hört sich den Song an. Im Normalfall kommt ihm die Textidee schon beim ersten Hören, mindestens ein Schlagwort, der Rest ist handfeste Arbeit. Die Chorsätze erarbeiten wir gemeinsam beim Aufnehmen.

Wie haben Sie die Keyboard-Arbeit mit Cherry Gehring als zweitem Keyboarder aufgeteilt?

Im Prinzip macht Cherry genau das, was ich nicht mache. Ich übernehme alle Piano-Parts, viel Orgel und ein wenig Pad-Sounds, Cherry spielt das, was ich für den Moment nicht spielen kann, vor allem viele Pad-Sounds. Früher hat Martin diese Rolle auf der Bühne übernommen. Seit Cherry dabei ist, kann sich Martin voll auf das Gitarrenspiel konzentrieren, was ihm mehr Spaß macht und auch unserem Sound zu Gute kommt.