Quadro Nuevo mit aktueller CD: Tango virtuoso

Für die CD „Tango“ hat sich Quadro Nuevo den Pianisten Chris Gall ins Boot geholt, der virtuos mit Andreas Hintersehers Bandoneon harmoniert. Mit beiden sprachen wir über den argentinischen Tango – seine Reize, rhythmischen Tücken und harmonischen Extravaganzen.

Wie nähert man sich dem argentinischen Tango? „Erstmal das Metronom wegwerfen“, meint Andreas Hinterseher lakonisch. Der Akkordeonist und Bandoneon-Spieler von Quadro Nuevo weiß, wovon er redet: Kaum ein anderer Musikstil nimmt sich so viele rhythmische Freiheiten wie der argentinische Tango. Tempi, musikalische Phrasen und Stimmungen wechseln wie das Wetter im April, und nur ein gut eingespieltes Ensemble kommt da nicht ins Schleudern.

Gut eingespielt ist Quadro Nuevo mit Sicherheit. Die 1996 gegründete Akustikband existiert sei nunmehr sieben Jahren in der aktuellen Besetzung, zu der auch Evelyn Huber (Harfe), Mulo Francel (Saxofon, Klarinette) und D.D. Lowka (Kontrabass, Percussion) gehören. Bislang 17 CDs umfasst die Diskografie des Quartetts, das für seine Musikalität und Virtuosität mit diversen Jazz-Awards bedacht wurde. Für die aktuelle Tango-CD hat man sich den Pianisten Chris Gall als Verstärkung geholt.

Auf der Suche nach dem Tango

Während sich der Jazz wie ein roter Faden durch das Programm von Quadro Nuevo zieht, adaptierte die Band im Verlauf ihrer Entwicklung unterschiedlichste musikalische Einflüsse von Spanien über Italien bis zum Orient. Auch der Tango gehört seit jeher zum musikalischen Kaleidoskop der Musiker. Mit der aktuellen CD aber ist man einen großen Schritt weiter gegangen – tief hinein in die Seele des argentinischen Tangos. Für zwei Wochen begab sich das Quartett samt Gastpianist auf eine Exkursion nach Buenos Aires, um den Tango zu finden und ihm in täglichen Proben näher zu kommen. Zunächst vergeblich, wie sich Andreas Hinterseher erinnert: „Wir waren zwei Tage unterwegs und haben alles Mögliche organisiert: ein Keyboard für Chris, eine Harfe für Evelyn. Den Tango haben wir nicht gefunden.“ Das Schlüsselerlebnis stellte sich erst am Ende des zweiten Tages ein: „Wir waren gegen Mitternacht auf einer Milonga, einem Tango-Tanzabend, da hat das Orchestra Tipica el Afronte gespielt – in einer Höllenlautstärke mit vier Bandoneons, Klavier, Streichquartett und Kontrabass. Die haben so gerockt, dass es uns umgeblasen hat.“ Auch die Großmeister des konzertanten Tangos, Sexteto Major, habe man später noch live erlebt.

Am Ende der zwei Wochen wagte sich Quadro Nuevo mit einem eigenen Konzert auf die Bühne der Tango-Bar „Los Laureles“ im Arbeiterviertel Barracas. „Viele Musiker und Tänzer waren da, es war brechend voll.“ Und die Resonanz? „Von den Musikern sind einige zu uns gekommen und haben gesagt: Zuerst dachten wir, wieder mal eine euro päische Truppe, die sich am Tango versucht. Aber dann ist es doch richtig gut geworden.“ Wichtig sei es gewesen, meint Hinterseher rückblickend, „nicht mit einem Tango anzufangen, sondern wie in unserem Fall mit „Tu vuo’ fa’ l’americano“. Für die  Musiker dort etwas Neues. Es kommt immer auf die Mischung an – dass man Vertrautes ebenso wie Neues entdecken kann und beim Zuhören eine gewisse Freiheit spürt“.

Freiheit und Weltoffenheit

Unter Freiheit versteht man bei Quadro Nuevo vor allem Weltoffenheit und Improvisation. Und in dieser Hinsicht erwies sich der Münchner Jazzpianist Chris Gall als ideale Ergänzung für das Tango-Projekt. Während seines Jazzstudiums am Boston College Of Music konnte Gall viele internationale Kontakte knüpfen und musikalische Einflüsse absorbieren: „In Boston waren Musiker von Asien bis Südamerika. Alle Einflüsse der Weltmusik sind dort zusammengekommen, wobei Jazz der größte gemeinsame Nenner aller Studenten war.“ Er habe viel mit brasilianischen Musikern zusammengearbeitet, ergänzt Gall, was für das Tango-Projekt allerdings nicht unbedingt ein Vorteil gewesen sei: „Im Jazz und in der lateinamerikanischen Musik gibt es einen durchgängigen rhythmischen Puls. In Buenos Aires haben wir dagegen fast zwei Wochen kein einziges Schlagzeug oder Perkussionsinstrument auf der Bühne gesehen. Es wäre auch ein Widerspruch für ein Schlaginstrument, wenn es ständig langsamer werden oder beschleunigen müsste.“

Zu den prominenten Vorbildern, von denen sich Chris Gall für den Tango inspirieren ließ, gehört der in Buenos Aires geborene Dirigent und Pianist Daniel Barenboim. Der lieferte bereits 1996 mit „Mi Buenos Aires querido“ eine Hommage an sein Heimatland und den Tango ab – teils solo am Klavier, teils unterstützt von Bandoneon und Kontrabass. Und Barenboim ist nicht der einzige Klassik-Star, der erfolgreich Ausflüge in den Tango unternommen hat: 1997 erhielt der Cellist Yo-Yo Ma einen Grammy Award („Bestes klassisches Crossover-Album“) für „Soul Of The Tango – The Music Of Astor Piazzolla“. Auch hier bilden klassische Tango-Instrumente wie Bandoneon und Klavier das Fundament, auf dem sich das Cello des Meisters entfalten kann.

Zwischen Harmonie und Reibung

„Wir sind keine Argentinier“, vermeldet Andreas Hinterseher schlicht, „wir haben immer auch den Jazz und andere musikalische Einflüsse im Hinterkopf.“ Das krampfhafte Bemühen, Tango „authentisch“ spielen zu wollen, sei ein Holzweg. Viel wichtiger dagegen, diese Musik lebendig zu interpretieren, weiter zu entwickeln und dabei den eigenen Wurzeln treu zu bleiben. „Ursprünglich war der Tango eine an die europäische Klassik angelehnte Orchestermusik mit vielen Streichinstrumenten“, weiß Chris Gall, „lange bevor das Bandoneon auf die Bühne kam.“ Vor allem Astor Piazzolla habe den Tango mit Jazzelementen verwoben, wie das Antonio Carlos Jobim in ähnlicher Weise mit brasilianischer Musik gemacht habe.

„Feingliedrig“ seien die typischen Tango-Arrangements, wie man sie etwa von Sexteto Major kennt, analysiert Andreas Hinterseher. „Die Musiker, die in den 40er- oder 50er-Jahren den Tango gespielt haben, waren klassische Musiker, technisch superfit. Und die Arrangeure haben das total ausgenutzt. Da hält sich keine musikalische Idee länger als vier oder fünf Takte, sofort kommt etwas völlig Neues. Mal brechen Bandoneon-Girlanden über den Hörer hinweg, dann hört man plötzlich eine wehmütige Melodie.“ Nicht weniger komplex gestalte sich die Tango-Harmonik: Diese sei zum einen eng verwandt mit der Wiener Klassik und Schrammelmusik – „man hört das an den vielen Zwischendominanten und Stellvertreterakkorden“. Andererseits habe Astor Piazzolla das harmonische Geschehen enorm erweitert, mit Jazzverbindungen und Anklängen an die moderne E-Musik – Strawinsky lässt grüßen. „Das Schöne am Tango aber ist“, resümiert Hinterseher, „dass das alles ohne Schmerzen funktioniert. Man kann harmonisch fast alles machen, was man will – es ist und bleibt Tango. Würde man dagegen in deutsche Volksmusik Strawinsky-Akkorde einbauen, wäre das ein extremer Bruch.“

Wichtig ist der Spannungsverlauf

Ein Beispiel für komplexe Harmonik ist das zweite Stück auf der CD nach dem gefälligen Intro „Por un Cabeza“. Bei „Garcias Tango“ lebt sich das Bandoneon in Sekundreibungen aus, was für deutsche Tango-Hörgewohnheiten ziemlich schräg klingt. Umso wichtiger sei es, erklärt Andreas Hinterseher, auch den harmonischen Spannungsverlauf bei einem Konzertprogramm zu beachten. „Der Spannungsverlauf ist entscheidend, in jedem Titel, sogar in jedem Solo, wenn man es genau nimmt. Und noch viel mehr im Verlauf eines Abends – es ist immer ein bestimmter Weg, den man geht.“ Und weiter: „Das Publikum merkt die extreme Spannung, aber indem wir die Spannung wieder auflösen, bekommt die Musik eine große Tiefe. Würden wir nur den ganzen Abend Piazzolla-Stücke spielen, wäre das fürs Publikum zuviel.“

Eine gewisse Leichtigkeit stellt sich aber auch ein, wenn Chris Gall den Tango-Rhythmus mit swingenden Solo-Linien umspielt. Hier wird besonders deutlich, dass musikalische Eigenständigkeit bei Quadro Nuevo kein leeres Versprechen ist. Außerdem betrachtet man ein Konzertprogramm nicht als etwas Statisches – dafür ist die Lust am Improvisieren bei allen Beteiligten zu groß. Oder wie es Chris Gall formuliert: „Im Vergleich zu den Studioaufnahmen hat sich bei den Live-Auftritten wieder viel verändert. Und das ist gut so: Auch wer die CD bereits besitzt, soll ein besonderes Live-Erlebnis haben. Die Geschichten, die Musiker mit ihren Soli erzählen, dürfen nicht immer die gleichen sein.“

Neue Rollen für die Instrumente

Ist es für einen Gastmusiker ein Vor- oder Nachteil, wenn er in ein so perfekt eingespieltes Ensemble wie Quadro Nuevo einsteigt? Chris Gall überlegt: „Wohl beides. Einerseits legt man sich in ein gemachtes Bett, vieles läuft von selbst. Andererseits müssen sich beide Seiten auch ein bisschen öffnen“. Er habe sich mit bestimmten Gewohnheiten, Abläufen und Klangvorstellungen der Band arrangieren müssen. Zudem sei es für die Gruppe nicht immer einfach gewesen, sich auf den neuen Klang einzulassen. „Bandoneon und Harfe mussten ihren Begleitstil ein wenig ändern, um dem Klavier im Arrangement Raum zu geben.“

Es ist keine leichte Übung, drei dominante In - strumente, die zugleich Melodie und Begleitung spielen können, schlüssig in Arrangements zu verzahnen. „Bandoneon und Klavier vertragen sich super“, meint Andreas Hinterseher. „Das Bando neon spielt viele Linien, die das Klavier begleitet. Umgekehrt übernehme ich die Begleitung, wenn Chris Soli spielt. Schwieriger ist es, Klavier und Harfe zu kombinieren.“ Die Lösung bestand darin, die Harfe mehr als Farbe einzusetzen – mal klingt sie ein wenig nach Gitarre, dann spielt sie einzelne Linien oder trägt perkussive Elemente in Form von Saitengeräuschen bei. Warum man auf das Klavier nicht verzichten wollte, erklärt Hinterseher so: „Es geht vor allem um die Rhythmik, um die Bässe, die das Klavier erzeugen kann und die für die nötige Tango-Energie sorgen. Außerdem spielt Chris grandiose Soli.“

Anders als Chris Gall hat Andreas Hinterseher seine Wurzeln in der Volksmusik; erst in seinem Akkordeonstudium wandte er sich dem Jazz zu. Das für den Tango unverzichtbare Bandoneon spielt er seit etwa fünf Jahren. Kein leichtes Unterfangen, zumal Hinterseher sonst kein Knopf-, sondern ein Piano-Akkordeon spielt. „Mit dem diatonischen Bandoneon, das auf Zug und Druck unterschied liche Töne erzeugt, habe ich mich ein Jahr lang abgemüht,“ gibt Hinterseher zu. Schließlich zog er entnervt einen Schlussstrich. Als weitaus zugänglicher habe sich dann ein chromatisches Bandoneon des italienischen Herstellers Victoria erwiesen, das auf Zug und Druck identische Töne hervorbringt. Das Instrument bietet auf der Diskant- und Bassseite alle Möglichkeiten, Akkorde oder Melodielinien zu spielen. „Im Tango ist es ja oft so, dass bis zu vier Bandoneons beteiligt sind – zwei spielen eher hoch, zwei tief. Wenn ich alleine spiele, versuche ich wenigstens zwei davon zu kombinieren.“ Eine Herausforderung, auch für einen so versierten Akkordeonisten wie Hinterseher. Aber wer’s leicht haben will, sollte sich besser nicht auf den Tango einlassen.

Im Kurzporträt: Hinterseher & Gall

Andreas Hinterseher spielt seit 2002 bei Quadro Nuevo Akkordeon und seit etwa fünf Jahren Bandoneon. Er hat Akkordeon studiert am Richard-Strauß-Konservatorium in München. Der damalige Leiter der Jazzabteilung, Kurt Maas, war selbst ein guter Akkordeonist und ermöglichte ihm, Jazzakkordeon als Zusatzfach zu studieren, was damals eigentlich nicht vorgesehen war. Zu seinen Vorbildern zählt Hinterseher Richard Galliano, Gianni Coscia, Jean-Louis Marinier, Art van Damme und Willi Fruth. Häufig spielt er auch mit der Geigerin Martina Eisenreich im Duo oder Quartett. www.andreas-hinterseher.de

Chris Gall studierte Jazz am Boston College Of Music und kehrte 1998, nach Abschluss seines Studiums, wieder nach München zurück. Mit der Giana Viscard Group gab er 2001 sein Debüt beim Jazzfestival in Montreux. Neben Quadro Nuevo spielt er aktuell u.a. mit dem Gitarristen Andreas Dombert im Duo und als Mitglied von „The Hi-Fly Orchestra“. Am 23. Januar ist seine erste Solo-CD erschienen. www.chrisgallmusic.com